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Damals, ich war noch jünger, und der Krieg, dem auch meine Frau zum Opfer gefallen war, hatte gerade erst sein Ende gefunden, hatten der Rat und ich einen heftigen Streit wegen der Kästchen der Ordnung. Und dann ... vergewaltigte Darken Rahl meine Tochter. Ich verließ die Midlands für alle Zeiten und brachte meine Tochter über die Grenze nach Westland. Sie war alles, was ich noch hatte und was mir etwas bedeutete. Ich glaubte, den Rest meiner Tage jenseits der Grenze im Westland zu verbringen.

Richard wurde geboren. Ich sah ihm beim Aufwachsen zu. Meine Tochter war so stolz auf ihn. Insgeheim war ich besorgt, er könnte die Gabe haben, und fürchtete, die Mächte von jenseits der Grenze könnten eines Tages kommen und nach ihm suchen. Und dann gab es ein Feuer wie aus heiterem Himmel, und schon hatte ich meine Tochter und Richard seine Mutter verloren.

Ich tröstete mich mit Richard. Ihm gab ich alles, was ich konnte, damit er sich zu dem entfaltete, was in ihm steckte. Mit ihm habe ich die schönste Zeit meines Lebens verbracht.

Von mir unbemerkt, da ich die Außenwelt nach Kräften zu vergessen suchte, hatten Ann und Nathan, von Prophezeiungen getrieben, George Cypher geholfen, Das Buch der gezählten Schatten aus der Burg der Zauberer zu bergen. Es befand sich in der privaten Enklave des Obersten Zauberers, wo ich es sicher verstaut hatte.«

»Augenblick«, unterbrach ihn Nicci. »Wollt Ihr damit sagen, Das Buch der gezählten Schatten, eines der wichtigsten Bücher überhaupt, lag einfach in der Burg herum?«

»Nun«, antwortete Zedd, »›herumliegen‹ ist wohl nicht der treffende Ausdruck. Wie ich schon sagte, es befand sich in der Enklave des Obersten Zauberers. Dieser Ort ist noch sicherer als die übrige Burg, und man kann dort nicht so ohne weiteres eindringen.«

»Wenn der Ort so sicher ist«, sagte Nicci, »wie haben Ann und Nathan sich das Buch dann mit George Cypher holen können?«

Zedd seufzte und blickte sie unter seinen buschigen Augenbrauen hervor an. »Das hat mir auch Sorgen bereitet ... die einzige Abschrift eines Buches von solcher Bedeutung, und so ungeschützt...«

»Das wollte Richard Euch sagen«, meinte Nicci, die plötzlich begriff. »Deshalb hatte er es so eilig, hierher zurückzukommen. Er hat gesagt, er müsse sofort zu Euch. Ja, das war der Grund!«

Zedd runzelte die Stirn. »Wovon sprecht Ihr?«

Sie trat näher an den Zauberer heran und zog das kleine Buch aus ihrer Tasche. »Dies ist das Buch, mit dem Darken Rahl die Kästchen der Ordnung ins Spiel gebracht hat...«

»Was?«

»Mit diesem Buch hat Darken Rahl die Kästchen der Ordnung ins Spiel gebracht«, wiederholte sie für den verblüfften Zauberer. »Wir haben es im Palast des Volkes gefunden. Ich versprach Richard, es zu studieren und danach zu forschen, ob es eine Möglichkeit gibt, ungeschehen zu machen, was Schwester Ulicia getan hat, und ob man die Kästchen der Ordnung vielleicht wieder aus dem Spiel nehmen könne. Ich habe versucht, Richard zu erklären, dass Magie auf diese Weise nicht funktioniert, aber Ihr kennt Richard, er findet sich nicht so leicht damit ab, dass etwas nicht möglich ist.«

Zedd starrte das Buch an, das sie in die Höhe hielt, als wäre es eine Schlange, die beißen könnte. »Also dieser Junge braucht wirklich nur einen Stein umzudrehen, und schon stößt er auf Schwierigkeiten.«

»Zedd, hier steht eine Warnung: Um dieses Buch zu benutzen, müsse man den Schlüssel verwenden. Ohne den Schlüssel wird sonst alles, was vorher kam - also was von dem Buch schon benutzt wurde nicht nur unbrauchbar, sondern sogar tödlich sein. Es heißt, binnen eines Jahres müsse der Schlüssel benutzt werden, um zu vollenden, was mit diesem Buch gewirkt wurde.«

»Der Schlüssel«, flüsterte Zedd, als würde er das Ende der Welt bedeuten. »Die Kästchen müssen innerhalb eines Jahres geöffnet werden, nachdem sie ins Spiel gebracht wurden. Man braucht Das Buch der gezählten Schatten, um die Kästchen zu öffnen. Demnach muss das Buch der Schlüssel sein.«

»Ich glaube auch«, sagte Nicci. »Allerdings sind wir auf Hinweise gestoßen, dass zur Zeit des großen Krieges einige Zauberer insgesamt fünf Abschriften von dem ›Buch, das nie kopiert werden darf‹, angefertigt haben.«

»Und Ihr denkt, ›das Buch, das nie kopiert werden darf‹ sei Das Buch der gezählten Schatten!«

»Ja. Es gibt ein Buch mit Prophezeiungen, in dem steht: ›... und sie werden zittern vor Angst über ihr Tun und den Schatten des Schlüssels zwischen die Gebeine fallen lassen‹.«

Zedd starrte sie an. »Bei den Gütigen Seelen. Das klingt wie aus Yanklees abenteuerliche Erzählungen.«

»Stimmt. Allerdings«, fuhr Nicci fort, »waren alle Abschriften außer einer unkorrekt. Fünf Kopien - vier fehlerhaft, eine richtig.«

Zedd presste eine Hand gegen die Stirn. Nicci bemerkte, dass er schneller atmete als gewöhnlich. Wie er aussah, würde er im nächsten Moment in Ohnmacht fallen.

»Zedd, was ist los?«

Seine Hände zitterten. »Ihr habt eben gesagt, Das Buch der gezählten Schatten sei leicht zu stehlen gewesen. Das habe ich auch immer gedacht, jedoch habe ich mich nie weiter damit beschäftigt. Es war eher einer dieser Gedanken, die man im Hinterkopf hat und die nie wirklich bis ins Bewusstsein vordringen.«

»Ja«, sagte Nicci ungeduldig.

»Nun, als ich mich an Das Buch der Umkehrungen und Dopplungen erinnerte, fiel mir ein, wo ich es als Junge gesehen habe: in den Katakomben. Ich musste diesen Bann prüfen, und während Ihr mit Richard im Palast des Volkes wart, ging ich in die Katakomben und suchte danach.«

Nicci wusste bereits, was er sagen würde, ehe er es heraus hatte.

»Und während meiner Suche nach Das Buch der Umkehrungen und Dopplungen fand ich eine Abschrift von Das Buch der gezählten Schatten.«

»›... und sie werden zittern vor Angst über ihr Tun und den Schatten des Schlüssels zwischen die Gebeine fallen lassen‹«, zitierte Nicci erneut.

Zedd nickte. »Mein Leben lang habe ich nichts von einer Kopie dieses Buches gewusst. Mir wurde beigebracht, es gäbe keine, sondern nur das eine Exemplar. Das allein hat mir verdeutlicht, von welcher Bedeutung dieses Buch ist. Aber wenn es so bedeutsam ist, warum wurde es nicht an einem Ort verborgen, der mehr Sicherheit bietet? Diese Frage hat mich im Hinterkopf stets beschäftigt. Das war auch einer der Gründe, weshalb ich so wütend auf den Rat war, der die Kästchen der Ordnung als Geschenke oder Gunstbeweise aus der Hand gab. Ich wusste, wie gefährlich diese Kästchen waren, aber niemand wollte mir glauben. Alle dachten, ich würde ihnen nur uralten Aberglauben oder Ammenmärchen auftischen.

Man wollte mir unter anderem deshalb nicht glauben, welche Gefahr die Kästchen darstellten, weil das Buch, das man braucht, um die Kästchen ins Spiel zu bringen, niemals gefunden wurde. Ohne das Buch war alles nur eine fantasiereiche Geschichte.« Er zeigte auf das Buch in Niccis Hand. »Niemand kannte auch nur den Titel des Buches. Es sieht mir aus wie Hoch-D’Haran. Wir müssen jemanden finden, der es übersetzt.«

»Ich verstehe Hoch-D’Haran.«

»Natürlich«, sagte Zedd, als könne ihn gar nichts mehr überraschen.

»Wie lautet der Titel?«

»Das Buch des Lebens.«

Zedd wurde beinahe so bleich wie sein wallendes Haar. Offensichtlich konnte man ihn immer noch schockieren. »Das Buch des Lebens«, wiederholte er und fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht.