Jagangs Stiefel tauchten in ihrem Blickfeld auf. Sie hielt den Atem an und erwartete, er würde sie packen. Was sie dann tun würde, wie sie ertragen würde, was er mit ihr anstellte, wusste sie nicht. Sie hob den Blick ein wenig, gerade bis zu dem Messer an seinem Gürtel. Sein Hand lag auf dem Knauf.
»Wir gehen aus«, sagte er.
Kahlan sah stirnrunzelnd auf. »Aus? Wozu?«
»Heute Nacht findet das Ja’La-dh-Jin-Turnier statt. Verschiedene Einheiten haben Mannschaften aufgestellt. Der heutige Abend ist dem Turnier gewidmet. Es stärkt den Mut der Männer, wenn der Kaiser ihnen beim Spiel zuschaut.
Außerdem haben sich aus dem eroberten Teil der Neuen Welt Männer versammelt, um die anderen Mannschaften herauszufordern. Für sie stellt es eine gute Gelegenheit dar, Teil des Ordens zu werden und sich in die neue Kultur einzufügen, die wir den Besiegten bringen.
Die besten Spieler werden manchmal zu Helden erkoren. Die Frauen streiten sich um solche Männer. Zu ihnen zählen zum Beispiel die Mitglieder meiner Mannschaft - Helden, die niemals verlieren. Nach den Spielen warten die Frauen scharenweise auf sie und sind nur allzu willig, die Beine für sie breitzumachen. Ja’La-Spieler können jede Frau haben.«
Kahlan entging nicht, dass Jagang, der Kaiser, als Mann von Autorität und Macht, ebenfalls jede Frau haben könnte - und sie doch vermutlich lieber mit Gewalt nehmen würde. Er bevorzugte das, was man ihm nicht anbot.
»Heute Abend spielen die Mannschaften die Rangfolge untereinander aus. Alle hoffen, eines Tages gegen meine Mannschaft um die höchsten Ehren kämpfen zu dürfen. Meine Mannschaft spielt einoder zweimal im Monat gegen die Besten der Besten. Jeder neue Herausforderer nährt sich von der Hoffnung, er könne die beste Mannschaft - die des Kaisers - besiegen und zu den neuen Siegern der Spiele gekrönt werden. Eine solche Mannschaft würden viele Belohnungen erwarten, nicht zuletzt die schönsten Frauen, die bislang nur Augen für meine Männer haben.«
Er genoss es anscheinend, ihr von den Gepflogenheiten dieser Frauen zu erzählen, als könnte er sie davon überzeugen, dass sie im tiefsten Herzen ebenso empfand. Eher würde sie sich jedoch die Pulsadern aufschneiden. Sie beachtete die versteckte Andeutung nicht und stellte ihm stattdessen eine Frage.
»Wenn Eure Mannschaft nicht antritt, warum wollt Ihr zuschauen? Gewiss will ein Mann wie Ihr seine erlauchte Gegenwart den Gläubigen nicht aus reiner Großzügigkeit zum Geschenk machen.«
Er sah sie verwundert an, als habe sie eine eigenartige Frage gestellt.
»Natürlich will ich ihre Strategie beobachten, ihre Stärken und Schwächen kennen lernen, denn sie könnten ja irgendwann Gegner meiner Mannschaft sein.«
Nun lächelte er wieder hinterhältig. »Das tust du doch auch diejenigen einschätzen, die deine Gegner sein könnten. Das brauchst du gar nicht zu leugnen. Ich sehe, wie du die Waffen anstarrst, die Einrichtung von Räumen, die Wache, wie du dich umschaust, welche Deckung und welche Fluchtwege es gibt. Du suchst ständig nach der richtigen Gelegenheit, bist immer wachsam und denkst fortwährend darüber nach, wie du die besiegen kannst, die dir im Weg stehen. Ja’La dh Jin ist ganz ähnlich. Ein Strategie-Spiel.«
»Ich habe schon dabei zugeschaut und möchte behaupten, Strategie ist zweitrangig, denn in erster Linie geht es um Brutalität.«
»Nun ja, wenn man für Strategie nichts übrig hat«, sagte er grinsend,
»wird man genießen, wie die Männer schwitzen, rackern und gegeneinander kämpfen. Das mögen die meisten Frauen an Ja’La. Männer erbauen sich an der Strategie, am Austeilen und Einstecken im Kampf, an der Gelegenheit, ihrer Mannschaft durch Anfeuern zum Sieg zu verhelfen und sich vorzustellen, zu diesen Männern zu gehören; Frauen gefallen die halbnackten Körper und schweißglänzenden Muskeln. Sie sehen gern die Stärksten siegen, träumen davon, von den Helden begehrt zu werden, und schmieden Pläne, wie sie zu diesen Männern vordringen können.«
»Klingt doch beides sinnlos. Entweder Brutalität oder bedeutungsloses Brunftgehabe.«
Er zuckte mit den Schultern. »In meiner Sprache heißt Ja’La dh Jin ›das Spiel des Lebens‹. Ist das Leben nicht ein Kampf - ein brutaler Wettbewerb? Ein Wettbewerb zwischen Männern und zwischen den Geschlechtern? Das Leben ist wie Ja’La ein gewalttätiges Ringen.«
Natürlich konnte das Leben brutal sein, doch beschrieb Gewalt nicht das Leben oder seinen Sinn in seiner Gänze, und die Geschlechter waren keine Rivalen, sondern sollten die Arbeit und die Freuden des Lebens teilen.
»Das gilt für diejenigen, die so sind wie Ihr«, sagte sie. »Das unterscheidet Euch und mich. Ich habe Gewalt stets als letztes Mittel angewandt, nur wenn ich mein Leben verteidigen musste - mein Existenzrecht. Ihr setzt Brutalität als Mittel ein, Eure Wünsche zu befriedigen, sogar die einfachsten Bedürfnisse, denn außer Gewalt habt Ihr nichts anzubieten - und das schließt Frauen mit ein. Ihr nehmt Euch, was Ihr nicht verdient habt.
›Ich bin besser‹, so lautet stets Eure Devise. Ihr schätzt den Wert des Lebens nicht. Deshalb müsst Ihr alles Gute zerstören - denn es zeigt Euch, dass Ihr nichts seid im Leben, beweist, wie Ihr Euer Dasein verschwendet.
Deshalb empfindet Ihr und Euresgleichen solchen Hass auf mich und jene, die so sind wie ich - weil ich besser bin als Ihr.«
»Was du äußerst, sind sündige Gedanken. Das eigene Leben für wichtig zu halten ist ein Verbrechen gegen den Schöpfer und gegen die Mitmenschen.«
Da sie ihn daraufhin nur anstarrte, zog er die Augenbrauen warnend hoch und beugte sich zu ihr vor. Er hielt ihr den dicken Zeigefinger mit einem erbeuteten Goldring vor die Nase, als wollte er einem selbstsüchtigen störrischen Kind, das kurz vor einer Tracht Prügel stand, eine Strafpredigt halten.
»Die Glaubensgemeinschaft des Ordens lehrt uns, besser zu sein als andere bedeutet lediglich, schlechter zu sein als die anderen.«
Angesichts dieser primitiven Ideologie fehlten Kahlan die Worte. Die Scheinheiligkeit dieser leeren Überzeugung gewährte ihr plötzlich Einsicht in den wahren Abgrund seines grausamen Wesens und in den unversöhnlichen Charakter des Ordens selbst. Eine solche Vorstellung unterminierte das Fundament, auf dem sie errichtet war, dass nämlich alles Leben aus sich selbst heraus ein Recht auf Existenz hatte, und wurde zu einer Rechtfertigung des Tötens im Namen des vom Orden selbst erfundenen Gemeinwohls.
Mit diesem einfach klingenden Rahmen einer irrationalen Lehre hatte er unwissentlich gerade alles enthüllt.
Das erklärte die Verderbtheit dieser Bewegung und die entscheidenden Gefühle, welche diese Ungeheuer von Männern dort draußen antrieben, die dazu bereit waren, jeden zu töten, der sich ihrem Glaubensbekenntnis nicht anschloss. Eine solche Überzeugung fürchtete die Zivilisation, pries Grausamkeit als Weg des Seins und erforderte Brutalität, um jegliches edle Ideengut und dessen Urheber zu vernichten. Eine solche Bewegung zog Diebe an, die sich für rechtschaffene Menschen halten wollten, und Mörder, die danach trachteten, die heilige Absolution für das von ihnen vergossene Blut unschuldiger Opfer zu erlangen.
Alle großen Werke wurden somit nicht mehr ihren Urhebern zugeschrieben, sondern stattdessen jenen, die sie nicht erarbeitet und nicht verdient hatten, gerade deshalb, weil sie es nicht erarbeitet und nicht verdient hatten. Diebstahl wurde höher bewertet als Leistung. Damit wurde jegliche Unverwechselbarkeit des Einzelnen verbannt. Gleichzeitig stellte es das beängstigend traurige Eingeständnis einer Schwäche angesichts des Lebens dar, eine Unfähigkeit, im Leben eine höhere Ebene zu erreichen als die eines primitiven Tieres, welches in ständiger Angst lebt, jemand anderes könnte stärker sein. Es war nicht nur die Zurückweisung alles Guten und der Unmut über Vollbringung von Leistungen, es war noch viel, viel schlimmer. Hier drückte sich der nagende Hass auf alles Gute aus, der aus dem inneren Unwillen erwachsen war, nach Dauerhaftem zu streben. Wie jeder vernunftlose Glaube war er auch nicht umsetzbar. Um zu leben, musste man die Grundsätze dieses Glaubens missachten, denn sonst konnte man das Ziel der Herrschaft nicht erreichen, welche wiederum ein Verstoß gegen den Glauben darstellte, für den man kämpfte. Innerhalb des Ordens selbst, dem Fackelträger der erzwungenen Gleichheit, gab es keine Gleichheit. Ob nun ein Ja’La-Spieler, ein hervorragender Soldat oder ein Kaiser - die besten wurden nicht nur gebraucht, sondern hoch geehrt, in ihnen allen wuchs Hass, weil sie daran gescheitert waren, nach den eigenen Lehren zu leben, weil sie fürchteten, entlarvt zu werden. Anstatt sich für ihre Unfähigkeit zu bestrafen, dem heiligen Glauben zu gehorchen, indem sie die Gebote befolgten, erklärten sie alle Menschen für unwürdig und ließen ihren Selbsthass an den Sündenböcken aus: Sie gaben den Opfern die Schuld.