Выбрать главу

»Bei den Gütigen Seelen«, sagte er mit leiser Stimme, »wie könnt Ihr nur so grausam sein, auch nur einen Augenblick zu denken, ich wäre mir nicht im Klaren über das Schicksal, das uns allen im Falle unseres Scheiterns blüht?«

»Ich erkenne darin den Strom künftiger Ereignisse«, erwiderte Shota in einem ruhigen Tonfall, der sich ausschließlich an ihn richtete.

»Und was ich sehe, besagt, dass du nicht genug getan hast, um zu verändern, was künftig sein wird, denn sonst wäre es nicht so, wie ich es sehe. Das hat nichts mit Grausamkeit zu tun, es geht allein um Wahrheit.

»Und was genau erwartet Ihr, soll ich tun, Shota?« »Ich weiß es nicht, Richard. Aber was immer es ist, derzeit tust du es nicht, habe ich recht? Während wir alle einem unvorstellbaren Grauen entgegenschlittern, unternimmst du nichts, um es zu verhindern. Stattdessen jagst du irgendwelchen Phantomen nach.«

12

Es gab tausend Dinge, die Richard Shota sagen wollte. Gerne hätte er ihr erklärt, dass die Imperiale Ordnung schwerlich die einzige Bedrohung war, die sie mächtig unter Druck setzte; ihr erklärt, dass nun, da die Kästchen der Ordnung im Spiel waren, die Schwestern der Finsternis, sofern ihnen niemand Einhalt gebot, Kräfte entfesseln würden, die die Welt des Lebens vernichten und jedermann in die Arme des Hüters des Totenreiches treiben würden, dass die Feuerkettenreaktion, sofern es ihnen nicht gelang, sie umzukehren, die Zerstörung von jedermanns Erinnerungsvermögen und Verstand bewirken konnte und die Menschheit damit eines wichtigen Mittels zur Sicherung ihres Fortbestandes beraubt würde. Er wollte ihr erklären, dass die gesamte Magie ausgelöscht werden könnte, wenn es ihnen nicht gelang, die Welt von der durch die Chimären hinterlassenen Verunreinigung zu läutern, und dass diese Verunreinigung durchaus bereits einen Dominoeffekt ausgelöst haben konnte, der, wenn er nicht zum Stillstand gebracht wurde, schon allein das Potenzial besaß, alles Leben zu vernichten. Gern hätte er ihr erklärt, dass sie nicht die leiseste Ahnung von der Frau hatte, die er liebte, der Frau, die sein Ein und Alles war, ihr erklärt, wie viel Kahlan ihm bedeutete, wie besorgt er um sie war, wie sehr er sie vermisste und dass ihn das Grauen dessen, was ihr derzeit widerfuhr, um den Schlaf brachte.

Und er hätte ihr auch gerne erklärt, dass die Imperiale Ordnung in diesem Augenblick nur eines ihrer entsetzlichen Probleme war. Doch dann sah er die zitternde Jebra im Schutz von Zedds tröstlichem Arm und fand, dass dies kaum der rechte Zeitpunkt war, all diese Dinge zur Sprache zu bringen.

Er streckte die Hand aus und winkte Jebra zu sich. Ihre himmelblauen Augen waren tränenerfüllt. Schließlich stieg sie, zögernd, die Stufen zu ihm hinab. Er kannte die genauen Einzelheiten des Grauens nicht, das sie durchgemacht hatte, doch die Anspannung stand ihr noch überdeutlich in ihr abgehärmtes Gesicht geschrieben. Ihre Falten waren ein stummes Zeugnis all der Bitterkeiten, die sie durchlitten hatte.

Als sie seine Hand ergriff, legte er seine andere in einer besänftigenden Geste behutsam darüber. »Ihr kommt von weit her, und wir wissen zu schätzen, dass Ihr uns bei unseren Bemühungen helfen wollt. Bitte erzählt uns, was Ihr wisst.«

Sie nickte, dabei fiel ihr das kurz geschnittene, sandfarbene Haar nach vorne in ihr tränenverschmiertes Gesicht. »Ich werde mich bemühen, so gut es irgend geht, Lord Rahl.«

Unter Shotas wachsamem Blick geleitete er sie über die Marmorfläche zum Brunnen, wo er sie auf dem kleinen Marmormäuerchen Platz nehmen ließ, das die jetzt still daliegende Wasserfläche umgab.

»Ihr habt Königin Cyrilla in ihr Heim zurückbegleitet«, gab er ihr das Stichwort. »Ihr hattet Euch ihrer angenommen, weil sie krank war - in den Wahnsinn getrieben durch die Zeit, die sie mit all diesen fürchterlichen Männern in der Grube verbracht hatte. Ihr solltet ihr helfen, wieder zu Kräften zu kommen und sie im Falle des Gelingens beraten.«

Jebra nickte.

»Und ... nachdem sie in ihr Heim zurückgekehrt war, ging es ihr da allmählich wieder besser?«, erkundigte sich Richard, obwohl er dies längst von Kahlan wusste.

»Ja. Sie hatte sich so lange in einem Zustand abgestumpfter Teilnahmslosigkeit befunden, dass wir schon dachten, sie würde nicht mehr gesund werden, doch nachdem sie eine Weile wieder zuhause war, begann sie allmählich wieder zu sich selbst zu finden. Anfangs gewahrte sie nur die Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung, und auch das immer nur für kurze Zeit. Doch je mehr sie von der vertrauten Umgebung wieder erkannte, desto länger währten auch diese klaren Phasen. Zur Freude aller schien sie langsam wieder ins Leben zurückzufinden. Schließlich befreite sie sich, wie ein Tier, das aus dem Winterschlaf erwacht, aus ihrer langen Lethargie. Es war, als schüttelte sie ihren langen Schlaf ab und kehrte wieder in einen normalen Zustand zurück. Sie war voller Energie und ganz begeistert, wieder zuhause zu sein.«

»Königin Cyrilla war Königin von Galea«, bemerkte Shota erklärend an Richard gewandt. »Sie war die Kronerbin anstelle von ...«

»Prinz Herold«, beendete Richard den Satz mit einem Blick hinauf zu der Hexe für sie. »Herold war Cyrillas Bruder. Er hatte die Krone abgelehnt, weil er es vorzog, das Kommando über die Galeanische Armee zu übernehmen.«

Shota zeigte sich erstaunt. »Du scheinst dich in der Galeanischen Monarchie ja recht gut auszukennen.«

»Ihr gemeinsamer Vater war König Wyborn«, fuhr Richard fort.

»König Wyborn war auch der Vater Kahlans; Kahlan ist demnach Cyrillas Halbschwester. Deshalb kenne ich mich so gut mit der Monarchie Galeas aus.«

Wenn Shota überrascht war, das zu hören, oder sie ihm nicht glaubte, weil Kahlan plötzlich ins Spiel gebracht wurde, ließ sie sich von beidem nichts anmerken. Schließlich brach sie den Blickkontakt mit ihm ab und begann wieder, auf und ab zu gehen, was Jebra zum Anlass nahm, mit ihrer Geschichte fortzufahren.

»Als wäre sie niemals fort gewesen, nahm Cyrilla wieder ihren Platz auf dem Thron ein. In der Stadt schien man hocherfreut, sie wiederzuhaben. Galea hatte große Anstrengungen unternommen, um sich von der schrecklichen Zeit zu erholen, als der Sitz der Krone von einer Vorhut der Armee der Imperialen Ordnung geplündert worden war. Der Überfall war eine Tragödie ungeheuren Ausmaßes gewesen und hatte einen entsetzlichen Blutzoll gefordert. Doch jetzt, nachdem die Invasoren lange abgezogen waren, waren die Reparaturarbeiten an den Zerstörungen schon seit geraumer Zeit wieder im Gange. Selbst die niedergebrannten Gebäude befanden sich im Wiederaufbau. Geschäfte hatten wieder geöffnet. Der Handel war zurückgekehrt, und aus ganz Galea strömten die Menschen wieder auf der Suche nach einem besseren Leben in die Stadt. Familien bekamen wieder Zuwachs, es wurden wieder Ehen geschlossen. Dank harter Arbeit war auch wieder so etwas wie Wohlstand eingekehrt. Die Rückkehr der Königin schien die Stadt mit einem frisch erstarkten Lebensgeist zu erfüllen, und die Welt schien wieder im Lot zu sein.

Alles sprach davon, man habe seine Lektion gelernt, eine solche Tragödie werde sich nie wieder ereignen. Zu diesem Zweck errichtete man Verteidigungsanlagen und stellte eine sehr viel größere Armee auf. Wie viele der Bewohner Galeas, hatte auch Königin Cyrilla diese entsetzliche Zeit aus ihrem Gedächtnis getilgt und konnte es kaum erwarten, sich ’wieder der Geschicke ihres Landes anzunehmen. Voller Eifer stürzte sie sich in alle möglichen Aktivitäten, vom Schlichten diverser Handelsstreitigkeiten bis hin zur Teilnahme an festlichen Gesellschaften, auf denen sie mit den Würdenträgern tanzte.

Prinz Herold, als Oberbefehlshaber der Galeanischen Armee, hielt sie über die jüngsten Entwicklungen beim Einmarsch in die Neue Welt auf dem Laufenden, sie war sich also vollkommen darüber im Klaren, dass die Horden im Begriff waren, in gewaltiger Zahl in die südlichen Gebiete der Midlands einzufallen. Ich spürte stets umgehend, wenn sie die jüngsten Berichte erhalten hatte. Meist fand ich sie dann in murmelnde Selbstgespräche vertieft, ein Taschentuch zerknüllt in ihrer Hand, wie sie in einem dunklen, fensterlosen Zimmer auf und ab lief. Fast schien es mir, als suchte sie nach jenem dunklen Flecken in ihrem Verstand - jenem Zustand abgestumpfter Benommenheit, in dem sie sich zuvor befunden hatte -, ohne ihn jedoch finden und wieder dorthin zurückkehren zu können.«