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Draußen dröhnte ohne Unterlass der Lärm der Armee, doch im Inneren des Zeltes herrschte Totenstille. Jagang säbelte sich eine weitere Scheibe von dem blutigen Rindfleisch ab und fuhr fort.

»Nachdem die Schwestern mit ihrer Phantasie am Ende sind -und ich glaube, angesichts dessen, was ihnen selbst blüht, werden sie durchaus erfinderisch sein -, werde ich dich persönlich halb totschlagen. Und dann reiße ich dir die Kleider vom Leib und lasse dich nackt vor mir stehen.«

Er fixierte sie mit seinen Albtraumaugen. »Du hast die Wahl, Schätzchen. So oder so wirst du am Ende meinem Befehl gehorchen und nackt vor mir stehen. Welcher Weg ist dir lieber? Entscheide rasch. Ich werde dich nicht noch einmal fragen.«

Kahlan hatte keine Wahl. Widerstand war zwecklos. Sie schluckte und begann unverzüglich, ihr Hemd aufzuknöpfen.

44

Jagang nahm eine Handvoll Pekannüsse aus einem Silberschälchen und warf sie sich in den Mund. Er grinste triumphierend, während er Kahlan beim Ausziehen zuschaute. Angesichts seiner selbstzufriedenen Miene fühlte sie sich umso verzweifelter und machtloser.

Bestimmt war sie rot geworden. Sie verweigerte sich seinem Befehl nicht länger. Schließlich musste sie gut abwägen, auf welche Kämpfe sie sich einließ, und diesen konnte sie nicht gewinnen. Dabei fragte sie sich, ob sie überhaupt noch einen gewinnen konnte. Starke Zweifel beschlichen sie. Für sie gab es keine Erlösung. Dies war ihr Leben, ihre Zukunft, alles, was das Schicksal für sie bereithielt. Sie hatte nichts, auf das sie sich freuen konnte, keinen Grund, etwas Gutes zu erwarten.

So ungezwungen wie möglich warf sie ihre Kleidung nach und nach auf einen Haufen und machte sich nicht die Mühe, sie zusammenzufalten. Danach stand sie zusammengekauert in der Totenstille und blickte Jagang nicht an, weil sie seine Häme nicht ertragen wollte. Dabei versuchte sie, sich das Zittern nicht anmerken zu lassen.

»Steh gerade«, sagte Jagang.

Kahlan befolgte den Befehl. Plötzlich fühlte sie sich erschöpft. Nicht körperlich erschöpft, sondern aller Anstrengung müde. Worum kämpfte sie eigentlich? Welches Leben hatte sie vor sich? Freiheit würde sie niemals erlangen, niemals Liebe erfahren, sich niemals sicher fühlen. Welche Chance auf ein wenig Glück hatte sie schon? Keine.

In diesem Moment hätte sie sich am liebsten zusammengerollt und geweint - oder einfach zu atmen aufgehört. Alles war so hoffnungslos. Gegen seine Macht waren alle Bemühungen sinnlos. Die Verlegenheit hatte sich verflüchtigt. Kahlan machte sich nichts mehr daraus, ob er sie anstarrte. Gewiss war er bald mit dem Essen fertig, und dann würde es nicht bei ein wenig Anschauen bleiben. Auch in dieser Hinsicht hatte sie keine Wahl. Sie hatte überhaupt keine Wahl. Ihr blieb nur eine leere Hülle von Leben. Ohne die Möglichkeit, sich selbst zu bestimmen, musste sie jede Demütigung über sich ergehen lassen, und was war das schon für ein Leben? Sie atmete, sie konnte sehen, fühlen, hören, schmecken und sogar denken, aber allem fehlte der Sinn.

»Als wir durchs Lager ritten, sind wir an ein paar großen Felsen vorbeigekommen«, sagte Jagang und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Erinnerst du dich daran?«

Kahlan blickte ihn an, innerlich tot. Sie würde jede Aufgabe erfüllen wie eine gute Sklavin. Nun dachte sie über die Frage nach, die er ihr gestellt hatte; ja, die Felsen hatte sie bei ihrer Ankunft gesehen. Es war ein ziemliches Stück bis dorthin, aber sie erinnerte sich, wie der dunkle Fluss aus Männern diese Felsformation umspült hatte.

»Ja«, sagte sie teilnahmslos.

»Gut.« Er trank einen Schluck und stellte den Becher ab. »Du gehst zu diesen Felsen. Nicht in gerader Linie, sondern in einem Bogen.«

Er zog eine Augenbraue hoch. »Du brauchst nicht rot zu werden, Schätzchen. Die Männer können dich nicht sehen, schon vergessen?«

Kahlan starrte ihn an. »Warum soll ich es dann machen?«

Er zuckte die Schultern. »Also, du hast meine zwei Wachen getötet. Ich brauche neue.«

»Draußen gibt es jede Menge Männer.«

Er lächelte. »Ja, aber die können dich nicht sehen. Ich möchte Männer, die dich sehen können.«

Kahlan begriff und fühlte sich unvermittelt wieder sehr nackt.

»Na, wie ich es mir vorstelle, gibt es keine bessere Art und Weise, Männer zu finden, die dich sehen können, als dich an ihnen vorbeispazieren zu lassen und ihnen alles zu zeigen, was du zu bieten hast.« Er betrachtete sie von oben bis unten, ehe sein Blick wieder ihre Augen suchte. »Glaub mir, wenn sie dich sehen können, werden sie es ganz bestimmt nicht für sich behalten. Sobald sie dich so erblicken, werden sie alles stehen und liegen lassen und sich dir aufs Freundlichste vorstellen.«

Er lachte schallend über seinen Scherz. Niemand sonst im Zelt wagte auch nur ein Lächeln, aber das störte ihn nicht. Schließlich verebbte sein Gelächter.

»Wir haben hier so viele Männer, da sollten doch einige darunter sein, die dich sehen können. Weitere ›Anomalien‹, wie Ulicia es bezeichnet hat.« Er deutete mit dem Kopf auf sie. »Dann haben wir ein paar Wachen, an denen du nicht vorbeischleichen kannst wie bei den anderen.

Verstehst du, Schätzchen, du hast einen taktischen Fehler gemacht. Du hättest dir den Trick für eine bessere Fluchtgelegenheit aufheben sollen. Diese Chance hast du vergeudet.«

Nein, vergeudet hatte sie die Gelegenheit nicht. Sie hatte Julian das Leben gerettet. Kahlan wusste, für sie selbst bestand keine Aussicht, die Freiheit zurückzuerlangen, doch zumindest hatte sie dieses Geschenk Julian machen können. Es würde ihr nichts einbringen, ihm das zu erklären, denn sie wollte ihm nicht widersprechen, solange er glaubte, einen Vorteil im Spiel mit ihr errungen zu haben. Kahlan fiel kein Einwand ein, mit dem sie ihm diesen Plan ausreden könnte. Sie konnte nur hoffen, unsichtbar zu bleiben. Aber sie fühlte sich keineswegs unsichtbar. Im Gegenteil, sie fühlte sich, als könne sie jeder sehen, wenn sie nun das Zelt des Kaisers verließe. Sie spürte schon jetzt die lüsternen Blicke von Millionen Männern auf sich.

Jagang wies nach vorn. »Ulicia, Armina, ihr geht mit, aber haltet ein wenig Abstand. Falls einer der Männer sie sehen kann, soll er euch nicht bemerken, sonst würde er sich womöglich zurückhalten, und er würde uns vielleicht gar nicht auffallen. Jeder Mann, der sie sehen kann, soll unsere hübsche junge Dame ausgiebig bewundern können.«

Beide verneigten sich. »Jawohl, Exzellenz.«

Jagang legte sein freundliches Getue ab und zeigte sich bedrohlich.

»Und nun los. Schlagt einen weiten Bogen durch das Lager bis zu dieser Felsformation, dann geht ihr über die andere Seite wieder zurück.«

Kahlan tappte über die weichen Teppiche zu dem Vorhang am Eingang. Sie spürte seinen höhnischen Blick im Rücken. Dann schob sie den Vorhang zur Seite und schlüpfte durch die Öffnung. Draußen erstarrte sie vor Schreck, als sie das ausgedehnte Lager sah. Zitternd musste sie sich zu jedem Schritt zwingen und ging widerstrebend zwischen den muskelbepackten Rohlingen in der Umgebung des Kaisers hindurch. Tränen standen ihr in den Augen. Es war eine Demütigung, den Blicken der Männer vollkommen nackt ausgesetzt zu sein.

Am ersten Ring von Verteidigern blieb sie stehen und hatte zu viel Angst, um den Weg fortzusetzen. Am liebsten hätte sie vor Wut und Scham geschrien. Sie warf einen Blick über die Schulter. Kaiser Jagang stand vor seinem Zelt und hatte das Haar der Frau gepackt, die zu foltern er gedroht hatte. Die Sklavin weinte hilflos. Kahlan hatte Julian das Leben gerettet. Sie entschloss sich dazu, sich auch für diese Frau zu opfern. Denn die war ebenfalls nur eine Sklavin, die in ihrem Leben keine Entscheidung treffen durfte. Nur Kahlan konnte ihr die fürchterlichen Qualen ersparen. Sie wandte sich wieder dem Tumult des Lagers zu und ging weiter. Der Boden war rau, und sie musste aufpassen, wohin sie den Fuß setzte, nicht nur wegen Steinen und Bruchstücken von Ausrüstungsteilen, sondern ebenso wegen frischen Kots. Ständig redete sie sich ein, keiner dieser Männer könne sie sehen. Sie blieb an der nächsten Verteidigungslinie stehen, wo große Kerle Wache hielten. Verstohlen blickte sie den Mann neben sich an, doch der bemerkte sie nicht, sondern schaute an ihr vorbei. Bislang hatte keiner sie gesehen! Sie blickte sich um; die Schwestern warteten, dass sie weiterging. Jagang hielt die Frau noch immer am Haar gepackt. Kahlan verstand und ging ohne zu zögern weiter. In der Nähe entdeckte sie Pferde und überlegte einen Augenblick lang, zu ihnen hinzurennen. In Gedanken sah sie sich auf den Rücken eines der Tiere springen, davongaloppieren und dem Lager entkommen. Doch das war eine Wunschvorstellung. Die Schwestern würden sie mit Hilfe der Schmerzen, die sie ihr über den Halsring bereiten konnten, sofort niederstrecken. Darüber hinaus würde die Frau, die Jagang hielt, sterben. Er war nicht der Mann, der leere Drohungen aussprach. Nein, er würde die Folter schon allein deshalb anordnen, damit niemand glaubte, er stünde nicht zu seinem Wort. Eine Flucht war unmöglich, aber die Vorstellung lenkte Kahlan von den Männern um sie herum ab, von den schmutzigen Händen, von denen sie den Blick nicht lösen konnte. Sie fühlte sich so verwundbar und ohne Schutz. Aus diesem Lager stach sie heraus wie eine alabasterweiße Seerosenblüte auf einer stinkenden Schlammfläche.