»Ja. Scarlet.«
»Wie bitte?«
»So hieß das Drachenweibchen: Scarlet.«
Zedd blinzelte fassungslos. »Du hast also tatsächlich ein Drachenweibchen gesehen ... Und es hatte sogar einen Namen?«
Richard erhob sich und trat ans Fenster, legte seine Hände auf die steinerne Brüstung, stützte sich mit seinem ganzen Gewicht darauf und blickte hinaus.
Nach einer Weile meinte er: »Ja. Sein Name war Scarlet. Es hatte mir auch vorher schon geholfen. Es war ein edles Tier.«
Er wandte sich vom Fenster herum. »Aber darum geht es gar nicht. Worum es geht, ist, dass du diesen Drachen ebenfalls kanntest.«
Zedd hob erstaunt die Brauen. »Ich soll dieses Drachenweibchen gekannt haben?«
»Nicht so gut wie Kahlan oder ich, aber gekannt hast du es. Ganz offenkundig hat die Feuerkettenreaktion deine Erinnerung an es verzerrt. Der Feuerkettenbann hatte den Zweck, Kahlan aus der Erinnerung aller Menschen zu tilgen, nur vergessen diese Menschen auch andere Dinge, Dinge, die mit ihr in Zusammenhang standen. Meines Wissens könnte es sogar sein, dass du über die Bedeutung der Embleme draußen vor der Enklave des Obersten Zauberers früher sogar besser Bescheid wusstest als ich. Wenn, dann ist dir die Erinnerung daran verloren gegangen. Wie viele andere Dinge mögen ebenfalls verloren gegangen sein? Meine Kenntnisse über die unterschiedlichen Anwendungsgebiete von Magie sind ziemlich begrenzt, aber als wir neulich nachts gegen die Bestie kämpften, schien es mir, als hättet ihr alle früher erheblich einfallsreichere Banne und Kräfte benutzt, statt der doch eher simplen Zauberereien, mit denen ihr die Gefahr abzuwehren versuchtet - wenn man einmal von Niccis Zauberei ganz am Schluss absieht.
Genau das war die größte Befürchtung der Männer, die den Feuerkettenbann ersannen, weshalb sie unbedingt verhindern wollten, dass er jemals ausgelöst würde. Deswegen trauten sie sich nicht einmal, ihn auszuprobieren. Sie befürchteten, einmal in Gang gesetzt, würde eine solche Reaktion sich ungehindert verbreiten und Verbindungen zerstören, die bestenfalls entfernt mit dem ursprünglichen Zielobjekt des Banns zu tun haben - in diesem Falle Kahlan. Eure Erinnerung an Kahlan ist verloren gegangen, ebenso eure Erinnerung an Scarlet. Ja, offenbar wurde selbst eure Erinnerung gelöscht, jemals Drachen gesehen zu haben.«
Nicci erhob sich. »Richard, kein Mensch bestreitet, dass der Feuerkettenbann furchtbar gefährlich ist. Wir alle wissen das. Wir alle wissen, dass unser Erinnerungsvermögen durch das Auslösen einer Feuerkettenreaktion in Mitleidenschaft gezogen wurde. Machst du dir überhaupt eine Vorstellung, wie verstörend es ist, sich verstandesmäßig bewusst zu sein, dass wir alle Dinge getan und gewusst haben, Menschen gekannt haben, an die wir uns nicht mehr erinnern können? Begreifst du nicht, wie gespenstisch es ist, in der ständigen Angst zu leben, welche Erinnerungen womöglich verloren sind oder noch verloren gehen könnten? Dass sich der eigene Verstand in Auflösung befindet? Worauf willst du eigentlich hinaus?«
»Auf genau das - was außerdem noch alles verloren gegangen sein könnte. Ich denke, dieser Zerfallsprozess zieht sich durch das Erinnerungsvermögen aller - der Verstand der Menschen befindet sich in Auflösung, wie Ihr es ausdrückt. Ich glaube nicht, dass die Feuerkette ein singuläres Ereignis war, mit dem Ziel, Kahlan in Vergessenheit geraten zu lassen. Meiner Meinung nach handelte es sich bei diesem Bann um einen fortlaufenden, dynamischen Prozess. Ich denke, der allgemeine Gedächtnisverlust wird weiter um sich greifen.«
Zedd, Cara und Nicci, sie alle wichen Richards unerschütterlichem Blick aus. Nicci fragte sich, wie sie erwarten konnten, ihm zu helfen, wenn keiner von ihnen imstande war, bewusst von seinem Verstand Gebrauch zu machen, geschweige denn den bescheidenen, noch verbliebenen Rest von einem Tag zum nächsten hinüberzuretten. Wie konnte Richard auch nur einem von ihnen trauen?
»Ich fürchte, es wird noch weit verwickelter und schlimmer werden, als es bereits ist«, erklärte Richard. Alle Aufgeregtheit war aus seiner Stimme gewichen. »Drachen, wie viele andere Lebewesen in den Midlands auch, brauchen Magie und bedienen sich ihrer, um leben zu können. Was also wäre, wenn die durch die Chimären verursachte Beeinträchtigung die Magie vernichtet hätte, die sie zum Überleben brauchen? Was, wenn niemand in den letzten Jahren mehr Drachen gesehen hat, weil sie längst ausgestorben und wegen des Feuerkettenbanns in Vergessenheit geraten sind? Welche anderen Geschöpfe der Magie könnten noch von der Bildfläche verschwunden sein?«
Richard tippte sich mit dem Daumen gegen die Brust. »Wir alle sind Geschöpfe der Magie. Wir besitzen die Gabe. Wie lange wird es wohl dauern, bis die von den Chimären hinterlassene Verunreinigung auch uns zu zerstören beginnt?«
»Aber könnte es nicht sein ...« Zedds Stimme verebbte, als ihm kein Argument einfiel, das er vorbringen konnte.
»Die Verunreinigung betrifft auch den Feuerkettenbann selbst. Ihr alle habt gesehen, was er mit Nicci angestellt hat. Sie stand unter dem Bann und weiß nur zu gut, was das bedeutet.« Richard begann, beim Sprechen auf und ab zu laufen. »Niemand vermag vorherzusagen, wie sich die Verunreinigung des Banns auf seine Funktionsweise auswirken wird. Es könnte sogar sein, dass die Verunreinigung die Verbreitung des allgemeinen Gedächtnisverlusts noch beschleunigt. Aber was noch schlimmer ist, alles deutet darauf hin, dass die Verfälschung auf symbiotische Weise mit der Feuerkettenreaktion zusammengewirkt hat.«
Zedd sah auf. »Was willst du damit sagen?«
»Welches rücksichtslose Ziel verfolgen die Chimären? Weshalb wurden sie überhaupt erst erschaffen? Zu einem einzigen Zweck«, beantwortete Richard seine Frage selbst, »dem der Vernichtung aller Magie.«
Richard hielt inne, um den anderen ins Gesicht zu sehen, und fuhr dann fort: »Die von den Chimären zurückgelassene Verunreinigung ist im Begriff, die Magie zu vernichten, folglich dürften die Geschöpfe, die Magie zum Leben benötigen - Drachen, zum Beispiel - am ehesten betroffen sein. Dieser Dominoeffekt wird immer weiter um sich greifen. Und doch ist sich niemand dessen bewusst, da der Feuerkettenbann gleichzeitig das allgemeine Erinnerungsvermögen zerstört. Ich glaube, der Grund dafür könnte in der Verunreinigung des Feuerkettenbanns selbst liegen, die bewirkt, dass die Menschen eben jene Dinge vergessen, die im Begriff sind, verloren zu gehen. Ganz so, wie ein Blutegel sein Opfer betäubt, damit es nicht spürt, wie ihm das Blut ausgesaugt wird, lässt der Feuerkettenbann die Menschen aufgrund der durch die Chimären hinterlassenen Verunreinigung vergessen, was der Vergessenheit anheim fällt. Ein dramatischer Wandel vollzieht sich in der Welt, und niemand bekommt etwas davon mit. Es ist, als wäre jeder im Begriff zu vergessen, dass dies eine Welt ist, die von Magie bestimmt wird und in vieler Hinsicht nur dank ihres Vorhandenseins funktioniert, dass die Magie im Aussterben begriffen ist... und somit auch die Erinnerung aller an sie.«
Richard stützte sich erneut auf die Fensterbank und starrte zum Fenster hinaus. »Ein neuer Tag bricht an, ein Tag, an dem das Aussterben der Magie seinen Fortgang nimmt, und kein Mensch ist sich ihres allmählichen Schwindens auch nur bewusst. Ich bezweifle sogar, dass sich, wenn sie einst ganz verschwunden sein wird, überhaupt jemand an sie erinnern wird, sich daran erinnern wird, was einst existierte.
Es ist, als würde alles, was diese Welt ausmacht, ins Reich der bloßen Legende übergehen.«
Zedd, die Finger auf den Tisch gepresst, starrte mit leerem Blick in die Ferne. Der Schein der Lampe ließ die tiefen Furchen seines Sorgengequälten Gesichts noch deutlicher hervortreten. Sein Gesicht war aschfahl geworden. Nicci fand, dass er in diesem Moment sehr alt aussah.
»Bei den Gütigen Seelen«, sagte Zedd ohne aufzusehen.
»Angenommen, du hättest recht?«
Ein höfliches Klopfen an der Tür ließ alle herumfahren. Cara ging und öffnete die Tür. Ann und Nathan spähten herein.
»Wir haben das Standardprüfnetz durchlaufen lassen«, sagte Nathan, als er hinter Ann ins Zimmer trat und seinen Blick über die ernsten Mienen schweifen ließ.