»Richard Rahl hat recht.«
Zedd zuckte nur mit den knochigen Schultern. »Aber ich wollte sehen, ob ich dafür einen Beweis finde. Diese Sache mit den Emblemen, von der Richard redete, habe ich nicht verstanden. Ich glaube ihm auch, aber ich verstehe nicht, wie er in Symbolen eine Sprache erkennen kann, wie er zu seiner Schlussfolgerung gelangt ist. Deshalb brauchte ich einen nachvollziehbaren Beweis.«
Nicci verschränkte die Arme und starrte die Zwillingsbannform an.
»Ich denke, ich weiß, wie Ihr Euch fühlt. Ich glaube ihm ebenfalls, und was er sagt, klingt meistens logisch, aber manchmal komme ich nicht mehr mit, wie eine Novizin, die über etwas geprüft wird, in dem sie noch nicht unterrichtet wurde. Als Richard ...«
Nicci verstummte. Sie öffnete die Arme wieder.
»Zedd, diese beiden Bannformen sind nicht gleich.«
Er grinste verschmitzt. »Ich weiß.«
Nicci trat näher an den Tisch und die beiden Formen aus leuchtenden Linien. Sie untersuchte sie genauer. Dann zeigte sie auf eine.
»Dies ist der Feuerkettenbann. Den erkenne ich. Der andere ist identisch, aber nicht derselbe. Er ist ein Spiegelbild des eigentlichen Banns.«
»Ich weiß.« Zedd wirkte ausgesprochen stolz auf sich.
»Das ist unmöglich.«
»Habe ich auch gedacht, doch dann fiel mir ein Buch ein mit dem Titel Das Buch der Umkehrungen und Dopplungen ...«
Nicci fuhr zu dem alten Zauberer herum. »Ihr wisst, wo Das Buch der Umkehrungen und Dopplungen ist?«
Zedd machte eine vage Geste. »Nun ja, ich habe eine Abschrift in die Finger bekommen.«
Nicci beäugte ihn misstrauisch. »Eine Abschrift in die Finger bekommen?«
Zedd räusperte sich. »Also, es geht darum«, sagte er, nahm sie am Arm und drehte sie wieder auf die leuchtenden Linien zu, »ich habe das Buch vor vielen, vielen Jahren gelesen, und ich konnte mich daran erinnern, dass es von Techniken handelte, mit denen man Bannformen verdoppeln kann. Damals habe ich den Sinn nicht verstanden. Warum sollte jemand eine Bannform verdoppeln wollen?
Aber da war noch etwas. Das Buch enthielt außerdem Anweisungen, wie man eine Bannform umkehrt, nachdem sie verdoppelt worden war. Das war das Verrückteste, von dem ich je gehört hatte. Zu dem Zeitpunkt warf ich das Buch mit seinen obskuren Verfahren in die Ecke. Wozu sollte es gut sein? Wer brauchte das? Niemand, so glaubte ich damals.«
Er hob den Zeigefinger. »Und dann, als ich über die Möglichkeit einer Verunreinigung durch die Chimären nachdachte und mir überlegte, wie man Richards Theorien beweisen könnte, erinnerte ich mich plötzlich an dieses Buch, und mir ging ein Licht auf. Ich wusste, warum jemand den Wunsch haben könnte, eine Bannform zu verdoppeln und umzukehren.«
Nicci hatte Probleme, ihm zu folgen. »Also gut, ich gebe auf. Warum?«
Zedd zeigte aufgeregt auf die beiden Bannformen. »Deshalb. Seht genau hin. Die eine ist das Original, das der ähnelt, in der Ihr wart, aber ohne einige der komplexeren und instabileren Elemente.« Zedd fuchtelte mit der Hand herum und gab so zu verstehen, dass es darum eigentlich nicht ging. »Für unsere Zwecke brauchen wir sie nicht. Dies hier ist exakt der gleiche Bann, verdoppelt und umgekehrt. Eine Kopie.«
»So weit verstehe ich«, meinte Nicci, »aber welchen Sinn könnte eine so seltsame Analyse haben?«
Zedd lächelte wissend und tippte ihr mit dem Zeigefinger auf die Schulter. »Fehler.«
»Fehler? Was ist mit ...« Nicci stockte der Atem, als sie begriff.
»Wenn man einen Bann verdoppelt und anschließend umkehrt, wird sich der Fehler nicht umkehren!«
»Richtig«, sagte Zedd, blinzelte schelmisch und hob belehrend den Zeigefinger. »Der Fehler wird sich nicht umkehren. Die Bannform ist ja nur eine Darstellung des Banns, ein Ersatz für etwas Reales. Deshalb kann man sie manipulieren - umkehren. Es ist nicht der wirkliche Bann; einen richtigen Bann kann man nicht umkehren. Aber Fehler sind dem Einfluss der Magie in Büchern mit Anleitungen nicht unterworfen - sondern nur die bestimmte beabsichtigte Magie. Der Fehler ist real. Der Fehler bleibt, wie er ist.«
Zedd wurde ernst, denn schließlich ging es um ein heikles Thema.
»Wenn die Bannform einmal ausgelöst wurde, beinhaltet sie den gleichen Fehler, aber wenn man sie umkehrt, kehrt sich der Fehler nicht um, denn er ist ja real und kein Ersatz für etwas Reales wie Bannformen. Vergesst nicht, diese Verunreinigung hätte Euch beinahe umgebracht.«
Nicci blickte von Zedds eindringlichen braunen Augen zu den leuchtenden Bannformen. Sie waren gespiegelt. Nicci überprüfte das Gebilde und sah, dass jede Linie und jedes Element bei der anderen Bannform gleich war, nur eben andersherum.
Und dann entdeckte sie es.
»Da.« Sie zeigte darauf. »Dieser Teil ist bei beiden Bannformen identisch. Es ist nicht umgekehrt. Kein Spiegelbild. Hier ist er gleich, während alles andere umgekehrt ist.«
»Exakt«, triumphierte Zedd. »Das Buch der Umkehrungen und Dopplungen hat also den Sinn, Fehler aufzudecken, die man ansonsten nicht sieht oder findet.«
Nicci starrte den alten Mann an und sah ihn in einem ganz neuen Licht. Zedd beugte sich vor und zog Nicci mit sich. »Seht hier. Erkennt Ihr das?«
»Der Teil, der nicht umgekehrt ist?« Nicci schüttelte den Kopf.
»Nein. Was ist das?«
»Die Verunreinigung, die von den Chimären hinterlassen wurde. Das hier erkenne ich. Es ist die Spinne im Netz der Magie.«
Nicci richtete sich auf. »Es beweist also, dass Richard recht hat.«
»Ja, der Junge hat recht«, stimmte Zedd zu. »Auch wenn ich nicht weiß, wie er darauf gekommen ist. Nachdem es jetzt so isoliert ist, kann ich die Korrosion der Chimären erkennen, so wie ich rotbraune Rostflocken erkennen kann. Er hat es aus der Sprache der Linien herausgelesen. Der Bann ist verunreinigt, und die Quelle der Verunreinigung sind die Chimären. Mit diesem Mechanismus höhlen die Chimären Magie aus und zerstören sie. Wenn dieser Bann damit infiziert ist, trifft das vermutlich auf andere Magie ebenfalls zu.«
»Und das tötet die Irrlichter?«, fragte Cara.
»Ich fürchte, ja«, antwortete Zedd. »Die Eichen um ihr Land sind mit einer Schutzmagie ausgestattet. Dass sowohl die Eichen und die Irrlichter sterben, ist höchst verdächtig.«
Nicci ging zu den Fenstern und betrachtete durch das trübe Glas die Blitze. »Wesen der Magie sterben aus. So wie Richard es gesagt hat.«
Sie vermisste ihn so sehr, und der Schmerz fiel wie ein Schatten des Todes auf ihre Seele. Sie fühlte sich, als würde sie verdorren und sterben, wenn sie ihn nicht bald fanden. Ohne ihn konnte sie nicht existieren, ohne das Leben, das aus seinen Augen strahlte.
»Zedd, meint Ihr, er hatte auch mit den anderen Sachen recht? Glaubt Ihr, es gab wirklich Drachen, und wir haben sie nur vergessen? Hat Richard damit recht, dass die Welt, wie wir sie kennen, langsam ins Reich der Legende verschwindet?«
Zedd seufzte. »Ich weiß es nicht, meine Liebe, wirklich nicht. Ich wünschte mir, der Junge würde sich irren, aber schon vor langer Zeit habe ich die Erfahrung gemacht, dass man nicht gegen ihn setzen sollte.«
Nicci lächelte vor sich hin. Die Erfahrung hatte sie auch gemacht.
53
»Nicci«, sagte Zedd zögerlich und fuchtelte vage herum auf der Suche nach Worten, »Ihr seid ... also, Ihr schätzt Richard genauso sehr wie ich und fühlt die gleiche Hingabe und Treue zu ihm. In vielerlei Hinsicht scheint Ihr fast wie ...« Er nahm die Hände hoch und ließ sie wieder fallen. »Ich weiß auch nicht.«
»Zedd, Ihr, Cara, ich - wir alle lieben Richard, wenn Ihr das sagen wollt.«
»Ich glaube, darum geht es. Ich kann mich nicht an Kahlan erinnern, aber ich stelle mir vor, ich muss von Euch so denken, wie ich mir nur vorstellen kann, von ihr gedacht zu haben, also dass Ihr mehr seid als nur eine Vertraute, die im gleichen Kampf Seite an Seite mit ihm steht.«
Nicci fühlte sich, als hätte sie der Blitz getroffen. Sie wagte nicht einmal über den emotionalen Sprengstoff dieser Worte nachzudenken. Mit großer Mühe bewahrte sie die Fassung, legte nur die Stirn in Falten und fragte schließlich: »Worauf wollt Ihr hinaus?«