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Sie ging schnell, denn je rascher sie ihren Kreis vollendet hatte, desto eher durfte sie in den Schutz des Zeltes zurückkehren. Der Gedanke war entsetzlich: Jagangs Zelt ein Schutz, dieser schreckliche Mann der Garant ihrer Sicherheit. Zumindest würde niemand sie mehr sehen, und mehr wollte sie im Augenblick gar nicht. Sie konzentrierte sich darauf. Geh zu diesen Felsen und dann wieder zurück. Je eher, desto besser.

Es sei denn, es gäbe in dieser Masse von Soldaten einen, der sie sehen konnte, was durchaus nicht unmöglich erschien. Diese Armee bestand aus Millionen. Die Chancen standen also nicht eben schlecht.

Was würde sie dann tun? Wieder warf sie einen Blick über die Schulter. Die Schwestern schienen auf der anderen Seite eines Flusses aus Männern zu stehen. Wenn nun einer sie packte, niederwarf oder fortzerrte? Endlich folgten die Schwestern ihr, aber sie waren weit zurück. Kahlan beunruhigte der Gedanke, ein Mann könnte sie sehen und begrapschen. Wenn es nun eine ganze Gruppe wäre? Würden die Schwestern in der Lage sein, den Pöbel von ihr fernzuhalten?

Immerhin konnten die Schwestern Magie anwenden. Bestimmt würden sie niemandem gestatten, sich an ihr zu vergehen. Woher nahm sie diese Zuversicht?

Jagang. Er wollte sie für sich selbst. Ohne Frage war er nicht der Mann, der seinen Untergebenen seine Beute überließ. Er würde sie selbst nehmen wollen. Bei dem Gedanken, wie er auf ihr läge, durchlief es sie heiß und kalt.

Das unmittelbare Problem war allerdings nicht Jagang, sondern diese Männer. Mit einer geschickten Bewegung, aus dem Schwingen ihrer Arme heraus, damit die Schwestern nichts bemerkten, zog sie einem vorbeigehenden Soldaten ein Messer aus dem Gürtel. Der Mann schaute sich um, weil er etwas gespürt hatte. Obwohl er Kahlan kurz ansah, schweifte sein Blick weiter, und er setzte seine Unterhaltung fort.

Nun erreichte sie den Ring der gewöhnlicheren Soldaten. Sie tranken, lachten, spielten und erzählten sich am Feuer Geschichten. Pferde waren zwischen ihnen angepflockt. Überall standen Wagen. Manche Männer hatten einfache Zelte aufgebaut, andere kochten an den Feuern oder schliefen.

Auch sah sie Frauen, die in diese Zelte mitgenommen wurden. Keine wirkte fröhlich. Wenn eine wieder herauskam, schnappte sich der nächste Kerl sie und zog sie in ein anderes Zelt. Kahlan erinnerte sich daran, dass Jagang erwähnt hatte, er habe die Schwestern zur Strafe zu den Zelten geschickt. Mochte diese Behandlung noch so schrecklich sein, Kahlan verspürte kein Mitleid für sie. Wenn sich diese Männer hier mit ihnen vergnügten, war diese Bestrafung nach Kahlans Ansicht noch viel zu milde. Die Schwestern hatten weitaus Schlimmeres verdient.

Einer der Soldaten in der Nähe schaute zu ihr hoch. Kahlan bemerkte, dass sein Blick an ihr hängen blieb. Er sah sie. Sein Mund stand offen, und er konnte sein Glück gar nicht fassen, dass gerade ihm eine solche Frau gewissermaßen in die Arme gelaufen war. Er erhob sich, doch ehe er ganz aufgestanden war, hatte Kahlan ihm bereits den Bauch aufgeschlitzt und bewegte sich weiter, als wäre nichts geschehen. Auf dem Gesicht des Mannes zeigte sich der Schock, und er versuchte, seine Gedärme zu halten, die aus dem Bauch glitten. Er sackte zusammen und grunzte panisch, was jedoch in dem allgemeinen Tumult niemand wahrnahm.

Kahlan verlangsamte nicht den Schritt, schaute nicht zurück. Sie ging weiter, ließ sich nicht aufhalten und rief sich ihre Aufgabe in Erinnerung: zu den Felsen gehen und wieder zurück zum Zelt. Einen Kreis drehen. Tu, was man dir gesagt hat.

Aus der Menge tauchte ein Mann auf und stürzte auf sie zu. Sie spannte die Muskeln an und nutzte seine Bewegung aus, um ihm das Messer unter die Rippen zu stoßen und seine lebenswichtigen Organe aufzuschlitzen. Er brach zusammen, und durch sein Gewicht wurde ihre Faust in die Wunde und in sein warmes Inneres gedrückt. Wie ein Sack Sand ging er zu Boden, ohne ein Wort, und Kahlan war sicher, sein Herz getroffen zu haben. Als Erinnerung an diese kurze Begegnung war ihre Hand nun von Blut überzogen wie von einem Handschuh.

Wo hatte sie diese Dinge nur gelernt? Sie schien ganz instinktiv zu handeln, wie aus einem Gefühl heraus, ohne die Notwendigkeit, darüber nachzudenken. Über sich selbst wusste sie nichts, aber sie konnte mit einer Waffe umgehen. Eigentlich sollte sie sich darüber freuen.

Auf dem Weg durch das Meer von Männern erreichte sie eine offene Insel inmitten des hektischen Treibens. Hier hatte man ein freies Feld gelassen, wo Mannschaften Ja’La spielten. Zu Hunderten hatten sich Soldaten darum versammelt und feuerten die eine oder die andere Mannschaft an. Das Spiel war eine gewalttätige Angelegenheit, in der die Sturmspitze der jeweiligen Mannschaft die härtesten Schläge vom Gegner auf sich nehmen musste. Als der eine blutüberströmt niederging, brach die Hälfte der Männer in Jubel aus.

»Na wunderbar«, meinte ein Mann zu ihrer Linken. »Scheint mir, eine hübsche Hure macht mir ihre Aufwartung.«

Während sie sich zu ihm umdrehte, packte ein anderer Mann sie von rechts am Handgelenk und entwand ihr das Messer. Sofort stürzten sich die beiden auf sie, begrapschten sie und zerrten sie von der Zuschauermenge des Ja’La-Spiels fort.

Kahlan wehrte sich, doch sie waren wesentlich stärker und hatten sie in einem unachtsamen Moment überrascht. Im Stillen verfluchte sie sich, weil sie nicht besser aufgepasst hatte. Niemand in der Umgebung bemerkte etwas. Die anderen konnten sie nicht sehen; für die war sie unsichtbar, doch nicht für diese zwei, die sie dicht an sich drängten und sie vor ihren Kameraden verbargen, damit sie nicht um ihre Beute kämpfen mussten. Genauso gut hätte sie mit den beiden allein sein können.

Einer schob ihr die Hand zwischen die Beine. Das raubte Kahlan den Atem. Während er sich vorbeugte, um sie weiter zu betatschen, bekam sie ihre Hand frei. Einen Moment später hatte sie den Arm herumgerissen und ihm mit dem Ellbogen die Nase gebrochen. Schreiend wich er zurück. Blut floss über Wangen und Augen. Der andere Mann lachte und hielt seine Gelegenheit für gekommen, sie für sich allein zu haben. Er zog sie in eine andere Richtung, packte ihre beiden Hände fest mit einer seiner kräftigen Pranken und erkundete mit der anderen seine Kriegsbeute.

Kahlan wehrte sich, doch er war zu groß und zu stark. Sie konnte sich nicht aus seinem Griff befreien.

»Na, du bist ja vielleicht ein Schätzchen«, raunte er ihr mit heiserer Stimme ins Ohr. »Was glaubst du denn - dass du deinen heiligen Pflichten gegenüber den Soldaten des Ordens entgehen kannst? Hältst du dich für etwas Besseres und willst nicht in den Zelten dienen? Nun, da irrst du dich aber. Hier ist mein Zelt, und es ist Zeit, deine Pflicht zu erfüllen.«