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»Wie Cara und Richard halte ich sehr viel von Euch, insbesondere im Vergleich zu dem, was ich am Anfang über Euch dachte. Ich vertraue Euch, sagen wir einmal, wie ich einer Schwiegertochter vertrauen würde.«

Nicci schluckte. »Danke, Zedd. Angesichts meiner Herkunft und angesichts dessen, was ich selbst am Anfang dachte, bedeutet mir das mehr, als Ihr Euch vorstellen könnt. Menschen zu haben ...«

Sie räusperte sich und schaute schließlich auf. Obwohl seine Worte sie getroffen hatten, sah sie darin nicht die eigentliche Bedeutung, sondern eher die Vorrede zu etwas Wichtigerem. »Wollt Ihr mir etwas mitteilen?«

Er nickte. »Ich habe noch etwas erfahren. Etwas ziemlich Beunruhigendes. Ich würde sonst niemandem davon erzählen, aber, also, außer Richard selbst gibt es keinen, dem ich mehr vertrauen würde als Euch und Cara. Ihr beide seid im Laufe der Zeit zu mehr als Freunden geworden. Ich möchte nur einfach zum Ausdruck bringen, wie viel...«

Sein Satz verhallte unbeendet, und er starrte ins Leere. Nicci legte ihm sanft die Hand auf die Schulter. »Wir bekommen ihn zurück, Zedd, das verspreche ich Euch. Aber Ihr habt recht, was unsere Gefühle für ihn angeht. Richard hat mein Leben vollständig auf den Kopf gestellt. Wenn es etwas gibt, über das Ihr reden wollt, würde ich meinen, Ihr könnt Cara und mir fast so sehr vertrauen wie Richard. Wollt Ihr darauf hinaus? Wir empfinden das Gleiche für ihn und unsere Sache. Ich ... nun« - sie legte die Fingerspitzen aneinander -, »Ihr wisst, was ich meine.«

Nicci spürte, wie sie errötete, weil sie befürchtete, zu viel preisgegeben zu haben.

»Was ich versuche zu sagen«, fuhr Zedd schließlich fort, »ist Folgendes: Ich brauche eure Hilfe, und ich wollte euch sagen, wie viel ihr beide mir bedeutet - denn diese Dinge enthülle ich euch nicht leichtfertig oder aus einer Laune heraus. Mein ganzes Leben lang habe ich Geheimnisse gewahrt, einfach, weil sie gewahrt werden mussten. Das ist nicht sehr einfach, aber so ist es nun einmal. Die Zeiten haben sich jedoch geändert, und jetzt kann ich bestimmtes Wissen nicht mehr für mich behalten. Es steht so viel auf dem Spiel, mehr als jemals zuvor.«

Nicci nickte und wandte dem Zauberer ihre volle Aufmerksamkeit zu. »Ich verstehe. Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um Euer Vertrauen in mich nicht zu enttäuschen.«

Zedd schürzte die Lippen. »Dieses Buch, Das Buch der Umkehrungen und Dopplungen, war an einem Ort versteckt, von dessen Existenz außer mir niemand weiß. Es befand sich in den Katakomben unter der Burg.«

Nicci blickte Cara an. »Zedd«, fragte sie, »wollt Ihr sagen, unter der Burg gebe es Gebeine? Und zudem Bücher?«

Zedd nickte. »Eine Menge Bücher. Dort habe ich Das Buch der Umkehrungen und Dopplungen gefunden.«

Er trat ein paar Schritte zur Seite und starrte zu den Fenstern, in denen das Licht des Sturms jenseits des Eindämmungsfeldes flackerte. »Niemand, den ich kenne, wusste je von dem Ort der Gebeine dort unten. Ich habe ihn als Junge gefunden. Seit Urzeiten war dort keiner mehr gewesen. Im Staub Tausender von Jahren ließ sich nicht ein einziger Fußabdruck entdecken. Ich war der Erste, der seine Spuren in diesem uralten Staub hinterließ. Die Bedeutung dieser Tatsache brauchte man mir nicht erst erklären. Als Junge machten mir diese Katakomben eher Angst. Ich war aufgeregt, weil ich einen Weg zurück in die Burg suchte. Als ich die Katakomben entdeckte, war mir instinktiv klar, dass sie nicht ohne guten Grund verborgen worden waren, und so sehr ich manchmal in Versuchung geriet, habe ich doch nie mit jemandem darüber gesprochen. Es fühlte sich fast an, als hätte mir der Ort Zutritt gewährt, aber nur im Tausch gegen mein Schweigen. Ich habe nicht nur meine Verantwortung ernst genommen, ich fühlte mich für den Schutz dieses unentdeckten Ortes zuständig. Immerhin wurden dort die Überreste vieler Menschen aufbewahrt, vielleicht sogar meiner eigenen Vorfahren. Ich wusste, irgendwer würde diesen Fund für seine Zwecke ausnutzen, und das wollte ich nicht, denn diejenigen, die ihn verborgen hatten, betrachteten ihn offensichtlich als eine Art geweihten Ort.

Zusätzlich fühlte ich mich schuldig, weil ich den Frieden dieser Grabstätte gestört hatte, denn ursprünglich hatte ich nur einen Weg gesucht, der Strafe zu entgehen, die mir blühte, weil ich die Burg ohne Erlaubnis verlassen hatte. Ich war aus der Burg geschlichen, wollte zum Markt in Aydindril und mir den aufregenden Tand anschauen, der dort verhökert wurde. Das erschien mir so viel faszinierender als die langweiligen Studien, mit denen ich meine Zeit verbringen sollte.

Nach meiner zufälligen Entdeckung stellte ich vorsichtig Fragen und fand heraus, dass nicht einmal die alten Zauberer von diesem Ort unter der Burg wussten. Im Laufe der Zeit wurde mir klar, diese Katakomben wurden nicht einmal dort unten vermutet. Als Junge musste ich viel studieren, was fast meine ganze Zeit auffraß. Damals lebten noch viele Menschen in der Burg, und bei der Fülle meiner Aufgaben hatte ich kaum Gelegenheit, dort unten mehr als ein paar Stunden - insgesamt - zu verbringen. Rasch fand ich heraus, dass es in den Katakomben viele der gleichen Bücher wie oben gab, daher hielt ich die Entdeckung für nicht sehr wichtig.«

Er lächelte versonnen. »Ich betrachtete mich als großen Entdecker, der uralte Schätze gefunden hatte. Diese Schätze bestanden jedoch überwiegend aus Gebeinen und Büchern. Schon hier oben in der Burg gab es endlos viele langweilige Bücher, die ich lesen musste, und noch mehr Bücher ließen mich eher kalt. Aufregend war hingegen die Vorstellung, auf einen entworfenen Bann, der in Bernstein gefangen ist, oder in Juwelen gefasste Flüche zu stoßen. Danach suchte ich allerdings in den Katakomben vergeblich. Ich fand eben nur Knochen und alte Bücher.

Dort unten gibt es Räume über Räume, die mit verstaubten Bücher vollgestopft sind. Ich hatte nie genug Zeit, diese Räume zu erkunden. So kann ich nicht einmal abschätzen, wie viele Bücher dort verborgen sind. Ich habe lediglich eine kleine Auswahl angesehen. Wie ich bereits erwähnte, kannte ich manche schon aus der Burg, und von den anderen haben mich damals wenige besonders beeindruckt, außer einigen wie eben Das Buch der Umkehrungen und Dopplungen.

Ich wurde erwachsen und verliebte mich in die wunderbarste Frau der Welt, mit der ich bald verheiratet war. Sie schenkte mir einen ganz anderen Schatz, eine Tochter - Richards Mutter. Für einen jungen Zauberer gab es in der Burg stets mehr zu tun, als man in den Stunden eines Tages erledigen konnte. Ich hatte keine Zeit übrig, die ich zwischen den alten Knochen hätte verbringen können. Und dann kam es zu diesem fürchterlichen Krieg mit D’Hara. Es folgte eine Zeit erbitterter Kämpfe. Ich war Oberster Zauberer geworden. Die Schlachten waren schauerlich. Ich musste Männer in den Tod schicken. Ich musste jungen und alten Zauberern in die Augen sehen, von denen ich wusste, dass sie ihrer Aufgabe nicht gewachsen waren, ihnen sagen, dass sie ihr Bestes geben sollten, obwohl ich wusste, es würde nicht genügen und sie würden aller Wahrscheinlichkeit nach den Tod finden. Ich selbst, so wusste ich im tiefsten Herzen, hätte diese Aufgaben wohl bewältigt, aber es gab zu viel zu tun, und ich war nun einmal nur einer.

Nicht selten empfand ich meine Verantwortung, mein Wissen und Talent als Fluch. All den unschuldigen Menschen, die mich Oberster Zauberer nannten, ins Gesicht zu schauen, in der Gewissheit, mein Scheitern würde ihren Tod bedeuten, war mehr, als ich ertragen konnte.

In dieser Hinsicht weiß ich genau, was Richard durchmacht. Früher habe ich seine Stelle eingenommen. Ich habe die Welt auf meinen Schultern getragen.«

Mit einer Handbewegung beendete er seine melancholische Abschweifung vom Thema. »Jedenfalls gerieten die Katakomben wegen meiner anderen Verpflichtungen wieder in Vergessenheit, wie schon seit Tausenden von Jahren, ehe ich auf sie gestoßen war. Ich hatte einfach keine Zeit, mich dort unten umzuschauen. Nach meinen Erkundungen als Junge glaubte ich, es gebe sowieso nur alte und vergleichsweise unwichtige Bücher, die zusammen mit Gebeinen vergraben waren. Stattdessen hatte ich mich um dringlichere Angelegenheiten zu kümmern, bei denen es um Tod und Leben ging. Für mich war vor allem der geheime Eingang durch die Katakomben zur Burg wichtig. Dieser Gang hatte seinen unschätzbaren Wert gezeigt, als die Schwestern der Finsternis die Burg der Zauberer eingenommen hatten.