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Shota warf Zedd einen kurzen, aber mörderischen Blick zu.

»Mit anderen Worten, Ihr habt nicht bedacht, welche Folgen Euer Tun haben könnte«, fasste Richard zusammen. »Ihr wolltet etwas, weil Ihr es eben wolltet, und das sofort.«

Shotas Blick wanderte zurück zu Richard. »Du bist immer noch so respektlos wie zuvor - nach all der Zeit und allem, was inzwischen vorgefallen ist?«

Richard war nicht in der Stimmung, sich zu rechtfertigen.

»Ich fürchte, es geht dabei um mehr«, sagte Shota, nun etwas weniger zornig, »um mehr, als mir in jenem Moment bewusst war.«

Zedd rieb sich das Kinn und ließ sich die Situation durch den Kopf gehen. »Samuel muss erst Chase niedergestochen und anschließend Rachel verschleppt haben.«

Zedds Bemerkung überraschte Richard, daran hatte er gar nicht gedacht. Er war davon ausgegangen, dass Rachel sich abgesetzt hatte, um Hilfe zu holen.

Die Stirn gerunzelt, wandte er sich an Shota. »Wäre Samuel zu so etwas fähig?«

»Ich fürchte, ich habe keine Ahnung.« Shota schaute hoch zu Nicci, die immer noch oben auf den granitenen Stufen stand. »Wer ist eigentlich diese Frau, die er Euren Worten zufolge niedergestochen hat? Diese Tovi?«

»Sie war eine Schwester der Finsternis, und das ist keine leere Anschuldigung. Tovi kannte die Person nicht, die sie niederstach, und sie wusste auch nicht, wer Samuel war, aber das Schwert der Wahrheit kannte sie ganz sicher. Immerhin war sie im Palast der Propheten einst eine von Richards Ausbilderinnen. Kurz vor ihrem Tod gestand sie mir, wie sie und drei weitere Schwestern der Finsternis den Feuerkettenbann um Kahlans Person auslösten, um sie aus der Erinnerung aller zu tilgen. Anschließend benutzten sie Kahlan dann, um die Kästchen der Ordnung aus dem Palast des Volkes zu stehlen.«

Shota, die aufrichtig verblüfft wirkte, zog die Stirn in Falten.

»Die Kästchen der Ordnung sind im Spiel«, setzte Richard hinzu. Den Blick nachdenklich in die Ferne gerichtet, machte Shota eine abwiegelnde Handbewegung. »So viel hatte ich auch schon herausgefunden. Nur wusste ich nicht, wie es dazu gekommen ist.«

Richard war sich unschlüssig, inwieweit sie auch über den Rest der Geschichte informiert war, entschied aber, es trotzdem zu erzählen.

»Tovi war im Begriff, eines der Kästchen der Ordnung aus dem Palast des Volkes in D’Hara fortzuschaffen, als Samuel sich auf sie stürzte, sie mit dem Schwert durchbohrte und anschließend das Kästchen an sich nahm, das sie bei sich trug.«

Wieder wirkte Shota überrascht, ein Gesichtsausdruck, der jedoch rasch verhaltenem Zorn wich, als sie sich im Stillen durch den Kopf gehen ließ, was man ihr da gerade berichtet hatte.

»Ich kenne Chase, seit ich denken kann«, sagte Richard. »Jedem kann einmal ein Fehler unterlaufen, trotzdem habe ich noch nicht erlebt, dass ihn jemand aus einem Hinterhalt heraus überraschen konnte. Ebenso wenig kann ich mir vorstellen, dass die Schwestern der Finsternis wesentlich einfacher in eine Falle zu locken sein sollten. Mit der Gabe Gesegnete von ihren Talenten und Fähigkeiten spüren es, wenn sich jemand in ihrer Nähe befindet.«

Shota sah zu ihm hoch. »Worauf willst du hinaus?«

»Irgendetwas hat Samuel in die Lage versetzt, eine Schwester der Finsternis und einen Grenzposten zu überrumpeln.« Richard verschränkte die Arme vor der Brust. »Hinzu kommt, dass Ihr jedes Mal, wenn Samuel irgendeine Schandtat zu verüben versucht, ganz überrascht tut und behauptet, nicht das Geringste über seine Absichten gewusst zu haben. Was für eine Rolle spielt Ihr in diesem Spiel, Shota?«

»Gar keine. Ich hatte keine Ahnung, was er im Schilde führte.«

»Diese Unwissenheit passt nicht zu Euch.«

Ein Hauch von Röte streifte ihre Wangen. »Du hast ja keine Ahnung.« Zu guter Letzt wandte sie sich von ihm ab und hielt auf die Treppe zu. »Wie ich bereits sagte, es gibt eine Menge zu besprechen.«

Richard bekam sie beim Arm zu fassen und drehte sie zu sich herum.

»Hattet Ihr irgendwas damit zu tun, dass Samuel imstande war, sich an Chase anzuschleichen oder Tovi zu überraschen und dieses Kästchen zu stehlen? Außer, dass Ihr ihm die Waffe für die Durchführung dieser Tat verschafft und ihm zweifellos alles über die Kräfte verraten habt, die in den Kästchen der Ordnung enthalten sind, meine ich?«

Eine Zeit lang musterte sie prüfend seine Augen. »Willst du mich etwa töten, Richard?«

»Euch töten? Ich bin der beste Freund, den Ihr je hattet, Shota.«

»Dann wirst du deinen Ärger jetzt ruhen lassen und dir anhören, was wir dir zu sagen haben.« Mit einem Ruck befreite sie ihren Arm aus seinem Griff und hielt erneut auf die Treppe zu. »Wir sollten zusehen, dass wir aus diesem scheußlichen Wetter herauskommen. Gehen wir nach drinnen.«

Richard blickte in den strahlend blauen Himmel. »Das Wetter ist doch prächtig«, sagte er, während er ihr hinterher schaute, wie sie die Stufen hinaufstieg.

Oben angekommen, blieb sie kurz stehen, um erneut einen kurzen, durchdringenden Blick mit Nicci zu wechseln, ehe sie sich herumwandte und zu Richard hinuntersah. Es war ebenjener berückende, zeitlose, beunruhigende Blick, den, das ahnte er, nur eine Hexe hervorzuzaubern vermochte.

»Nicht in meiner Welt«, erwiderte sie beinahe im Flüsterton. »In meiner Welt gießt es in Strömen.«

11

Shota schwebte die Stufen hinab und blieb vor dem Brunnen stehen. Der durchsichtige Stoff, der ihre stattliche Figur bedeckte, bewegte sich ganz sacht, wie in einer sanften Brise. Schäumend stürzten die hervorsprudelnden Fluten in die Tiefe, tanzten und glitzerten im Licht, das durch die Oberlichter hoch über ihren Köpfen fiel, und boten dem versammelten Publikum ein prächtiges Schauspiel. Abwesend, als hinge sie ihren eigenen ganz persönlichen Gedanken nach, schaute Shota einen Moment lang zu, dann wandte sie sich zu der kleinen Gruppe um, die unmittelbar jenseits der riesigen Flügeltür wartete. Alle standen schweigend da und musterten sie, wie in Erwartung der öffentlichen Verkündigung einer Königin. Das Wasser des Brunnens schoss hinter Shotas Rücken hoch in die Luft. Dann, ganz unvermittelt, brach der üppige Wasserstrahl ab. Der letzte Wasserrest, der noch im Aufsteigen begriffen war, ehe der Zufluss unterbrochen wurde, erreichte als sterbender, fließender Bogen seinen Scheitelpunkt und fiel zurück wie abgeschnitten. Dutzende gleichförmiger Katarakte, die aus den nach unten gebogenen Mündungen in die übereinander angeordneten Schalenreihen hinabstürzten, kamen langsam zum Erliegen, als wäre ihnen ihr heiter schäumendes Spiel auf einmal unangenehm, und versiegten schließlich ganz.

Zedd trat vor bis an den Rand der Treppe, wobei sich ein bedrohlicher Ausdruck in die Züge seines Gesichtes grub. Als er stehen blieb, sammelte sich der wirbelnde Stoff seines schlichten Gewandes um seine Beine. In diesem Moment fiel Richard auf, dass sein Großvater seinem Amt als Oberster Zauberer mit seinem Auftreten alle Ehre machte. Hatte er bislang gedacht, Nicci und Shota wirkten gefährlich, so wurde ihm schlagartig klar, dass dies auf Zedd nicht minder zutraf. In diesem Moment war er eine Gewitterwolke, die bislang noch verborgene Blitze in sich barg.

»Ich werde nicht zulassen, dass Ihr Euch an irgendetwas an diesem Ort zu schaffen macht. Bislang habe ich Euch gegenüber Nachsicht walten lassen, denn Ihr seid aus Gründen hierher gekommen, die möglicherweise für uns alle von Bedeutung sind, doch meine Langmut reicht nicht so weit, dass ich irgendwelche Einmischungen Eurerseits hier dulden werde.«

Shota wies seine Drohung mit einer Handbewegung von sich. »Ich war ohnehin davon ausgegangen, dass Ihr es nicht hinnehmen würdet, mich weiter als bis in diesen Vorraum vordringen zu lassen. Der Brunnen ist recht laut. Ich wollte vermeiden, dass Richard irgendetwas nicht mitbekommt, was Jebra oder ich zu sagen haben.«

Mit gestrecktem Arm wies sie auf Ann, die fast unsichtbar in den tiefen Schatten der Galerie und den hoch aufragenden roten Pfeilern neben Nathan stand und das Geschehen verfolgte. »Es geht um eine Angelegenheit, die Euch die Hälfte Eures Lebens sehr am Herzen gelegen hat, Prälatin.«