Die grimmigen Kerle trugen zum Teil Rüstung, zum Teil Kettenhemden oder auch nur dunkles Leder. Nietenbeschlagene Riemen kreuzten sich auf ihrer Brust und hielten Taschen mit Ausrüstungsgegenständen oder Messer in Scheiden. An dicken Ledergürteln trugen sie Äxte, Streitkolben, Morgensterne oder Schwerter. Solch bedrohliche Männer hatte Richard nie gesehen. Die Wachen in ihren Kettenhemden waren nicht so töricht, diese Streitmacht aufhalten zu wollen, insbesondere nicht angesichts ihrer Zahl.
Richard zweifelte nicht, dass es sich bei den Soldaten um Männer der Imperialen Ordnung handelte.
»Laut Vereinbarung«, sagte ein muskelbepackter Kerl, der vor Sechs hintrat, »sind wir gekommen, um zu überprüfen, ob Tamarang treu zur Sache der Imperialen Ordnung steht.«
»Ja, gewiss«, sagte Sechs. »Aber ... Ihr kommt beträchtlich eher, als es abgemacht war.«
Der Mann legte die eine Hand auf den Schwertknauf und musterte aus dunklen Augen die Anlage des Platzes. Richard bemerkte die hervorragende Qualität der Waffen und der Rüstung, und zudem fiel ihm auf, wie der Soldat sofort die Autorität an sich riss. War wohl der Kommandant.
»Wir sind gut vorangekommen«, sagte er. »Manche Städte unterwegs leisteten keinen Widerstand, deshalb sind wir schon vor dem Winter eingetroffen und nicht, wie beabsichtigt, danach.«
»Nun ... ich heiße Euch im Namen der Königin willkommen«, sagte Sechs. »Ich, also, ich wollte gerade nach ihr schauen.«
Der Kommandant trug Schulterpanzer aus Leder und einen ebenfalls ledernen Brustharnisch, der mit Mustern verziert war. Die Rüstung hatte ihren Wert offensichtlich bereits bewiesen, angesichts der Schnitte und Kratzer, die von Waffen stammten. In seinem linken Ohr steckten Ringe, Tätowierungen in Schuppenform bedeckten die rechte Gesichtshälfte, sodass es aussah, als wäre er halb Mensch, halb Reptil.
»Der Orden kämpft für die Sache des Ordens. Tamarang ist nun Teil der Imperialen Ordnung. Ich gehe doch davon aus, dass sich alle freuen, nun dem Orden anzugehören.«
Stiefeltritte auf den Steinen übertönten den Gesang der Vögel, der mit Sonnenaufgang einsetzte. Weiterhin strömten Männer in den Hof und rückten bis zu Richard auf.
»Ja, gewiss«, antwortete Sechs dem Kommandanten. Langsam schien sie ihre Gelassenheit zurückzugewinnen. »Die Königin und ich vertrauen darauf, dass Ihr die getroffenen Vereinbarungen respektieren werdet: Das Schloss wird nicht von einem Angehörigen des Ordens betreten, und das Schloss selbst bleibt in der Hand Ihrer Majestät sowie ihrer Berater und Diener.«
Der Mann starrte ihr kurz in die Augen. »Spielt keine Rolle für mich. Das Schloss können wir sowieso nicht gebrauchen.« Er blinzelte, als erstaune es ihn, einem solchen Vorschlag zuzustimmen. Er warf sich in die Brust, und sein Feuer loderte wieder auf. »Aber gemäß unserer Vereinbarung ist der Rest von Tamarang nun eine Provinz der Imperialen Ordnung.«
Sechs neigte den Kopf. Sie hatte wieder das dünne Lächeln aufgesetzt. »Gemäß der Vereinbarung.«
Richard folgte dem Gespräch nur mit halbem Ohr. Er hatte den gelockerten Griff, in dem Sechs ihn hielt, genutzt, um sich ganz zu befreien. Ihre Ablenkung hatte er wie eine Eisenstange eingesetzt und die unsichtbaren Krallen aufgehebelt. So hatte er sich eine Lücke geschaffen, die genügte, damit sein Verstand hinausschlüpfen konnte.
Jetzt war es an der Zeit, etwas für sich und Kahlan zu tun. Zwar hatte er seine Gabe und das Schwert der Wahrheit verloren, doch blieben ihm die Lektionen, die er durch die Waffe gelernt und die ihm vor allem das Leben erteilt hatte. Zudem erinnerte er sich an die Bedeutung der Symbole. Er kannte den Rhythmus des Tanzes mit dem Tod.
Mit einer Klinge wusste er immer noch umzugehen.
Er brauchte nur eine in die Hand zu bekommen.
Während Sechs und der Offizier darüber sprachen, welchen Bereich auf dem Gelände die Soldaten für sich beanspruchen durften und welchen sie meiden sollten und wo sie sich innerhalb der Stadt aufhalten könnten, schaute Richard nach hinten und sah die Schwerter mit Holzgriffen bei den Soldaten und das eines rangniedrigeren Offiziers ein wenig rechts hinter sich, welches mit einem Ledergriff ausgestattet war.
Er lächelte den Mann an, zog eine Kupfermünze aus der Tasche und ließ sie über die Finger wandern. Dann täuschte er Ungeschicklichkeit vor und ließ die Münze fallen. Er bückte sich, um sie aufzuheben, stützte die eine Hand auf den Boden, damit er das Gleichgewicht nicht verlor, und reckte sich nach der Münze. Während er diese aufhob, nahm er auch ein bisschen sandige Erde auf. Der Offizier hinter ihm beobachtete seinen Vorgesetzten, der mit Sechs redete, und blickte nur in Richards Richtung, als dieser die Münze vom Schmutz befreite und wieder in die Tasche steckte. Sechs war für den Soldaten wesentlich interessanter als dieser ungeschickte Niemand. Richard tat so, als würde er sich die Hände abwischen, doch eigentlich verteilte er die Erde auf beiden Handflächen.
Denn wenn es losginge, wollte er vermeiden, dass seine Finger vom Leder abrutschten.
Ohne sich umzudrehen, beugte er sich rückwärts zu dem rangniedrigeren Offizier hin. Der Mann hatte nur Augen für die berückende Gestalt von Sechs, die ein Netz knüpfte und den Männern sagte, was sie gern von ihnen wollte. Aus den Augenwinkeln starrte Richard auf den Griff der Waffe, die an der Hüfte des Mannes hing. Sie war besser gearbeitet als die meisten anderen.
Sechs und der Kommandant waren noch immer in ihre Unterhaltung vertieft; Richard drehte sich ein wenig und gab vor, sich zu recken. Im nächsten Moment hatte er das Schwert des rangniedrigen Offiziers aus der Scheide gezogen.
Mit einer Waffe in der Hand, einem Schwert, durchfluteten Richard sofort die Erinnerungen an die Fähigkeiten, die er in vielen Stunden der Übung erworben hatte. Die Lektionen mochten wohl teilweise aus anderweltlichen Quellen stammen, doch das Wissen selbst war nicht magisch. Es handelte sich um die Erfahrungen der zahllosen Sucher vor Richard. Und obwohl er deren einzigartige Waffe nicht führte, verfügte er weiterhin über das Wissen.
Der Offizier, der Richard offensichtlich bloß für einen Narren hielt, wollte ihm die Waffe wieder abnehmen. Richard drehte das Schwert und durchbohrte den Soldaten mit einem rückwärts geführten Stoß. Die anderen Männer gerieten nun in Bewegung. In der kühlen Morgenluft wurden Schwerter gezogen. Große Kerle lösten riesige halbmondförmige Äxte, Streitkolben oder Morgensterne von den Gürteln.
Richard war plötzlich ganz in seinem Element. Der Dunst in seinem Kopf hatte sich aufgelöst. Dass er den Teil seines Verstandes, den er sicher abgetrennt hatte, so bald heranziehen musste - nun, damit hätte er nicht gerechnet. Doch der Augenblick war gekommen, und Richard durfte nicht zögern. Dies war seine Chance. Er wusste, wo Kahlan war, und er musste zu ihr.
Diese Männer standen ihm im Weg.
Richard fuhr herum und trennte einen Arm ab, der eine Axt schwang. Der Schrei und das spritzende Blut ließen die Umstehenden zusammenzucken. In diesem Bruchteil eines Augenblicks machte Richard seinen nächsten Zug. Er erstach einen weiteren Mann, als dieser das Schwert hob. Der Gegner starb, ehe er ganz ausgeholt hatte. Richard wich den Waffen aus, die auf ihn niedergingen.
Obwohl überall um ihn herum Metall klirrte und Männer schrien, versenkte sich Richard in eine Welt der stillen Entschlossenheit. Er beherrschte die Lage. Die Männer glaubten vielleicht, sie stünden mit einer Armee gegen ihn, aber damit saßen sie gewissermaßen einer Illusion auf. Er kämpfte nicht gegen eine Armee, sondern gegen Einzelne. Sie dachten wie eine kollektive Masse, wie ein kollektives Element, und bewegten sich wie ein großer Hundertfüßler.
Das war ein Fehler, ein Fehler, den Richard gnadenlos ausnutzte. Während sie zögerten, das Handeln anderen überließen oder auf eine Blöße warteten, fuhr Richard durch sie hindurch und mähte sie nieder. Er ließ sie mit aller Kraft zuschlagen und zustoßen, während er durch den Ansturm des Stahls schwebte. Jedes Mal, wenn er einen Hieb austeilte, landete er einen Treffer. Jedes Mal, wenn er die Waffe schwenkte, folgte ein Schnitt. Es war, als würde er sich durch dichtes Buschwerk schlagen, dessen Äste nach ihm griffen. Stets behielt Richard dabei sein Ziel im Auge. Er strebte auf eine Öffnung in der Mauer zu. Obwohl er angriff, mit Finten täuschte und verschlungene Umwege in Kauf nahm, hielt er immer auf dieses Tor zu, auf seine Freiheit. Er musste es erreichen, und dann konnte er zu Kahlan.