»Also«, kam Zedd schließlich zum Thema zurück, »weil du dich mit diesen Symbolen auskennst, glaubst du auch die Symbole in der Bannform der Feuerkette zu verstehen?«
»Immerhin habe ich sie aufheben können, oder etwa nicht?«
Zedd verschränkte die Hände wieder hinter seinem Rücken. »Da ist etwas dran. Doch das bedeutet nicht zwangsläufig, dass du Formen innerhalb des Banns als Symbole lesen konntest, und schon gar nicht, dass die Bannform von den Chimären manipuliert wurde.«
»Nicht von den Chimären selbst«, erklärte Richard geduldig,
»sondern durch die Verunreinigung, die nach dem Aufenthalt der Chimären in dieser Welt zurückgeblieben war. Diese Verfälschung hat den Feuerkettenbann ausgelöst. Das ist der entscheidende Punkt.«
Zedd wandte sich ab, das Gesicht verborgen in den Schatten. »Aber trotzdem, Richard, angenommen, du würdest tatsächlich etwas von den Emblemen verstehen, die mit den Kriegszauberern zu tun haben, wie kannst du dir so sicher sein, dass du eine klare Vorstellung von dieser, dieser ...«, mit fahriger Geste wies er in die ungefähre Ecke des Raumes, wo sich alles zugetragen hatte, »... anderen Geschichte mit dem Feuerkettenbann und den Chimären hast?«
»Ich weiß es eben«, beharrte Richard mit ruhiger Stimme. »Ich habe das Mal gesehen, das auf das Wesen der Verfälschung hindeutet. Sie wurde von den Chimären hervorgerufen.«
Er klang erschöpft. Nicci fragte sich, wie lange er jetzt schon auf den Beinen war. Aus dem kraftlosen Klang seiner Stimme und der leichten Unsicherheit in seinen Bewegungen schloss sie, dass er schon mehrere Tage nicht geschlafen hatte. Aber so abgespannt er auch sein mochte, er klang in seiner Überzeugung absolut unbeirrbar. Sie wusste, dass es die Sorge um Kahlan war, die ihn nicht ruhen ließ.
Nicci, die zweimal von ihm aus der Bannform befreit worden war, war nicht geneigt, seine Theorie so ohne weiteres abzutun. Vor allem aber hatte sie erkannt, dass Richards Wissen über Magie in großen Teilen von der üblichen Lehre abwich. Anfangs hatte sie noch geglaubt, seine Wahrnehmung der Magie, die zum Teil über künstlerische Vorstellungen funktionierte, sei eine Folge des Umstandes, dass er ohne Unterweisung in Magie aufgewachsen war, ja ohne überhaupt jemals mit ihr in Berührung gekommen zu sein, mittlerweile jedoch war sie zu der Erkenntnis gelangt, dass dieses außerordentliche Wissen, gepaart mit seinem einzigartigen Urteilsvermögen, es ihm erlaubte, das Wesen der Magie auf eine Weise zu begreifen, die sich grundlegend von der althergebrachten Lehre unterschied. Mittlerweile war sie überzeugt, dass Richard Magie womöglich auf eine Weise verstand, wie sie seit grauer Vorzeit niemand mehr verstanden hatte.
Zedd wandte sich wieder um, eine Seite des Gesichts beschienen vom warmen Schein des Lampenlichts, die andere vom fahlen kalten Licht der Morgendämmerung. »Nehmen wir einmal an, Richard, du hast recht, was die Bedeutung der Symbole auf diesen Armbändern und den ihnen ganz ähnlichen auf der Enklave des Obersten Zauberers betrifft. Aber das Verständnis dieser Dinge bedeutet nicht, dass du die Linien in einem Prüfnetz verstehen kannst. Dabei handelt es sich um einen vollkommen anderen, einzigartigen Kontext. Ich zweifele nicht an deinen Fähigkeiten, Junge, wirklich nicht, aber der Umgang mit Bannformen ist eine ungeheuer komplizierte Angelegenheit. Du kannst nicht einfach irgendwelche vorschnellen Schlüsse ziehen ...«
»Hast du in den letzten paar Jahren eigentlich jemals einen Drachen gesehen?«
Richards abrupter Themenwechsel - nicht etwa zu irgendeinem xbeliebigen Thema, sondern zu einem, das man bestenfalls als bizarr bezeichnen konnte - ließ jeden im Raum verblüfft verstummen.
»Einen Drachen?«, fragte Zedd vorsichtig nach, wie jemand, der sich Zoll um Zoll auf einen erst kürzlich zugefrorenen See hinauswagt.
»Ganz recht, einen Drachen. Erinnerst du dich, jemals einen Drachen gesehen zu haben, seit wir unser Heim in Westland verlassen haben und in die Midlands gekommen sind?«
Zedd strich sich ein paar widerspenstige Büschel seines weißen Haars aus dem Gesicht. Er sah kurz zu Cara und Nicci hinüber, ehe er antwortete. »Nun, nein, ich kann eigentlich nicht behaupten, mich zu erinnern, irgendwelche Drachen gesehen zu haben, aber was hat das mit...«
»Wo also sind sie? Warum hast du keine gesehen? Wohin könnten sie verschwunden sein?«
Zedd schien mit seinem Wissen am Ende. Er breitete die Hände aus.
»Richard, Drachen sind nun mal überaus seltene Geschöpfe.«
Richard lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und legte ein Bein quer über sein Knie. »Rote Drachen sind selten, richtig. Kahlan erzählte mir jedoch, dass die anderen Arten vergleichsweise häufig vorkommen und einige der kleineren Arten gerne für die Jagd und ähnliche Zwecke gehalten werden.«
Zedds Miene bekam einen misstrauischen Zug. »Worauf willst du hinaus?«
Begleitet von einer dramatischen Armbewegung wiederholte Richard seine Frage. »Wo sind die Drachen hin? Wieso haben wir nie welche zu Gesicht bekommen? Darauf will ich hinaus.«
Zedd verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich passe. Was willst du damit sagen?«
»Nun, zum einen erinnerst du dich nicht daran - das will ich damit sagen. Offenbar hat der Feuerkettenbann also weit mehr beeinflusst als nur deine Erinnerung an Kahlan.«
»Woran erinnere ich mich nicht?«, sprudelte Zedd hervor. »Worauf willst du hinaus?«
Statt seinem Großvater zu antworten, warf Richard einen Blick über die Schulter. »Habt Ihr vielleicht mal einen Drachen gesehen?«, fragte er Cara.
»Nicht dass ich wüsste.« Ihr Blick blieb starr auf ihn geheftet.
»Wollt Ihr damit etwa andeuten, ich hätte einen sehen sollen?«
»Darken Rahl hielt sich einen. Da er damals der Lord Rahl war, dürftet Ihr in der Nähe gewesen sein, demnach hättet Ihr ihn doch wahrscheinlich gesehen.«
Zedd und Cara wechselten einen sorgenvollen Blick.
Unterdessen richtete Richard seinen Raubtierblick auf Nicci. »Und Ihr?«
Nicci räusperte sich. »Ich hielt sie immer für mythische Geschöpfe. In der Alten Welt gibt es sie nicht, und falls es sie dort jemals gegeben haben sollte, sind sie schon seit einer Ewigkeit ausgestorben. Seit dem Großen Krieg wurden sie in keiner der Chroniken mehr erwähnt.«
»Und wie verhält es sich, seit Ihr in die Neue Welt gekommen seid?«
Nicci war unschlüssig, ob sie von ihrer Erinnerung berichten wollte, aber mit seiner Art, geduldig und schweigend ihrer Antwort zu harren, gab er ihr unmissverständlich zu verstehen, dass er nicht gewillt war, das Thema einfach fallen zu lassen. So unverständlich der Vergleich auch war, den er bemühte, um Nebensächliches ging es ihm dabei gewiss nicht. Unter seinem stummen, forschenden Blick fühlte Nicci sich nicht nur genötigt, ihm zu antworten, sondern er erfüllte sie mit einem wachsenden Gefühl der Vorahnung. Entschlossen schlug sie die Bettdecken zurück und schwang ihre Füße über die Bettkante. Sie mochte nicht länger dort liegen - schon gar nicht, wenn sie über diese Zeit sprach. Also packte sie das seitliche Geländer und sah Richard in die Augen.
»Als ich dich in die Alte Welt mitnahm, sind wir noch vor Verlassen der Neuen Welt auf einige riesige Knochengerippe gestoßen. Ich bin damals nicht einmal ausgestiegen, um sie mir anzusehen, aber ich erinnere mich, dich beobachtet zu haben, wie du durch diese Rippenknochen spaziert bist - Rippenknochen, die dich um mehr als das Doppelte deiner Körpergröße überragten. Ich hatte so etwas noch nie zuvor gesehen. Du sagtest damals, es seien deiner Meinung nach die Überreste eines Drachen.
Ich fand eher, die Knochen müssten uralt gewesen sein, was du jedoch bestrittest, da noch immer Fleischfetzen an ihnen hingen. Du machtest mich darauf aufmerksam, die unzähligen Fliegen, die überall herumsummten, seien der Beweis, dass dies die Überreste eines verwesenden Kadavers waren, nicht aber ein uraltes Gerippe.«
Jetzt erinnerte sich auch Richard. Er nickte.
Zedd räusperte sich. »Und, hast du jemals einen Drachen zu Gesicht bekommen, Richard? Einen lebenden, meine ich.«