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»Ich bin nicht mehr Prälatin«, gab Ann mit der ruhigen, Achtung gebietenden Stimme zurück, die ganz so klang, als wäre sie es noch.

»Warum wart Ihr eigentlich hinter Samuel her?«, fragte Cara und lenkte damit die Aufmerksamkeit der Hexe auf sich.

»Weil er mein Tal in Agaden nicht hätte verlassen dürfen. Zumal er dazu ohne meine ausdrückliche Erlaubnis auch gar nicht hätte imstande sein sollen.«

»Und doch hat er es getan«, bemerkte Richard.

Shota nickte. »Also habe ich mich auf die Suche nach ihm gemacht.«

Richard verschränkte die Hände hinter seinem Rücken. »Und was hat Euch, Shota, daran gehindert zu bemerken, dass Samuel Euch verlassen wollte? Ich meine, angesichts Eurer Macht, Eures umfassenden Wissens und dieser ganzen Geschichte, von der Ihr mir erzählt habt, dass eine Hexe die Dinge im Strom der Zeit vorherzusehen vermag. Wie konnte er es trotz alledem dann ohne Eure Einwilligung tun?«

Shota ließ sich von seiner Frage nicht beirren. »Da gibt es nur eine einzige Möglichkeit.«

Richard verkniff sich die sarkastische Erwiderung, die ihm in den Sinn kam, und fragte stattdessen: »Und die wäre?«

»Samuel wurde verhext.«

Richard war nicht sicher, ob er richtig gehört hatte. »Verhext. Aber Ihr seid doch die Hexe; Ihr seid die Einzige, die so etwas tut.«

Shota verschränkte die Hände und blickte einen Moment zu Boden, während sie ihre Finger ineinander schlang. »Er wurde von einer anderen verhext.«

Richard kam die fünf Stufen hinab. »Einer anderen Hexe?«

=»Ja.«=

Richard atmete einmal tief durch, schaute sich um und sah die anderen besorgte Blicke wechseln. Niemand schien sonderliche Lust zu verspüren, die Frage zu stellen, also tat er es. »Wollt Ihr damit andeuten, es gibt noch eine andere Hexe, und die hat Samuel von Euch fortgehext?«

»Ich dachte, ich hätte mich in diesem Punkt klar ausgedrückt.«

»Und ... wo befindet sie sich?«

»Ich habe keine Ahnung. Gewisse Dinge im Strom der Zeit fallen in mein Gebiet - dafür habe ich gesorgt. Dass ich so blind gegen Geschehnisse bin, die in unmittelbarer Nähe meines Wirkungskreises vorüberwirbeln, kann nur bedeuten, dass eine andere Hexe diese Ereignisströme absichtlich vor mir hat verschwinden lassen.«

Richard stopfte seine Hände in die Hosentaschen und versuchte, seine Schlüsse daraus zu ziehen. Nach kurzem Umherwandern wandte er sich wieder zu ihr herum.

»Vielleicht war es ja gar keine Hexe. Vielleicht war es eine Schwester der Finsternis oder jemand Ähnliches. Eine mit der Gabe gesegnete Person, vielleicht sogar ein Zauberer. Auch solche Leute hat Jagang in seinen Reihen.«

»Eine Hexe zu beeinflussen, und sei es nur geringfügig, ist alles andere als ein leichtes Unterfangen.« Sie schickte einen kurzen Blick hinauf zu Zedd. »Frag deinen Großvater.«

»Mit der Gabe gesegnete Personen, selbst solche wie die hier Anwesenden«, Shota deutete auf einige der Personen im Raum, ehe ihr Blick zu Richard zurückkehrte, »wären, ganz gleich, wie fähig sie ansonsten sein mögen, nicht einmal ansatzweise imstande, eine so umfassende Täuschung wie diese zu erzeugen. Nur eine andere Hexe wäre imstande, unbemerkt in meinen Herrschaftsbereich einzudringen, nur eine andere Hexe wäre fähig, meinen Blick zu trüben und Samuel anschließend so zu verhexen, dass er eine solche Tat begeht.«

»Wenn Euer Blick getrübt ist«, warf Cara ein, »wie könnt Ihr dann so sicher sein, dass Samuel verhext wurde? Vielleicht hat er ja aus eigenem Antrieb gehandelt. Nach dem, was ich von ihm mitbekommen habe, hat er keine mysteriöse Hexe nötig, die ihn zu triebhaften, ungestümen Handlungen verleitet. Mir schien er schon von sich aus reichlich hinterhältig.«

Langsam schüttelte Shota den Kopf. »Ihr braucht Euch nur vor Augen zu führen, was Ihr eben zu mir gesagt habt, um zu erkennen, dass dafür nicht bloß primitive Gerissenheit nötig wäre, sondern ein Wissen, das Samuels Fähigkeiten bei weitem übersteigt. Zunächst einmal, woher hätte Samuel wissen sollen, dass diese Frau etwas Wertvolles besitzt? Ich wusste es ja selbst nicht, da dies zu den vor mir verborgenen Dingen gehört. Ich kann es ihm also nicht verraten haben - nicht einmal aus Unbedachtheit oder Leichtsinn, wie Ihr offenbar zu glauben scheint. Von mir kann Samuel es also nicht haben. Aber sollte er zufällig auf eine Art Schatz gestoßen sein, so ist Samuel ohne jeden Zweifel absolut fähig, alles in seiner Macht Stehende zu versuchen, um ihn in seinen Besitz zu bringen, so viel bin ich gerne bereit einzuräumen.«

»Ihr meint, etwa so, wie er das Schwert in seinen Besitz gebracht hat?«, stichelte Zedd.

Shota begegnete kurz seinem Blick, entschied sich dann aber, zum anstehenden Problem zurückzukehren, statt auf die Provokation einzugehen. »Zweitens, woher sollte Samuel wissen, wo er eine Schwester finden konnte, die ein Kästchen der Ordnung bei sich trägt? Ihr wollt doch nicht ernsthaft andeuten, Ihr glaubt, er sei fernab von D’Hara - einfach durch die Gegend gezogen, dabei zufällig auf jene Schwester der Finsternis gestoßen, habe sie niedergestochen und dessen beraubt, was sie bei sich trug, und dann hätte sich diese Beute am Ende als eines der Kästchen der Ordnung entpuppt?«

»Ich muss gestehen«, sagte Richard, »von Zufällen habe ich noch nie viel gehalten. Und in diesem Fall scheint es mir auch nicht gerade einleuchtend.«

»Genau das war auch mein Gedanke«, sagte Shota. »Und dann ist da noch Chase. Viel war aus ihm wegen seines kritischen Zustands nicht herauszubekommen, aber immerhin konnte ich in Erfahrung bringen, dass er in einen Hinterhalt gelockt worden war. Wieder so ein Zufalclass="underline" Zufällig begegnet Samuel einer Person, die er auf gut Glück überfällt, und wie es der Zufall will, ist es wieder jemand, den Ihr kennt? Das mag ich nicht glauben. Bleibt also die Frage, warum Samuel einem Euch bekannten Mann auflauern sollte. Warum sollte er ihn überfallen? Was besaß Chase Wertvolles?«

Zedd, den Blick in die Ferne gerichtet, rieb sich nachdenklich das Kinn. »Rachel«, sagte er schließlich.

»Aber was sollte er mit einem kleinen Mädchen anfangen wollen?«, fragte Cara. Als einige mit besorgter Miene in ihre Richtung blickten, fügte sie hinzu: »Ich meine, ausgerechnet mit diesem kleinen Mädchen?«

»Das weiß ich nicht«, sagte Shota.

»Kennt Ihr sie?«, fragte Richard. »Wisst Ihr, wer sie ist oder zumindest, wer in Frage käme?«

Shota bedachte ihn mit einem geringschätzigen Blick. »Sie ist mir ein völliges Rätsel.«

»Woher könnte sie gekommen sein? Habt Ihr wenigstens eine Vermutung, was das anbetrifft?«

Shotas finstere Miene verdüsterte sich nur noch mehr. »Oh, ich denke ja. Ich glaube, ursprünglich stammt sie aus der Alten Welt. Nachdem du vor einigen Jahren die Große Barriere eingerissen hattest, erkannte sie zweifellos ihre Chance und drang in mein Territorium ein - ganz ähnlich wie auch die Imperiale Ordnung ihre Chance gekommen sah, in die Neue Welt einzufallen und sie zu erobern. Mit der Verhexung Samuels will sie mir zu verstehen geben, dass sie im Begriff ist, meinen Platz zu übernehmen und das, was mir gehört, für sich selbst zu beanspruchen - mein Territorium eingeschlossen.«

Richard wandte sich herum zu Ann, die etwas abseits auf der Seite der Vestibüls stand. »Wisst Ihr etwas über eine Hexe aus der Alten Welt?«

»Ich habe den Palast der Propheten geleitet, junge Zauberer und einen ganzen Palast voller Schwestern auf den Weg des Lichts gebracht, eine Aufgabe, bei deren Ausübung ich den Prophezeiungen stets größte Beachtung geschenkt habe. Aber von den Prophezeiungen einmal abgesehen, habe ich mich aus den Geschehnissen im Rest der Welt weitgehend herausgehalten. Von Zeit zu Zeit sind mir vage Gerüchte über Hexen zu Ohren gekommen, aber niemals mehr. Wenn es sie tatsächlich gab, hat sie sich nie so auffällig benommen, dass ich von ihr erfahren hätte.«

»Mir war auch nie etwas von einer Hexe bekannt«, setzte Nathan seufzend hinzu. »Ich habe nicht einmal gerüchteweise von einer solchen Frau gehört.«