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Während Richard in der Mitte stand und nachdachte, schaute er hoch und sah den Eisennagel. Er ging einige Schritte und betrachtete die Balken. Einer der Balken verlief in verhältnismäßig kleinem Abstand parallel zur Wand. Wie bei den meisten anderen hatte das frisch geschlagene Holz Spalten bekommen, als es getrocknet war. Richard hatte einen Einfall.

Sofort zog er den Stuhl heran und stieg darauf, doch er war nicht hoch genug. Nun schob er den Stuhl zur Seite und zog den Tisch heran. Über den Stuhl stieg er auf den Tisch und erreichte den Eisennagel. Er zerrte daran, doch der Nagel saß fest. Aber er brauchte ihn, wenn er das Buch verstecken wollte.

Er schloss die Hände um den Nagel und sprang mit ganzer Kraft auf und ab. Endlich lockerte sich der Nagel. Schließlich gelang es Richard, ihn herauszuziehen.

Nun rückte Richard den Tisch in die dunkle Ecke und stieg hinauf. Er untersuchte den Balken und fand eine Stelle, wo der Spalt sich in Richtung Decke bis zu den Querbohlen zog. Dort rammte er den Nagel hinein und drückte, bis er gut hielt.

Nun holte er sein Bündel, das er in die enge Lücke zwischen Balken und Wand stopfte. Er presste es so flach er konnte und schob es am Balken entlang, bis er über dem Nagel eingeklemmt war. Daraufhin überprüfte er, ob es fest saß. Das Bündel bewegte sich nicht. Zufrieden, dass er alles ihm Mögliche getan hatte, um das Buch und seine Kriegszaubererausrüstung zu verstecken, damit beides nicht in die falschen Hände geriete, legte er sich auf den kalten Steinboden an der gegenüberliegenden Wand und versuchte zu schlafen. Angesichts dessen, was Sechs ihm für den nächsten Tag versprochen hatte, war das kein leichtes Unterfangen. Die Angst setzte ihm zu und ließ seine Gedanken rasen. Er brauchte Ruhe, das wusste er, dennoch fand er keine.

Immerhin war er erleichtert, dass Sechs nicht mehr in unmittelbarer Nähe war. Er hatte sein Zeitgefühl verloren, seit er bei den Irrlichtern gewesen war und Sechs ihm hinter den alten Bäumen aufgelauert hatte. Wenn sie bei ihm war, vermochte er weder eigenständig zu denken noch zu handeln. Sie saugte seinen gesamten Verstand auf. Seinen gesamten Verstand.

Er erinnerte sich daran, wie er mit Denna in diesem Raum gewesen war. Sie hatte ihm gesagt, er würde ihr Schoßhündchen sein und sie würde seinen Willen brechen. Er hatte sich gesagt, er würde sie tun lassen, was sie wollte, doch ein Stück von seinem Ich retten, verstecken und niemandem erlauben, dort einzudringen, nicht einmal sich selbst, bis er diesen sicheren Hort brauchte, um wieder er selbst zu werden.

So musste er nun abermals vorgehen. Er würde Sechs nicht sein ganzen Denken überlassen, wie es nach seiner Gefangennahme geschehen war. Noch immer spürte er ihren Einfluss, ihren Willen, doch jetzt war sie nicht mehr so gegenwärtig. Im Vergleich zu vorher fühlte er sich frei und konnte denken. Konnte bis zu einem gewissen Grad entscheiden, was er wollte.

Und er wollte sich von dieser Hexe befreien.

Er erschuf einen Ort in seinem Kopf, wie er es vor langer Zeit in genau diesem Raum getan hatte. Dort verschloss er einen Teil seines Ichs, einen Teil seiner Kraft, fast so ähnlich, wie er sein Bündel verstaut hatte.

Da er nun wieder klar denken konnte und zudem einen Plan geschmiedet hatte, verspürte er neue Zuversicht. Selbst wenn er die Zähne der Hexe noch in seinem Fleisch fühlte, hatte sie die vollkommene Kontrolle über ihn verloren. Endlich kam er ein wenig zur Ruhe.

Dann dachte er an Kahlan. Die Erinnerung rief ein trauriges Lächeln hervor. Er bemühte sich, an die glücklichen Zeiten mit ihr zu denken, daran, wie es sich anfühlte, sie im Arm zu halten, mit ihr eine Nacht allein zu verbringen, wenn sie ihm zuhauchte, wie viel er ihr bedeutete.

Mit dem Gedanken an Kahlan dämmerte er langsam in den Schlaf hinüber.

49

Richard wurde abrupt aus dem Schlaf gerissen, als er hörte, dass die Tür aufgeschlossen wurde. Das Wecken war umso unsanfter, als er gerade von Kahlan geträumt hatte. Zwar konnte er sich an den Traum nicht erinnern, doch wusste er, dass sie stets darin vorkam. Er fühlte sich durchdrungen von ihrer Gegenwart, als wäre sie tatsächlich bei ihm gewesen, um ihm dann wieder genommen zu werden. Der Verlust selbst ihrer Traumgegenwart hinterließ kalte Leere und entmutigte Richard. Die Welt stellte sich in seinen Träumen so viel wunderbarer dar. Auch dann, wenn er sich nicht an sie erinnerte, versüßte sie sein Leben wie leise Musik aus der Ferne. Das genügte, um in ihm den Wunsch keimen zu lassen, nicht in die Welt des Wachseins zurückzukehren.

Richard wollte sich aufrichten und stellte fest, wie steif sein Körper war, weil er auf nacktem Steinboden geschlafen hatte. Er fühlte sich benommen und bezweifelte, dass er mehr als wenige Stunden geschlafen hatte. Als er die Wachen in seine steinerne Zelle strömen sah, erhob er sich taumelig und versuchte dabei, seine verspannten Muskeln zu recken.

Sechs rauschte in den Raum wie ein Wind des Unheils. Im Kontrast zu ihrem borstigen schwarzen Haar und der wallenden Robe wirkte die Haut gespenstisch. Sie richtete die blassblauen Augen auf ihn, als würde außer ihm nichts auf der Welt existieren. Der Blick lastete auf Richard mit dem Gewicht eines Gebirges. Die Gegenwart der Hexe zermürbte seinen Willen.

Er trieb in diesem Gefühl, das ihn zu überschwemmen drohte. Während sie näher trat, kämpfte er darum, den Kopf über dem dunklen Wasser zu halten, das seinen Willen verschlang. In einem tosenden Fluss rang er um sein Leben, doch die starke Strömung zog ihn nach unten.

»Komm mit, wir müssen in die Höhle. Wir haben nicht viel Zeit.«

Gern hätte er gefragt, was sie damit meinte, nicht viel Zeit zu haben eine Frage, für die er jedoch glaubte, nicht genug Kraft aufbringen zu können -, daher fragte er stattdessen etwas anderes, das ihn genauso sehr bewegte.

»Wisst Ihr, wo Kahlan ist?«

Sechs blieb stehen und drehte sich halb zu ihm um. »Natürlich. Sie ist bei Jagang.«

Jagang. Richard war wie betäubt. Sechs erinnerte sich nicht nur an Kahlan, sie wusste sogar, wo sie sich aufhielt. An dem Schmerz, den diese Tatsache bei ihm auslöste, schien sie sich zu ergötzen. Sie drehte sich wieder nach vorn und marschierte zur Tür. »Los jetzt. Rasch.«

Da stimmte etwas nicht. Er wusste zwar nicht, was, aber er spürte es in der Macht, die sie über ihn hatte. Sie hatte einen Bann der verführerischen Beeinflussung gegen ihn eingesetzt, wie eine weiche Leine von grausamer Stärke, und dennoch war es anders als zuvor. Er fühlte diesen Unterschied. In ihrer Haltung lag etwas Gequältes. Das jedoch war es nicht, was ihn beunruhigte. Jagang hatte Kahlan. Die Frage, woher Sechs wusste, wer Kahlan war, kam ihm nicht einmal in den Sinn, weil die Bedeutung dieser Worte ihn niederschmetterte: Sie ist bei jagang.

Hätte der Sog von Sechs Richard nicht mitgezogen, wäre er auf dem Boden zusammengebrochen. Kahlan in Jagangs Händen war der schlimmste Albtraum für ihn. Blinde Panik stieg in ihm auf, während er der Hexe durch die verschlungenen düsteren Steingänge folgte. Er musste handeln und Kahlan helfen. Sie befand sich nicht nur in Gefangenschaft bei den Schwestern der Finsternis, sondern diese hatten sich zudem mit Richards und Kahlans ärgstem Feind verschworen.

Ein anderer Gedanke gewann die Oberhand - über die Sorge um Kahlan hinaus: Richard wusste, wo Jagang war. Der Kaiser marschierte nach D’Hara auf den Palast des Volkes zu. Und jetzt war Kahlan bei ihm.

Tief in Gedanken stellte er plötzlich fest, dass sie ins Freie getreten waren. Nun verstand er sofort, warum Sechs so aufgeregt war. Aus allen Richtungen strömten Soldaten auf den Hof. Es waren diejenigen, die er nachts zuvor in dem Lager gesehen hatte. Sechs fluchte vor sich hin und suchte einen Weg, wie sie den Hof verlassen konnten. An jedem Eingang drängten sich Soldaten. Der Weg zurück zum Schloss und dem Steinraum war bereits von einer Mauer aus Männern versperrt.