Выбрать главу

Dennoch beachtete sie ihn nicht; selbst wenn er es wusste, so dachte sie, würde es seine Aufmerksamkeit trotzdem untergraben, wenn nichts geschah. Es war mühsam, auf etwas zu warten, das niemals passierte, auch wenn man wusste, dass es unausweichlich war. Mochte er die Gewissheit haben, dass sie irgendwann einen Versuch unternehmen würde, so konnte sie doch nach Wochen und Wochen demütiger Unterwürfigkeit auf das Überraschungsmoment zählen, wenn auch nur für einen Augenblick. Dieser Augenblick würde aber möglicherweise ausschlaggebend sein.

Manchmal jedoch konnte sie ihn nicht ignorieren. Wenn er üble Laune hatte und sie seinen Zorn anfachte - für gewöhnlich allein durch ihre Anwesenheit -, prügelte er sie blutig. Zweimal musste sie von den Schwestern behandelt werden, sonst wäre sie verblutet. Und wenn er richtig schlechte Laune hatte, wurde es meist sehr viel schlimmer. Dann war er sehr erfinderisch darin, sie zu misshandeln. In dieser Stimmung schien es ihm weniger um schlichten Schmerz zu gehen, sondern vor allem die Erniedrigung faszinierte ihn offensichtlich. Sie hatte gelernt, dass er nicht aufhören würde, bis sie zu weinen begann.

Wenn sie weinte, dann nur, weil sie Schmerz, Demütigung oder Verzweiflung nicht mehr ertragen und die Tränen nicht länger zurückhalten konnte. Jagang genoss es, sie weinen zu sehen. Sie ergab sich ihm nicht, damit die Qualen aufhörten, sondern weil sie an einem Punkt angelangt war, an dem sie es nicht länger ertrug. Und das war es, was er wollte.

Zu anderen Gelegenheiten brachte er eine Frau mit in sein Zelt, während Kahlan auf dem Teppich neben dem Bett liegen musste, dem Schlafplatz, den er ihr wie einem Hund zugewiesen hatte. Für gewöhnlich handelte es sich um eine unglückliche Gefangene, die allesamt ganz und gar nicht willig waren. Er schien sich jene auszusuchen, die seine Aufmerksamkeit am meisten fürchteten, und dann demonstrierte er ihnen auf brutale Weise, was es bedeutete, als Sklavin im Bett des Kaisers zu landen. War er dann endlich eingeschlafen, hielt Kahlan die verängstigte Frau im Arm, erzählte ihr, dass eines Tages alles besser werden würde, und tröstete sie, so gut es ging.

Vielleicht tat er es, weil es ihm Spaß bereitete, aber das war nur der Nebeneffekt. Eigentlich wollte er Kahlan nur ständig daran erinnern, was ihr bevorstand, wenn ihre Erinnerung zurückkehrte. Kahlan wollte ihr Gedächtnis nicht zurück. Das wäre ihr Verderben. Da sie ihr Ziel nun erreicht hatten, würde es wieder Ja’La-Spiele geben. Kahlan stellte sich vor, wie wieder ein Turnier ausgerichtet würde. Hoffentlich würde das Jagang von ihr ablenken. Sie musste ihn zwar begleiten - stets sollte sie in seiner Nähe bleiben -, aber das war besser, als mit ihm allein zu sein.

Als sie bei den Zelten des Kaisers ankamen, war sie zunächst ein wenig erstaunt, denn das Lager befand sich in deutlicher Entfernung von ihrem Ziel. Bis zu dem Ort wäre es noch ein Ritt von ein oder zwei Stunden gewesen.

Kahlan fragte nicht nach dem Grund, doch fand sie ihn bald heraus, als die Offiziere zur abendlichen Besprechung eintrafen.

»Ich möchte, dass heute Nacht die Schwestern Wache halten«, erklärte Jagang ihnen. »So nah an der Stadt weiß man nicht, welche verderbten Kräfte der Feind dort oben gegen uns einsetzen wird.«

Kahlan bemerkte, dass die Schwestern Ulicia und Armina, die sich in der Nähe aufhielten, über den Befehl erleichtert waren. Sie würden den Männern nicht mehr zu Diensten sein müssen. Auf dem wochenlangen Marsch hatte man sie fast jede Nacht zu den Zelten geschickt, als Strafe für ihre Vergehen gegen Jagang, und beide sahen wie um Jahre gealtert aus.

Waren sie vor noch gar nicht langer Zeit recht anziehende Frauen gewesen, konnte man das nun nicht mehr behaupten. Ihre einstige Schönheit war dahin. Die Augen waren tief gerändert, leer und stumpf. Schwester Arminas himmelblaue Augen schienen Entsetzen auszudrücken, als könne sie ihr Schicksal nicht begreifen. Beide Schwestern hatten tiefe Falten bekommen und wirkten ausgemergelt und niedergeschlagen. Stets waren sie schmutzig, ihr Haar war verfilzt, ihre Kleider zerrissen. Oft erschienen sie am Morgen mit blauen Flecken.

Kahlan sah niemanden gern leiden, aber für die zwei vermochte sie kein Mitleid zu empfinden. Ohne diese beiden wäre sie nicht in den Klauen eines Mannes, der die Augenblicke zählte, bis sie ihre Erinnerung zurückerlangte, damit er ihr unerträgliches Leid zufügen konnte, und zwar nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Mehr als einmal hatte er ihr versprochen, sie zu schwängern, wenn es so weit war, damit sie ihm ein Kind austrug - einen Jungen, behauptete er immer. Und jedes Mal machte er diese dunkle Bemerkung, dass sie erst, wenn sie ihr Gedächtnis wieder gefunden hätte, wahrlich verstehen würde, was für ein Ungeheuer dieses Kind für sie sei. So weit es Kahlan betraf, konnte Jagang die beiden Frauen gar nicht genug quälen.

Nicht nur deswegen, was sie Kahlan angetan hatten. Aus dem, was sie hier und da aufschnappte, erfuhr Kahlan, welchen ungeheuerlichen Plan sie geschmiedet hatten, sodass man sie schon allein deswegen gar nicht brutal genug behandeln konnte. Kahlan hätte die beiden jedoch, wenn man sie gefragt hätte, einfach zum Tode verurteilt. Für Folter hatte sie nichts übrig; sie glaubte, die Schwestern hatten es nicht verdient weiterzuleben. Sie hatten ihr Lebensrecht durch die Verbrechen, die sie anderen angetan hatten, längst verwirkt, und auch durch ihren Plan, der schließlich alle das Leben gekostet hätte. Nach diesen Maßstäben hätte allerdings die ganze Armee den Tod verdient.

Wenn Jagang nur ein solches Schicksal erleiden könnte!

»Zumindest sind ihre Truppen geflohen«, sagte einer der höheren Offiziere zu Jagang, während das Pferd des Kaisers fortgeführt wurde. Ein anderer Mann übernahm Kahlans Stute.

Dem Offizier fehlte das halbe Ohr. Die Wunde war längst zu einer Geschwulst verheilt, dennoch war die Narbe kaum zu übersehen. Männer, die dieses Mal nicht ignorierten, verloren manchmal selbst ein Ohr.

»Sie haben keine Verteidiger mehr«, erklärte ein anderer Offizier.

»Bestimmt haben sie mit der Gabe Gesegnete dort oben«, meinte Jagang, »die für uns kein unüberwindbares Hindernis darstellen sollten.«

»In den Berichten der Kundschafter und Spione heißt es, die Straße sei schmal - zu eng für jede Form eines groß angelegten Sturmangriffs. Außerdem gibt es eine Zugbrücke, die sie hochgezogen haben. Es wird schwierig, gleichzeitig Baumaterial hinaufzuschleppen und uns dabei zu verteidigen, während wir die Kluft überbrücken.

Auch das große Tor, das zum inneren Weg auf die Hochebene führt, ist geschlossen. Niemand glaubt, dass man es aufbrechen kann. Schon seit tausend Jahren hat es jedem Angriff standgehalten. Die mit der Gabe Gesegneten sagen zudem, in der Nähe des Palastes seien ihre Kräfte geschwächt.«

Jagang lächelte. »Ich habe schon einige Ideen.«

Der Mann mit dem halben Ohr neigte den Kopf. »Jawohl, Exzellenz.«

Während Jagang und seine Offiziere sich unterhielten, bemerkte Kahlan in der Ferne eine Gruppe von Reitern, die in halsbrecherischer Geschwindigkeit durch das Lager preschten. Sie kamen von Süden. An jedem Kontrollpunkt brachten sie die Pferde zum Halt, sprachen kurz mit den Posten und wurden durchgewinkt. Jagang waren die Reiter ebenfalls aufgefallen. Das Gespräch mit den Offizieren geriet ins Stocken, und bald schauten alle mit dem Kaiser zu, wie die Reiter die innere Verteidigungslinie erreichten und in einer Staubwolke von den Pferden stiegen. Am letzten Ring aus Stahl warteten sie auf die Erlaubnis, das Lager des Kaisers zu betreten.

Auf Jagangs Zeichen hin wurden die Männer herbeigeführt. Obwohl sie erschöpft wirkten, beeilten sie sich.