Jetzt klebte die nasse Kordel an dem Bügel. Rachel hatte eine Idee. Vorsichtig drehte sie die Kordel zwischen Daumen und Zeigefinger. Da die Schnur am Metall klebte, rollte sie herum, bis die Schlaufe über das Ende fiel. Rachel blinzelte und schaute genau hin. Offensichtlich war die Kordel nun da, wo sie sein sollte. Rachel wagte sich kaum zu rühren, aus Angst, einen Fehler zu machen und diese einmalige Gelegenheit nicht zum Erfolg zu bringen, weil sie möglicherweise nicht ausreichend nachgedacht hatte. Chase hatte ihr stets gesagt, sie solle ihren Kopf gebrauchen - ihren Verstand, nannte er es - und dann aufgrund dieses Urteils handeln. So wie es aussah, befand sich die Schlaufe nun also an der richtigen Stelle. Sobald sie zog, müsste die Kordel sich am Bügel verhaken. Rachels Herz klopfte. Plötzlich fiel ihr auf, dass sie schnaufte.
Sie hielt den Atem an und zog mit aller Vorsicht an der Kordel. Das flache Ende des Metalls blieb hängen. Wenn sie zu stark zerrte, würde die Schnur abrutschen.
Sie senkte die Finger und änderte den Winkel ein wenig, damit die Schlaufe über den Bügel ginge und nicht von ihm abglitt. Die Kordel wurde stramm und bewegte sich in die richtige Richtung! Rachel mochte es kaum glauben. Gleichmäßig zog sie nach oben und den Bügel so durch die Lasche. Als dieser fast aus dem Metallring war, verfing sich das gekerbte Ende des Bügels in der Lasche. Rachel zerrte etwas stärker, nur ein bisschen, doch dadurch drehte sich das Schloss nun und ging nicht weiter nach oben. Sie fürchtete, zu stark zu ziehen. Dann würde die Kordel möglicherweise reißen. Sie hatte den Faden mehrfach verzwirbelt und ihn für dick genug gehalten. Die Frage war, ob es wirklich reichte, wenn sie kräftig zog. Also ließ sie ein wenig los, wodurch das Schloss ein wenig herunterkam, zog rasch wieder nach und versuchte, den Bügel durch den Ring zu rütteln.
Plötzlich glitt das Schloss aus der Lasche und fiel. Es baumelte an der Kordel und schwang an Rachels Hand hin und her. Rachel drückte, und knarrend öffnete sich die Klappe. Mit den Händen wischte sie sich die Tränen von den Wangen, die ihr vor Erleichterung kamen. Sie hatte sich befreit. Wenn Chase nur hätte sehen können, was sie geschafft hatte.
Nun musste sie aus dem Schloss fliehen, ehe Violet oder Sechs zurückkehrten. Rachel wusste nicht, ob Violet bemerkt hatte, dass sie das Schloss nicht richtig zugemacht hatte. Falls ihr das einfiel und sie es Sechs gegenüber erwähnte, würden sie bestimmt kommen. Also eilte sie zu der großen Tür, dann aber fiel ihr noch etwas ein. Sie drehte um, lief zum Schreibtisch in der Ecke und zog den Deckel in die Position, in der Violet immer darauf schrieb, wenn sie notierte, wer bestraft und wer hingerichtet werden sollte. Im Anschluss ergriff sie den goldenen Knauf der mittleren Schublade und zog sie heraus. Sie stellte sie zur Seite, langte mit der Hand in die Öffnung und tastete herum. Schließlich fühlte sie etwas Metallisches. Das holte sie heraus. Es war der Schlüssel. Violet hatte ihn noch nicht herausgenommen. Er befand sich noch dort, wo er des Nachts aufbewahrt wurde.
Erleichtert ließ Rachel den Schlüssel in einen ihrer Stiefel rutschen, schob die Schublade an ihren Platz und schloss den Deckel des Pultes.
An der Schlafkiste blieb sie stehen, machte die Klappe zu und steckte das Schloss durch die Lasche. Sie drückte das Schloss zu und zog einmal daran, um sich zu vergewissern, ob es wirklich geschlossen war - etwas, das Violet vergessen hatte. Wenn nun jemand ins Zimmer käme, würde er vermuten, dass Rachel noch in der Kiste saß. Mit ein bisschen Glück würden Sechs oder Violet nicht einmal nachschauen, und Rachel wäre längst über alle Berge, wenn ihre Flucht entdeckt wurde.
Sie rannte zu der Flügeltür, öffnete diese einen Spalt und spähte hinaus. Im Gang sah sie niemanden. Sie schlüpfte hinaus und schloss die Tür leise hinter sich.
Nachdem sie sich umgeschaut hatte, machte sie sich zur Treppe auf und lief dann, so schnell sie konnte. Im nächsten Stockwerk betrat sie einen holzgetäfelten Gang ohne Fenster und eilte zu dem Raum, der abgeschlossen sein würde. Die Spiegellampen brannten noch. Sie wurden die ganze Nacht nicht gelöscht, falls die Königin in ihr Juwelenzimmer gehen wollte. Während sie durch den Gang eilte, hüpfte sie auf einem Bein, um den Schlüssel aus dem Stiefel zu holen.
An der betreffenden Tür blickte Rachel über die Schulter. In einiger Entfernung sah sie einen Mann, der den Gang entlangging. Einer von den Dienern. Rachel kannte ihn vom Sehen, wusste jedoch seinen Namen nicht.
»Herrin Rachel?«, fragte er stirnrunzelnd, als er sie erreichte. Rachel nickte. »Ja, was gibt es?«
»Genau.« Er sah zur Tür. »Was gibt es?«
Chase hatte ihr beigebracht, Menschen, die unangenehme Fragen stellten, durch geschicktes Kontern selbst in Bedrängnis zu bringen. Auch hatte er ihr gezeigt, wie man einen Verdacht entkräftete, indem man dem anderen das Gefühl vermittelte, er führe selbst Ungutes im Schilde. Das hatten sie oft im Spiel geübt. Diesmal war es jedoch todernst.
Sie setzte ihre grimmigste Miene auf. Chase hatte ihr auch das gezeigt. Er hatte ihr gesagt, sie solle sich einfach vorstellen, ein Junge wolle sie küssen.
»Wie sieht es denn aus?«
Der Mann zog eine Augenbraue hoch. »Es sieht aus, als würdest du ins Juwelenzimmer der Königin gehen.«
»Willst du mir die Juwelen der Königin stehlen, die ich für sie holen soll? Hast du deshalb an der Ecke gelauert und gewartet, bis jemand ins Juwelenzimmer geschickt wird? Damit du sie rauben kannst?«
»Lauern - rauben - selbstverständlich nicht. Ich wollte nur wissen ...«
»Du wolltest etwas wissen?« Rachel stemmte die Hände in die Hüften. »Du wolltest etwas wissen? Bist du der Wächter über die Juwelen? Warum gehst du nicht zu Königin Violet und fragst sie, was du wissen wolltest? Bestimmt wird sie nichts dagegen haben, wenn ein Diener sie ausfragt. Wahrscheinlich lässt sie dich bloß auspeitschen und köpfen.
Ich habe etwas für sie zu erledigen und soll etwas holen. Brauche ich vielleicht Wachen, die mich und die Juwelen der Königin beschützen?«
»Wachen? Natürlich nicht...«
»Was geht dich das also an?« Sie blickte erst in die eine und dann in die andere Richtung, sah jedoch niemanden. »Wache!«, rief sie, aber nicht zu laut. »Wache! Hier will jemand die Juwelen der Königin rauben!«
Der Mann geriet in Panik, wollte sie beschwichtigen, lief jedoch dann einfach davon. Er schaute sich nicht einmal mehr um. Rachel schloss rasch auf, blickte nochmals in den Gang und schlüpfte hinein. Sie glaubte zwar, niemand habe sie gehört, aber sie wollte sich auch nicht länger hier aufhalten als notwendig. Der auf Hochglanz polierten Wand mit den kleinen Holzschubladen widmete sie keinen Blick. Dutzende und Aberdutzende dieser Schubladen waren mit Halsketten, Armreifen, Broschen, Diademen und Ringen gefüllt. Rachel ging stattdessen zu dem hübschen weißen Marmorpostament in der anderen Ecke des Juwelenzimmers. Darauf hatte einst Königin Milenas liebstes Kleinod gestanden, das edelsteinbesetzte Kästchen, das sie bei jeder Gelegenheit bewundert hatte.
Jetzt stand an dessen Stelle ein Kästchen, das aussah, als wäre es aus den düstersten Gedanken des Hüters erschaffen. Es war so schwarz, dass selbst dieser Raum voller Juwelen in Gegenwart dieses Gegenstandes von so monumentaler Bedrohlichkeit unbedeutend wirkte.
Rachel hatte schon Königin Milenas juwelenbesetztes Kästchen nie gern berührt. So scheute sie sich umso mehr, dieses in die Hand zu nehmen.
Dennoch musste es sein.
Rachel wusste, Eile war geboten, wenn sie ihre Fluchtchance nicht verspielen wollte. Sie hatte keine Ahnung, wann Violet sich daran erinnern würde, dass sie die Schlafkiste nicht abgeschlossen hatte. Vielleicht würde sie es Sechs erzählen - oder Sechs würde einfach ihre Gedanken lesen. Rachel war überzeugt, dass Sechs diese Fähigkeit besaß. Wenn sie erfuhr, dass Rachel nicht eingeschlossen wäre, würden sie zurückkommen.