Zedd ging hin und her, das Gesicht in Falten gezogen. Schließlich blieb er stehen und wandte sich ihr zu. »Vielleicht, Nicci. Ihr habt viel mehr Zeit damit verbracht, Prophezeiungen zu studieren, als ich. Vielleicht seid Ihr da auf etwas gestoßen.
Aber vielleicht auch nicht. Prophezeiungen, so hat es Nathan erklärt, kann man nicht so auslegen, wie Ihr es gerade ausgeführt habt. Prophezeiungen sind ein Mittel der Kommunikation zwischen Propheten. Sie können nicht unbedingt von jemandem studiert, analysiert oder verstanden werden, der die Gabe für Prophezeiungen nicht besitzt.
Genau wie Ann und Nathan zieht Ihr möglicherweise auch voreilige Schlüsse, ohne über die notwendigen Informationen zu verfügen. Ich denke, es ist zu früh für derartige Folgerungen.«
Nicci nickte und musste ihm in dieser Hinsicht zustimmen.
»Hoffentlich liegt Ihr damit richtig, Zedd, wirklich. Mir geht es nicht darum, recht zu behalten. Ich habe es nur erwähnt, weil ich der Meinung bin, wir sollten über die Zusammenhänge nachdenken.«
Er nickte. »Und wir sollten über noch etwas nachdenken. Richard hält sich nicht an Prophezeiungen.«
»Ich weiß nicht«, sagte Nicci und strich sich durchs Haar, »aber vielleicht habt Ihr recht.«
Sie war so müde und brauchte Schlaf; danach wäre sie möglicherweise wieder in der Lage, klar zu denken. Vielleicht ließ sie sich von all den Sorgen tatsächlich auf die falsche Fährte führen.
»Im Augenblick könnten wir nicht mit Sicherheit feststellen, ob die Kopien vom Buch der gezählten Schatten, also die, die ich gefunden habe, und die, die Richard kennt, korrekt oder fehlerhaft sind.«
»Was sollen wir also tun?«, fragte sie.
Zedd blieb stehen und sah sie an. »Wir müssen Richard zurückholen, dann wird er schon herausbekommen, wie er diese Bedrohung aufhalten kann.«
Nicci lächelte. Immer wieder gelang es ihm, sie selbst in den düstersten Augenblicken aufzuheitern - so wie Richard.
»Aber eines kann ich Euch sagen«, fuhr Zedd fort, »bevor es so weit ist, sollten wir besser herausgefunden haben, ob der Schlüssel, den er auswendig gelernt hat, der richtige oder der falsche ist.«
Nicci klappte Das Buch der gezählten Schatten zu, nahm es vom Tisch und hielt es im Arm. »Ich muss das ganze Buch lesen, von der ersten bis zur letzten Seite. Ich will wissen, ob es eine Möglichkeit gibt, das zu tun, worum Richard mich gebeten hat - die Kästchen wieder aus dem Spiel zu nehmen und die Bedrohung zu beenden. Falls mir das nicht gelingt, sollte ich das Buch am besten in- und auswendig kennen, damit ich für Richard von Nutzen bin, wenn er die Antwort auf diese Fragen sucht.«
Zedd sah ihr in die Augen. »Das ist viel Arbeit und wird eine Menge Zeit kosten - um ein Buch von solcher Komplexität vollständig zu verstehen, braucht man Monate. Hoffentlich bleibt uns so viel Zeit. Trotzdem stimme ich Euch zu. Ihr solltet am besten gleich anfangen.«
Nicci steckte das Buch in eine Tasche an ihrem Kleid. »Das sollte ich wohl. Es könnten hier auch Bücher vorhanden sein, die mir helfen. Falls mir eines davon einfällt oder eins erwähnt wird, lasse ich es Euch wissen. Nach dem, was ich bisher gesehen habe, gibt es auch praktische Dinge, bei denen ich Hilfe gebrauchen könnte. Falls ich nicht weiterkomme, würde ich mich über die Unterstützung des Obersten Zauberers freuen.«
Zedd lächelte. »Die ist Euch gewiss, meine Liebe.«
Sie hob den Zeigefinger. »Aber wenn Euch eine Idee kommt, wie wir Richard finden, erzählt mir gleich davon, und nicht erst, wenn Ihr den Gedanken zu Ende gedacht habt.«
Zedds Lächeln wurde breiter. »Einverstanden.«
»Und falls wir Lord Rahl nicht finden?«, fragte Cara. Die beiden anderen starrten sie an. Donner grollte durch das ferne Tal. Regen prasselte stetig an die Fenster.
»Wir holen ihn zurück«, beharrte Nicci und weigerte sich, das Undenkbare auch nur in Betracht zu ziehen.
»Nichts ist jemals einfach«, murmelte Zedd.
54
Trotz der Erschöpfung nach dem Ritt raubte Kahlan der Anblick in der Ferne den Atem. Hinter einer dunklen Flut von Männern der Imperialen Ordnung und den purpurgrauen Schatten, die sich über die weite Ebene gelegt hatten, erhob sich eine mächtige Hochebene und fing die goldenen Strahlen der untergehenden Sonne auf. Auf der Hochebene lag ein ausgedehnter Ort, der den Vergleich mit keiner Stadt zu scheuen brauchte. Die hohen Außenmauern leuchteten im schwindenden Abendlicht. Weißer Marmor, Stuck und Stein bildeten die Fassaden der in Größe, Form und Höhe unterschiedlichen Gebäude, die im letzten rosigen Hauch des Tages schimmerten. Dächer schützten vor der aufziehenden kalten Nacht einer sterbenden Jahreszeit, als hätten sich die Häuser unter ihrer Decke verkrochen.
Es war endlich ein guter, ein edler, ein schöner Anblick nach den endlosen Wochen der Reise zwischen grimmigen, brütenden Männern, die nur darauf warteten, an jemandem ihre Schändlichkeit auslassen zu können.
Diese Männer im Schatten eines solchen Ortes zu sehen, empfand Kahlan als Entweihung. Sie schämte sich, zu diesem unheiligen Pöbei zu gehören, der sich am Fuße der stolz vor ihnen aufragenden vollkommenen Pracht versammelt hatte. Allein der Anblick des Ortes ließ aus irgendeinem Grund ihr Herz aufgehen. Obwohl sie sich nicht erinnern konnte, jemals hier gewesen zu sein, fühlte es sich doch so an.
Um sie herum grunzten Männer, brüllten Maultiere, schnaubten Pferde, ächzten Wagen, und Waffen und Rüstungen’ klirrten - die Laute der Bestie, die gekommen ist, um das Gute zu töten. Der Gestank hing wie eine giftige Wolke über der Armee, als sollte sie jeden, der vorbeikam, mahnen, was für verdorbene Männer er vor sich hatte. Als hätte es eines solchen Hinweises bedurft. Um Kahlan herum ritten die Hilfswachen, die sie nun seit Wochen nicht aus dem Auge ließen. Es waren dreiundvierzig. Kahlan hatte sie gezählt, damit sie den Überblick behielt. Während der Reise hatte sie sich damit beschäftigt, ihre Gesichter und ihre Gewohnheiten zu studieren. Sie wusste, welcher ungeschickt war, welcher dumm, welcher klug und wer gut mit der Waffe umgehen konnte. Es war ein Spiel, bei dem sie während der endlosen Ritte Tag um Tag die Stärken und Schwächen der Männer beobachtete und sich vorstellte, wie sie einen nach dem anderen töten könnte.
Bislang hatte sie keinen umgebracht. Sie hatte entschieden, auf lange Sicht würde es ihre Chancen erhöhen, wenn sie tat, was man ihr sagte, wenn sie sich unterwürfig und gehorsam gab. Die Männer waren gewarnt, sie wussten, dass sie Jagang gehörte, und niemand würde sie anrühren, außer um sie an der Flucht zu hindern. Kahlan wollte sich hinter der Monotonie des täglichen Einerleis verstecken, damit ihre Wachen sie für ungefährlich, harmlos, sogar eingeschüchtert hielten und das Aufpassen auf sie als eine lästige Pflicht betrachteten. Dabei hätte sie mehrmals Gelegenheit gehabt, einen der Männer zu töten, doch hatte sie diese nie wahrgenommen, wie leicht es auch scheinen mochte. Stattdessen hatte sie sich entschieden, die Wachen, was sie betraf, in ein Gefühl der Sicherheit, ja sogar der Langeweile zu wiegen. Solche Unaufmerksamkeit gegenüber der Gefahr, die sie darstellte, würde ihr eines Tages dienlicher sein als ein sinnloser Mordanschlag, mit dem sie eigentlich nichts erreichte. Das würde ihr nicht bei der Flucht helfen, und Jagang würde lediglich den Halsring einsetzen wenn nicht sogar seine Fäuste -, um ihr Schmerzen zu bereiten. Obwohl er keinen Anlass brauchte, sah sie keinen Sinn darin, ihm einen zu liefern. Der Einzige, der sich auf diese Weise nicht zu Gleichgültigkeit und Sorglosigkeit einlullen ließ, war Jagang selbst. Er verkannte weder sie noch ihren unbeugsamen Willen. Offensichtlich genoss er es, ihre Taktik zu beobachten, auch wenn ihre Strategie in Untätigkeit bestand. Wie bei ihr gehörte Geduld zu seinem Arsenal. Als Einziger ließ er auch nie nur für einen Augenblick in seiner Wachsamkeit nach. Kahlan glaubte, er wisse genau, was sie tat.