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»Ganz wie du meinst, Rüben.«

Bemüht, ihren Atem zu kontrollieren, versuchte Kahlan ihren rasenden Puls zu beruhigen. Sie konnte nicht begreifen, was sie so überwältigt hatte. Der Mann ihm Käfig war ihr unbekannt. Sie hatte sein Gesicht nur für einen Augenblick gesehen, als der Wagen vorüberrollte, doch aus irgendeinem Grund hatte sie der Anblick bis auf den Grund ihrer Seele aufgewühlt.

Als der Mann zum zweiten Mal ihren Namen rief, reagierte Jagang, als hätte er etwas gehört. Sofort hatte Kahlan sich wieder herumgedreht, damit er keinen Verdacht schöpfte. Doch warum ihr das so überaus wichtig erschienen war, wusste sie nicht. Nein, das stimmte nicht. Sie kannte den Grund nur zu gut. Der Mann hatte in einem Käfig gesessen. Da er sie zu kennen schien, hätte Jagang ihm womöglich etwas angetan, ihn vielleicht sogar getötet. Aber es steckte noch mehr dahinter. Offenbar kannte sie der Mann. Er musste irgendwie mit ihrer Vergangenheit in Zusammenhang stehen, jener Vergangenheit, die sie zu vergessen versuchte. Als sie in seine grauen Augen gesehen hatte, hatte sich mit einem Herzschlag alles verändert. Sie wollte nicht mehr, dass ihre Vergangenheit verschüttet blieb. Plötzlich wollte sie alles wissen. Der Ausdruck in den Augen des Mannes hatte etwas so ungeheuer Kraftvolles gehabt, war so voller Lebendigkeit gewesen, dass ihr mit einem Schlag die Bedeutung ihres Lebens klar geworden war. In dem Moment, als sie den Blick in seinen grauen Augen sah, erkannte Kahlan, dass sie wissen musste, wer sie war. Was immer die Folgen waren, egal um welchen Preis, sie musste die Wahrheit wissen. Sie musste ihr Leben zurückerlangen, und dafür gab es nur einen Weg: die Wahrheit.

Jagangs Drohungen mochten eine sehr reale Gefahr darstellen, doch plötzlich war ihr klar geworden, dass die eigentliche Gefahr darin bestand, dass er sie mit seinen Einschüchterungen dazu brachte, ihrem eigenen Leben, ihrem freien Willen, ja ihrer ganzen Existenz abzuschwören ... und sich endgültig seiner Herrschaft auszuliefern. Mit seinen Drohungen versuchte er ihr vorzuschreiben, wie sie zu leben hatte, machte er sie zur Sklavin. Wenn sie sich seinem Willen beugte, dann nur, weil sie den ihren aufgegeben hatte. So durfte sie nicht denken. Darin konnte sich ihr Leben nicht erschöpfen. Sie mochte vielleicht seine Gefangene sein, aber sie war nicht seine Sklavin. Sie war überhaupt niemandes Sklavin. Niemals würde sie sich seinem Willen ergeben. Sie wollte ihr altes Leben zurück. Ihr Leben gehörte ihr allein, und sie würde es sich wiederholen. Nichts, was Jagang tun konnte, nichts, womit er ihr zu drohen versuchte, konnte ihr das länger verwehren.

Kahlan fühlte Freudentränen über ihre Wangen rollen. Der Mann, den sie nicht einmal kannte, hatte ihr soeben den Lebenswillen, ja die Lust am Leben zurückgegeben. Es war, als könnte sie zum allerersten Mal seit ihrem Gedächtnisverlust wieder befreit aufatmen.

Sie wünschte nur, sie könnte ihm dafür danken.

58

Nicci marschierte durch die riesige Halle im Palast des Volkes und zog Cara, Nathan und eine Schar Wachen hinter sich her. Jedes Mal, wenn jemand Nathan »Lord Rahl« nannte, zuckte sie zusammen. Sie wusste, es war unumgänglich, und trotzdem blieb in ihrem Herzen Richard der einzige Lord Rahl.

Sie hätte alles gegeben, um wieder in seine grauen Augen zu sehen. Im Palast glaubte sie fast, seine Gegenwart zu spüren, was vermutlich an dem Bann lag, um den der Palast errichtet war. Denn der Palast war in Form eines Banns für den Lord Rahl gebaut. Richard war der Lord Rahl. Zumindest für sie.

Gerechterweise musste sie zugeben, dass andere - zum Beispiel Cara - ebenso empfanden. Wenn sie mit Cara allein war, was nicht selten vorkam, herrschte zwischen den beiden ein Einverständnis, das keine Worte brauchte. Beide litten den gleichen Schmerz. Beide wollten Richard zurück.

Cara trat vor und führte sie durch ein Netz kleiner Gänge für die Dienstboten zu einer Eisentreppe, die in einem dunklen Schacht aufstieg. Oben stieß sie eine Tür auf. Sie wurden von kaltem Licht empfangen, als sie den Beobachtungsposten betraten. Hier oben am Rande der Außenmauer, am Rande der Hochebene, stand man wie am Ende der Welt.

Unten erstreckte sich die Armee der Imperialen Ordnung wie ein schwarzer Fleck bis zum fernen Horizont.

»Seht Ihr, was ich meine?«, fragte Nathan und zeigte zu dem Bauwerk in der Ferne. Zunächst war es schwer zu erkennen, doch bald ergab es Sinn.

»Ihr habt recht«, sagte sie. »Es scheint eine Rampe zu sein. Meint Ihr, man kann tatsächlich eine Rampe bis hier oben bauen?«

Nathan schaute einen Augenblick hinaus. »Ich weiß es nicht, aber ich würde sagen, wenn Jagang diese Mühsal auf sich nimmt, dann nur, weil er glaubt, es bewerkstelligen zu können.«

»Falls sie es schaffen, eine derart breite Rampe zu bauen«, sagte Cara, »bedeutet das ziemlichen Ärger.«

»Eher: Es bedeutet unseren ›Tod‹«, warf Nathan ein. Nicci beobachtete die Männer des Ordens und schätzte die Entfernung zu der Baustelle ab. »Nathan, Ihr seid doch ein Rahl. Dieser Ort verstärkt Eure Kraft. Ihr solltet in der Lage sein, Zaubererfeuer hinunterzuschleudern und das Ding in die Luft zu jagen.«

»Daran habe ich auch schon gedacht«, antwortete er. »Ich vermute allerdings, die Schwestern werden Schilde errichtet haben, um genau das zu verhindern. Ich habe noch nicht nach solchen Abwehrmaßnahmen geforscht und noch nichts ausprobiert. Damit möchte ich warten, bis sie noch ein wenig länger geschuftet haben damit sie sich sicher fühlen. Dann, wenn sie näher herangekommen sind und ich schließlich zuschlage, habe ich bessere Chancen, ernsthaften Schaden anzurichten. Wenn ich die Rampe jetzt zerstöre, haben sie nicht viel verloren. Deshalb sollten wir besser abwarten, bis sie noch mehr Zeit und Arbeit hineingesteckt haben.«

Nicci sah den großen Propheten stirnrunzelnd an. »Nathan, Ihr seid ein hinterhältiger Kerl.«

Er setzte sein Rahl-Lächeln auf. »Ich betrachte mich lieber als einfallsreich.«

Nicci schaute sich nun das Lager jenseits der Baustelle an. Es war gerade weit genug entfernt, damit die mit der Gabe Gesegneten dort Zeit genug hätten, auf einen Angriff zu reagieren. Nicci war lange in Jagangs Armee gewesen und wusste, wie man dort dachte. Sie kannte die Verteidigungsringe, die Jagangs Offiziere und die mit der Gabe Gesegneten um die Armee herum aufstellen würden. Und einige dieser mit der Gabe Gesegneten waren Schwestern der Finsternis.

»Seht Euch das an«, sagte sie und zeigte zum Lager. »Anscheinend trifft gerade Nachschub ein.«

Nathan nickte. »Der Winter steht vor der Tür. Die Armee macht keine Anstalten abzuziehen, daher werden sie eine Menge Vorräte brauchen, wenn die Männer lebend über den Winter kommen sollen.«

Nicci überlegte, was man dagegen unternehmen konnte, kam jedoch zu dem Schluss, dass von hier aus wenig zu erreichen war. »Also, Richard hat die Armee nach Süden in die Alte Welt geschickt, um die Nachschubtrosse zu überfallen. Hoffentlich haben sie Erfolg und erledigen ihre Aufgabe. Wenn diese Männer da unten einfach verhungern, wäre unser Problem gelöst. In der Zwischenzeit werde ich ein paar Gedanken der Frage widmen, wie wir ihnen beim Sterben helfen können.«

Sie wandte sich von dem bedrückenden Anblick des Lagers ab und von dem Nachschubtross, der diesen Männern brachte, was notwendig war, um die Belagerung des Palastes aufrechtzuerhalten.

»Kommt«, sagte sie zu Nathan, »ich muss zurück. Aber warum zeigt Ihr es mir nicht, ehe ich aufbreche?«

Nathan führte sie durch den Palast nach unten, wobei er die riesigen Hallen mied und sich eher an die Bereiche für die Dienstboten hielt. Rasch brachte er sie tiefer in die dunklen inneren Teile unter dem Palast, welche die meisten Bewohner niemals zu Gesicht bekamen. Selbst an diesen Orten gab es elegante, wenn auch einfache Hallen aus Stein. Ihnen fehlten die kunstvollen Verzierungen. Manche waren mit poliertem Stein verkleidet, andere mit edlen Hölzern. Es waren die privaten Gänge, die nur der Lord Rahl und seine Bediensteten benutzten.

Nicci war in den Palast des Volkes gekommen, um dem Garten des Lebens einen Besuch abzustatten. Danach hatte sie sich erkundigt, wie Berdine bei ihrer Suche nach Informationen vorankam und wie es Nathan erging. Beide wollten ihr in allen Einzelheiten von ihren Schwierigkeiten erzählen; Nicci hatte sich eigentlich nicht die Zeit nehmen wollen, sich aber gezwungen, geduldig zuzuhören. Nachdem sie noch einmal den ursprünglichen Aufbewahrungsort der Kästchen gesehen hatte, war sie kaum mehr in der Lage, sich auf die Berichte der beiden zu konzentrieren. Diesmal betrachtete sie den verlassenen Garten des Lebens mit anderen Augen und bekam ein Gefühl für den Ort, wo Darken Rahl die Kästchen geöffnet hatte und wo sie aufbewahrt worden waren. Sie hatte die Position in dem Raum studiert, die Lichtmenge, die Winkel zu den verschiedenen bekannten Sternkarten und zusätzlich, wie Sonne und Mond zu dem Ort standen. Schließlich hatte sie den Bereich angeschaut, wo die Banne gewirkt worden waren.