Выбрать главу

Wie eine Sichel fuhr er durch Männer, die ihm den Weg verstellten, und wirbelte an anderen vorbei. Ihn trieb nicht der Drang, möglichst viele zu töten, sondern sein Ziel zu erreichen, das offene Tor. Befehle wurden gebrüllt, Soldaten schrien vor Wut oder Schmerz, und doch herrschte Stille in Richards Kopf. Diese Ruhe nutzte er für sich. Geschwind suchte er sich seine Opfer, und genauso geschwind machte er sie nieder. Er verschwendete keine Kraft mit Ausholen, dennoch setzte er seine Hiebe treffgenau. Dann sah er einen Anführer unter den Angreifern, einen Mann, der sich geschickter bewegte und an dem sich andere Männer im Kampf orientierten. Richard machte ihn nieder. Auf dem Weg zu dem Durchgang in der Mauer schlüpfte er durch die Lücken in ihrer Verteidigung und hieb und stach zu. In seinem unbarmherzigen Vorrücken erlaubte er sich keine Unterbrechung. Er gönnte dem Feind keine Atempause, sondern brach durch ihn hindurch. Ohne Gnade erschlug er jeden. Ob der Gegner ihm nun mit Angst oder Angriffslust begegnete, Richard brachte ihn zu Fall. Die Soldaten hatten erwartet, er würde sich durch ihre schiere Zahl und durch die Wucht ihrer Schlachtrufe einschüchtern lassen; Richard ließ das kalt. Er kannte kein Erbarmen.

Schließlich erreichte er die Tür, enthauptete den Mann links davon und dann den rechts. Endlich war der Weg frei von Soldaten der Imperialen Ordnung. Richard stürmte hindurch.

Und kam abrupt zum Stehen. Dahinter stand eine Mauer aus Bogenschützen, die mit aufgelegten Pfeilen auf Richard zielten. Die Männer mit Bögen und Armbrüsten bildeten einen Halbkreis. Er saß in der Falle. Gegen Hunderte von Pfeilen, die auf ihn gerichtet waren, und noch dazu aus solch kurzer Distanz, hatte er keine Chance.

Der Kommandant erschien in der Tür. »Höchst beeindruckend. So etwas habe ich noch nie gesehen.«

Der Mann klang tatsächlich verwundert, und trotzdem war es vorbei. Richard seufzte und warf sein Schwert zu Boden.

Der Kommandant trat vor und taxierte Richard stirnrunzelnd von oben bis unten. Hinter ihm erschien Sechs in der Öffnung der Mauer; gegen den Sonnenaufgang hob sie sich als schwarze Silhouette ab. Der Kommandant verschränkte die muskulösen Arme vor der Brust.

»Kannst du Ja’La dh Jin spielen?«

Richard hätte sich in diesem Moment keine eigenartigere Frage vorstellen können. Hinter der Mauer brüllten Schwerverletzte und flehten um Hilfe.

Richard wich vor dem Kommandanten nicht zurück. »Ja, ich beherrsche das Spiel des Lebens.«

Sein Gegenüber lächelte Richard an, weil er die Übersetzung von Ja’La dh Jin aus der Sprache des Kaisers benutzt hatte. Der Kommandant wirkte wenig betroffen angesichts der Zahl von Männern, die Richard erschlagen hatte, lächelte vor sich hin und schüttelte verwundert den Kopf. Auch Richard machte sich wegen der Toten und Verwundeten keine Vorwürfe. Sie hatten sich dieser Eroberungsarmee angeschlossen, um zu plündern, Frauen zu schänden und Menschen zu ermorden, die ihnen nichts Böses angetan hatten, Menschen, deren einzige Sünde darin bestand, nicht dem Glauben des Ordens anzuhängen und ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit führen zu wollen.

Sechs tauchte neben dem Kommandanten auf. »Ich weiß Eure Bemühungen zu schätzen, diesen äußerst gefährlichen Mann zu ergreifen. Er ist ein verurteilter Gefangener und fällt in meine Verantwortlichkeit. Seine Bestrafung wird unter persönlicher Aufsicht der Königin stattfinden.«

Der Kommandant blickte sie an. »Er hat gerade etliche meiner Männer getötet. Jetzt ist er mein Gefangener.«

Sechs erweckte den Eindruck, als würde sie im nächsten Moment Feuer speien. »Ich erlaube nicht ...«

Hunderte Pfeile gingen in die Höhe und zielten auf die Frau. Die Hexe erstarrte und verstummte und schätzte die Bedrohung ein. Wie Richard kam sie zu dem Schluss, dass sie angesichts dieser Masse von Waffen, die auf einen Wink hin abgeschossen werden konnten, keine Chance hatte.

»Der Mann ist mein Gefangener«, sagte Sechs leise, doch mit fester Stimme zum Kommandanten. »Ich wollte ihn gerade zur Königin bringen, um ...«

»Jetzt ist er mein Gefangener. Geht zurück ins Schloss. Der Hof gehört dem Orden. Hier gilt nicht länger das Wort der Königin -oder Eures. Der Mann gehört mir.«

»Aber ich ...«

»Ihr dürft Euch entfernen. Oder wollt Ihr unsere Vereinbarung brechen? Dann würden wir euch alle niedermetzeln.«

Sechs ließ den Blick über die Hunderte von schussbereiten Männern schweifen. »Gewiss gilt unsere Vereinbarung, Kommandant.« Sie sah den Mann aus den blassblauen Augen an. »Ich habe mich bislang daran gehalten, und das werdet auch Ihr tun.«

Er tippte sich an den Kopf und verneigte sich leicht. »Sehr wohl. Jetzt überlasst uns bitte unseren Pflichten. Wie vereinbart, dürft Ihr mitsamt Euren Untergebenen tun und lassen, was Ihr möchtet, und meine Männer werden Euch oder die Diener im Schloss nicht behelligen.«

Mit einem letzten giftsprühenden Blick auf Richard drehte sie sich um und stapfte davon. Zusammen mit dem Kommandanten und seinen Männern schaute Richard der Hexe hinterher, die durch die Öffnung ging und den blutigen Pfad zwischen den Sterbenden und Toten hindurchmarschierte, wobei sie diese keines Blickes würdigte, sondern stur auf den Eingang des Schlosses zuhielt. Die Männer ließen sie ungehindert durch.

Der Kommandant wandte sich an Richard. »Wie heißt du?«

Richard wusste, er durfte seinen wahren Namen nicht nennen, nicht einmal den, unter dem er aufgewachsen war. Denn in dem Fall würde man den in ihm erkennen, der er tatsächlich war. Hastig dachte er nach, welchen anderen Namen er benutzen könnte. Da fiel ihm ein, wie Zedd sich stets nannte, wenn er seine Identität verschweigen wollte.

»Ich heiße Rüben Rybnik.«

»Nun, Rüben, ich werde dir die Wahl lassen. Wir können dich bei lebendigem Leib häuten, dich auf einen Pfahl spießen, dir den Bauch aufschlitzen und dich zuschauen lassen, wie die Aasfresser sich streitend an deinen Eingeweiden gütlich tun.«

Richard wusste, ein solches Schicksal brauchte er nicht zu erdulden, denn er konnte einfach die Bogenschützen angreifen, die ihn sofort töten würden. Aber er wollte nicht sterben. Tot konnte er Kahlan nicht helfen.

»Diese Aussicht gefällt mir nicht. Habt Ihr nichts anderes anzubieten?«

Ein verschlagenes Lächeln breitete sich auf dem Gesicht des Kommandanten aus, ganz wie es sich für die Hälfte mit der Schuppentätowierung geziemte. »Ja, in der Tat. Weißt du, in den verschiedenen Abteilungen der Armee gibt es Ja’La-Mannschaften. Unsere setzt sich aus meinen Männern zusammen, dazu aus den Besten, die uns bislang über den Weg gelaufen sind - Männern, die der Schöpfer mit einer außergewöhnlichen Gabe gesegnet hat. Wie du dich durch all diese Männer gehauen hast und auf die Öffnung in der Mauer zugestrebt bist, als hättest du ein klares Ziel, das hat mich beeindruckt. Du hast dein Ziel nicht aus den Augen verloren, gleichgültig, was der Gegner dir entgegengeworfen hat ... nun, du bist eine geborene Sturmspitze.«

»Eine gefährliche Position, die Sturmspitze.«

Achselzuckend erwiderte der Kommandant: »Das ist das Spiel des Lebens. Im Augenblick fehlt uns eine Sturmspitze. Die bisherige starb im letzten Spiel. Während er einem Block auswich, hat er einen Wurf nicht gesehen, und der Broc traf ihn mit voller Wucht in die Rippen. Die haben ihm die Lungen durchbohrt. Er ist elend zugrunde gegangen.«

»Klingt nicht gerade verlockend.«

Die Augen des Kommandanten glitzerten drohend. »Wenn es dir lieber ist, kannst du dich für die erste Wahl entscheiden und den Aasfressern zuschauen, wie sie deine Gedärme verspeisen.«