»Nein«, sagte er zu sich selbst. »So will ich es nicht.«
Kahlan war verwirrt. Sie war nicht sicher, ob sie richtig gehört hatte. Er ließ ihre Beine los, legte sie aufs Bett und drückte sich mit den Armen hoch. Sie wünschte sich, er würde nicht zwischen ihren Schenkeln liegen, dann hätte sie die Beine zusammenpressen können.
»Nein«, wiederholte er. »So nicht. Du willst nicht, aber es wäre dir nur lästig. Dir würde es nicht gefallen, aber mehr nicht. Du sollst wissen, wer du bist, wenn ich es mache. Dann wirst du es mehr verabscheuen, als du je etwas in deinem Leben verabscheut hast. Ich möchte derjenige sein, der dir diese zwei Dinge antut. Deine Erinnerungen werde ich dir zurückgeben, während ich meinen Samen in dich ergieße. Diese Erinnerungen sollen dich verfolgen, solange du lebst, und ihn verfolgen, solange er lebt, sollen ihm ins Gedächtnis kommen, sobald er dich ansieht. Er soll dich dafür hassen, für das, was du für ihn geworden bist. Und er soll das Kind hassen, das Kind, das ich mit dir zeugen werde.
Und deshalb musst du zuerst alles erfahren. Wenn ich es jetzt mache, würdest du es nur dumpf ertragen und die exquisiten Qualen verderben, die es dir bereiten würde, wenn du alles weißt.«
»Dann erzählt es mir doch«, sagte sie und war beinahe bereit, die Vergewaltigung zu ertragen, um es zu hören.
Er lächelte fies. »Erzählen ist nicht so gut. Worte sind leer, haben keine Bedeutung und keine Gefühle. Du musst es spüren. Du musst dich selbst erinnern, wer du bist, du musst alles wissen, wenn es eine richtige Vergewaltigung werden soll... Und ich beabsichtige, dich so gemein zu schänden, wie du es nur ertragen kannst. Und dann wirst du einem Kind das Leben schenken, das er als stete Erinnerung und als Ungeheuer betrachten wird.«
Langsam schüttelte er den Kopf, überaus befriedigt hinsichtlich seines Vorhabens. »Dazu musst du dir vollkommen dessen bewusst werden, wer du bist, und danach wirst du begreifen, was dies alles für dich bedeutet, was es in dir anrührt, verletzt und für alle Zeit mit einem Makel behaftet.«
Abrupt stieg er von ihr herunter. Kahlan holte tief Luft, keuchte fast. Er zeigte die Zähne und packte mit einer Pranke ihre rechte Brust.
»Glaub nicht, du hättest es schon hinter dir, Schätzchen. Du wirst schön hier bleiben. Ich werde nur dafür sorgen, dass es für dich noch erheblich schlimmer werden wird, als es heute Nacht geworden wäre.« Er kicherte und quetschte ihre Brust. »Und auch für ihn.«
Kahlan vermochte sich nicht vorzustellen, wie es noch schlimmer werden konnte. Vielleicht glaubte er, eine Vergewaltigung erlege dem Opfer die Schuld auf. Das passte zu seiner Denkweise, zur Denkweise des Ordens: Das Opfer trug die Schuld.
Plötzlich stieß er sie aus dem Bett. Obwohl der Sturz von den weichen Teppichen gedämpft wurde, tat sie sich weh. Er sah auf sie herab. »Du schläfst auf dem Boden, dort, neben dem Bett. Später hole ich dich zu mir.« Er grinste. »Wenn dein Erinnerungsvermögen zurückkehrt, wird es dich vernichten. Dann wirst du von mir bekommen, was du verdient hast und was nur ich dir geben kann, womit nur ich dein Leben ruinieren kann ... und seines.«
Kahlan lag auf dem Boden, wagte sich nicht zu regen und fürchtete, er könnte seine Meinung ändern. Sie fühlte sich erleichtert, weil es heute Nacht nicht zum Äußersten kommen sollte.
Er beugte sich über die Bettkante und starrte sie aus seinen schrecklichen schwarzen Augen an. So unerwartet, dass sie aufschrie, schob er ihr die große Hand zwischen die Beine. Grinsend sagte er: »Und wenn du glaubst, du könntest dich fortschleichen, oder ärger noch, mich im Schlaf umbringen, solltest du es dir lieber gleich aus dem Kopf schlagen. Das wird dir nicht gelingen. Und diesmal wird es dir die Zelte einbringen, doch später erst, nachdem ich alles für dich zerstört habe. Ich werde dafür sorgen, dass viele, viele Männer dort eindringen, wo jetzt meine Finger sind. Hast du verstanden?«
Kahlan nickte und spürte, wie ihr eine Träne über die Wange rann.
»Wenn du heute Nacht die Teppiche neben dem Bett verlässt, wird die Kraft des Halsrings dich aufhalten. Möchtest du das ausprobieren?«
Kahlan schüttelte nur den Kopf, weil sie befürchtete, ihre Stimme könnte versagen.
Er zog die Hand zurück. »Gut.«
Sie hörte, wie er sich auf die Seite drehte und ihr den Rücken zuwandte. Kahlan lag vollkommen still. Sie konnte kaum atmen. Eigentlich begriff sie gar nicht, was gerade geschehen war und was es zu bedeuten hatte. Aber sie fühlte sich einsamer als je zuvor in ihrem Leben - zumindest in dem Teil ihres Lebens, an den sie sich erinnern konnte.
Auf gewisse Weise wünschte sie fast, er hätte sie vergewaltigt. Dann würde sie jetzt nicht aus Angst vor dem, was er gesagt hatte, zittern und sich fragen, was er damit meinte. Nun würde sie jeden Morgen erwachen und nicht wissen, ob es der Tag wäre, an dem sie ihr Gedächtnis zurückerlangte. Denn das würde die Vergewaltigung schlimmer machen, alles schlimmer machen, viel schlimmer. Kahlan glaubte ihm. So geil er auch auf sie gewesen war, und das hatte sie genau gespürt, hätte er nicht einfach aufgehört, wenn das, was er ihr erzählt hatte, nicht stimmen würde.
Auf einmal wollte sie gar nicht mehr wissen, wer sie war. Ihre Vergangenheit wurde zu einer Bedrohung für sie. Wenn sie ihr altes Leben kannte, konnte er ihr das Schlimmste antun. Unwissenheit hieß in diesem Fall Sicherheit.
Als sie zunächst seinen gleichmäßigen Atem und etwas später sein leises Schnarchen hörte, zog sie sich wieder an.
Obwohl es Sommer war, zitterte sie. Sie deckte sich mit einem Teppich zu und lag neben dem Bett. Ihn mit einem Fluchtversuch auf die Probe zu stellen, würde sie nicht wagen. Sie konnte nicht fliehen. Dies war ihr Leben.
Sie hoffte nur, der alte Teil ihres Lebens bliebe begraben und vergessen.
Falls sie sich je erinnerte, wer sie war, dann würde ihr Leben unendlich viel schlimmer werden. Das durfte sie nicht zulassen. Sie würde hinter dem dunklen Vorhang bleiben. Heute Nacht war sie zu einem anderen Menschen geworden, der sich von dem abspaltete, der sie gewesen war. Jene Person sollte für immer tot bleiben. Wer mochte wohl der Mann sein, von dem Jagang gesprochen hatte? Sie fürchtete, was Jagang ihm antun würde und dass er ihn durch sie vernichten könnte.
Diese Gedanken verbannte sie aus ihrem Kopf. Das war ihr altes Ich. Diese Person gab es nicht mehr, und so würde es bleiben. In ihrer Einsamkeit und Verzweiflung rollte sie sich zusammen und weinte sich still in den Schlaf.
48
Richard stolperte wie benommen vorwärts und betrachtete den Boden vor seinen Füßen, den der Mond erhellte. Durch diesen Dämmer konnte nur ein einziger Funken zu ihm vordringen. Kahlan.
Er vermisste sie so sehr. Diesen ganzen Kampf hatte er satt. Er hatte es satt, zu streben und zu scheitern.
Sie wollte er zurückhaben. Sein Leben mit ihr. Er wollte sie in den Armen halten ... einfach nur in den Armen halten.
Er dachte an die Zeit vor Jahren im Haus der Seelen, als er noch nicht gewusst hatte, dass sie die Mutter Konfessor war und sie sich wegen der bedrückenden Geheimnisse, die sie wahren musste, einsam und verlassen gefühlt hatte. Sie hatte ihn gebeten, sie einfach nur im Arm zu halten. Er erinnerte sich an den Schmerz, der in ihrer Stimme mitschwang, an den Schmerz, der nach Trost verlangte. Jetzt würde er alles geben, wenn er sie trösten könnte.
»Halt«, zischte ihn jemand an. »Warte.«
Richard blieb stehen. Es fiel ihm schwer, Interesse dafür aufzubringen, was um ihn herum geschah, obwohl er wusste, dass er den Ereignissen seine Aufmerksamkeit zuwenden musste. An der Haltung der Frau konnte er ihre Anspannung ablesen; sie wirkte wie ein Raubvogel, der den Kopf schief legt und die Flügel leicht hebt. Es gelang ihm nicht, die Lethargie abzuschütteln, die ihn niederdrückte, damit er wieder klar denken konnte. Die Gebärde schien vor allem Aggressivität auszustrahlen, doch darunter spürte er einen Hauch Angst.