Zedd kratzte sich an der Schläfe. »Du willst mir tatsächlich weismachen, all diese Symbole, diese für Kriegszauberer charakteristischen Zeichen, sind nichts weiter als Anleitungen für die Handhabung eines Schwertes?«
Richard schüttelte den Kopf. »Der Begriff ›Schwert‹ steht für alle Formen der Auseinandersetzung, nicht nur für den Kampf Mann gegen Mann oder mit einer Waffe. Er ist unter anderem ebenso anwendbar auf Strategie und Führerschaft.
Mit dem Tod zu tanzen bedeutet, dass man sich dem unveräußerlichen Wert des Lebens verschrieben hat, und zwar mit Verstand, Herz und Seele, um so wahrhaft darauf vorbereitet zu sein, alles Erforderliche für seinen Erhalt zu tun. Mit dem Tod zu tanzen bedeutet, dass man zur Verkörperung des Todes wird, der als Schnitter über die Lebenden kommt, um das Leben zu bewahren.«
Zedd schien wie vom Donner gerührt.
Seine Reaktion schien Richard ein wenig zu überraschen. »All das deckt sich weitgehend mit dem, was du mir beigebracht hast, Zedd.«
Das Licht der Lampe warf scharfe Schatten über Zedds kantiges Gesicht. »Das mag in gewisser Hinsicht ja alles stimmen, Richard, aber gleichzeitig bedeutet es noch sehr viel mehr.«
Richard nickte und rieb mit dem Daumen über die matt glänzende silberne Oberfläche seines Armbands. Er schien nach den richtigen Worten zu suchen. »Ich weiß, du hättest dir gewünscht, derjenige zu sein, der mir all die Dinge beibringt, die im Zusammenhang mit deiner Enklave stehen - wie du auch derjenige sein wolltest, der mir alles über die Huldigung beibringt. Als Oberster Zauberer stand dir das auch zu. Vielleicht hätte ich warten sollen.«
Voller Überzeugung ballte er die Faust. »Aber es standen Menschenleben auf dem Spiel, es gab Dinge, die ich tun musste. Also musste ich es eben ohne dich lernen.«
»Verdammt, Richard, wie hätte ich dir das denn alles beibringen sollen?«, meinte er resigniert. »Die Bedeutung dieser Symbole war seit Jahrtausenden in Vergessenheit geraten. Kein Zauberer seit ... nun ja, kein Zauberer, den ich kenne, hat sie jemals entziffern können, deshalb fällt es mir schwer, mir vorzustellen, wie ausgerechnet du es geschafft haben willst.«
Richard hob verlegen eine Schulter. »Nachdem ich einmal angefangen hatte zu begreifen, wurde alles ziemlich schnell offensichtlich.«
Zedd warf seinem Enkelsohn einen Blick zu. »Ich bin an diesem Ort aufgewachsen, Richard, ich habe einen Großteil meines Lebens hier verbracht. Ich war schon Oberster Zauberer, als es hier tatsächlich noch Zauberer zu unterrichten gab.« Er schüttelte den Kopf. »Und all die Jahre befanden sich diese Symbole an der Enklave des Obersten Zauberers, ohne dass ich gewusst hätte, was sie bedeuten. Dir mag es ja einfach und offensichtlich scheinen, aber das ist es nicht. Soweit ich weiß, bildest du dir nur ein, die Symbole zu verstehen, und legst dir ihre Bedeutung zurecht, wie du sie gerne hättest.«
»Ich bilde mir ihre Bedeutung nicht ein. Sie haben mir unzählige Male das Leben gerettet. Durch das Verständnis dieser Symbole habe ich eine Menge über den Schwertkampf gelernt.«
Zedd verzichtete darauf zu widersprechen, und wies stattdessen auf das Amulett, das Richard um den Hals trug. In seiner Mitte, umgeben von einem komplizierten Geflecht aus goldenen und silbernen Linien, befand sich ein tränenförmiger Rubin von der Größe von Niccis Daumennagel. »Das hast du in meiner Enklave gefunden. Hast du auch eine Ahnung, was es bedeutet?«
»Es war ein Teil dieses Anzugs, ein Teil des Anzugs, den ein Kriegszauberer trägt. Aber im Gegensatz zu all den anderen Dingen wurde es, wie du sagtest, in der Obhut der Enklave des Obersten Zauberers belassen.«
»Und was bedeutet es nun?«
Ehrfurchtsvoll strich Richard mit den Fingern über das Amulett.
»Der Rubin soll einen Blutstropfen darstellen. Die in diesen Talisman eingravierten Symbole sind die symbolische Darstellung der Methoden des Ersten Edikts.«
Zedd presste seine Finger an die Stirn, so als hätte ihn ein weiteres verwirrendes Vexierrätsel aus dem Konzept gebracht. »Des Ersten Edikts?«
Richards Blick schien sich in dem Amulett zu verlieren. »Es hat nur eine einzige Bedeutung: schneide. Hast du dich einmal entschlossen zu kämpfen: schneide. Alles andere ist zweitrangig. Schneide: das ist deine Pflicht, dein Ziel, dein Begehr. Es gibt keine wichtigere Regel, keine Verpflichtung, die diese außer Kraft setzen könnte: schneide.«
Richard trug diese Worte mit einer Sanftheit vor, einer wissenden, tödlichen Ernsthaftigkeit, die Nicci bis ins Mark erschauern ließ. Den Blick fest auf die kunstvollen Gravuren geheftet, hob er das Amulett ein wenig von seiner Brust.
»Die hier eingravierten Linien sind ein Abbild des Tanzes und haben als solche eine ganz besondere Bedeutung.« Während er sprach, zeichnete er mit dem Finger die wirbelnden Muster nach, so als folgte er einer Textzeile in einer uralten Sprache. »Schneide aus der Leere, nicht aus Verwirrung. Schneide den Feind so rasch und so unvermittelt wie nur irgend möglich. Schneide mit Gewissheit. Schneide entschlossen und beherzt. Schneide in seine Stärke. Fließe durch die Lücken seiner Deckung. Schneide ihn. Vernichte ihn vollkommen. Gestatte ihm keinen Atemzug. Zermalme ihn. Schneide ohne Erbarmen bis auf den Grund seiner Seele.«
Richard hob kurz den Kopf und sah seinen Großvater an. »Es ist das Gegengewicht zum Leben, der Tod. Es ist der Tanz mit dem Tod, oder genauer, die Wirkungsweise des Tanzes mit dem Tod - sein auf die äußere Form reduziertes Wesen, seine als Anleitung wiedergegebene Form. Es ist das Gesetz, nach dem ein Kriegszauberer lebt - oder aber er stirbt.«
Ein unentzifferbarer Blick hatte sich Zedds haselbrauner Augen bemächtigt. »Diese Zeichen, diese Embleme sehen einen Kriegszauberer letztendlich also nur als Schwertkämpfer?«
»Dasselbe, alles andere außer Kraft setzende Prinzip, von dem ich bereits gesprochen habe, lässt sich ebenso auf dieses wie auf die anderen Symbole anwenden. Das Erste Edikt soll nicht nur zum Ausdruck bringen, wie ein Kriegszauberer mit einer Waffe, sondern, viel wichtiger, wie er mit seinem Verstand kämpft. Befindet er sich im Einklang mit dem Ersten Edikt, wird jede Waffe zu einer Verlängerung seines Geistes, zu einem Mittel seiner Absicht. In gewisser Weise ist es dasselbe, was du mir damals darüber erzählt hast, was es heißt, der Sucher zu sein. Was zählt, ist nicht so sehr die Waffe, sondern der Mann, der sie führt.
Der Mann, der dieses Amulett zuletzt trug, war einst Oberster Zauberer, sein Name lautete Baraccus. Zufällig war er, wie ich, als Kriegszauberer geboren worden. Auch er suchte den Tempel der Winde auf, doch bei seiner Rückkehr betrat er die Enklave des obersten Zauberers, ließ dies hier dort zurück, kam wieder heraus und beging Selbstmord, indem er sich von den Mauern der Burg der Zauberer stürzte.«
Richards Blick wanderte zu fernen Visionen und Erinnerungen.
»Eine Zeit lang hatte ich Verständnis für seine Tat und brannte darauf, ihm nachzueifern.« Zu Niccis Erleichterung kehrte schon Augenblicke später sein unbekümmertes Lächeln zurück und vertrieb den gespenstischen Ausdruck in seinen Augen. »Aber dann kam ich wieder zur Besinnung.«
Der Raum hallte wider von der Stille, so als wäre der Tod Höchstselbst lautlos durch den Raum gegangen und hätte einen Moment lang innegehalten, um seinen Weg dann fortzusetzen. Zu guter Letzt lächelte sogar Zedd. Er fasste Richard an der Schulter und rüttelte seinen Enkelsohn einmal liebevoll. »Freut mich zu wissen, dass ich mit deiner Ernennung zum Sucher die richtige Entscheidung getroffen habe, Junge.«
Nicci hätte es gern gesehen, wenn sich auch noch das zum Sucher gehörende Schwert in seinem Besitz befunden hätte, doch das hatte er bei einem Versuch, Kahlan wieder zu finden, geopfert, um an Informationen zu gelangen.