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Jagang sah Kahlan an. Vermutlich weil er wissen wollte, ob sie wie beim letzten Mal lächelte. Sie brauchte nicht zu lächeln. Sie konnte eine versteinerte Miene aufsetzen und innerlich triumphieren. Am liebsten hätte sie diesen unbekannten Männern zugejubelt, die Jagang langsam ernsthaft zusetzten, indem sie großen Schaden anrichteten.

Beinahe so schlimm wie die Zerstörungen waren die Gerüchte, die im Lager die Runde machten. Die Angriffe auf die Heimat beunruhigten die Männer, denn sie hatten sich stets in der Sicherheit gewiegt, die Alte Welt sei nicht nur unverwundbar, sondern zudem unbesiegbar. Und mit jedem Mal, mit dem solche Nachrichten weitererzählt wurden, gewannen sie an Gewicht. Jagang hatte eine stattliche Anzahl Männer hinrichten lassen, weil sie diese Gerüchte verbreiteten. Da Kahlan nur selten mit Soldaten sprach - die meisten konnten sie ja nicht einmal sehen -, wusste sie nicht, ob die Gerüchte nach den Hinrichtungen zum Verstummen gekommen waren, aber irgendwie bezweifelte sie das. Falls diese Geschichten die Soldaten schon nervös machten, konnte sich Kahlan kaum vorstellen, welche Angst sich unter den Bewohnern der Alten Welt ausbreitete. Während sich ihre Armee auf Eroberungsfeldzug befand, konnten sie sich vermutlich größtenteils nicht angemessen verteidigen.

»Den Berichten zufolge, Exzellenz, zerstören diese Plünderer alles, was ihnen in den Weg gerät. Sie verbrennen die Ernte, töten das Vieh, zerstören Mühlen, brechen Dämme und ruinieren jedes Handwerk, das Güter für unsere hochherzigen Bemühungen herstellt, das Wort des Ordens zu verbreiten.

Besonders hart trifft es jene, die unser Volk unterstützen, indem sie die Lehren des Ordens zu den Menschen bringen - denen, die die Notwendigkeit der Opferbereitschaft predigen, damit wir die Heiden im Norden zermalmen können.«

Jagang blieb äußerlich ruhig, doch sowohl Kahlan als auch die Offiziere wussten, dass er innerlich vor Zorn schäumte.

»Hast du eine Ahnung, wer unseren Lehrern und Anführern nachstellt? Eine bestimmte Einheit des Feindes vielleicht?«

Der Mann verneigte sich entschuldigend. »Exzellenz, leider muss ich berichten, dass bei allen Lehrern und Brüdern, die ermordet wurden, weil sie den Glauben des Schöpfers und des Ordens verbreiten ... also, bei allen Leichen fehlte das rechte Ohr.«

Jagangs Gesicht wurde purpurrot vor Wut. Kahlan sah, wie sich die Muskeln an Kinn und Hals spannten, als er die Zähne zusammenbiss.

»Glaubt Ihr, es könnten die gleichen Männer sein, die uns auf dem Weg in die Midlands belästigt haben?«, fragte einer der Offiziere.

»Natürlich sind sie es!«, brüllte Jagang. »Es muss etwas unternommen werden«, sagte er und wandte sich seinen Offizieren zu. »Versteht ihr?«

»Jawohl, Exzellenz«, antworteten sie wie aus einem Mund, neigten die Köpfe und hielten sie gesenkt.

»Dieses Ärgernis muss beseitigt werden. Der Nachschub ist unabkömmlich. Wir stehen kurz davor, diesen Krieg mit einem großen Sieg zu beenden. Ich werde nicht zulassen, dass unsere Bemühungen vergeblich "waren. Habt ihr verstanden?«

»Jawohl, Exzellenz«, sagten sie gemeinsam und verbeugten sich noch tiefer.

»Dann kümmert euch darum - alle!«

Während die Männer auseinandergingen, um diesen Befehl auszuführen, marschierte Jagang los, aus seinem Lager hinaus. Kahlan durchfuhr ein Schmerz aus dem Ring, der sie aufforderte, ihn zu begleiten. Wie immer versammelte sich die kaiserliche Eskorte und Wache um Jagang.

57

Richard spähte durch die Gitterstäbe des kleinen Fensters in der Seitenwand des Eisenkäfigs, als der Wagen durch das sich endlos hinziehende Armeelager holperte.

»Sieh dir das bloß an, Rüben«, sagte Johnrock. Er hatte beide Hände an den Gitterstäben und grinste angesichts des Schauspiels über das ganze Gesicht, wie ein Mann an einem unverhofften freien Tag-Richard sah zu seinem Käfiggenossen hinüber. »Ziemlich beeindruckend«, stimmte er zu.

»Was meinst du, ob es hier wohl jemanden gibt, der uns schlagen könnte?«

»Das werden wir früher oder später wohl herausfinden«, antwortete Richard.

»Ich sag dir was, Rüben, ich würde einiges für eine Chance geben, in der Mannschaft des Kaisers ein paar Schädel einzuschlagen.« Sein Kumpan sah ihn von der Seite an. »Was meinst du, ob sie uns wohl nach Hause lassen, wenn wir die Mannschaft des Kaisers schlagen?«

»Ist das dein Ernst?«

Der Mann lachte schnaubend. »Das war ein Scherz, Rüben.«

»Ein schlechter«, stellte Richard fest.

»Vermutlich.« Johnrock seufzte. »Trotzdem, es heißt, die Mannschaft des Kaisers ist die beste. Ich möchte die Peitsche nicht noch einmal zu spüren bekommen.«

»Mir hat das eine Mal auch gereicht.«

Die beiden teilten sich den Eisenkäfig nun schon seit Richards Gefangennahme in Tamarang. Johnrock war bereits einige Zeit davor verschleppt worden. Er war ein Hüne von einem Mann, ein Müller aus dem Süden der Midlands. Unmittelbar bevor ein Nachschubtreck durch sein kleines Dorf ziehen sollte, waren einige Soldaten eines Spähtrupps aufgetaucht und hatten behauptet, aufgrund seiner Körpergröße könne er eine hervorragende Verstärkung für ihre Mannschaft sein.

Johnrocks richtigen Namen kannte Richard nicht. Dieser hatte ihm lediglich erklärt, wegen seines Körperbaus und seiner zähen Muskeln vom Schleppen der Getreidesäcke würden ihn alle Johnrock nennen. Er selbst kannte Richard nur als Rüben Rybnik. Obwohl Johnrock ein Mitgefangener war, hielt Richard es nicht für klug, jemandem seinen korrekten Namen zu verraten.

Bei seiner Gefangennahme, hatte Johnrock ihm stolz erzählt, habe er drei Männern den Arm gebrochen, ehe sie ihn überwältigen konnten. Richard hatte ihm nur erzählt, er sei von Bogenschützen umringt gewesen und hätte sich deswegen ergeben. Johnrock schien ein wenig peinlich berührt über, wie er es sah, Richards Mangel an Mumm.

Obwohl Johnrock selbst in ihrer misslichen Lage nicht selten ein schiefes, einfältiges Grinsen aufsetzte, besaß er eine schnelle Auffassungsgabe und einen scharfen Verstand. Er mochte Richard, weil der ihn als Einziger nicht für beschränkt hielt und ihn entsprechend behandelte. Johnrock war alles andere als dumm. Zu guter Letzt hatte er eingesehen, dass er sich über Richards angeblichen Mangel an Mut getäuscht hatte, und ihn gefragt, ob er bei den Ja’La-Spielen nicht sein rechter Flügelstürmer werden könne. Die Position des Flügelstürmers galt als ziemlich undankbar, weil man dort den heftigsten körperlichen Attacken des Gegners ausgesetzt war. Johnrock hingegen sah eher das Positive an dieser Position, denn sie erlaubte es ihm, Männern der Imperialen Ordnung den Schädel zu zertrümmern und dafür noch Beifall einzuheimsen. Trotz seiner Größe war er schnell - eine Kombination, die ihn zur perfekten Besetzung auf Richards rechter Flanke machte. Während des Spiels blieb er gern in Richards Nähe, denn dann konnte er beobachten, wie Richard seine Wut auf dem Ja’La-Feld auf eine Weise herausließ, die die anderen Mannschaften kalt erwischte. Obwohl sie nie darüber sprachen, waren sie sich darin einig, wie sehr sie diese Gelegenheit genossen, sich an ihren Häschern zu rächen. Das Armeelager jenseits der Gitterstäbe schien kein Ende zu nehmen. Mutlosigkeit befiel Richard, als er sah, wo sie sich befanden -in der Azrith-Ebene, ganz in der Nähe des Palasts des Volkes. Als er den Anblick nicht länger ertragen konnte, setzte er sich wieder hin, lehnte sich an die andere Wand des Verschlags und legte die Handgelenke auf die Knie, während der Wagen schwankend und ruckend durch die endlosen Soldatenmassen rollte.

Er war froh, dass die D’Haranischen Streitkräfte schon seit Längerem abgezogen waren, denn andernfalls wären sie nur sinnlos aufgerieben worden. Stattdessen dürften sie inzwischen die Alte Welt erreicht und damit begonnen haben, dort alles in Schutt und Asche zu legen.