Zedd nickte, während er mit den Fingerspitzen sachte Jebras Schultern massierte. Seine Berührung hatte sie die müden Augen schließen lassen. »Menschen, die - aus welchem Grund auch immer die Wahrheit nicht erkennen wollen, nehmen oft eine überspitzt feindliche Haltung ihr gegenüber ein und leugnen sie mit verbissener Hartnäckigkeit. Und nicht selten kehren sie ihre gehässige Ablehnung gegen jeden, der es wagt, auf diese Wahrheit hinzuweisen.«
»Was der Wahrheit aber keinen Abbruch tut«, warf Richard ein. Zedd zuckte die Achseln, Ausdruck ebenjener freimütigen Unkompliziertheit, die er darin sah. »Wer die Wahrheit sucht, für den ist es stets eine Frage schlichten vernünftigen Eigennutzes, die Wirklichkeit niemals aus den Augen zu verlieren. Immerhin gründet sich Wahrheit auf Wirklichkeit, nicht auf Einbildung.«
Richard legte seinen Handballen auf das Walnussholzheft des Messers in seinem Gürtel. In Gedanken jedoch bei dem Schwert der Wahrheit und der Frage, wo es sich jetzt wohl befand, starrte Richard blicklos geradeaus. »Ich finde es nahezu unbegreiflich, wie Menschen jene Dinge aus dem Blick verlieren können, die in ihrem ureigenen Interesse liegen.«
»Ja, sollte man meinen.« Zedds Tonfall beiläufiger Konversation war jener dünnen, schrillen Sprechweise gewichen, die Richard sofort sagte, dass ihn noch etwas anderes bedrückte. »Das ist des Pudels Kern.«
Als Richard daraufhin in seine Richtung sah, bedachte Zedd ihn mit einem durchdringenden Blick. »Mutwillig von der Wahrheit abzuweichen, das ist Verrat an sich selbst.«
Shota, die Arme verschränkt, hielt in ihrem Umherwandern inne und beugte sich zu Zedd. »Ein Gesetz der Magie, Zauberer?«
Erstaunt hob Zedd eine Braue. »Das zehnte, um genau zu sein.«
Sie warf Richard einen vielsagenden Blick zu. »Ein weiser Rat.«
Nachdem sie ihn eine Weile mit ihrem eisenharten Blick fixiert hatte, nahm sie ihr Umherwandern wieder auf.
Offenbar war sie der Meinung, ging es Richard durch den Kopf, er ignoriere die Wahrheit - die Wahrheit der in das Land einmarschierenden Armee der Imperialen Ordnung. Aber dem war überhaupt nicht so, er wusste nur einfach nicht, was sie noch von ihm erwartete, um ihren Einmarsch aufzuhalten. Hätte er einen Wunsch frei, hätte er sie längst wieder in die Alte Welt zurückgejagt. Wenn er wüsste, wie er sie aufhalten könnte, würde er es tun, aber das war nicht der Fall. Es war schlimm genug zu wissen, dass Shota zu glauben schien, seine Untätigkeit gründe sich auf puren Starrsinn so, als stünde die Lösung in seiner Macht.
Er sah zu der stattlichen Frau oben an der Treppe hoch, die ihn beobachtete. Selbst in ihrem rosa Nachthemd verströmte sie Noblesse und Klugheit. Während Richard von Menschen großgezogen worden war, die ihn dazu angehalten hatten, mit den Dingen stets so zu verfahren, wie sie tatsächlich waren, war sie unter dem Einfluss von Menschen aufgewachsen, die von den von der Imperialen Ordnung verbreiteten Glaubensüberzeugungen gesteuert wurden. Wenn man ein Leben lang autoritären Lehren ausgesetzt war, bedurfte es schon einer bemerkenswerten Persönlichkeit, um noch den Willen aufzubringen, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Nur wenige Menschen besaßen diesen Mut.
Richard fragte sich, ob sie ebenfalls glaubte, er sei, aus irrationalen und eigensinnigen Motiven, gleichgültig gegenüber der Invasion der Imperialen Ordnung. Er fragte sich, ob auch sie glaubte, er versäume es, entscheidend zum Schutz unschuldiger Menschen vor diesem grauenhaften Leid beizutragen. Er hoffte inständig, dass dem nicht so war. Es gab Augenblicke, da schien Niccis Unterstützung so ziemlich das Einzige, was ihm die Kraft zum Weitermachen gab. Vielleicht erwartete sie ja von ihm, die Suche nach Kahlan aufzugeben und sich stattdessen ganz auf die Errettung von sehr viel mehr als nur diesem einen Menschenleben zu konzentrieren, wie kostbar es auch sein mochte. Er unterdrückte diese quälende Angst; er wüsste, Kahlan hätte dasselbe von ihm verlangt. Sosehr sie ihn liebte - damals, als sie noch wüsste, wer sie war -, Kahlan hätte niemals gewollt, dass er sich auf ihre Fährte setzte, wenn dies zu Lasten des Versuchs gegangen wäre, eine viel größere Zahl von Menschen aus tödlicher Gefahr zu retten.
Dann plötzlich tat der Gedanke, der ihm gerade durch den Sinn gegangen war, seine Wirkung: damals, als sie noch wüsste, wer sie war, wer er war. Wie konnte Kahlan ihn noch lieben, wenn sie weder wüsste, wer sie war, noch wer er war? Die Knie drohten ihm nachzugeben.
»Genau so habe ich das auch gesehen«, sagte Jebra und öffnete, als Zedd seine tröstlichen Hände von ihr nahm, wie beim Erwachen ihre Augen. »Dass ich mein Bestes gegeben hatte, um ihr die Wahrheit vor Augen zu führen. Nur mochte ich nicht in diesem Verlies hocken. Wirklich nicht.«
»Und was geschah dann?« Zedd kratzte sich seine hohle Wange.
»Wie lange habt Ihr dort unten in dem Verlies gesessen?«
»Ich verlor den Überblick, welcher Tag es war. Es gab keine Fenster, daher kam mir nach einer Weile jedes Gefühl dafür abhanden, ob es Tag war oder Nacht. Ich bekam den Wechsel der Jahreszeiten nicht mit, wusste aber immerhin, ich hatte lange genug dort eingesessen, dass sie gekommen und wieder gegangen waren. Nach und nach verlor ich alle Hoffnung.
Ich bekam zu essen - nie genug, um satt zu werden, aber gerade ausreichend, um nicht zu verhungern. Von Zeit zu Zeit - mitunter in sehr großen Abständen - ließ man in dem schäbigen Hauptraum jenseits der Eisentür eine Kerze brennen. Die Wachen verhielten sich mir gegenüber nicht vorsätzlich grausam, trotzdem war es fürchterlich beängstigend, in der Dunkelheit dieser winzigen gemauerten Zelle eingesperrt zu sein. Ich war klug genug, mich nicht zu beklagen. Wenn die anderen Gefangenen sich beschwerten oder Krach schlugen, warnte man sie, still zu sein, und gelegentlich, wenn ein Gefangener sich nicht an diese Anordnung hielt, konnte ich hören, wie die Wachen ihre Drohungen wahr machten. Manchmal kam es vor, dass die Gefangenen nur kurz dort blieben, bis man sie zu ihrer Hinrichtung abführte. Von Zeit zu Zeit wurden neue Gefangene hereingebracht. Nach dem bescheidenen Ausblick, den mir mein winziges Guckloch gewährte, waren die Männer, die man brachte, ein verrohter und gefährlicher Haufen. Manchmal riss mich ihr abstoßendes Gefluche in tiefster Dunkelheit aus dem Schlaf, sodass ich beim Einschlummern sofort Albträume bekam. Die ganze Zeit über verharrte ich in Angst, eine Vision könnte mich heimsuchen, die mir mein endgültiges Schicksal vor Augen führte, aber solche Visionen stellten sich nie ein. Allerdings brauchte ich sie auch gar nicht, um mir auszumalen, was die Zukunft für mich bereithielt. Ich wusste, Cyrilla würde es mir zum Vorwurf machen, wenn die Invasoren schließlich näher rückten. Ich hatte mein ganzes Leben lang Visionen. Nicht selten geben die Menschen, denen nicht gefällt, was ihnen widerfahren wird, mir dir Schuld daran, weil ich ihnen erklärte, was ich sehe. Statt diese Information zu benutzen, um etwas zu verändern, machen sie es sich leicht und lassen ihren Unmut an mir aus. Oftmals glaubten sie, ich hätte ihren Ärger erst verursacht, indem ich ihnen von meinen Visionen erzählte, so als wäre es meine Entscheidung, was ich sehe, und würde durch meine Böswilligkeit erst Wirklichkeit.
Das Eingeschlossensein in diese finstere Zelle war mir nahezu unerträglich, und doch konnte ich nichts anderes tun, als es zu erdulden. In den endlosen Stunden, die ich dort hockte, begann ich zu begreifen, wieso Cyrilla damals in der Grube den Verstand verloren hatte. Wenigstens musste ich mich nicht solcher Rohlinge erwehren - diesen Schlag Männer hatte man in die anderen Zellen gesperrt. Wie die Dinge lagen, war ich überzeugt, dort in der Zelle vergessen und im Stich gelassen zu sterben. Ich verlor vollends den Überblick, wie lange ich vor der Welt, vor dem Licht und dem Leben weggesperrt war.
Während all dieser Zeit suchten mich nie wieder irgendwelche Visionen heim. Damals wusste ich noch nicht, dass ich nie wieder welche haben würde.