Cara zupfte an ihrem langen blonden Zopf. »Klingt ganz so, als hätten wir ein ernsthaftes Problem.«
»Das kann man wohl sagen«, räumte der Zauberer ein. Nicci wollte hinzufügen, dass vor allem Richard ein Problem hätte, aber sie wagte es nicht laut zu sagen. Es bedrückte sie, welchen Tatsachen er sich eines Tages stellen musste. Doch sie wollte nicht diejenige sein, die es zur Sprache brachte.
»Wenn Richard sie findet«, fragte Nicci mit schwacher Stimme,
»was soll er dann tun?«
Zedd verschränkte die Hände hinter dem Rücken und sah sie einen Moment an, ehe er den Blick abwandte.
»Es gibt eine weitere Möglichkeit, die richtige Kopie zu bestätigen«, sagte Cara.
Zedd und Nicci runzelten, beide erleichtert über die Ablenkung, fragend die Stirn.
»Man muss nur die anderen Kopien finden«, sagte sie, »und sie vergleichen. Diejenige, die Richard auswendig gelernt hat, gibt es nicht mehr. Wenn man also die anderen findet, kann man sie vergleichen. Die sich von den anderen unterscheidet, muss die richtige sein. Die anderen vier, die gleich sind, müssen die falschen Schlüssel sein.«
Zedd zog eine Augenbraue hoch. »Und wenn diejenigen, die die Kopien angefertigt haben, nun besorgt waren, dass eines Tages eine kluge Mord-Sith auf diesen Gedanken käme und sie deshalb alle Kopien unterschiedlich gemacht haben, damit man sie nicht vergleichen kann?«
Cara verzog das Gesicht. »Oh.«
Nicci warf die Arme in die Höhe. »Wie sollte er die anderen auch finden? Ich meine, die sind seit dreitausend Jahren verschollen.«
»Nicht nur das«, ergänzte Zedd, »aber Nathan hat uns von den Katakomben unter dem Palast der Propheten erzählt, und der wurde zerstört. Ich weiß das, denn ich habe den Lichtbann selbst gewirkt. Es ist nichts übrig geblieben, und selbst wenn von den Katakomben irgendwo ein Hohlraum geblieben ist - der Palast stand auf einer Insel. Und nachdem die Insel zerstört worden war, hat das Wasser sicherlich jeden unterirdischen Raum geflutet, der noch erhalten war. Diese Kopie, falls es dort eine gab, wäre damit schon vernichtet. War es ein falscher oder der richtige Schlüssel? Und wenn im Laufe der Zeit auch andere vernichtet worden sind? Es bleibt also die Frage, wie wir herausfinden können, ob die, die Richard kennt und die ich gefunden habe, die beiden richtigen Schlüssel sind.«
Nicci starrte in die Luft. »Ich fürchte, es könnten falsche Kopien sein - die, die Richard auswendig gelernt hat und die, die Ihr in den Katakomben gefunden habt.«
Zedd begann, unruhig auf und ab zu gehen. »Ich wüsste nicht, wie man das sicher klären könnte.«
»Vielleicht gibt es zwei Möglichkeiten«, sagte sie. »Für die erste möchte ich noch nicht meine Hand ins Feuer legen. Ich habe gerade erst angefangen, Das Buch des Lebens zu übersetzen. Aber es gibt Stellen, an denen die Benutzung des Schlüssels erwähnt wird. Wenn die Person, die die Kästchen ins Spiel bringt, steht dort, den Schlüssel nicht richtig anwendet, werden die Kästchen zusammen mit demjenigen zerstört, der sie ins Spiel gebracht hat.«
»Den Schlüssel nicht richtig anwendet...«, murmelte Zedd in Gedanken versunken.
»Für mich bedeutet das Folgendes: Wenn Darken Rahl den wahren Schlüssel nicht richtig angewendet hätte, indem er zum Beispiel den letzten Teil ausgelassen hat - wie du es uns von Richard erzählt hast, der das Buch für ihn rezitiert hat -, wäre er vernichtet worden, aber mit ihm auch die Kästchen der Ordnung. Die Kästchen der Ordnung wurden jedoch nicht zerstört, also könnte Richard ihm den falschen Schlüssel vorgelesen haben und Darken Rahl hätte dann schlicht das falsche Kästchen aufgemacht. Was ihn vernichtete.
Es steht dort nichts darüber, dass die Kästchen bei Verwendung eines falschen Schlüssels vernichtet werden, weil es zu der Zeit, als es geschrieben wurde, keine falschen Schlüssel gab und somit dieses Problem damals gar nicht zur Debatte stand. Seht Ihr, was ich meine?« Sie deutete auf das Buch. »Wenn Richard den richtigen Schlüssel verfälscht hat und Darken Rahl dadurch dazu veranlasst hat, das falsche Kästchen zu wählen, hätte dieses eigentlich zusammen mit Darken Rahl vernichtet werden müssen. Das stützt die These, dass Richard den falschen Schlüssel auswendig gelernt hat.«
»Vielleicht. Aber Ihr habt gesagt, dessen seid Ihr noch nicht sicher.«
Zedd rieb sich den Nacken, während er weiter hin und her schritt.
»Wir sollten nicht den Fehler begehen und voreilige Schlüsse ziehen.«
Nicci nickte.
»Habt Ihr nicht gesagt, es gäbe eine weitere Möglichkeit?«, fragte Zedd.
Erneut nickte Nicci und zitierte dann die zentrale Prophezeiung, die Nathan ihnen erzählt hatte. »›Im Jahr der Zikaden, wenn der Vorkämpfer für Selbstaufopferung und Leid unter dem Banner der Menschheit und des Lichts endlich seinen Schwärm teilt, soll dies als Zeichen dafür dienen, dass die Prophezeiung zum Leben erweckt worden ist und uns die letzte und entscheidende Schlacht bevorsteht. Seid gewarnt, denn alle wahren Gabelungen und ihre Ableitungen sind in dieser seherischen Wurzel miteinander verknüpft. Ein einziger Hauptstrang nur zweigt von dieser Verknüpfung der allerersten Ursprünge ab. Wenn der fuer grissa ost drauka in dieser letzten Schlacht nicht die Führung übernimmt, dann wird die Welt, bereits jetzt am Abgrund ewiger Finsternis, unter ebendiesen fürchterlichen Schatten fallen.‹
Versteht Ihr?«, fragte Nicci. »Der Vorkämpfer für Selbstaufopferung und Leid unter dem Banner der Menschheit und des Lichts‹ sind Jagang und die Imperiale Ordnung. Dann heißt es, wenn er ›endlich seinen Schwärm teilt, soll dies als Zeichen dafür dienen, dass die Prophezeiung zum Leben erweckt worden ist und uns die letzte und entscheidende Schlacht bevorsteht^ Er wird seine Armee teilen. Die eine Hälfte hält die Pässe, während die andere durch D’Hara von Süden heranmarschiert. Wie es dort heißt, ›steht uns die letzte und entscheidende Schlacht bevor.‹«
Wie zur Bestätigung zuckte ein Blitz vor den Fenstern und wurde begleitet von einem Donnerschlag, der die Burg erbeben ließ. Zedd legte die Stirn in Falten. »So ganz kann ich Eurer Argumentation nicht folgen.«
»Warum haben Ann und Nathan das Buch ursprünglich für Richard gestohlen? Weil sie die Prophezeiung falsch interpretiert haben - sie glaubten, bei der letzten Schlacht ging es um Darken Rahl. Ihrer Meinung nach brauchte Richard Das Buch der gezählten Schatten, um gegen Darken Rahl zu kämpfen. Und sie hatten die einzig noch existierende Kopie gefunden - dachten sie.
Versteht Ihr denn nicht? Das war zu einfach. Richard wurde geboren, um diesen Kampf gegen Jagang und die Schwestern der Finsternis auszutragen, die die Kästchen der Ordnung ins Spiel gebracht haben. Hier geht es um die Fortführung der gleichen letzten Schlacht, die mit Darken Rahl begonnen hat.
Ich glaube, die Prophezeiungen deuten darauf hin, dass Richard den falschen Schlüssel auswendig gelernt hat: ›Seid gewarnt, denn alle wahren Gabelungen und ihre Abweichungen sind in dieser seherischen Wurzel miteinander verknüpfte Alle wahren Gabelungen - wahren Schlüssel? - sind in der prophetischen Wurzel dieser letzten Schlacht zu finden. Es heißt, die anderen Gabelungen seien falsch. Vielleicht enthalten andere Gabelungen die falschen Schlüssel. Könnte nicht der Kampf gegen Darken Rahl eine falsche Gabelung gewesen sein ? Ann und Nathan wussten damals noch nicht genug, da nicht genug Ereignisse eingetreten waren, daher folgten sie dieser Gabelung und bereiteten Richard auf den Kampf gegen Darken Rahl und nicht gegen Jagang vor. Aber in dieser Prophezeiung heißt es:
›Wenn der fuer grissa ost drauka in dieser letzten Schlacht nicht die Führung übernimmt, dann wird die Welt, bereits jetzt am Abgrund ewiger Finsternis, unter ebendiesen fürchterlichen Schatten fallen.‹ Dieser fürchterliche Schatten ist die Macht der Ordnung, die durch die Schwestern der Finsternis freigesetzt wurde. Sie wollen die Dunkelheit über die Welt des Lebens bringen. Ann, Nathan und Richard haben sich auf die falsche Schlacht vorbereitet. Denn die Schlacht, die er austragen soll, steht erst jetzt bevor.«