Kahlan wurde ruhig, als er innehielt, und ihre Brust hob und senkte sich mit ihrem heftigen Atem. Jagang starrte auf ihren Busen. Sie nutzte die Stille, um die Fassung zurückzuerlangen. Gerade hatte sie vier dieser brutalen Rohlinge getötet. Sie würde es überstehen. Diese Sache war nichts im Vergleich mit dem Ring um ihren Hals, der ihr die Erinnerung stahl, ihre Persönlichkeit, ihr Leben und sie zur wehrlosen Sklavin der Schwestern und des Kaisers der Meuchelmörder machte.
Das war nichts. Sie würde ihm keinen törichten Widerstand leisten wie ein junges Mädchen, das die Hände eines groben Kerls wegschiebt. So würde sie nicht kämpfen. Nein. Sie wusste es besser. Ja, Angst hatte sie, aber sie ergab sich nicht der Panik. Sie hatte auch Angst gehabt, als sie die vier Soldaten umbrachte, doch hatte sie sich darüber hinweggesetzt und gehandelt.
Sie war besser als er. Er war bloß stärker. Haben konnte er sie nur mit Gewalt. Dieses Wissen gab ihr eine gewisse Macht über ihn, und das wusste er. Niemals würde er sie mit ihrem Einverständnis bekommen, denn sie war besser als er und hatte weitaus Besseres verdient. Eine Frau wie sie würde er niemals haben, außer durch Gewalt, denn er war ein schwacher, wertloser Mann.
»Ist Eure Beute zu Eurer Zufriedenheit, Exzellenz?«, spottete sie.
»O ja.« Jagang grinste fies. »Und jetzt zieh diese Hose aus.«
Da sie keine Bereitschaft erkennen ließ, sich zu fügen, machte er die Knöpfe einen nach dem anderen auf, als würde er eine Schatztruhe öffnen. Sie lag da, die Hände an den Seiten. Er zog ihr die Hose aus, warf sie auf den Boden und betrachtete ihren nun fast nackten Körper von oben bis unten.
Kahlan biss sich in die Wange, sonst hätte sie vor lauter Panik seine Hand weggestoßen, die über ihren weichen Schenkel nach oben strich. Sie musste gegen die Tränen ankämpfen. Alles hätte sie gegeben, wenn sie nicht hätte hier sein müssen, wenn sie der Gnade dieses Ungeheuers nicht ausgeliefert gewesen wäre.
»Und jetzt den Rest«, flüsterte er rau.
Sie sah, dass es ihn noch mehr erregt hatte, sie der Kleidung zu entledigen, daher nahm sie sich vor, so wenig verführerisch wie möglich zu wirken.
Er schaute zu, während sie seinen Befehl befolgte, saß auf der Bettkante und zog die Stiefel aus. Dann ließ er die Hosen herunter und strampelte sie von den Füßen. Kahlan wurde übel angesichts seiner Nacktheit, und sie überließ sich der Schwäche und wandte den Blick ab.
Würde sie nach diesem Erlebnis jemals wieder fähig sein, einen Mann zu lieben und sich von ihm berühren zu lassen? Nein, sie würde niemals die Gelegenheit erhalten, einen Mann zu lieben. Sie machte sich Gedanken über etwas, das niemals eintreten würde. Unter Jagangs Gewicht bewegte sich das Bett, als er sich zu ihr legte. Er starrte sie an und ließ seine Hand über ihren Bauch gleiten. Sie hatte eine grobe Berührung erwartet, ein raues Betatschen, doch stattdessen folgte eine verstohlene Zärtlichkeit, die zaghafte Erkundung einer Kostbarkeit. Allerdings glaubte sie nicht, dass diese Behutsamkeit lange andauern würde.
»Du bist etwas höchst Außergewöhnliches«, sagte er mit belegter Stimme, beinahe mehr zu sich selbst als an sie gewandt. »Dich durch die Augen anderer zu beobachten war nicht das Gleiche - das habe ich jetzt begriffen.«
Sein Ton hatte sich verändert. Die Wut war verflogen im Verlangen nach ihr. Er stand kurz davor, sich seiner ungehemmten Lust zu ergeben.
»Es ist überhaupt nicht das Gleiche ... Ich wusste stets, wie außergewöhnlich du bist, aber jetzt, da ich dich sehe, wie du hier liegst... du bist ein besonderes Geschöpf. Einfach ... etwas Besonderes.«
Kahlan fragte sich, was er damit meinte, er habe sie durch die Augen anderer wahrgenommen und ob er damit auf die Augen der Schwestern anspielte. Ein unerwarteter Gedanke brachte sie aus der Fassung: Er hatte sie beim Auskleiden beobachtet, wenn sie geglaubt hatte, nur die Schwestern seien anwesend. Diese Unverschämtheit erfüllte sie mit kalter Wut.
Er hatte sie beobachtet und diesen Abend geplant. Doch gleichzeitig hatte sie das Gefühl, er beziehe sich auf etwas noch anderes. Seine Worte trugen eine verborgene Bedeutung. Die Art, wie er sprach, warf die Frage auf, ob er das Leben meinte, das sie geführt hatte, bevor die Schwestern ihr alles genommen hatten. Sie war wütend, weil er sie durch die Schwestern beobachtet hatte, doch der Verdacht, er könne sie auch früher schon gesehen haben, ging ihr durch und durch.
Ohne Vorankündigung legte er sich auf sie. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie lange ich auf diesen Augenblick gewartet habe.«
Ihr Atem und ihr Herzschlag hatten sich gerade ein wenig beruhigt. Jetzt ging alles so schnell. Wieder pochte ihr Herz unter den Rippen. Sie wollte ihn bremsen, wollte sich Zeit verschaffen, um sich überlegen zu können, wie sie es verhindern konnte. Als sie seine Haut auf ihrer spürte, konnte sie jedoch keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ihr fiel nichts ein, wie sie ihn hätte aufhalten können. Sie erstarrte lediglich und dachte allein daran, dass sie es nicht wollte.
Nun fiel ihr wieder ein, was sie sich vorgenommen hatte. Sie war besser als er; und so würde sie sich verhalten.
Sie sagte nichts. Sie starrte an ihm vorbei zur Decke des in sanften Lampenschein getauchten Zeltes.
»Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich mich darauf gefreut habe«, sagte er plötzlich bedrohlicher.
Sie blickte ihm in die albtraumhaften Augen. »Ja, das kann ich nicht. Also bringt es schon hinter Euch und erspart mir diese Worte, die mir nichts bedeuten, weil ich keine Ahnung habe, wovon Ihr redet.«
Damit wandte sie den Blick wieder ab und starrte ins Leere. Sie wollte sich ihm gleichgültig präsentieren. Also ließ sie ihre Gedanken schweifen. Das war nicht leicht, während er sich an sie drängte, aber sie gab ihr Bestes, ihn einfach zu ignorieren. Die Befriedigung eines Kampfes, den sie nur verlieren konnte, wollte sie ihm nicht geben. Das Ja’La-Spiel schoss ihr durch den Kopf, nicht, weil sie gern daran gedacht hätte, sondern weil die Erinnerung frisch genug war, um sie sich in allen Einzelheiten vor Augen zu rufen. Unvermittelt schob er die Arme unter ihre Knie und drückte diese fast bis zur Brust nach oben. Sie bekam kaum mehr Luft. Die Hüftgelenke schmerzten, so wie er sie bog, aber sie unterdrückte den Schrei und wollte sich nicht von ihm beherrschen lassen, während er sie nahm.
»Wenn er es wüsste ... Es würde ihn umbringen.«
Kahlan sah ihn an. Wegen seines Gewichts konnte sie kaum atmen.
»Von wem sprecht Ihr?«
Vielleicht meinte sie ihren Vater - einen Vater, an den sie sich nicht erinnerte. Vielleicht hatte sie einen Vater, der Kommandant in der Armee war, was auch erklären würde, warum sie so gut mit einem Messer kämpfen konnte. Auf wen sollte er sonst anspielen? Sie hätte gern etwas gesagt, um ihn aus seiner Stimmung zu reißen, doch hielt sie es für besser, zu schweigen und Gleichgültigkeit vorzugeben.
Jagangs Mund befand sich an ihrem Ohr. Die rauen Bartstoppeln kratzten äußerst unangenehm an Hals und Wangen. Er atmete in kurzen Stößen. Langsam verlor er sich in der Begierde, mit der er bald über sie herfallen würde.
»Wenn du nur wüsstest ... Es würde dich ebenfalls umbringen«, sagte er, offensichtlich tief befriedigt von diesem Gedanken. Sie blieb stumm, noch verwirrter, und spürte eine zunehmende Unruhe, dachte, er würde nun seine Geilheit befriedigen. Doch er verharrte, hielt ihre Beine gespreizt und starrte sie an. Der lange haarige Körper drängte sich an sie und strahlte seine Wollust aus. Sein Gewicht machte ihr das Atmen fast unmöglich, aber sie wusste, es würde ihn nicht kümmern, ob sie sich darüber beschwerte. Wenn er sich doch nur beeilen und es hinter sich bringen würde. Das Warten machte sie verrückt. Am liebsten hätte sie geschrien, doch das gestattete sie sich nicht. Sie hatte Angst vor dem Schmerz, den er ihr zufügen würde, vor der Dauer - und vor der ohne Frage in den folgenden Nächten stattfindenden Wiederholung. Hätte er sie nicht mit seinem Stiergewicht auf das Bett gedrückt, hätte sie gezittert.