Violet nickte. »Ja, Königin Sechs.«
Sechs lächelte grimmig und stolz darüber, wie schnell sie Violet gefügig gemacht hatte. Sie packte die frühere Königin am Kragen.
»Jetzt müssen wir dringend etwas erledigen. Noch können wir unser Ziel erreichen.«
»Aber wie?«, greinte Violet. »Ohne Richard ...«
»Ich habe ihm die Reißzähne gezogen. Seine Gabe gehört im Augenblick mir, und er wird davon abgeschnitten bleiben. Ich werde entscheiden, wann der rechte Zeitpunkt ist, sich mit ihm zu befassen. Was den Rest betrifft, gibt es noch einen anderen Weg, der unglücklicherweise schwieriger ist. Ursprünglich habe ich Richard benutzt, weil manches dadurch weniger kompliziert war. Außerdem hast du still und ohne Klage deine Aufgaben erfüllt, während ich dich leitete. Nun wird es aufwändiger, denn nicht nur Richard, sondern dazu einige andere Personen kommen ins Spiel, und deshalb müssen wir sofort anfangen.«
»Was für ein anderer Weg?«
Sechs schenkte ihr ein gekünsteltes Lächeln. »Du wirst einige Bilder für mich malen.« Sie öffnete die Tür mit einer Hand und zog Violet mit der anderen in den Gang. »Du musst eine Frau malen. Eine Frau mit einem eisernen Halsring.«
»Welche Frau meint Ihr?«, fragte Violet mit bebender Stimme. Rachel konnte gerade noch sehen, wie Sechs im Gang nach der Türklinke griff. »Du erinnerst dich nicht an sie. Das macht es zwar aufwändiger, aber ich werde dir Anweisungen geben, wie du die Elemente hinbekommst, die ich brauche. Allerdings hattest du nie eine so schwierige Aufgabe zu bewältigen. Ich fürchte, das stellt nicht nur deine Begabung auf die Probe, sondern auch deine Kraft und deine Ausdauer. Wenn du nicht als Schweinefutter enden willst, streng dich also an. Verstanden?«
»Ja, Königin Sechs«, antwortete Violet tränenerstickt. Damit schlug Sechs die Schlafzimmertür hinter sich zu. In der plötzlichen Stille hielt Rachel die Luft an und fragte sich, ob man sich an sie erinnern würde. Sie wartete, doch schließlich musste sie ausatmen. Violet hatte zurzeit andere Probleme, als sich darum zu kümmern, Rachel aus der Kiste zu lassen.
Sie befürchtete, sterben zu müssen. Würde irgendwer sie befreien? Würde Sechs zurückkehren und Rachel umbringen? Letzten Endes hatte Rachel doch nur zu Violets Unterhaltung gedient. Für Sechs gab es keinen Grund mehr, dieses Spiel weiterzuspielen. Denn Sechs hatte nun das Regiment übernommen.
Rachel kannte die meisten Bediensteten im Schloss. Keiner von denen würde Widerspruch erheben, wenn Sechs verkündete, dass sie nun die Königin sei. Alle hatten Angst vor Violet, weil sie gern Strafen und sogar Hinrichtungen anordnete, jedoch fürchtete man sich mehr vor Sechs, die Violets Launen unterstützte. Zudem schienen die Menschen, wenn Sechs ihnen etwas befahl, nichts anderes tun zu können als das, was sie ihnen aufgetragen hatte. Wer ihr Widerstand leistete, verschwand. Die Schweine, dachte Rachel, sahen wohlgenährt aus.
Rachel erinnerte sich daran, dass Violet keine Anstalten gemacht hatte, sich zu wehren, als Sechs sie geschlagen hatte. Rachel wusste, Sechs war eine Hexe. Hexen konnten andere einfach vergessen lassen, wie man Widerstand leistete. Man tat schlicht, was die Hexe sagte, ob man nun wollte oder nicht. Wie die beiden Wachen. Die zwei Männer hatten die Königin blutend auf dem Boden gesehen, hatten ihren Hilferuf gehört und dennoch Sechs gehorcht, nicht Violet.
51
Eine Weile lang saß Rachel in ihrer Eisenkiste, dachte nach, machte sich Sorgen und überlegte, was nun aus ihr werden würde. Dann kam ihr ein Gedanke.
Vorsichtig und leise, obwohl sie allein im Zimmer und die Tür geschlossen war, drückte sie sich gegen die Klappe und schob ein Auge an den Schlitz. Zunächst schaute sie sich um, weil sie fürchtete, die Hexe könne sie irgendwie beobachten. Manchmal kam die Hexe nachts ... in ihre Träume. Falls Sechs plötzlich wie aus dem Nichts im Raum gestanden hätte, wäre Rachel nicht einmal besonders erschrocken gewesen. Die Bediensteten munkelten viel über die Vorgänge im Schloss, die sich seit Ankunft dieser Frau ereigneten.
Aber das Zimmer war leer. Niemand war zu sehen, und schon gar keine Gestalt in schwarzer Robe.
Rachel schaute zum Schloss der Kiste. Sie starrte eine Zeit dorthin, da sie kaum fassen konnte, was sie sah.
Das Schloss hing in der Lasche, war jedoch nicht abgeschlossen. Rachel erinnerte sich, dass Violet es gerade zudrücken wollte, als Sechs an der Tür geklopft hatte, doch in der Eile hatte die frühere Königin es wohl nicht richtig zugemacht. Wenn Rachel den Bügel aus der Lasche schieben könnte, wäre sie frei und könnte aus der Kiste.
Sechs hatte Violet in die Höhle mitgenommen. Die beiden waren fort.
Rachel versuchte, die Hand durch den Schlitz zu schieben und das Schloss zu erreichen, doch es war zu weit entfernt. Sie brauchte einen Stock oder etwas Ähnliches. In ihrer Schlafkiste fand sie nichts. Wieso sollte hier auch ein Stock herumliegen? Draußen entdeckte sie vieles, was sie hätte gebrauchen können, leider aber eben draußen.
Solange der Bügel des Schlosses in dem Ring aus Stahl steckte, konnte Rachel die Klappe nicht öffnen. Genauso gut hätte das Schloss abgeschlossen sein können.
Entmutigt und aller Hoffnung beraubt, ließ sie sich wieder auf die Decke sinken. Sie vermisste Chase. Eine Weile lang hatte sie ein Leben wie im Traum geführt. Sie hatte eine Familie gehabt, einen wundervollen Vater, der auf sie aufpasste und ihr so vieles beibrachte.
Gedankenverloren zupfte Rachel an dem derben Faden, mit dem der Rand der Decke gesäumt war. Chase wäre sicherlich enttäuscht gewesen, wenn er hätte sehen können, wie rasch sie aufgab und den Kopf hängen ließ, aber was sollte sie tun? In der Kiste fand sie nichts, was ihr half, das Schloss zu entfernen. Sie hatte ein Kleid und ihre Stiefel. Die Stiefel passten nicht durch den Schlitz. Außerdem hatte sie ihre Decke. Alles andere hatte ihr Violet weggenommen. Während sie zupfte, zog sie mehr vom Saum auf. Rachel betrachtete den Faden, den sie um den Finger gewickelt hatte, und plötzlich kam ihr eine Idee.
Nun zog sie weiter, löste die Stiche und riss den Faden ab. Bald hatte sie den gesamten Saum gelöst und ein langes Stück Faden in der Hand. Den nahm sie doppelt und verzwirbelte ihn, bis er stärker wurde. Das wiederholte sie mehrmals und hatte eine steife Kordel. An das eine Ende machte sie eine Schlaufe und hockte sich wieder vor den Schlitz.
Sorgfältig schob sie die Kordel hinaus und versuchte sie über den Bügel zu bringen, um das Schloss aus der Lasche zu ziehen. Das war leichter gesagt als getan. Die Kordel war nicht schwer genug, um richtig zu zielen. Rachel probierte es auf mehrere Weisen aus, doch stets verfehlte sie das Schloss knapp. Die Schlaufe wollte sich einfach nicht über den Bügel ziehen lassen. Die Kordel war auch zu leicht, um sie zu werfen, doch gleichzeitig zu steif, sodass sie nie dort landete, wo Rachel es wollte.
Trotzdem gelang es ihr irgendwann, die Schlaufe über das Schloss zu stülpen. Allerdings lag sie nun so, dass sie den Bügel nicht aus der Lasche ziehen konnte.
Sie holte die Kordel wieder ein und feuchtete sie mit Spucke an. Die nasse Kordel war ein wenig schwerer, und nun konnte Rachel genauer zielen. Langsam begann ihre Hand zu schmerzen, da sie diese verdrehen musste, um mit der Kordel zu hantieren. Inzwischen schien sie sich den ganzen Morgen damit beschäftigt zu haben. Der verzwirbelte Faden wurde wieder trocken.
Erneut machte Rachel ihn im Mund nass. Wieder hockte sie vor dem Schlitz und unternahm den nächsten Versuch. Beim ersten Mal landete er über dem Schloss. Die Schlaufe befand sich nun direkt am Ende des Bügels.
Rachel erstarrte. So nah war sie ihrem Ziel bislang nie gekommen. Es war schwierig, die Hand durch den Schlitz zu stecken und trotzdem durch die verbliebene Lücke noch genug zu sehen. Jedoch konnte sie erkennen, dass sie, wenn sie nun zog, das Schloss nicht aus der Lasche bewegen würde.