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Rachel nahm das schwarze Kästchen von dem weißen Marmorpostament und stopfte es in den Lederbeutel, der an der Wand hing. Es war der gleiche Beutel, in dem Samuel Sechs das Kästchen gebracht hatte.

Auf dem Weg zur Tür blieb Rachel vor dem hohen holzgerahmten Spiegel stehen. Sie mochte sich gar nicht anschauen, vor allem nicht ihr Haar, das Violet schrecklich geschnitten hatte. Als sie damals im Schloss gelebt hatte und noch Prinzessin Violets Spielgefährtin war, hatte man Rachel nicht erlaubt, sich das Haar wachsen zu lassen, denn sie war doch nur ein Niemand. Sobald man Rachel Violet zurückgebracht hatte, holte ihre Herrin sofort eine große Schere und schnitt Rachel das lange blonde Haar ab. Jetzt konnte sich Rachel zum ersten Mal richtig anschauen.

Sie wischte sich Tränen von den Wangen.

Chase hatte ihr damals gesagt, dass sie sich das Haar wachsen lassen müsse, wenn sie seine Tochter sein wolle. Und gewachsen war es, lang und üppig während der vergangenen zwei Jahre, und damit hatte sich Rachel richtig als seine Tochter gefühlt. Jetzt war das Haar wieder kurz, und trotzdem sah sie nicht mehr so aus wie beim letzten Mal, als sie in diesem Zimmer gestanden und Zauberer Giller geholfen hatte, das juwelenbesetzte Kästchen der Ordnung zu stehlen. Ihre Gesichtszüge hatten sich verändert, wirkten weniger kindlich, weniger ... niedlich. Sie kam jetzt in das schlaksige Alter, wie Chase es nannte, ehe sie zu der weiblichen Schönheit erblühen würde, die sie eines Tages zu werden versprach. Dieser Tag schien jedoch noch in unvorstellbarer Ferne zu liegen. Außerdem würde ihr ohne Chase niemand beim Großwerden zuschauen.

Aber Chase war tot, und ihr hatte man wieder das Haar geschnitten. Violet hatte es nicht nur gekürzt, sondern regelrecht verstümmelt, hatte hier eine Strähne oder eine Locke stehen lassen und dort bis auf die Haut geschoren. Rachel sah aus wie ein räudiger Hund auf dem Misthaufen. Doch Rachel entdeckte auch etwas anderes in dem Spiegeclass="underline" die Frau, die sie eines Tages sein würde, die Frau, die Chase ihr prophezeit hatte.

Was würde Chase denken, wenn er sie nun mit diesem Stoppelhaar sehen würde?

Rachel verdrängte den Gedanken und schwang sich den Lederbeutel über die Schulter. Sie öffnete die Tür einen Spalt, spähte in den Gang, zog die Tür weiter auf und blickte in die andere Richtung. Alles leer. Sie eilte hinaus und verschloss die Tür hinter sich. An die Gänge und Flure im Schloss erinnerte sie sich ebenso gut wie an Chases Lächeln, zu dem sie ihn stets bringen konnte, selbst wenn er ernst bleiben wollte. Das hatte ihr am besten gefallen, wenn er lachte, obwohl er sie eigentlich böse angucken wollte. Sie nahm die Dienstbotentreppe, denn dort würde sie den wenigsten Wachen begegnen. Die hielten sich überwiegend in den Hauptgängen auf. Jedermann ging seiner Arbeit nach. Bisher hatte niemand erfahren, dass es eine neue Königin gab.

Waschfrauen trugen ihre Bündel, tratschten und schauten Rachel kaum an. Männer mit Vorräten zollten ihr keinerlei Aufmerksamkeit. Rachel vermied es, ihnen in die Augen zu sehen, damit keiner eine Frage stellte.

Schließlich erreichte sie die Tür, die zu einem Seitengang des Schlosses führte. Sie bog um die Ecke und stand geradewegs vor zwei Wachen. Die trugen rote Wappenröcke über dem Kettenhemd und Piken mit blanken Spitzen. Am Gürtel eines jeden hing ein Schwert.

Rachel erkannte sofort, dass die zwei sie nicht durchlassen würden, ohne erfahren zu wollen, was sie hier zu tun und welches Ziel sie hatte.

»Ihr müsst fort von hier!«, rief Rachel ihnen entgegen. »Schnell!«

Sie drehte sich um und zeigte nach hinten. »Die Soldaten der Imperialen Ordnung dringen in das Schloss ein - dort hinten!«

Einer der beiden stützte sich auf seine Pike. »Von denen haben wir nichts zu befürchten. Die sind unsere Verbündeten.«

»Sie wollen die Wachen der Königin enthaupten! Ich habe gehört, wie der Kommandant den Befehl gegeben hat! Enthauptet sie alle, hat er gesagt! Die Soldaten haben ihre großen Streitäxte gezückt. Ihnen wurde versprochen, sie dürften das Eigentum der Männer behalten, die sie enthaupten. Schnell! Sie kommen! Rettet euch!«

Beiden stand der Mund offen.

»Dort entlang!«, schrie Rachel und zeigte auf die Dienstbotentreppe.

»Da werden sie nicht nachschauen. Schnell! Ich warne die anderen!«

Die Männer nickten ihr dankbar zu und rannten auf die Tür zur Dienstbotentreppe zu. Nachdem sie verschwunden waren, lief auch Rachel los, erreichte rasch die Tür und - hatte das Schloss verlassen. Sie schlug den Weg ein, den die Bediensteten benutzten, wenn sie Besorgungen in der Stadt zu erledigen hatten. Überall patrouillierten stämmige Soldaten, Furcht erregende Männer, doch sie schienen an den Dienern kein Interesse zu haben, also gesellte sich Rachel zu einigen Zimmerleuten und ging neben ihrem großen Karren. Das Gesicht verbarg sie hinter der Ladung, die aus Brettern bestand. Die Soldaten widmeten den Dienstboten, die ihrer Arbeit nachgingen, nur wenig Aufmerksamkeit, meistens begafften sie nur die hübscheren Frauen. Rachel hielt den Kopf gesenkt. Bei ihrem schlecht geschorenen Haar sah sie aus wie ein Niemand, und keiner der Soldaten hielt sie an.

Hinter der großen Steinmauer begleitete sie die Zimmerleute weiter, bis sie durch ein Wäldchen kamen. Rachel blickte über die Schulter und sah, dass keiner der Soldaten in ihre Richtung schaute. Schnell wie eine Katze verschwand Rachel zwischen den Bäumen. Zwischen den Balsamtannen und Kiefern begann sie zu laufen. Sie suchte sich Wildwechsel durch das Dickicht und bewegte sich in westliche und nördliche Richtung. Sobald sie zu laufen angefangen hatte, erfasste sie Panik und trieb ihre Beine zu größter Eile an. Rachel konnte nur noch an Flucht denken. Dies war ihre Chance. Sie musste sich beeilen.

Wenn die Soldaten der Imperialen Ordnung sie hier draußen erwischten, würde sie in arge Schwierigkeiten geraten. Zwar war sie sich nicht sicher, was mit ihr geschehen würde, aber eine ungefähre Vorstellung hatte sie schon. Chase hatte ihr in einer dunklen Nacht am Lagerfeuer erzählt, was solche Männer mit ihr anstellen würden. Er hatte ihr gesagt, sie solle solchen Kerlen nicht in die Fänge geraten. Falls es ihr jedoch trotzdem passieren würde, solle sie mit allem kämpfen, was ihr zur Verfügung stand. Chase hatte betont, er wolle ihr keine Angst machen, sondern er sei nur um ihre Sicherheit besorgt. Trotzdem weinte sie und fühlte sich erst besser, als er schützend den starken Arm um sie legte.

Ihr fiel auf, dass sie nichts hatte, mit dem sie sich verteidigen konnte. Die Messer hatte man ihr weggenommen. Wäre sie doch klüger gewesen und hätte in Violets Zimmer nach ihnen gesucht! Doch sie war so sehr darauf erpicht gewesen, das Schloss zu verlassen, dass sie überhaupt nicht daran gedacht hatte. Zumindest hätte sie sich in der Küche ein Messer besorgen können. Allerdings war sie in ihrer Freude über das gelungene Kunststück mit der Kordel losgezogen, ohne auch nur einmal an eine Waffe zu denken. Chase wäre vermutlich wütend genug, um wieder zum Leben zu erwachen und sie für ihre Gedankenlosigkeit zu schelten. Ihr Gesicht glühte vor Scham.

Abrupt blieb sie stehen, als sie einen dicken Ast auf dem Boden liegen sah. Den hob sie auf und prüfte die Härte. Er schien geeignet zu sein. Sie schlug damit gegen eine Tanne, und er gab einen dumpfen Knall von sich. Der Ast war zwar ein wenig zu schwer, um ihn bequem tragen zu können, doch immerhin hatte sie jetzt eine Waffe.

Sie trabte weiter, wenn auch ein wenig langsamer, denn sie wollte so viel Abstand wie möglich zwischen sich und das Schloss bringen. Wann man ihr Verschwinden bemerken würde, wusste sie nicht, und auch nicht, ob Sechs eine Möglichkeit hatte, ihrer Spur zu folgen. Rachel fragte sich, ob Sechs vielleicht dazu fähig war, in eine Schale mit Wasser zu blicken und Rachel aufzuspüren. Daraufhin lief sie wieder schneller.

Am frühen Nachmittag stieß sie auf einen größeren Weg. Er schien ungefähr in Richtung Norden zu führen. Aydindril lag, wie sie wusste, irgendwo im Norden. Ob sie einen Ort in so weiter Ferne finden würde, war die Frage, doch ein anderes Ziel wollte ihr nicht einfallen. Wenn sie zur Burg zurückkehren könnte, würde Zedd ihr helfen.