Shota wandte sich um. »Was sagt Ihr dazu, Prophet? Verheißen es die Prophezeiungen anders, oder spreche ich die Wahrheit?«
Nathan antwortete mit ruhiger Stimme. »Soweit es die Imperiale Ordnung betrifft, fürchte ich, können die Prophezeiungen keinerlei Beleg für das Gegenteil anführen. Ihr habt mit angemessenen und knappen Worten mehrere Tausend Jahre der Vorhersage zusammengefasst.«
»Diese alten Schriften sind nicht immer leicht verständlich«, gab Ann zu bedenken. »Das geschriebene Wort kann recht doppeldeutig sein. Prophezeiungen sind kein Thema, das sich für Unerfahrene eignet. Dem ungeübten Blick mag es so scheinen, als ...«
»Ich hoffe aufrichtig, Prälatin, Euer Urteil beruht auf einer oberflächlichen Einschätzung meiner äußeren Erscheinung und nicht meiner Fähigkeiten.«
»Ich wollte lediglich ...«, begann Ann.
Shota machte eine wegwerfende Handbewegung, wandte sich ab und richtete den Blick auf Richard, als wäre er der Einzige im Raum. Sie sprach, als wären ihre Worte ausschließlich an ihn gerichtet.
»Womöglich sind wir die Letzten, denen ein Leben in Freiheit vergönnt ist. Es könnte sein, dass dies für alle Zeiten das Ende der besten aller Möglichkeiten ist, des Strebens nach Werten und der Chance für jeden von uns, aufzusteigen und nach Höherem zu streben. Nehmen die Ereignisse keinen anderen Verlauf, werden wir alsbald Zeugen der schlechtesten aller Möglichkeiten sein, eines Zeitalters, in dem die Menschheit - aus Furcht, ein jeder könnte sich erdreisten, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und eigene Ziele zu verfolgen - gezwungen wird, das von der Imperialen Ordnung glorifizierte Dasein unwissender Wilder zu führen.«
»Das wissen wir doch alle längst«, sagte Richard, die Hände neben dem Körper zu Fäusten geballt. »Begreift Ihr nicht, wie hart wir dafür gekämpft haben, genau das zu verhindern? Macht Ihr Euch überhaupt eine Vorstellung, welche Mühen wir alle auf uns genommen haben? Was glaubt Ihr eigentlich, wofür ich kämpfe?«
»Ich weiß es nicht, Richard. Du behauptest, absolut entschlossen zu sein, und doch ist es dir nicht gelungen, den Kurs der Geschehnisse zu beeinflussen oder die Horden der Imperialen Ordnung aufzuhalten. Du gibst vor zu verstehen, und doch sind die Eindringlinge noch immer auf dem Vormarsch und unterjochen mit jedem Tag, der verstreicht, mehr Menschen.
Aber selbst darum geht es nicht. Es geht um die Zukunft. Denn auch in Zukunft wirst du uns im Stich lassen.«
Richard meinte seinen Ohren nicht zu trauen. Er war nicht nur wütend, er war entsetzt, dass Shota sich zu einer solchen Äußerung hinreißen ließ. Es war, als wäre alles, was er getan hatte, jedes Opfer, das er gebracht, jede Mühe, die er auf sich geladen hatte, für sie bedeutungslos, und das nicht nur in diesem Augenblick, sondern auch in Zukunft.
»Seid Ihr gekommen, um mir Eure Prophezeiung meines Scheiterns mitzuteilen?«
»Nein. Ich bin gekommen, um dir mitzuteilen, dass wir, wenn du nichts änderst, alle nach der augenblicklichen Lage der Dinge in diesem Kampf scheitern werden.«
Shota wandte sich von Richard ab und wies mit gestrecktem Arm auf Nicci. »Ihr habt ihm das dumpfe, abgestumpfte Ende gezeigt, das bestenfalls aus den von der Imperialen Ordnung vertretenen Glaubensüberzeugungen resultieren kann. Ihr habt ihm das freudlose Dasein gezeigt, das einzige, das unter ihren Lehren erlaubt sein wird, die besagen, dass der Wert des Lebens sich einzig nach der Größe des Opfers bemisst, das man erbringt, und sich der Sinn des Lebens in einem jenseitigen Ziel erschöpft: der leblosen Ewigkeit in einer anderen Welt.
Darin habt Ihr uns allen einen großen Dienst erwiesen, und dafür gebührt Euch unser Dank. Ihr habt Eure Rolle als Richards Ausbilderin wahrhaftig erfüllt, wenn auch nicht so, wie Ihr erwartet hattet. Aber auch das ist noch nicht alles.«
Richard verstand nicht recht, wie man seine Gefangenschaft während der er gezwungen war, ein entbehrungsreiches Leben unten in der Alten Welt zu führen - als Dienst betrachten konnte. Um die hoffnungslose Sinnlosigkeit eines Lebens unter der Herrschaft der Imperialen Ordnung zu begreifen, hätte er das alles nicht am eigenen Leib erfahren müssen. Er bestritt nicht ein einziges Wort von Shotas Ausführungen, was ihnen allen im Falle einer Niederlage blühte, trotzdem ärgerte es ihn, dass sie offenbar glaubte, er müsse sich das alles noch einmal anhören, so als hätte er noch nicht begriffen, wofür sie kämpften, und wäre infolgedessen auf dem besten Wege zu scheitern, statt sich mit seiner ganzen Kraft ihrer Sache anzunehmen. Wie es passiert war, hätte er nicht zu sagen vermocht, denn er hatte nicht gesehen, dass sie sich bewegt hätte, aber plötzlich stand Shota genau vor ihm, das Gesicht nur wenige Zoll entfernt von seinem.
»Und doch ist dir all das noch nicht in vollem Umfang klar, zeigst du noch nicht die Entschlossenheit, die unabdingbar nötig wäre.«
Richard funkelte sie wütend an. »Ich zeige keine Entschlossenheit? Was redet Ihr denn da?«
»Ich musste einen Weg finden, es dir begreiflich zu machen, dich zu zwingen, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Ich musste einen Weg finden, dich zu der Erkenntnis zu zwingen, was den Menschen nicht nur in der Neuen, sondern auch in der Alten Welt, ja was der gesamten Menschheit bevorsteht.«
»Wie könnt Ihr glauben, ich hätte ...«
»Du bist der, auf den es ankommt, Richard Rahl. Du bist derjenige, der die letzten Truppen anführen wird, die sich den Ideen widersetzen, aus denen sich der Flächenbrand mit Namen Imperiale Ordnung speist. Aus welchen Gründen auch immer bist du derjenige, der uns in diesem Kampf anführt. Mag sein, dass du daran glaubst, wofür du kämpfst, gleichwohl weigerst du dich zu tun, was nötig ist, um den Verlauf des Krieges zu ändern, sonst wäre das, was ich im Strom der künftigen Ereignisse erblickt habe, nicht so, wie es ist. Wie die Dinge derzeit stehen, sind wir zum Untergang verdammt. Du musstest unbedingt erfahren, welches Schicksal unserem Volk, ja der gesamten Menschheit, droht. Also ging ich nach Galea, um Jebra zu finden, damit sie dir berichten kann, was sie gesehen hat - damit eine Seherin dir helfen kann zu sehen.«
Eigentlich, fand er, hätte er über diese Strafpredigt verärgert sein sollen, doch er schaffte es nicht mehr, seinen Ärger aufzubieten, er entglitt ihm zusehends. »Mir ist längst bekannt, was im Falle unseres Scheiterns geschehen wird, Shota. Ich weiß, was es mit der Imperialen Ordnung auf sich hat. Ich weiß auch, was uns erwartet, wenn wir diesen Kampf verlieren.«
Shota schüttelte den Kopf. »Du kennst das Danach, du weißt, wie es ist, die Toten zu sehen. Aber die Toten können nichts mehr spüren. Die Toten können nicht mehr brüllen, sie können nicht mehr vor Entsetzen schreien, die Toten können nicht um Gnade winseln. Du weißt, wie es ist, am Morgen nach dem Sturm die Trümmer in Augenschein zu nehmen, aber du musst von jemandem, der dabei war, hören, wie es war, als der Sturm losbrach. Du musst hören, wie es war, als die gewaltigen Horden kamen. Du musst dir anhören, welches Schicksal jedem Einzelnen von uns tatsächlich beschieden sein wird. Du musst wissen, was mit den Überlebenden geschieht, wenn du in dem versagst, was nur du tun kannst.«
Er sah kurz hoch zu Jebra. Zedd hatte seinen Arm tröstlich um ihre Schultern gelegt, Tränen liefen über ihr aschfahles Gesicht. Sie zitterte am ganzen Körper.