Выбрать главу

»Dann sprich«, forderte Richard ihn auf und setzte sich wieder hin.

»Du musst mir genau erklären, woher du wissen konntest, wie sich ein Prüfnetz abschalten lässt - insbesondere ein so komplexes wie die Matrix einer Feuerkettenreaktion.«

Richard wirkte mehr als ausgelaugt. »Aber das habe ich dir doch schon erklärt, ich kenne mich in der Sprache der Embleme aus.«

Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, begann Zedd auf und ab zu gehen. Die Besorgnis stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben.

»Richtig, darum ging es. Du sprachst davon, du wüsstest eine Menge über ›bildhafte Darstellungen mit todbringender Wirkung‹. Ich muss wissen, was du damit gemeint hast.«

Richard holte tief Luft, ließ sie langsam wieder heraus und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Da er bei Zedd aufgewachsen war, wusste er natürlich nur zu gut, dass man Zedds Fragen am besten einfach beantwortete, wenn er etwas wissen wollte. Er drehte seine Handgelenke herum und legte sie auf seine Knie. Auf den Ledergepolsterten Silberarmreifen, die er trug, waren seltsame Symbole zu erkennen. In der Mitte eines jeden Reifens befand sich an der Innenseite der Handgelenke eine kleine Huldigung. Das allein war besorgniserregend genug, denn Nicci hatte ihn sie benutzen sehen, als er die Sliph gerufen hatte, damit sie reisen konnten. Sie vermochte sich nicht einmal ansatzweise vorzustellen, welche Bedeutung die anderen Symbole hatten.

»Diese Zeichnungen hier, die um die Reifen herumlaufen - die Embleme, Muster und Sinnbilder - sind bildhafte Darstellungen bestimmter Dinge. Wie ich bereits sagte, handelt es sich um eine Art Jargon, eine Sprache.«

Mit einer fahrigen Handbewegung deutete Zedd auf die Zeichen auf den Armbändern. »Und du kannst so etwas wie eine Bedeutung aus ihnen herauszulesen? Wie schon bei der Bannform?«

»Ja. Die meisten von ihnen beziehen sich auf Methoden des Schwertkampfs - dadurch habe ich sie überhaupt erst entziffern können und sie verstehen gelernt.«

Wie auf der Suche nach Bestärkung wanderten Richards Finger geistesabwesend zum Heft seines Schwertes, das jedoch schon lange nicht mehr an seiner Hüfte hing. Er fing sich wieder und fuhr fort:

»Viele dieser Muster gleichen denen draußen vor der Enklave der Zauberer. Du weißt schon - auf den Messingtafeln auf dem Gebälk über den buntscheckigen roten Steinsäulen, auf den runden Metallscheiben an dem gesamten Fries entlang, und auf den Steinmetzarbeiten am Gesims.«

Er blickte über die Schulter seinen Großvater an. »Die meisten dieser Embleme beziehen sich offenkundig auf den Schwertkampf.«

Nicci kniff erstaunt die Augen zusammen, als sie ihm zuhörte. Von den Symbolen auf den Armbändern hatte Richard ihr nie erzählt. Kraft seines Amtes als Oberster Zauberer war Zedd der Hüter des Schwertes der Wahrheit gewesen, dessen Pflicht es war, bei Bedarf einen neuen Sucher zu ernennen, seiner Reaktion zufolge schien aber nicht einmal er davon gewusst zu haben. Was sie jedoch nicht übermäßig verwunderte, immerhin war das Schwert vor vielen Jahrtausenden von Zauberern geschaffen worden, die über ungeheure Kräfte verfügten.

»Das hier.« Zedd wies mit einem knochendürren Finger auf ein Emblem auf Richards Armreif. »Das Gleiche befindet sich auf der Tür zur Enklave des Obersten Zauberers.«

Richard drehte sein anderes Handgelenk herum und tippte auf ein Sonnenaufgangssymbol auf der Oberseite des Silberreifs. »Ebenso wie dieses hier.«

Zedd zog Richards Arm näher zu sich heran und untersuchte die Armbänder im Schein der Lampe. »Stimmt ... beide befinden sich auf der Tür.« Er sah Richard mit zusammengekniffenen Augen an und runzelte die Stirn. »Und du glaubst allen Ernstes, sie enthalten eine Bedeutung, und du hast gelernt, sie zu entziffern?«

»Ja, natürlich.«

Zedd, die drahtigen Brauen tief über die Augen gezogen, war sich offenbar immer noch unschlüssig. »Und was bedeuten sie nun deiner Meinung nach?«

Richard tippte mit dem Finger auf ein Symbol auf seinem Armband sowie auf ein ganz ähnliches auf den Nieten seiner Stiefel, ehe er auf genau das gleiche Muster in dem Goldstreifen am Saum seines schwarzen Umhangs deutete. Erst als er darauf hinwies, bemerkte Nicci, dass es dort zwischen den übrigen Verzierungen verborgen war, die nichts weiter als ein kunstvoller Zierstreifen zu sein schienen. Das Muster erinnerte an zwei angedeutete Dreiecke, umgeben von einer wellenförmigen, verschlungenen Doppellinie, die diese an einer Stelle durchzog.

»Dieses hier stellt eine Art Rhythmus dar, wie man ihn im Kampf gegen eine Überzahl benutzt. Sie drückt ein Gespür für den Rhythmus des Tanzes aus, für Bewegung ohne feste Form.«

Fragend hob Zedd ein Braue. »Bewegung ohne feste Form?«

»Ja, du weißt schon, Bewegungen, die nicht starr einem vorgegebenen Muster folgen, nicht unverrückbar vorgeschrieben sind und doch ganz bewusst mit einer bestimmten Absicht sowie einem klaren Ziel ausgeführt werden. Dieses Emblem beschreibt einen wesentlichen Bestandteil des Tanzes.«

»Des Tanzes?«

Richard nickte. »Des Tanzes mit dem Tod.«

Einen Moment lang arbeiteten Zedds Kiefer stumm, dann fand er seine Stimme wieder. »Des Tanzes. Mit dem Tod.« Einen ganzen Schwall von Fragen auf den Lippen, verhaspelte er sich mehrmals stockend, ehe er schließlich abbrach und zu einer einfacheren Formulierung Zuflucht nahm. »Und wie hängt das alles mit den Symbolen in der Enklave des Obersten Zauberers zusammen?«

Richard fuhr mit dem Daumen über die Zeichen auf seinem linken Armreif. »Meine Überlegung war, dass diese Symbole für einen Kriegszauberer eine Bedeutung haben müssten - was mir in gewissem Maß geholfen hat, sie zu entziffern. Es gibt in vielen Berufen Symbole, die eine bestimmte Bedeutung enthalten. Schneider malen eine Schere auf ihre Fensterscheibe, ein Waffenschmied bringt eine Messersilhouette über seiner Tür an, ein Wirtshaus trägt ein Schild mit einem Krug darauf, ein Grobschmied eines mit einem Amboss, während sich ein Hufschmied vielleicht ein paar Hufeisen an die Wand nagelt. Einige dieser Zeichen, zum Beispiel ein Totenschädel mit gekreuzten Knochen darunter, verweisen auf eine tödliche Gefahr. Ganz ähnlich haben auch Kriegszauberer Zeichen über der Enklave des Obersten Zauberers angebracht.

Viel wichtiger aber ist, dass jedes Gewerbe über einen eigenen Jargon verfügt, einen spezialisierten Wortschatz, der für diesen Berufszweig charakteristisch ist. Nicht anders verhält es sich mit einem Kriegszauberer. Der Jargon seines Handwerks hat mit Tod zu tun. Diese Symbole hier sowie die vor der Enklave des Obersten Zauberers sind zum Teil das Symbol seines Gewerbes: der Herbeiführung des Todes.«

Zedd räusperte sich, blickte nach unten und deutete auf ein anderes Symbol auf Richards Armband. »Und das hier. Es befindet sich auf der Tür zu meiner Enklave. Weißt du, was es bedeutet? Könntest du mit deinen eigenen Worten wiedergeben, welchen Sinn es verkörpert?«

Richard verdrehte leicht sein Handgelenk, während er das Sonnenaufgangssymbol betrachtete. »Es ist eine Ermahnung, den Blick nicht auf einen einzigen Gegenstand zu beschränken. Der Sonnenaufgang steht für die Warnung, alles gleichzeitig mit dem Blick zu erfassen, nichts unter Ausschluss alles anderen wahrzunehmen. Er soll daran erinnern, dass man dem Feind niemals Gelegenheit geben darf, die eigene Aufmerksamkeit so zu vereinnahmen, dass er die Wahrnehmung steuern und auf ein einziges Ziel lenken kann. Denn dann nimmt man nur wahr, was er möchte. Man gibt ihm sozusagen Gelegenheit, einen zu blenden, damit er sich ungesehen auf einen stürzen kann, was einen höchstwahrscheinlich das Leben kosten würde.

Vielmehr muss die eigene Wahrnehmung, wie dieser Sonnenaufgang, für alles offen sein und darf niemals zur Ruhe kommen, nicht einmal beim Vorgang des Schneidens. Der Tanz mit dem Tod bedeutet, den Feind zu verstehen und mit ihm, also mit seiner Denkweise innerhalb seines Wissensspektrums, eins zu werden, sodass man sein Schwert kennt, als wäre es das eigene seine exakte Position, Geschwindigkeit und seine nächste Bewegung -, und zwar ehe diese erfolgt und ohne erst abwarten zu müssen, dass man sie sieht. Öffnet man auf diese Weise seinen Blick und alle Sinne, wird man die Denkweise und Bewegungen seines Feindes schließlich erkennen wie in einer instinktiven Reaktion.«