Shota verschränkte die Arme. »Wir sind hier wohl ein recht verschwiegener Haufen.«
Richard hätte gerne mehr über diese Dinge gewusst - auch wenn sich seine Bekanntschaft mit einer Hexe bei mehr als einer Gelegenheit als reichlich unheilvoll erwiesen hatte. Jetzt sah es ganz so aus, als hätte sich dieses Unheil noch verdoppelt.
»Ihr Name lautet Sechs«, sagte Nicci in die Stille der Eingangshalle hinein.
Shota legte die Stirn in Falten. »Was sagtet Ihr da gerade?«
»Die Hexe aus der Alten Welt. Ihr Name ist Sechs, wie die Zahl.«
Wieder ließ Niccis Miene dieses abweisende Fehlen jeglicher Regung erkennen, waren ihre Züge so vollkommen unbewegt wie ein Waldsee in der Morgendämmerung nach dem ersten schweren Frost des Winters. »Ich bin ihr nie begegnet, aber die Schwestern der Finsternis haben hinter vorgehaltener Hand über sie getuschelt.«
»Wer auch sonst«, brummte Ann.
Shota ließ die Arme sinken und entfernte sich einen Schritt vom Brunnen, hin zu der Stelle, wo Nicci oben an der Treppe auf der weiten Fläche des Marmorbodens stand. »Was wisst Ihr über sie?«
»Nicht viel. Ich hörte nur ihren Namen, Sechs. Er blieb mir nur deshalb im Gedächtnis, weil er so ungewöhnlich war. Einige meiner Ranghöheren - meiner Ranghöheren unter den Schwestern der Finsternis - kannten sie ganz augenscheinlich. Ich hörte sie mehrfach ihren Namen erwähnen.«
Mittlerweile hatte Shotas Miene die düstere Bedrohlichkeit einer Viper mit entblößten Zähnen angenommen. »Was hatten diese Schwestern der Finsternis mit einer Hexe zu schaffen?«
»Das weiß ich wirklich nicht«, antwortete Nicci. »Möglicherweise haben sie mit ihr verkehrt, aber wenn, dann war mir nichts davon bekannt. Ich war in ihre Machenschaften nicht immer eingeweiht. Durchaus möglich, dass sie sie einfach nur kannten, ohne ihr jemals begegnet zu sein.«
»Es ist aber auch möglich, dass sie sie gut kannten.«
Nicci zuckte die Achseln. »Mag sein. Da müsst Ihr sie schon selber fragen. In diesem Fall würde ich Euch zur Eile raten - eine von ihnen hat Samuel ja bereits umgebracht.«
Shota überging die Stichelei und wandte sich ab, um in das vollkommen stille Wasser des Brunnens zu starren. »Ihr müsst sie doch irgendetwas über sie sprechen gehört haben.«
»Nein, nichts Bestimmtes«, antwortete Nicci.
»Nun«, hakte Shota übertrieben geduldig nach, während sie sich wieder herumdrehte, »was war denn der allgemeine Tenor dessen, was so über sie geredet wurde?«
»Mitbekommen habe ich nur zwei Dinge. Ich hörte, dass diese Hexe mit Namen Sechs angeblich tief unten im Süden lebt. Die Schwestern unterhielten sich darüber, dass sie weit unten in der Alten Welt lebte, in irgendeinem weglosen Wald- und Sumpfgebiet.«
Mit einem beherzten Blick in Shotas Augen fügte sie hinzu: »Und dass sie Angst vor ihr hätten.«
Wieder verschränkte Shota die Arme vor der Brust. »Angst vor ihr«, echote sie mit ausdrucksloser Stimme.
»Fürchterliche Angst.«
Eine Zeit lang taxierte Shota Niccis Augen, ehe sie sich schließlich abermals herumwandte, um in den Brunnen zu starren, so als hoffte sie, die stillen Wasser würden ihr ein Geheimnis offenbaren.
»Nichts deutet darauf hin, dass es sich um dieselbe Frau handelt«, gab Richard zu bedenken. »Es gibt keinen Hinweis darauf, dass es diese Sechs ist, die Hexe aus der Alten Welt.«
Shota sah kurz über ihre Schulter. »Ausgerechnet du erlaubst dir, darauf hinzuweisen, es könnte sich um bloßen Zufall handeln?«
Wieder suchte ihr Blick Trost in den Fluten. »Eigentlich spielt es keine Rolle, ob sie es nun ist oder nicht. Das Einzige, was zählt, ist, dass sie eine Hexe und entschlossen ist, mir Unannehmlichkeiten zu bereiten.«
Richard trat einen Schritt auf Shota zu. »Es fällt mir ziemlich schwer zu glauben, dass diese andere Hexe Samuel von Euch fortgehext haben soll, nur um Euch bloßzustellen und sich zu nehmen, was Euch gehört. Es muss noch mehr dahinterstecken.«
»Vielleicht ist es eine Provokation«, schlug Cara vor. »Vielleicht will sie Euch dazu verleiten, Euch zu zeigen und zu kämpfen.«
»Dafür müsste sie sich zu erkennen geben«, erwiderte Shota. »Getan hat sie das genaue Gegenteil. Sie hält sich aus ganz bewusster Berechnung im Verborgenen, damit ich mich nicht gegen sie wehren kann.«
Richard stellte einen Stiefel auf die Marmorbank, die den Brunnen umlief, und dachte nach. »Ich behaupte dennoch, dass noch mehr dahinterstecken muss. Samuel eines der Kästchen der Ordnung entwenden zu lassen, hat einen tieferen, dunkleren Sinn.«
»Und die wahrscheinlichere Antwort verweist auf niemand anderen als Euch selbst, Shota.« Mit seiner Bemerkung lenkte Zedd die Aufmerksamkeit aller auf sich. »Mir klingt das eher nach einem Eurer grandiosen Täuschungsmanöver.«
»Ich kann verstehen, warum Ihr das denkt, aber wenn dem so wäre, warum sollte ich dann hierher kommen, um Euch davon zu unterrichten?«
Zedds durchdringender Blick blieb fest. »Um Euch den Anschein von Unbescholtenheit zu geben, während Ihr in Wahrheit diejenige seid, die in den dunklen Schatten die Fäden zieht.«
Shota verdrehte die Augen. »Für derlei kindische Spielereien fehlt mir die Zeit, Zauberer. Ich war es nicht, der Samuels Hand führte. Meine Zeit wurde für andere, wichtigere Dinge benötigt.«
»Die wären?«
»Ich war in Galea.«
»Galea!«, schnaubte Zedd ungläubig. »Was in aller Welt sollte Euch nach Galea geführt haben?«
Jebra legte Zedd eine Hand auf die Schulter. »Sie war dort, um mich zu retten. Ich war in Ebinissia, geriet in die Wirren der Eroberung und wurde als Sklavin verschleppt. Shota hat mich da herausgeholt.«
Zedd richtete einen misstrauischen Blick auf Shota. »Ihr wart am Sitz der Krone von Galea, um Jebra zu retten?«
Shota warf Richard einen bedeutungsvollen Blick zu und sagte: »Es war unbedingt erforderlich.«
Shota bekam einen durchsichtigen Zipfel des Stoffes zu fassen, aus dem ihr Kleid bestand, als dieser sich ganz sachte hob, gleich einer Katze, die, um eine zärtliche Liebkosung durch die Hand ihrer Herrin bettelnd, einen Buckel macht. »Die Ereignisse steuern unaufhaltsam auf ein bitteres Ende zu. Und wenn sich der Kurs, den die Ereignisse eingeschlagen haben, nicht noch ändert, sind wir dazu verdammt, unter die Herrschaft der Eindringlinge zu fallen, gebunden an die Erlasse eines Volkes, das unter anderem der Überzeugung ist, Magie sei eine schändliche Entartung, die es in der ganzen Welt auszurotten gilt. Eines Volkes, das glaubt, die Menschheit sei ein sündiges und korruptes Etwas, das von Rechts wegen unscheinbar und angesichts des allmächtigen Schauspiels der Natur hilflos zu sein hat. Wer von uns Magie besitzt, wird ausnahmslos, und zwar gerade weil er nicht unscheinbar und hilflos ist, verfolgt und schließlich ausgerottet werden.«
Shotas Blick schweifte nacheinander über die ihr entgegenstarrenden Gesichter. »Aber das ist nur unser persönliches, tragisches Schicksal, nicht die wahre Geißel der Imperialen Ordnung.
Wenn sich die Entwicklung nicht noch ändert, werden sich die ungeheuerlichen Glaubensüberzeugungen, die uns die Imperiale Ordnung aufzwingt, wie ein Leichentuch über die gesamte Welt legen. Es wird keinen sicheren Ort mehr geben, keine Zuflucht. Das eiserne Mandat der Gleichförmigkeit wird sich um die Kehlen derer legen, die man am Leben lässt. Alles Gute und Erhabene wird dem heuchlerischen Trugbild eines allgemeinen Wohlstands in Gestalt hochfliegender Phrasen und sinnleerer Ideale geopfert werden, das den nichtsnutzigen Pöbel zu geistloser Gier nach dem Unverdienten aufstachelt und den zivilisierten Menschen zu wenig mehr als einem wohl organisierten Mob von Plünderern abstumpfen lässt. Aber wenn dann alles, was irgendwie von Wert war, geplündert ist, was bleibt ihnen dann noch vom Leben? Mit ihrer Verachtung für das Erhabene, ihrer Geringschätzung für alles Gute, machen sie sich Armseligkeit und Ungehobeltheit zu eigen. Und weil sie jeden hassen, der sich irgendwie hervortut, wird die gesamte Menschheit dank der Glaubensüberzeugungen der Imperialen Ordnung dazu verdammt, im Morast zu wühlen, wenn sie überleben will. Die unerschütterliche Auffassung von einer der Menschheit angeborenen Sündhaftigkeit wird zum anerkannten Glauben werden. Dieser Glaube, erzwungen mit dem Mittel rücksichtsloser Brutalität und unsäglichem Elend, wird ihr bleibender Leitgedanke sein. Ihr Erbe wird der Niedergang des Menschen in ein dunkles Zeitalter voller Leid und Elend sein, aus dem er sich womöglich nie wieder wird befreien können. Darin besteht das Grauen der Imperialen Ordnung - nicht im Tod, sondern in einem von ihren Glaubensüberzeugungen geprägten Leben.« Shotas Worte senkten sich wie ein Leichentuch über den Raum. »Die Toten können schließlich nichts mehr fühlen, kein Leid empfinden. Das können nur die Lebenden.«