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Schließlich brachte er zumindest so viel Konzentration auf, um sich einen Überblick zu verschaffen. Dann sah er im Mondlicht, was Sechs betrachtete: ein riesiges Lager, das sich über das ganze Tal ausbreitete. Jetzt, mitten in der Nacht, herrschte dort unten Ruhe. Und nun nahm, trotz der betäubend wirkenden Anwesenheit dieser Frau, seine Aufmerksamkeit zu.

Er hatte noch etwas bemerkt. Hinter dem Lager auf den Anhöhen dahinter sah er ein Schloss, das er zu erkennen glaubte.

»Komm weiter«, zischte Sechs ihm zu, während sie an ihm vorbeiglitt.

Richard trottete hinter ihr her und versank wieder in dem Dunst der Gleichgültigkeit, in dem er an nichts anderes denken konnte als an Kahlan.

Stundenlang zogen sie durch die nächtliche Landschaft. Sechs war so still wie eine Schlange, bewegte sich, hielt an, bewegte sich weiter, immer auf der Suche nach unscheinbaren Wegen durch den dichten Wald. Richard tröstete der Geruch von Springkraut und Tannen. Moos und Farne hellten seine Laune mit Kindheitserinnerungen auf. Die Freude währte nicht lange. Bald gingen sie über gepflasterte Straßen an geschlossenen Läden und dunklen Häusern vorbei. Im Schatten standen Männer, jeweils paarweise und mit Piken bewaffnet. Richard fühlte sich, als würde das alles nur im Traum vor seinem inneren Auge vorbeiziehen. Halb glaubte er, sich den Wald bloß fest vorstellen zu müssen, damit dieser wiedererscheinen würde. Er stellte sich Kahlan vor. Sie erschien nicht wieder. Zwei Männer in blitzender Metallrüstung liefen aus einer Seitenstraße. Sie fielen vor Sechs auf die Knie und küssten den Saum ihres schwarzen Kleides. Sie verlangsamte kaum den Schritt für ihr kriecherisches Flehen. Die beiden folgten ihnen durch die Straßen und wurden ihre Eskorte in der Dunkelheit der Nacht. Er fühlte sich wie in einem Traum gefangen. Richard wusste, er sollte dagegen ankämpfen, aber er konnte sich nicht überwinden. Er achtete nur auf das, was Sechs ihm sagte. Von sich aus brachte er für nichts Interesse auf. Ihre dahinschwebende Gestalt verzauberte ihn, ihr Blick schlug ihn in Bann, ihre Stimme verhexte ihn. Da er seine Gabe nicht mehr hatte, füllte sie die Leere in seiner Seele. Ihre Gegenwart ergänzte ihn irgendwie und gab ihm ein Ziel. Die beiden Wachen klopften leise an ein Eisentor in einer großen Steinmauer. Eine kleinere Klappe über kleinen Schlitzen wurde geöffnet. Augen spähten heraus. Sie wurden größer, als sie den bleichen Schatten vor sich sahen. Richard hörte Männer auf der anderen Seite, die sich beeilten, den schweren Riegel aus der Halterung zu wuchten.

Das Tor ging auf, und Sechs schlüpfte mit Richard hindurch. Im Mondlicht sah er hohe Mauern, doch zollte er ihnen wenig Beachtung. Mehr faszinierte ihn die schlangengleiche Gestalt, die ihn durch die samtweiche Nacht führte.

Hinter dem großen Tor liefen Männer herum, öffneten weitere Türen, riefen Befehle und brachten Fackeln.

»Hier entlang«, sagte ein Mann und geleitete sie in ein Treppenhaus. Sie stiegen in Wendeln hinab, immer tiefer. Richard fühlte sich, als würde er vom Schlund einer großen Steinbestie verschlungen. Solange Sechs ihn bei sich behielt, störte ihn das jedoch wenig. In einem der untersten Stockwerke führten die Männer sie durch einen feuchten Gang zu einem düsteren Ort. Heu lag auf dem schmutzigen Boden. Von irgendwo aus der Ferne hallte das Echo von Wassertropfen heran.

»So, wie Ihr es verlangt habt«, sagte eine der Wachen. Die schwere Tür quietschte vor lauter Rost, als der Mann sie aufzog. Im Inneren zündete er mit der Fackel eine Kerze auf einem Tisch an.

»Dein Zimmer für die Nacht«, erklärte Sechs Richard. »Bald wird es hell. Dann komme ich zurück.«

»Ja, Herrin.«

Sie beugte sich leicht zu ihm vor, und ein dünnes Lächeln spielte über ihr blutleeres Gesicht. »Wie ich die Königin kenne, wird sie sofort anfangen wollen. Sie ist ein wenig ungeduldig, um nicht zu sagen impulsiv. Ohne Zweifel wird sie die großen Männer mit den Peitschen mitbringen. Nun, vermutlich wird der Morgen kaum vorüber sein, bis dir das Fleisch in Streifen vom Rücken hängt.«

Richard starrte sie an. Er konnte das nicht begreifen. »Herrin?«

»Die Königin ist nicht nur boshaft, sondern auch noch rachsüchtig. Und du wirst das Ziel ihrer Gehässigkeit sein. Doch sorge dich nicht; ich brauche dich lebendig. Du wirst zwar unerträgliche Schmerzen leiden, aber nicht sterben.«

Sie drehte sich mit Schwung um und rauschte zur Tür hinaus wie ein Schatten, der von der Dunkelheit verschluckt wird. Männer traten nach ihr hinaus. Die Tür schlug mit einem Knall zu. Richard hörte das Klicken eines Schlosses. Ehe er es sich versah, stand er plötzlich allein in der steinernen Zelle, verlassen, verloren, vergessen. In der Stille schlich sich der Schrecken heran. Warum wollte ihm eine Königin Schmerzen bereiten? Warum brauchte Sechs ihn lebend?

Richard blinzelte. Während die Zeit verstrich, merkte er, dass sein Verstand wieder zu arbeiten begann. Anscheinend konnte er besser nachdenken, je weiter sich Sechs entfernte.

Nachdem die Männer mit den Fackeln hinausgegangen waren, brauchte er eine Weile, bis sich seine Augen an den Dämmerschein einer einzigen Kerze gewöhnt hatten. Er blickte sich in der steinernen Zelle um. Es gab nur einen Stuhl und einen Tisch. Der Boden bestand aus Stein. Die Wände bestanden aus Stein. Die Decke hatte dicke Balken.

Dann traf es ihn wie der Blitz.

Denna.

In diesen Raum hatte Denna ihn gebracht, als sie ihn gefangen genommen hatte. Er erkannte den Tisch. Denna hatte immer auf dem Stuhl gesessen. Er blickte auf, und dort sah er den großen Eisennagel, ganz so, wie er sich erinnerte.

Damals hatte man ihn mit eisernen Handschellen gefesselt. Denna hatte die Kette dazwischen über den Eisennagel gehängt. So hatte er dort gehangen, während Denna ihn mit ihrem Strafer folterte. Schreckliche Bilder der Nacht, in der Denna ihn gebrochen hatte, zogen vor seinem inneren Auge dahin. Der Nacht, von der sie glaubte, ihn gebrochen zu haben. Er hatte seinen Verstand geteilt. Dennoch entsann er sich der Dinge, die sie ihm in jener Nacht angetan hatte.

Und er erinnerte sich, was sie zu solcher Brutalität veranlasst hatte. Dort hatte er gehangen, als Prinzessin Violet zum Zuschauen kam. Die Prinzessin hatte entschieden, bei der Folterung mitzumachen. Denna gab dem kleinen Ungeheuer ihren Strafer und zeigte Violet, wie man ihn bei Richard benutzen musste.

Er erinnerte sich, wie Violet damit geprahlt hatte, sie würde Kahlan vergewaltigen, foltern und schließlich töten lassen. Richard hatte so heftig nach Violet getreten, dass er ihr den Kiefer zerschmetterte, wobei auch ihre Zunge abgetrennt worden war. Genau in diesem Raum war das geschehen.

Richard lehnte sich an die Steinwand, glitt nach unten und setzte sich. Er musste nachdenken und verstehen, was hier eigentlich vor sich ging.

Sein Bündel drückte im Rücken, also nahm er es ab und legte es sich auf den Schoß. Plötzlich fiel ihm etwas ein, und er durchsuchte das Bündel, schob seine Kriegszaubererkleidung und den Goldumhang beiseite, bis er das Buch von Baraccus fand. Das blätterte er durch. Die Seiten waren immer noch leer. Wenn er nur seine Gabe nicht verloren hätte, könnte er das Buch lesen! Wenn er nur wüsste, wie er seine Fähigkeiten einzusetzen hätte, wäre er in der Lage gewesen, sich aus eigener Kraft zu retten. Wenn.

Dann hatte er eine Idee. Er durfte nicht zulassen, dass sie das Buch fanden. Sechs verfügte über die Gabe, in einer bestimmten Form jedenfalls. Daher durfte sie es nicht zu Gesicht bekommen. Baraccus hatte es dreitausend Jahre lang versteckt. Es war nur für Richards Augen bestimmt. Solches Vertrauen durfte er nicht enttäuschen. Niemand sollte etwas von dem Buch erfahren.

Also stand er auf und durchsuchte den Raum nach einem geeigneten Versteck. Es gab keins. Der Raum war eine einfache Zelle aus Stein, ohne Nebenraum, ohne Nischen, ohne lockere Steine. Hier konnte man nichts verstecken.