Nachdem sie gegangen waren, wandte sich Jagang endlich Kahlan zu. »Du hast also bei den Spielen gut aufgepasst. Und wohl mehr auf die Strategie als auf die Muskeln geschaut.«
Kahlan sah ihren drei Wachen in die Augen. »Ich wollte nur mein Versprechen einlösen.«
Jagang holte tief Luft, als müsse er sich beherrschen, nicht selbst zum Mörder zu werden. »Du bist eine recht bemerkenswerte Frau und eine ernst zu nehmende Gegnerin.«
»Ich bin die Bringerin des Todes«, erwiderte sie.
Er beobachtete, wie die vier Toten in die Nacht geschleppt wurden.
»Die bist du.«
Nun wandte er seine Aufmerksamkeit den drei Männern zu, die Kahlan festhielten. »Gibt es einen Grund, weshalb ich euch nicht foltern lassen sollte?«
Den Männern, die sie gepackt hatten, fiel das selbstgefällige Grinsen aus dem Gesicht. Nervös blickten sie sich an.
»Aber Exzellenz«, sagte der eine. »Die beiden, die versagt haben, mussten mit dem Leben bezahlen. Wir drei haben sie festgehalten und nicht entkommen lassen.«
»Ich habe sie festgehalten«, entgegnete er und konnte seinen Zorn kaum bändigen. »Ich habe sie mit dem Ring um ihren Hals zur Strecke gebracht.« Schweigend überlegte er einen Moment und ließ seine Wut ein wenig abkühlen. »Aber ich heiße aus gutem Grund Jagang der Gerechte. Für den Moment schenke ich euch das Leben, doch lasst euch dies eine Lehre sein. Ich habe euch davor gewarnt, wie gefährlich sie ist. Vielleicht begreift ihr jetzt, was ich damit gemeint habe.«
»Ja, Exzellenz«, kam es wie aus einem Mund.
Jagang verschränkte die Hände hinter dem Rücken. »Lasst sie los.«
Er warf jedem Mann einen vernichtenden Blick zu, ehe er Kahlan am Arm nahm und sie zum Zelteingang führte. Sie war noch benommen vom Schock des Halsrings. Ihre Gelenke schmerzten, ihre Arme und Beine brannten.
Sie hatte sich vorher gefragt, ob Jagang die Wahrheit sagte, als er behauptete, den Ring auch benutzen zu können, ohne dass sich die Schwestern in unmittelbarer Nähe aufhielten. Nun hatte sie die Bestätigung. Ohne den Ring hätte sie die Chance gehabt zu fliehen; mit dem Ring nicht. Von nun an würde sie Jagangs Fähigkeiten nicht mehr unterschätzen. Immerhin wusste sie jetzt Bescheid. Manchmal war es schlimmer, in Ungewissheit darüber zu leben, was möglich war und was nicht.
»Heute Nacht werdet ihr vor meinem Zelt Wache halten. Wenn sie ohne mich herauskommt, solltet ihr sie euch lieber schnappen.«
»Ja, Exzellenz!«
Selbstgefällig wirkten sie nicht mehr, sondern wie das, was sie waren: Männer, die gerade um Haaresbreite ihrem Todesurteil entgangen waren.
Während sie ihre Posten einnahmen, warf Jagang Kahlan einen grimmigen Blick zu. »Beim letzten Mal hast du nur einen Spaziergang zwischen meinen Männern gemacht. Einen kurzen noch dazu. Du hast nur einen kleinen Teil meiner Armee gesehen. Morgen sollst du viel, viel mehr Männer zu Gesicht bekommen. Und viele dieser Männer werden dich sehen können.
Ich habe keine Ahnung, worin diese Anomalie besteht, von der Ulicia gesprochen hat, aber es spielt auch keine Rolle. Wichtig ist nur, dass ich, wie bei allem, versuchen werde, diesen Fehler zu meinem Vorteil zu nutzen. Ab morgen wirst du sehr gut bewacht sein. Du wirst durch die Armee reiten, und zwar wieder nackt. Auf die Weise werden wir eine ganze Reihe neuer Hilfswachen finden. Sicherlich wird es ein aufregender Tag.«
Kahlan widersprach nicht, denn das hätte ihr nichts eingebracht. Da er ihr alles so genau erklärte, wollte er wohl Unbehagen bei ihr erregen. Das war gewiss erst der Anfang der Demütigung. Kaiser Jagang führte sie ins Zelt, als wäre sie von adligem Geblüt. Er verspottete sie nur, so viel war ihr klar. Während sie neben ihm ging, spürte sie, wie die Kraft des Rings sie langsam losließ. Immerhin konnte sie wieder Arme und Beine bewegen. Auch der Schmerz ließ nach.
Im Zelt war es dunkel, es brannten nur Kerzen. Der warme Schein verbreitete Heimeligkeit und Sicherheit, verlieh dem Raum fast eine heilige Atmosphäre. Was nun ganz und gar nicht zutraf. Kahlan fühlte sich, als würde sie zu ihrer Hinrichtung geführt.
47
Die Sklaven, die einen kleinen Mitternachtsimbiss zusammengestellt hatten, wurden knurrend hinausgeschickt. Angesichts des Blicks in seinen Augen und nach den Schreien der sterbenden Männer draußen waren sie nur allzu glücklich, das Zelt verlassen zu können. Er wartete, bis sie allein waren, dann lenkte Jagang Kahlan an dem Tisch mit Wein, Fleisch, Brot, Nüssen, Obst und Süßspeisen vorbei zu einem anderen Vorhang, hinter dem ein Schlafraum lag. Dieser Raum war mit gepolsterten Platten abgeteilt, vermutlich um Lärm zu dämpfen. Die Wände waren dazu mit Fellen und Webstoffen verhängt. Das Abteil selbst schmückten auserlesene Teppiche, einige edle Möbel, Schränke mit Glastüren, die voller Bücher standen, und zierliche Lampen aus Gold und Silber. Das Bett, mit Pelz und Satin bezogen, hatte spiralförmige Pfosten aus dunklem Holz an jeder Ecke.
Kahlan verbarg die zitternden Hände hinter dem Rücken und schaute zu, wie Jagang seine Lammwollweste auszog. Er hängte sie über einen Stuhl an einem kleinen Schreibtisch. Brust und Rücken waren mit dunklem lockigem Haar bedeckt. In vielerlei Hinsicht erinnerte er sie an einen Bären. Jedenfalls hielt man ihn nicht für einen Mann, der in Satin schlief. Vermutlich wusste er solche Dinge gar nicht richtig zu schätzen, sondern betrachtete sie als Symbole seines Rangs. Sie nahm an, er habe vergessen, dass im Orden niemand besser sein durfte als der andere, und gewiss hatte er nie darüber nachgedacht, ob die Männer in ihren schmutzigen Zelten unter feinen Decken schliefen.
Jagang blickte sie an. »Frau, zieh dich aus. Oder soll ich dir die Kleider vom Leib reißen? Die Entscheidung liegt bei dir.«
»Ob ich mich selbst ausziehe oder Ihr das übernehmt, es bleibt eine Vergewaltigung.«
Er richtete sich auf und sah sie in der Stille des Zeltes an. Draußen war auch ins Lager eine gewisse Ruhe eingekehrt, gedämpfte Unterhaltungen verschmolzen zu einem fernen Summen. Die Männer waren vom langen Marsch des Tages und der Aufregung der Ja’La-Spiele erschöpft, und Jagang hatte befohlen, an den nächsten Tagen ebenso zu marschieren, bis sie den Palast des Volkes erreicht hätten. Daher schliefen die meisten Männer wahrscheinlich bereits. Jagang allerdings hatte noch längst nicht zur Ruhe gefunden. Nach den Spielen hatte ihn Erregung erfasst, und nachdem sie die vier Männer getötet hatte, war er der Tobsucht nahe. Kahlan kümmerte es nicht. Wenn er sie bewusstlos schlug, brauchte sie wenigstens nicht wach zu erdulden, was er ihr antat.
»Du gehörst mir«, sagte er mit tiefer, bedrohlicher Stimme. »Du gehörst mir allein. Ganz allein. Ich kann mit dir tun, was immer ich will. Wenn ich dir die Kehle durchschneiden möchte, ist es deine Pflicht, für mich zu verbluten. Wenn ich dich diesen drei Männern überlasse, die dich sehen können, wirst du dich ihnen unterwerfen, ob du nun willst oder nicht.
Du gehörst mir. Dein Schicksal bestimme ich. Du hast keine Wahl. Keine. Alles, was mit dir geschieht, entscheide ich.«
»Es ist trotzdem Vergewaltigung.«
Mit drei Schritten hatte er den Raum durchquert und verabreichte ihr wütend eine Ohrfeige, die sie rücklings zu Boden warf. Er zog sie an den Haaren hoch und schleuderte sie aufs Bett. Die Welt drehte sich um Kahlan, als sie durch die Luft flog. Einen der Pfosten verpasste sie nur um wenige Zoll.
»Natürlich ist es eine Vergewaltigung! Das will ich ja gerade! Und das steht dir jetzt bevor.«
Er stürmte wie ein zorniger Stier zum Bett. In seinen schwarzen Augen toste ein wilder Sturm von Formen. Ehe sie sich’s versah, lag er auf ihr. Kahlan hatte sich einen Plan zurechtgelegt. Sie würde sich nicht wehren und ihm nicht die Befriedigung lassen, sie mit Gewalt genommen zu haben. Aber als er nun auf ihren Hüften saß, ging dieser Vorsatz in eben einer solchen Panik verloren, die sie hatte vermeiden wollen. Sie vergaß alles und bemühte sich verzweifelt, seine Hände fortzuschieben, doch in der Laune, in der er war, ließ er sich davon nicht aufhalten. Sie hatte nicht die Kraft, sich mit ihm zu messen. Er ohrfeigte sie nicht einmal. Mit einem Ruck riss er ihr das Hemd auf.