»Wie bitte?«
»Heute Morgen noch vor Anbruch der Dämmerung sind Truppen der Imperialen Ordnung einmarschiert. Während ich mit Euch spreche, strömen sie weiter in den Schlosshof. Zu Tausenden oder sogar Zehntausenden - vielleicht sogar zu Hunderttausenden.«
Violet wirkte verwirrt, wollte nicht glauben, was sie da hörte, und suchte nach Worten. »Aber das ist unmöglich. In Eurer Nachricht stand, er sei eingesperrt, so wie ich es angeordnet hatte, in der Zelle, in der er mich verletzt hat.«
»Er ›war‹ dort eingesperrt. Wir sind mitten in der Nacht angekommen, und ich habe ihn Euren Wünschen entsprechend eingeschlossen. Dann habe ich Euch die Nachricht geschickt, mich um einige Angelegenheiten gekümmert und auf den Morgen gewartet.
Ich hatte ihn schon abgeholt und wollte ihn gerade zu Euch bringen, als wir auf die Soldaten der Besetzer stießen. Es handelt sich um eines dieser riesigen Vorabkommandos. Sie sind nicht hier, um zu töten und zu zerstören, sondern wollen in Tamarang einen Stützpunkt für weitere Nachschubzüge aus der Alten Welt einrichten. Sie waren offen für mein Angebot, ihnen ...«
»Was ist mit Richard?«
Sechs seufzte tief. »Es war zu spät. Ich konnte nichts daran ändern. Die Soldaten kamen aus allen Richtungen. Unsere Männer hatten keine Chance, sie aufzuhalten. Die es versuchten, wurden zur Seite gefegt. Ich hielt es für das Beste, mich selbst mit den Männern des Ordens zu befassen, um die Sicherheit für Euch und Eure Dienerschaft zu gewährleisten, solange ich noch Gelegenheit dazu hatte.
Während ich mich mit dem Kommandanten unterhielt und günstige Bedingungen im Tausch gegen Hilfe bei der Einrichtung von Nachschubrouten aushandelte, hatte Richard plötzlich ein Schwert in der Hand.«
Violet stemmte die Fäuste in die Hüften. »Was meint Ihr damit, er hatte ein Schwert in der Hand?« Mit zunehmender Wut wurde ihre Stimme schriller. »Ihr habt dafür gesorgt, dass er sein Schwert nicht mehr hat.«
»Nein, es war nicht das Schwert der Wahrheit. Ein anderes, ein ganz schlichtes Schwert. Er muss es einem Soldaten abgenommen haben, als niemand auf ihn achtete. Obwohl es eine einfache Waffe war, wusste er damit umzugehen. Plötzlich brach ein Kampf aus. Richard wütete wie der entfesselte Tod. Er hat Dutzende von imperialen Soldaten getötet. Der reinste Wahnsinn. Die Männer glaubten, sie wären in ein richtiges Gefecht verwickelt. Alle stürzten sich in den Kampf, ohne zu wissen, mit wem sie es überhaupt zu tun hatten. Binnen eines Augenblicks herrschte ein Durcheinander wie im Tollhaus.
Gegen diesen Tumult konnte auch ich nichts ausrichten. Es waren zu viele Männer, es ging zu gewalttätig zu. Um die Kontrolle zu erlangen, hätte ich einige Zeit gebraucht, aber die stand mir nicht zur Verfügung. Richard schaffte es durch die Mauer ...«
»Er ist geflohen! Jetzt ist er geflohen!«
»Nein. Vor der Mauer warteten Hunderte von Bogenschützen. Er saß in der Falle und wurde gefangen genommen.«
Violet seufzte erleichtert. »Gut. Einen Augenblick dachte ich ...«
»Nein, nicht gut. Der Kommandant wollte ihn nicht mehr freilassen. Weil Richard so viele seiner Männer getötet hat, wollte er ihn als Gefangenen behalten. Vermutlich werden sie ihn hinrichten. Den morgigen Tag wird er kaum erleben.
Im Schloss auf dem Weg nach hier oben habe ich aus dem Fenster gesehen und beobachtet, wie sie Richard in eine eiserne Kiste auf einem Wagen gesteckt haben. Sie haben ihn mit einer Kolonne Soldaten nach Norden geschickt.«
Violet blinzelte entrüstet. »Ihr habt ihn entkommen lassen? Ihr habt meine Beute von diesen Niemanden wegschleppen lassen?«
Plötzlich herrschte Stille, und Rachel sah den düsteren Blick von Sechs. In ihrem Beisein hatte die Hexe ihre Königin noch nie so angestarrt, und ihr kam der Gedanke, dass Violet ein wenig mehr Besonnenheit gut anstehen würde.
»Ich hatte keine andere Wahl«, sagte Sechs mit eiskalter Stimme.
»Hunderte von Bogenschützen haben auf mich gezielt. Deshalb konnte ich keine andere Entscheidung treffen. Mir hat es selbst nicht gefallen, ihnen Richard zu überlassen. Schließlich habe ich eine Menge Arbeit hineingesteckt.«
»Ihr hättet es verhindern sollen! Ihr habt Eure Kräfte!«
»Die reichen nicht, um ...«
»Ihr dumme Vettel! Ihr törichte, dumme nichtsnutzige schwachköpfige Eselin! Ich habe Euch eine wichtige Aufgabe anvertraut, und Ihr habt es verdorben! Ich werde Euch dafür auspeitschen lassen! Ihr seid nicht besser als meine anderen nichtsnutzigen Berater! Damit es Euch eine Lehre ist, werde ich Euch an Richards Stelle auspeitschen lassen!«
Rachel zuckte zusammen, als sie ein Geräusch wie eine Ohrfeige hörte. Violet ging zu Boden. Sie landete auf dem Allerwertesten.
»Wie könnt Ihr es wagen?«, fauchte Violet und hielt sich die Wange.
»Dafür lasse ich Euch enthaupten. Wache! Wache, schnell!«
Fast noch im gleichen Augenblick klopfte es an der Flügeltür. Sechs öffnete. Zwei Männer mit Piken sahen zur Königin, die auf dem Boden saß, und dann der Frau an der Tür in die blassblauen Augen.
»Wenn ihr noch einmal zu klopfen wagt«, zischte Sechs, »verspeise ich eure Leber roh zum Frühstück und spüle sie mit eurem Blut hinunter.«
Die beiden Männer wurden so bleich wie Sechs. »Entschuldigt die Umstände, Herrin«, sagte der eine. »Ja, entschuldigt bitte«, meinte der andere. Sie drehten sich um und verschwanden im Gang. Vor Wut knurrend, packte Sechs Violet am Haar und zog sie auf die Beine. Die Hexe versetzte ihr einen Schlag, auf den hin die Jüngere rückwärts zu Boden taumelte und eine Blutspur auf dem Teppich hinterließ.
»Du undankbarer kleiner Balg. So langsam kann ich dich wirklich nicht mehr ertragen. Ich habe mir das lange genug angesehen. Von nun an wirst du deine Zunge im Zaum halten, oder ich reiße dir heraus, was ich dir zurückgegeben habe.«
Mit den langen, knochigen Fingern griff sie Violet erneut ins Haar und zog sie hoch, dann stieß sie die Königin gegen die Wand. Rachel sah Violets Arme schlaff herabhängen. Sie machte keine Anstalten, sich zu wehren, als Sechs wieder und wieder zuschlug. Blut rann Violet aus Nase und Mund und spritzte an die Wand. Auf dem weißen Satinkleid breitete sich ein roter Fleck aus. Als die hochgewachsene Hexe die Königin losließ, sank diese zu Boden und schluchzte hilflos.
»Sei ruhig!«, brüllte Sechs, deren Wut abermals anwuchs. »Steh auf! Steh sofort auf, oder du wirst dich nie wieder erheben!«
Violet kam mühsam auf die Beine, stand schließlich vor Sechs und blickte ihr in die Augen, in denen man nicht nur Tränen, sondern auch Entsetzen sah.
Die Jüngere reckte das Kinn vor. Sie vertrieb die Angst mit ihrer Entrüstung. »Wie könnt Ihr es wagen, Eure Königin auf solche Weise zu behandeln. Ich werde ...«
»Königin?«, spottete Sechs. »Du warst immer nur eine Marionette von einer Königin. Und jetzt bist du nicht einmal mehr das. Du bist nicht mehr Königin. Noch in diesem Moment wirst du abdanken. Denn jetzt bin ich die Königin. Keine wie du, kein aufgeblasenes Dummerchen, das sich wegen seiner übertriebenen Wutanfälle für wichtig hält, sondern eine richtige Königin. Mit richtiger Macht. Königin Sechs. Verstanden?«
Als Violet trotzig zu weinen begann, versetzte Sechs ihr eine weitere Ohrfeige. Erneut spritzte Blut auf das taubenblaue Muster auf der seidigen Tapete. Abermals machte Violet keine Anstalten, den Hieb der Hexe abzuwehren.
Sechs stemmte die Hände in die knorrigen Hüften und beugte sich zu Violet vor. »Ich habe gefragt, ob du verstanden hast?«
Violet, wegen des bedrohlichen Untertons in Sechs’ Stimme der Panik nahe, nickte.
»Sag es!« Sechs schlug sie wieder. »Antworte deiner Königin anständig!«
Violet schluchzte lauter, als würde ihr das den Thron retten.
»Sag es, oder ich lasse dich bei lebendigem Leib kochen und an die Schweine verfüttern.«
»Ja ... Königin Sechs.«
»Sehr gut«, zischte Sechs und lächelte giftig. Sie richtete sich auf.
»Nun, wozu kann ich dich also noch gebrauchen?« Sie blickte an die Decke, legte den Zeigefinger ans Kinn und dachte nach. »Soll ich dich überhaupt leben lassen? Ja, ich weiß ... du wirst die Hofkünstlerin. Ein unbedeutendes Mitglied meines Stabs. Mach deine Arbeit gut, dann bleibst du am Leben. Enttäusche mich, und du wirst gekocht und an die Schweine verfüttert. Verstanden?«