Выбрать главу

Der Mann an der Spitze war ein drahtiger älterer Kerl mit hartem Blick in den Augen. Er salutierte.

»Also«, fragte Jagang, »was gibt es so Dringendes?«

»Exzellenz, Städte in der Alten Welt werden angegriffen.«

»Ist das so?« Jagang seufzte ungeduldig. »Das sind diese Aufrührer aus Altur’Rang. Wurden sie noch nicht niedergeschlagen?«

»Nein, Exzellenz, es sind nicht nur die Aufrührer, obwohl die uns auch Schwierigkeiten machen, allen voran dieser Kerl, den sie Schmied nennen. Aber es wurden zu viele Orte angegriffen, als dass es nur die Aufrührer sein könnten.«

Jagang beäugte den Mann misstrauisch. »Welche Orte wurden angegriffen?«

Der Mann zog ein aufgerolltes Stück Papier aus dem staubigen Hemd. »Hier ist eine Liste der bisher gemeldeten.«

»Bisher?«, fragte Jagang, zog eine Augenbraue hoch und rollte die Liste auf.

»Ja, Exzellenz. Es heißt, eine Welle der Zerstörung würde über das Land hinwegschwappen.«

Jagang überflog die Liste. Kahlan versuchte unbemerkt aus den Augenwinkeln mitzulesen. Sie sah zwei Spalten mit Namen von Städten. Insgesamt musste es sich um fünfunddreißig oder vierzig Orte handeln.

»Ich weiß nicht, was du mit ›über das Land hinwegschwappen‹ meinst«, knurrte Jagang. »Diese Orte liegen weit auseinander, nicht auf einer Linie oder in einer Gegend der Alten Welt. Sie sind überall verstreut.«

Der Mann räusperte sich. »Ja, Exzellenz. So lauten die Berichte.«

»Das ist schlichte Übertreibung.« Um es zu betonen, tippte Jagang mit dem dicken Zeigefinger auf das Papier. Die Silberringe an seiner Hand funkelten im schwindenden Licht. »Taka-Mar zum Beispiel. Taka-Mar wurde angegriffen? Das kann einem Haufen unzufriedener Narren doch nichts einbringen. Dort sind Soldaten stationiert. Es ist ein Zwischenhalt für Nachschubtrosse, der gut verteidigt wird. Und außerdem haben dort Brüder der Glaubensgemeinschaft des Ordens den Befehl. Sie würden diesem Pöbel niemals erlauben, nach Taka-Mar hineinzugelangen. Dieser Bericht ist völlig aus der Luft gegriffen und stammt vermutlich von nervösen Narren, die sich vor ihrem eigenen Schatten fürchten.«

Der Mann verbeugte sich entschuldigend. »Exzellenz, Taka-Mar habe ich mit eigenen Augen gesehen.«

»Und?«, brüllte Jagang. »Was hast du gesehen? Heraus damit!«

»Alle Straßen zur Stadt sind mit Pfählen gesäumt, auf denen verkohlte Schädel stecken«, begann der Mann.

»Wie viele Schädel?« Jagang fuchtelte aufgeregt herum. »Dutzende? Einhundert?«

»Exzellenz, es waren unzählige, und ich habe bei mehreren Tausend aufgehört, ohne besonders weit gekommen zu sein. Die Stadt selbst existiert nicht mehr.«

»Existiert nicht mehr?« Jagang wirkte verwirrt. »Was meinst du damit? Das ist unmöglich.«

»Sie wurde bis auf die Grundmauern niedergebrannt, Exzellenz. Kein einziges Gebäude steht mehr. Das Feuer war so heftig, dass keine Balken mehr geborgen werden können. Die Obstgärten auf dem Weg in die Hügel wurden abgeholzt. Die Felder, die kurz vor der Ernte standen, wurden abgeflammt. Der Boden wurde mit Salz unbrauchbar gemacht. Dort wird nie wieder etwas wachsen. Diese einst fruchtbare Gegend wird niemanden mehr versorgen. Es sieht aus, als hätte der Hüter selbst dort gewütet.«

»Und wo waren die Soldaten? Was haben sie gemacht?«

»Die Schädel auf den Pfählen gehörten den Soldaten. Ich fürchte, sie sind bis zum letzten Mann tot.«

Jagang warf Kahlan einen Blick zu, als wäre sie für die Katastrophe verantwortlich. Irgendwie schien er dieses Unheil mit ihr in Verbindung zu bringen. Er zerknüllte das Papier und wandte sich wieder dem Boten zu.

»Was ist mit den Brüdern des Ordens? Haben sie berichtet, was geschehen ist und warum sie es nicht abwenden konnten?«

»In Taka-Mar gab es sechs Brüder, Exzellenz. Sie wurden mitten auf verschiedenen Straßen zur Stadt gepfählt. Jeden hat man vom Hals abwärts gehäutet. Auf den Köpfen saßen noch die Amtsmützen, an denen wir sie erkennen konnten.

Die meisten Bewohner, die aus der Stadt geflohen sind, sagen, der Angriff sei in der Nacht erfolgt. So verängstigt wie sie waren, konnten wir nicht viel Gescheites aus ihnen herausholen, nur dass die Männer, die sie angriffen, Soldaten des D’Haranischen Reiches waren. Da waren sie sich sicher. All diese Menschen haben ihre Heimat verloren.

Die Angreifer haben die Flüchtlinge nicht niedergemetzelt, solange sie keinen bewaffneten Widerstand leisteten, aber sie haben deutlich gemacht, dass sie die gesamte Alte Welt in Schutt und Asche legen wollen und jeden töten werden, der die Imperiale Ordnung unterstützt.

Die Soldaten haben den Bewohnern gesagt, es sei der Orden und ihr Glauben, der diesen Krieg zu ihnen geführt hat und der ihnen und dem Land den Ruin bringen wird. Die Soldaten schworen, sie würden die Menschen der Alten Welt in die Gräber und dann in die dunkelsten Winkel der Unterwelt treiben, falls sie nicht den Lehren des Ordens und seiner Kriegslust abschworen.«

Kahlan bemerkte erst, dass sie lächelte, als Jagang zu ihr herumfuhr und ihr eine Ohrfeige versetzte, die sie von den Beinen warf. Heute Nacht, das war ihr klar, würde er sie grün und blau prügeln. Es kümmerte sie nicht. Was sie gerade gehört hatte, war es wert. Sie konnte sich das Lächeln einfach nicht verkneifen.

55

Nicci zog den Umhang fester um sich und lehnte sich mit der Schulter an die große Steinzinne. Sie spähte zur Straße tief unter ihr und beobachtete die vier Reiter, die den Berg herauf zur Burg kamen. Noch hatten sie ein Stück vor sich, doch konnte sich Nicci recht gut vorstellen, um wen es sich handelte.

Sie gähnte und schaute hinüber zur Stadt Aydindril und den ausgedehnten Wäldern. Die leuchtenden Farben des Herbstes verblassten langsam. Beim Anblick der Bäume, die die Berghänge der Umgebung bedeckten und den Wechsel der Jahreszeiten so kühn ankündigten, musste sie an Richard denken. Er liebte Bäume. Nicci mochte sie inzwischen ebenfalls, eben weil sie der Wald an Richard erinnerte.

Auch aus einem weiteren Grund sah sie Bäume mittlerweile in einem anderen Licht. Sie markierten den Lauf der Zeit, das Verstreichen der Jahreszeiten, den Wechsel der Muster, die nun Teil ihrer Welt geworden waren, weil sie eben mit all dem verbunden waren, das sie im Buch des Lebens gelesen hatte. Alles war auf komplizierte Weise miteinander verwoben - wie die Macht der Ordnung funktionierte und wie diese Macht durch die Verbindung zur Welt des Lebens funktionierte. Die Welt, die Jahreszeiten, die Sterne, die Stellung des Mondes waren Teil dieser Gleichung, Teil dessen, was die Macht der Ordnung ausmachte und lenkte. Je mehr sie gelesen und gelernt hatte, desto intensiver spürte sie diesen Puls der Zeit und des Lebens um sich herum.

Außerdem war sie eindeutig zu dem Schluss gekommen, dass Richard den falschen Schlüssel auswendig gelernt hatte. Das erzählte sie Zedd allerdings nicht. Im Augenblick erschien es ihr nicht wichtig. Zudem war es nicht leicht zu erklären. Denn ihre Klarheit rührte nicht aus dem, was Das Buch des Lebens sagte, sondern aus der Weise, wie es gesagt wurde. Das Buch war in einer anderen Sprache verfasst, und das bezog sich nicht nur auf das Hoch-D’Haran. Natürlich war es Hoch-D’Haran, aber die wahre Sprache des Buches war das Zusammenwirken zu der Kraft, die daraus beschworen wurde. Die Formeln, Banne und Verfahren waren nur ein Aspekt.

In vielerlei Hinsicht erinnerte es sie daran, wie Richard so überzeugend über die Sprache von Symbolen und Emblemen geredet hatte. Inzwischen verstand sie langsam, was er meinte, indem sie es selbst im Buch des Lebens wieder fand. Sie sah die Linien und Winkel in bestimmten Formeln als eigene Sprache. Sie begann zu begreifen, worum es Richard eigentlich gegangen war.

Das Buch des Lebens hatte Nicci dazu gezwungen, die Welt des Lebens mit neuen Augen zu betrachten - und das erinnerte sie daran, wie Richard die Welt stets gesehen hatte, durch ein Prisma aus Wundern, Begeisterung und Liebe zum Leben. In gewisser Weise ging es um die gründliche Erkenntnis der genauen Natur der Dinge, der Wertschätzung der Dinge als das, was sie waren, und nicht als das, was sich die Menschen darunter vorstellten.