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Zedd hob erwartungsvoll den Kopf. »Und?«

»Es weist keine Fehler auf«, erklärte Ann. »Es ist in jeder Hinsicht vollkommen intakt.«

»Wie ist das möglich?«, wollte Cara wissen. »Wir haben doch alle gesehen, welche Schwierigkeiten es mit dem anderen gab. Es hätte Nicci um ein Haar umgebracht - ganz sicher sogar, wenn Lord Rahl sie nicht da herausgeholt hätte.«

»Genau das wollten wir damit zum Ausdruck bringen«, erklärte Nathan.

Zedd senkte den Blick. »Eigentlich sollte eine Innenperspektive imstande sein, mehr zu offenbaren als das Standardprüfverfahren«, erklärte er, an Cara gewandt. »Das ist kein gutes Zeichen, überhaupt kein gutes Zeichen. Offenbar hat die Verunreinigung sich so tief wie möglich in ihrem Innern festgesetzt, damit ihr Vorhandensein unbemerkt bleibt. Daher war sie während des Standardprüfverfahrens auch nicht zu erkennen.«

»Oder aber«, bemerkte Ann und schob die Hände in den jeweils anderen Ärmel ihres schlichten grauen Kleides, »mit dem Bann ist tatsächlich alles in Ordnung. Schließlich hat keiner von uns jemals zuvor eine Innenperspektive durchgeführt. So etwas ist seit Tausenden von Jahren nicht mehr gemacht worden. Gut möglich, dass uns ein Fehler unterlaufen ist.«

Zedd schüttelte den Kopf. »Ich wünschte, es wäre so, aber mittlerweile glaube ich, dass dem nicht so ist.«

Der Anflug eines Verdachts ließ Nathan die Stirn in Furchen legen, aber Ann kam ihm zuvor, ehe er eine Chance hatte.

»Selbst wenn die Schwestern, die den Bann entfesselt haben, ein Prüfnetz gewirkt hätten«, erklärte sie, »hätten sie vermutlich niemals eine Innenperspektive durchgeführt. Sie wären also gar nicht auf die Idee gekommen, dass sie verunreinigt sein könnte.«

Richard massierte seine Stirn mit den Fingerspitzen. »Selbst wenn sie wussten, dass es verunreinigt ist, glaube ich nicht, dass es sie gekümmert hat. Es dürfte sie kaum interessiert haben, welchen Schaden eine solche Verunreinigung in der Welt anrichten würde. Schließlich war es ihr Ziel, die Kästchen in ihren Besitz zu bringen und die Macht der Ordnung zu entfesseln.«

Nathan blickte von einem düsteren Gesicht zum nächsten. »Was ist denn los? Was ist passiert?«

»Ich fürchte, uns ist soeben klar geworden, dass der allgemeine Gedächtnisverlust der Vorbote weit größerer Verluste sein könnte.«

Nicci war nicht recht wohl dabei, nur mit einem rosa Nachthemd bekleidet vor ihnen zu stehen und das Ende der ihnen bekannten Welt zu verkünden. »Wir sind im Begriff zu verlieren, wer und was wir sind. Wir sind im Begriff, nicht nur unsere Welt, sondern uns selbst zu verlieren.«

Richard schien gar nicht mehr auf die Unterhaltung zu achten. Vollkommen unbeweglich stand er da und starrte aus dem Fenster.

»Jemand kommt die Straße zur Burg der Zauberer herauf.«

»Möglicherweise Tom und Friedrich«, meinte Nathan.

Zedd, bereits auf dem Weg zum Fenster, schüttelte den Kopf. »So zeitig können sie gar nicht von ihrem Erkundungsgang durch das umliegende Gebiet zurück sein.«

»Nun, es wäre doch möglich ...«

»Es sind nicht Tom und Friedrich«, entschied Richard, bereits unterwegs zur Tür.

»Es sind zwei Frauen.«

10

»Was gibt es denn?«, rief Rikka, als Richard, Nicci und Cara plötzlich in ihre Richtung gelaufen kamen. Nathan und Ann waren bereits ein Stück zurückgefallen, während Zedd sich irgendwo dazwischen befand.

»Kommt schon«, rief Richard ihr im Vorüberrennen zu.

»Jemand kommt die Straße zur Burg herauf«, rief Cara über ihre Schulter, als Rikka sich der durch die Flure hastenden Gruppe anschloss.

Richard wich einem langen Steintisch aus, der unter einem riesigen, einen See darstellenden Gemälde stand. Ein paar geschützte Pfade waren darauf zu erkennen, die sich durch in tiefem Schatten liegende Fichtenwälder schlängelten. In der Ferne, halb verhüllt von bläulichem Dunst, ragte ein majestätisches Gebirge empor und fing das mit feinem Pinselstrich wiedergegebene goldene Sonnenlicht ein. Es war ein Landschaftsbild, das bei Richard sofort Heimweh nach den Wäldern Kernlands und den dortigen ihm so vertrauten Pfaden weckte. Vor allem aber erinnerte es ihn an den einen magischen Sommer mit Kahlan in der Hütte, die er für sie tief in den Bergen gebaut hatte.

Dieser Sommer, in dem Kahlan sich von ihren fürchterlichen Verletzungen erholte, während er ihr die natürlichen Schönheiten seiner Welt der Wälder zeigte und sie wieder zu neuer Gesundheit erblühte, war einer der glücklichsten Abschnitte seines Lebens gewesen. Er hatte nur allzu rasch geendet, als Nicci ohne jede Vorwarnung aufgetaucht war und ihn mitgenommen hatte. Doch er wusste: Hätte sie nicht das Idyll gestört, dann irgendetwas anderes. Es war eine traumhafte Zeit gewesen, deren Ende abzusehen war; solange der stets drohenden Gefahr der Imperialen Ordnung nicht Einhalt geboten war, war es niemandem vergönnt, seine Träume zu verwirklichen. Stattdessen drohten sie alle vom selben Albtraum fortgerissen zu werden.

An einer Säule aus grünem Marmor mit goldenem Kapitell und Sockel bogen sie um eine Ecke und hasteten, Richard und Nicci vorneweg, die beiden Mord-Sith dicht auf den Fersen, die granitene Flucht einer Wendeltreppe hinab. Für die Burg der Zauberer mochte der Treppenschacht bescheiden sein, und doch würde er alles, was Richard in jungen Jahren in Westland gesehen hatte, winzig erscheinen lassen.

Unten angekommen, blieb er abrupt stehen und zögerte einen Augenblick, um zu entscheiden, welches wohl die schnellste Route wäre. In der Burg der Zauberer war das durchaus nicht immer die nahe liegende, zumal man sich dort ebenso leicht verlaufen konnte wie in einem Birkenwald.

Cara zwängte sich zwischen Richard und Nicci hindurch, nicht nur, um sicherzugehen, dass er auf beiden Seiten von einer in rotes Leder gekleideten Leibwächterin flankiert wurde, sondern auch, damit sie es war, die vor ihm ging. Soweit Richard wusste, gab es unter den Mord-Sith keine Rangunterschiede, gleichwohl erkannte Rikka, wie alle anderen Mord-Sith auch, Caras unausgesprochene Autorität stets kommentarlos an.

Richard erkannte das unverwechselbare Muster aus schmalen schwarzen und vergoldeten Streifen sofort wieder, das die Mahagonitäfelung zu beiden Seiten in einem der Holzverkleideten Seitenflure zierte. Beinahe seit er laufen konnte, orientierte er sich an den Einzelheiten seiner Umgebung, um sich den Weg einzuprägen. Wie bei den Bäumen im Wald, die er an irgendeiner Besonderheit wie einem krumm gewachsenen Zweig, einer Wucherung oder Narbe wieder erkannte, hatte er sich auch in der Burg der Zauberer und ähnlichen Orten anhand architektonischer Details zurechtfinden gelernt.

Er wies mit dem Arm nach vorn. »Hier entlang.« Cara stürmte los, ihm voran.

Beim Laufen hallten ihre Stiefelschritte vom Steinfußboden des Flures wider. Nicci war barfuss. Er war etwas überrascht, dass sie bei diesem Tempo auf dem rauen Steinfußboden ohne Schuhe Schritt halten konnte. Sie gehörte nicht gerade zu den Frauen, von denen Richard jemals gedacht hätte, dass sie barfuss herumlaufen würden, und doch hatte sie selbst dabei etwas ... Königliches. Sie bogen in den nächsten Flur ein. Lange Teppiche dämpften ihre Schritte und führten sie schließlich zwischen zwei auf Hochglanz polierten roten Marmorsäulen hindurch in einen ovalen Vorraum, der von einer mit Pfeilern und Bögen gestützten Galerie umsäumt wurde. Die Türöffnungen in deren Hintergrund mündeten wiederum alle in Flure, die, wie die Speichen eines Rades angeordnet, zu verschiedenen Stockwerken und Bereichen der Burg führten. Richard sprang die fünf Stufen hinab, die den hinter den Säulen liegenden Raum umliefen, und passierte im Laufschritt den kleeblattförmigen Brunnen, der in der Mitte des mit Fliesen ausgelegten Bodens stand. Das Wasser des Brunnens ergoss sich über eine Abfolge übereinander angeordneter, nach unten immer größer werdender kammmuschelartiger Schalen und landete schließlich in einem Becken, das von einer weißen kniehohen Marmormauer eingefasst wurde, die gleichzeitig als Bank diente. Einhundert Fuß über ihnen fluteten Licht und Wärme durch ein Glasdach in den Raum.