Выбрать главу

Erschrocken blieb Nicci stehen und sah auf. »Was war das?«

»Die Glocke zur Andacht«, sagte Cara, verwirrt über Niccis Reaktion.

Nicci schaute zu, wie sich Menschen auf einem nahen Platz mit einem Wasserbecken in der Mitte zu versammeln begannen. Das Becken, mit einem großen dunklen, nicht ganz mittig platzierten Felsen darin, war zum Himmel hin offen.

»Vielleicht sollten auch wir zur Andacht gehen«, sagte Cara.

»Manchmal hilft das, wenn man Sorgen hat, und Ihr habt eindeutig Sorgen.«

Nicci sah die Mord-Sith stirnrunzelnd an und fragte sie, woher sie über die Sorgen Bescheid wusste. Vermutlich sah man es ihr deutlich an.

»Ich habe keine Zeit für die Andacht«, sagte Nicci. »Ich muss zurück und dieses Problem lösen.«

Cara wirkte nicht so, als hielte sie das für eine gute Idee. Sie zeigte auf den Platz.

»An Lord Rahl zu denken könnte helfen.«

»An Nathan zu denken hilft mir überhaupt nicht. Mir ist es gleichgültig, ob alle in Nathan den Lord Rahl sehen. Richard ist der Lord Rahl.«

Cara lächelte. »Ich weiß. Das habe ich doch gemeint.« Sie nahm Nicci am Arm und zog sie zu dem Becken. »Kommt.«

Nicci starrte die Frau an, während sie sich mitziehen ließ, und sagte:

»Na, wahrscheinlich schadet es nicht, eine Weile innezuhalten und an Richard zu denken.«

Cara nickte und sah in diesem Augenblick sehr weise aus. Die Menschen machten der Mord-Sith respektvoll Platz, als sie zu einer Stelle nahe am Wasserbecken ging. Nicci bemerkte Fische, die durch das dunkle Wasser glitten. Ehe sie sich’s versah, kniete sie neben Cara und drückte die Stirn auf den Boden.

»Führe uns, Meister Rahl«, begannen die Leute wie mit einer Stimme zu intonieren. »Lehre uns, Meister Rahl. Beschütze uns,

Meister Rahl. In deinem Licht werden wir gedeihen. Deine Gnade gewährt uns Schutz. Deine Weisheit beschämt uns. Wir leben nur, um zu dienen. Unser Leben gehört dir.«

Nicci gesellte sich mit ihrer Stimme zu den anderen, und der Sprechgesang erfüllte die Hallen. Die Worte »Meister Rahl« und Richard waren für sie untrennbar verbunden. Sie bedeuteten das Gleiche.

Fast gegen ihren Willen beruhigten sich Niccis aufgebrachte Gedanken, als sie leise die Worte mit den anderen Anwesenden sprach.

»Führe uns, Meister Rahl. Lehre uns, Meister Rahl. Beschütze uns, Meister Rahl. In deinem Licht werden wir gedeihen. Deine Gnade gewährt uns Schutz. Deine Weisheit beschämt uns. Wir leben nur, um zu dienen. Unser Leben gehört dir.«

Sie verlor sich in den Worten. Die Sonne schien ihr warm auf den Rücken. Der nächste Tag würde der erste des Winters sein, doch in Lord Rahls Palast war es warm, ganz so wie im Garten des Lebens. Es erschien ihr eigenartig, dass Darken Rahl und vor ihm sein Vater, Panis, die auch Lord Rahl gewesen waren, diesen Ort in einen Hort des Bösen verwandelt hatten.

Allerdings war dieser Ort eben auch nur ein Ort. Der Mensch war es, auf den es ankam. Der Mensch machte den Unterschied. Der Mensch gab die Richtung vor, der die anderen folgten, zu Recht oder zu Unrecht. In gewisser Weise war die Andacht die formale Anerkennung dieser Auffassung.

»Führe uns, Meister Rahl. Lehre uns, Meister Rahl. Beschütze uns, Meister Rahl. In deinem Licht werden wir gedeihen. Deine Gnade gewährt uns Schutz. Deine Weisheit beschämt uns. Wir leben nur, um zu dienen. Unser Leben gehört dir.«

Die Worte hallten in Niccis Kopf wider. Sie vermisste Richard so sehr. Obwohl sein Herz einer anderen gehörte, vermisste sie ihn, sein Lächeln, die Gespräche mit ihm. Wenn das alles war, was sie je bekommen würde, war es genug, um ihr Kraft zu geben. Nur seine Freundschaft - er wertvoll für sie, sie wertvoll für ihn. Einfach Richard, der lebte, der glücklich war, der ... Richard war.

Unser Leben gehört dir.

Abrupt erhob sich Nicci auf die Knie.

Sie hatte es verstanden.

Verwirrt runzelte Cara die Stirn, während alle anderen beteten. »Was ist los?«

Unser Leben gehört dir.

Sie wusste, was sie zu tun hatte.

Eilig stand sie auf. »Kommt. Ich muss zurück zur Burg.«

Während sie gemeinsam durch die Gänge rannten, hörte Nicci die flüsternden Stimmen, die sich erhoben und durch die langen Korridore hallten.

»Führe uns, Meister Rahl. Lehre uns, Meister Rahl. Beschütze uns, Meister Rahl. In deinem Licht werden wir gedeihen. Deine Gnade gewährt uns Schutz. Deine Weisheit beschämt uns. Wir leben nur, um zu dienen. Unser Leben gehört dir.«

Nicci fühlte sich in diesen Worten verloren, denn plötzlich hatten sie eine Bedeutung für sie erlangt, die sie niemals zuvor getragen hatten. Endlich hatte sie begriffen, wie alles zusammenpasste, und sie wusste, was sie zu tun hatte.

Zedd erhob sich von seinem Stuhl am Schreibtisch, als er Nicci in der Tür stehen sah. Das Lampenlicht milderte seine vertrauten Züge.

»Nicci, Ihr seid zurück. Wie steht es im Palast des Volkes?« Nicci hörte die Frage kaum. Und antworten konnte sie schon gar nicht darauf.

Zedd kam näher, und Besorgnis zeigte sich in seinen braunen Augen.

»Nicci, was ist denn los? Ihr seht aus wie ein Gespenst, das in der Burg spuken will.«

Sie musste sich überwinden zu sprechen. »Vertraut Ihr Richard?«

Zedd runzelte die Stirn. »Was ist das für eine Frage?« »Vertraut Ihr Richard Euer Leben an?«

Zedd machte eine Geste mit einem Arm. »Natürlich. Worum geht es denn?«

»Vertraut Ihr Richard das Leben aller an?« Zedd ergriff sanft ihren Arm. »Nicci, ich liebe den Jungen.« »Bitte, Zedd, vertraut Ihr Richard das Leben aller an?« Die Besorgnis breitete sich von den Augen auf das ganze Gesicht aus, die Falten wurden tiefer. Endlich nickte er. »Aber selbstverständlich. Wenn es jemals einen gab, dem ich mein Leben oder das Leben aller anvertrauen würde, dann Richard. Schließlich habe ich ihn zum Sucher ernannt.«

Nicci nickte und wandte sich um.

»Danke, Zedd.«

Er zog seine Robe ein wenig hoch, als er ihr hinterhereilte. »Braucht Ihr Hilfe, Nicci?«

»Nein«, antwortete sie. »Danke. Mir geht es gut.«

Zedd nickte, nahm sie beim Wort und kehrte zu dem Buch zurück, in dem er gelesen hatte.

Nicci wanderte durch die Gänge der Burg, ohne etwas wahrzunehmen. Sie bewegte sich, als würde sie einer unsichtbaren leuchtenden Linie zu ihrem Ziel folgen, so wie Richard behauptete, er könne leuchtende Linien einer Bannform verfolgen.

»Wohin geht es?«, fragte Cara und eilte ihr hinterher.

»Vertraut Ihr Richard? Vertraut Ihr ihm Euer Leben an?«

»Sicherlich«, sagte Cara, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern. Nicci nickte und ging weiter.

Sie kam an Korridoren vorbei, an Abzweigungen, Räumen und Treppen, und sie nahm nichts wahr. In diesem Dunst erreichte sie schließlich den gesicherten Teil der Burg und den großen Saal, wo sie beinahe im Prüfnetz gestorben wäre. Ohne Richard hätte es sie das Leben gekostet. Er hatte darauf beharrt, eine Möglichkeit der Rettung für sie zu finden, als niemand sonst daran geglaubt hatte. Sie vertraute Richard ihr Leben an, und ihr Leben war für sie, dank Richard, sehr kostbar.