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Vollkommen in ihre Gedanken versunken, bemerkte sie den Mann nicht, ehe sie beinahe mit ihm zusammenprallte. Sie blickte auf und sah einen Soldaten der Imperialen Ordnung.

»Na, na, was haben wir denn da?«

Als er nach ihr greifen wollte, schwang Rachel ihren Stock mit aller Kraft und schlug dem Kerl vors Knie. Er schrie auf, ging zu Boden, umklammerte sein Knie und verfluchte sie.

Rachel stürmte los. Sie schlug wieder die Wildwechsel ein, weil sie kleiner war und dort schneller vorankam als große Männer. Plötzlich klang es, als wäre ein Dutzend Soldaten hinter ihr her. Sie brachen laut durch das Buschwerk. Den Mann, dem sie vors Knie geschlagen hatte, hörte sie ganz weit hinten fluchen und seine Kameraden auffordern, Rachel zu fangen.

Außer Atem und nahezu entkräftet erreichte sie eine Lichtung, auf der ihr weitere Männer den Weg versperrten. Alle liefen auf sie zu. Rachel schlug einen Haken und rannte weiter. Überall schienen Soldaten zu sein. Sie geriet in Panik, weil sie keine Ahnung hatte, wie sie ihnen entkommen sollte.

Dann hörte sie einen Mann stürzen. Sie schaute sich nicht um, rannte einfach weiter. Sie hörte einen zweiten fallen und kurz schreien, bevor er verstummte. Rachel fragte sich, ob sie vielleicht in Löchern stecken geblieben waren oder sich mit den Füßen in niedrigen Schlingpflanzen verfangen hatten.

Ein weiterer Mann stieß ein Grunzen aus. Diesmal blieb Rachel stehen und wandte sich kurz um. Der Mann war weder gestolpert noch hatte er sich den Knöchel verdreht. Diesen Laut hatte er im Sterben von sich gegeben. Rachel starrte mit großen Augen zurück. Wieder schrie ein Soldat, als würde er bei lebendigem Leib gehäutet. Was mochte dies für ein Wald sein und welche Ungeheuer waren darin unterwegs? Sie wandte sich nach vorn und lief los. Wenn die Männer sie erwischten, hatte sie keine Chance. Obwohl sie nicht wusste, was da hinten vor sich ging, musste sie den Soldaten entkommen, denn die würden ihr glatt die Kehle durchschneiden, weil sie ihnen diese Schwierigkeiten bereitet hatte.

Plötzlich sprangen drei Männer mit wütendem Gebrüll aus dem Unterholz. Rachel stieß einen Schrei aus und rannte aus Leibeskräften, von Angst getrieben. Die Männer hatten jedoch längere Beine und holten rasch auf.

Einer blieb unvermittelt stehen. Rachel blickte über die Schulter und sah, wie der Mann den Rücken wie vor Schmerzen krümmte. Dann entdeckte sie, dass ein fußlanges Stück Stahl aus seiner Brust ragte. Die anderen beiden wandten sich dem unerwarteten Angreifer zu. Als der durchbohrte Soldat zu Boden ging, sah Rachel, wer hinter ihm stand. Ihr fiel die Kinnlade herunter.

Chase! Leibhaftig und in voller Lebensgröße.

Das konnte sie nicht begreifen.

Die beiden Männer griffen ihn an. Chase kämpfte mit raschen, kraftvollen Hieben gegen sie und erledigte sie, als würde er Ungeziefer verscheuchen. Doch nun strömten weitere Soldaten der Imperialen Ordnung aus dem Wald heran. Mindestens ein halbes Dutzend der großen Kerle griffen den noch größeren Grenzer an. Rachel rannte zurück, während Chase gegen alle Männer auf einmal kämpfte. Er tötete einen, doch auf der anderen Seite nutzte der nächste die Blöße und ging auf Chase los. Rachel schlug ihm ihren Prügel von hinten in die Knie. Seine Beine knickten ein. Chase fuhr herum, durchbohrte den Kerl und wandte sich dem erbitterten Angriff der übrigen Männer zu, die, vor Anstrengung grunzend, den Hünen niederzumachen versuchten. Sie fletschten die Zähne und knurrten und versuchten Chases Arme zu packen, damit ihn einer erstechen konnte. Rachel schlug mit aller Kraft auf sie ein, jedoch ohne Erfolg.

Von einem der Toten holte sich Rachel ein Messer und stach auf die Beine eines Mannes ein, der Chase von hinten angriff. Der Kerl schrie auf und drehte sich um. Chase erledigte ihn im nächsten Moment.

Plötzlich herrschte, abgesehen von Rachels und Chases Keuchen, Stille. Alle Männer waren tot.

Sie stand da und starrte Chase an. Immer noch mochte sie ihren Augen nicht trauen. Sie fürchtete, er würde wieder verschwinden wie ein Phantom.

Er blickte sie an, und dann breitete sich dieses wundervolle Lächeln auf seinem Gesicht aus.

»Chase, was machst du hier?«

»Ich wollte nur mal schauen, ob es dir gut geht.«

»Gut geht? Ich wurde im Schloss gefangen gehalten. Dich habe ich für tot gehalten. Ich musste mich selbst retten. Wo hast du so lange gesteckt?«

Er zuckte mit den Schultern. »Ich wollte dir nicht den Spaß verderben. Außerdem hast du es doch allein geschafft.«

»Also«, sagte sie ein wenig verblüfft, »ich hätte schon Hilfe gebrauchen können.«

»Tatsächlich?« Ihre Klage schien ihn wenig zu bedrücken. »Du scheinst doch alles hinbekommen zu haben.«

»Du hast ja keine Ahnung. Es war schrecklich. Sie haben mich wieder in die Kiste gesperrt und meine Zunge festgeklemmt, damit ich nicht sprechen konnte.«

Chase sah sie von der Seite an. »Wahrscheinlich hast du dieses Zungenschloss nicht mitgebracht, oder? Hört sich wie ein ganz nützliches Gerät an.«

Rachel grinste und umschlang ihn in Bauchhöhe. Als sie ihn kennen gelernt hatte, musste sie noch seine Beine umarmen, weil sie nicht höher langen konnte. Sie genoss den Trost, seine große Hand auf dem Rücken zu spüren. Endlich schien die Welt wieder im Lot zu sein.

»Ich dachte, du wärest tot«, sagte sie und fing an zu weinen. Er zerzauste ihr das abgeschnittene Haar. »Das würde ich dir niemals antun, Kleines. Ich habe doch versprochen, auf dich aufzupassen, und das habe ich ernst gemeint.«

»Ich schätze, dann muss ich jetzt wieder deine Tochter sein.«

»Denke ich auch. Obwohl dein Haar wirklich hässlich ist. Lass es dir wieder wachsen, wenn du bei mir bleiben willst. So wirst du es jedenfalls nicht mehr schneiden, wenn du meine Tochter sein möchtest. Das habe ich dir schon mal gesagt.«

Rachel grinste trotz der Tränen. Chase lebte!

52

Dicht gefolgt von Cara trat Nicci durch die große messingbeschlagene Tür, in die über und über kunstvolle Symbole graviert waren. Blitze zuckten vor dem Dutzend halbrunder Fenster zwischen den hohen Mahagonisäulen und erhellten die Regalreihen in dem riesigen Saal. Es war ihnen lediglich gelungen, die schlimmsten Schäden der zwei Stockwerke hohen Fenster zu reparieren - was hoffentlich genügte, um den Raum wieder als Eindämmungsfeld benutzen zu können. An manchen Stellen wurden die dunkelgrünen schweren Vorhänge mit den Goldfransen nass, wenn stärkere Windböen durch die gebliebenen Löcher den Regen hereinwehten.

Als Nicci sah, was über dem großen Tisch in der Mitte schwebte, dort, wo sie selbst auch geschwebt hatte, hoffte sie, ein wenig Regen sei alles, was durch die fehlenden Fensterscheiben hereinkäme. Zedd kam ihr entgegen und legte ihr die Hand auf die Schulter. Die Verzweiflung war ihm von den Augen abzulesen.

»Habt Ihr ihn gefunden? Er lebt, nicht wahr?«

Nicci holte tief Luft. »Zedd, er hat den Zwischenfall in der Sliph überlebt. Zumindest das habe ich herausgefunden.«

Die Sliph hatte es ihnen erzählt. Rikka war dort gewesen und hatte den Schacht bewacht, als die Sliph unerwartet zurückgekehrt war. Alle wurden davon überrascht, und vor allem davon, dass sie ihnen erzählte, was geschehen war.

Das silberne Geschöpf war ganz versessen darauf, ihnen zu berichten, was mit Richard geschehen war, jedenfalls bis zu einem bestimmten Punkt. Dabei wollte sie gar nicht unbedingt loswerden, wo sie mit einem ihrer Reisenden gewesen war, sondern Richard, ihr Meister, hatte ihr aufgetragen, ihnen mitzuteilen, wohin er aufgebrochen war und dass er sich in Sicherheit befand. Seine Bitte erfüllte sie nur zu gern.

Unglücklicherweise war die Sliph vom Wesen her verschwiegen, und deshalb war es nicht möglich, weitere Antworten aus ihr hervorzulocken. Zedd hatte gesagt, die Sliph sei nicht böse; sie konnte einfach nicht anders handeln, weil man sie so erschaffen hatte. So war sie eben. Sie würden sich also, meinte er, mit dem, was die Sliph berichtete, zufrieden geben und ihr Bestes tun müssen, um so viel wie möglich von ihr zu erfahren.