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Kahlan empfand Erleichterung, als es schließlich vorüber war, doch jetzt, zurück im Lager des Kaisers und kurz vor seinem Zelt, fraß die Angst sie förmlich auf. Jagang befand sich in einer Stimmung, die von Gewalt und Blut hervorgerufen war. Kahlan sah es an seinem Blick, dass man ihm nichts verwehren durfte.

Und was heute Nacht noch fehlte, war sie.

Während die Hilfswachen vor dem Zelt darüber instruiert wurden, welche Posten sie einnehmen sollten, entdeckte sie einen Mann, der durch das Lager rannte und dem eine kleine Gruppe folgte. Jagang unterbrach sich, als sich der Verteidigerring öffnete und den Mann sowie einige Offiziere durchließ. Atemlos kam der Läufer zum Halt und gab sich als Bote zu erkennen.

»Was gibt es denn?«, fragte Jagang und musterte das halbe Dutzend Männer höherer Ränge, die ihn begleiteten. Jagang ließ sich nicht gern stören, wenn er beschäftigt war.

Kahlan wusste, im Augenblick war er mit ihr beschäftigt und hing brütenden Gedanken über sie nach. Er wollte mit ihr ins Zelt, und zwar allein. Der Zeitpunkt war gekommen, und ungeduldig sah der Kaiser der Zweisamkeit entgegen.

Bislang hatte er sie nicht ein einziges Mal unsittlich berührt. Das sparte er sich auf. So wie jede Stadt, auf die seine Armee zumarschierte, in lähmender Angst auf den bevorstehenden Angriff harren musste, spürte sie den Würgegriff der übermächtigen Panik, während sie auf das Unausweichliche wartete. Sie versuchte, sich nicht auszumalen, was er mit ihr tun und wie es sich anfühlen würde, dennoch konnte sie an nichts anderes denken. Genauso wenig, wie sie ihr galoppierendes Herz bremsen konnte.

Der Bote überreichte eine Lederhülse. Mit einem hohlen Ploppen zog Jagang den Deckel ab und holte ein eingerolltes Stück Papier hervor, erbrach das Siegel, rollte den Brief auf und las im Licht der Fackeln, die den Eingang zum Zelt flankierten. Die Ringe an seinen Fingern glitzerten im Feuerschein.

Das Stirnrunzeln des Kaisers machte nach und nach einem Lächeln Platz. Schließlich lachte er laut und sah seine Offiziere an. »Die Armee des D’Haranischen Reiches ist aus dem Felde geflohen. Kundschafter und Schwestern melden das Gleiche: Die D’Haraner waren so erschrocken über die Aussicht, Jagang dem Gerechten und der Armee der Ordnung gegenübertreten zu müssen, dass sie von den Fahnen geflohen sind und sich in alle Richtungen verteilt haben. Dadurch haben sie bewiesen, was für ungläubige Feiglinge sie sind. Die Streitkräfte des D’Haranischen Reiches gibt es nicht mehr. Der Weg zum Palast des Volkes ist frei.«

Die Offiziere jubelten ihrem Kaiser zu. Alle hatten plötzlich hervorragende Laune. Jagang lobte seine Soldaten, weil sie geholfen hatten, den Feind in die Flucht zu schlagen.

Kahlan stand an der Seite, hörte zu, beobachtete Jagang, der das Papier schwenkte und vom bevorstehenden Ende des langen Krieges sprach. Langsam und vorsichtig hob sie ein Bein und langte nach dem Messer, das sie in ihrem rechten Stiefel versteckt hatte. Sie bewegte sich so wenig wie möglich, um nicht Jagangs Aufmerksamkeit oder die der fünf Männer, die sie sehen konnten, auf sich zu lenken, und zog die Waffe aus dem Stiefel. Sobald sie das eine Messer herausgeholt hatte, wiederholte sie das Gleiche mit dem im anderen Stiefel.

Die Messer erfüllten sie mit neuer Entschlossenheit und verbannten die hilflose Angst vor dem, was die Nacht für sie bereithalten mochte. Jetzt verfügte sie über eine Möglichkeit, sich zu wehren. Zwar würde sie Jagang nicht aufhalten können, aber er würde sie nicht ohne Kampf bekommen.

Den Kopf bewegte sie nicht, nur die Augen, während sie sich einen Überblick darüber verschaffte, welcher Mann wo stand. Jagang war unglücklicherweise nicht in ihrer unmittelbaren Nähe. Er stand bei dem Boten und den Offizieren. Der Kaiser war beileibe kein Dummkopf. Wenn sie zu ihm träte, würde er sofort misstrauisch werden. Denn dazu wäre sie niemals freiwillig bereit. Außerdem wusste sie, dass er im Kampf sehr erfahren war. Er würde schon reagieren, ehe sie sich auf ihn werfen konnte. Allerdings hätte es ihr vermutlich nicht viel geholfen, dicht bei ihm zu sein. Es gab bessere Ziele, bessere Erfolgsaussichten für einen Überraschungsangriff. Die fünf Hilfswachen warteten links neben ihr, die Offiziere ein wenig weiter rechts. Die Offiziere konnten sie nicht sehen. Dahinter lag das Lager voller Männer, die sie ebenfalls nicht sehen konnten. Aber es würde nur einen Moment dauern, bis die fünf reagierten.

Kahlan könnte viel Blut vergießen, doch vermutlich kaum entkommen.

Doch wenn sie nichts tat, würde sie sich widerstandslos der bevorstehenden Vergewaltigung fügen müssen.

Sie sammelte ihre Wut. Sie packte die Messer fester. Das war ihre Chance, gegen ihre Häscher zurückzuschlagen.

Mit einem geraden Stoß stach sie der Hilfswache, der sie als Erstes zu sterben versprochen hatte, das lange Messer mitten in die Brust. In einem trüben Winkel ihres Verstandes nahm sie seine Überraschung wahr, als er steif wurde.

Neben ihm riss der Mann mit der gebrochenen Nase die Augen auf und erstarrte ebenfalls schockiert. Kahlan nutzte das Messer in der Brust des ersten als Halt. Dann drehte sie sich um den Erstochenen. Aus dieser Bewegung heraus zog sie das Messer in der rechten Hand im Bogen hoch. Die Klinge schlitzte der gebrochenen Nase die Kehle auf. Binnen zwei Herzschlägen hatte sie beide getötet. Der Erste ging zu Boden, und Kahlan stützte sich mit dem Stiefel bei ihm ab, um das Messer herauszuziehen und rückwärts zu springen auf die Offiziere zu. Beim dritten Schlag ihres Herzens erwischte sie einen der ranghöheren Soldaten wie bei einem Ja’La-Angriff. Während sie auf ihn zuflog, versenkte sie das Messer in ihrer Rechten tief in seinen Unterleib und schlitzte ihm die Bauchdecke auf.

Im selben Moment stach sie dem Mann daneben das andere Messer in die Kehle. Auf ihn hatte sie es eigentlich abgesehen. Sie traf ihn mit solcher Wucht, dass die Klinge nicht nur die Kehle durchbohrte, sondern auch die Wirbelsäule und so durch den ganzen Hals ging. Der Kerl sank so unvermittelt in sich zusammen, dass Kahlan das Gleichgewicht verlor und mitgerissen wurde.

Ehe sie sich fangen oder das Messer herausziehen konnte, traf sie die Kraft des Halsrings wie ein Blitz.

Sofort warfen sich die drei anderen Hilfswachen auf sie und drückten sie mit dem Gesicht voran in den weichen Boden. Da der Ring ihre Arme betäubte und ihre Beine nicht mehr auf ihre Befehle reagierten, hatten die Männer keine Schwierigkeiten, sie zu entwaffnen.

Auf Jagangs Befehl hin zerrten sie Kahlan hoch. Sie keuchte, so anstrengend war der kurze Kampf gewesen. Ihr Herz klopfte heftig. Obwohl ihr die Flucht nicht gelungen war, fühlte sie sich nicht enttäuscht. Sie hatte von vornherein keine großen Aussichten gesehen. Sie hatte einige Offiziere töten wollen, und das hatte sie geschafft. Unzufrieden war sie allenfalls, weil sie gehofft hatte, ihre Wachen würden sie bei ihrer Ergreifung töten.

Jagang schickte die verwirrten Offiziere mit der Erklärung fort, hier habe sich Magie befreit. Er versicherte ihnen, alles fest im Griff zu haben. Diese Männer waren an Gewalt gewöhnt, und über den plötzlichen Tod zweier Kameraden, wenn auch durch unsichtbare Hand, setzten sie sich selbstbeherrscht hinweg, vor allem, weil auch das Benehmen des Kaisers keinen Anlass zur Beunruhigung gab. Während sie das Lager des Kaisers verließen, riefen sie ein paar Soldaten herbei, um die Leichen zu beseitigen. Die Wachen, die hinzueilten und nachschauen wollten, was es mit dem Aufruhr auf sich hatte, waren entsetzt, dass es mitten im Lager zu solchen Morden gekommen war. Sie sahen Jagang an, um seine Laune einzuschätzen, und da er sich ganz ruhig gebärdete, trugen sie die vier Toten rasch fort.