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Einmal schickte die Königin einen Unterhändler, der mich fragen sollte, ob ich bereit wäre, meine Vision zu widerrufen. Ich erklärte ihm, dass ich der Königin mit Freuden jede Lüge auftischen würde, die sie hören wollte, wenn sie mich nur freiließe. Offenbar entsprach es nicht dem, was die Königin hören wollte, denn ich sah den Unterhändler nie wieder - noch kam jemand, um mich freizulassen.«

Richard wandte sich zur Seite und sah, dass Shota ihn beobachtete. In ihren Augen konnte er den stummen Vorwurf sehen, dass er sich mit seinem Wunsch, sie solle ihm etwas anderes erzählen als das, was der Welt ihrer Ansicht nach bevorstand, genauso verhielt, und spürte einen schuldbewussten Stich.

Jebra schaute zu den Oberlichtern hoch über ihren Köpfen hinauf, als könnte sie vom schlichten Wunder dieser Helligkeit gar nicht genug bekommen. »Eines Nachts - erst später erfuhr ich, dass es in der Welt oben ebenfalls Nacht war - erschien ein Wachtposten vor dem winzigen Guckloch in der Eisentür zu meiner engen, kleinen Zelle und teilte mir mit leiser Stimme mit, Truppen der Imperialen Ordnung befänden sich auf dem Vormarsch in die Stadt. Dann fügte er noch hinzu, die Schlacht werde jetzt endlich jeden Moment beginnen.

Er klang fast froh, dass das quälende Warten ein Ende hatte, dass die Wirklichkeit sie alle endlich davon erlöste, ihrer Königin etwas vorzugaukeln. Es war, als hätte das Wissen um ihr Schicksal sie alle zu treulosen Verrätern gemacht, und dieser Verrat an den Wunschvorstellungen der Königin ginge nun auf die Wirklichkeit über. Gleichwohl war dies ja nur ein Teil der königlichen Wahnvorstellungen, jener Teil, der zu offensichtlich war, als dass man sich ihm hätte entziehen können.

Im Flüsterton antwortete ich, dass ich Angst um die Einwohner der Stadt hätte. Er schnaubte nur verächtlich und schalt mich einfältig, weil ich die Galeanischen Soldaten noch nicht kämpfen gesehen hätte. Er gab sich äußerst zuversichtlich, dass die Galeanische Armee, eine Streitmacht von weit über einhunderttausend tapferen Soldaten, den Eindringlingen eine deftige Lektion erteilen und sie in die Flucht schlagen würde, genau wie ihre Königin es versprochen hatte.

Ich hielt den Mund. Ich wagte nicht, dem illusionären Wunschdenken der Königin von ihrer Unbesiegbarkeit zu widersprechen, traute mich nicht zu sagen, dass es für die Truppen der Imperialen Ordnung mit ihrer gewaltigen zahlenmäßigen Überlegenheit, die ich in meiner Vision geschaut hatte, ein Leichtes sei, die Armee der Verteidiger zu vernichten, und dass die Stadt fallen werde. Eingesperrt in meiner Zelle, konnte ich ja nicht einmal fortlaufen.

Und dann vernahm ich das seltsame, unheimliche Geräusch aus meiner Vision. Es jagte mir einen Schauder über den Rücken. Eine eiskalte Gänsehaut überlief meinen Körper. Schließlich begriff ich, was es war: der klagende Ton Abertausender feindlicher Gefechtshörner. Es klang wie das Geheul von Dämonen, hervorgekommen aus der Unterwelt, um die Lebenden zu verschlingen. Nicht einmal die mächtigen Steinmauern vermochten dieses grauenhafte, durchdringende Geräusch fernzuhalten. Es war ein Laut, der das Nahen des Todes ankündigte, ein Laut, bei dem dem Hüter höchstselbst ein Feixen über das Gesicht gegangen wäre.«

13

Jebra rieb sich die Schultern, als hätte die bloße Erinnerung an den schrillen Klang der Gefechtshörner ihr von Neuem eine Gänsehaut bereitet. Sie atmete einmal tief durch, um ihre Fassung wiederzuerlangen, dann sah sie hoch zu Richard und fuhr mit ihrer Geschichte fort.

»Die Wachtposten eilten geschlossen zu den Verteidigungsanlagen der Stadt, sodass das Verlies unbewacht zurückblieb. Natürlich waren die Eisentüren, die sie hinter sich verriegelten, mehr als ausreichend, um jeden an der Flucht zu hindern. Kaum waren sie verschwunden, brachen einige der Gefangenen in Jubelschreie aus, Jubelschreie, die der anrückenden Imperialen Ordnung galten, dem sich abzeichnenden Fall Galeas und ihrer, wie sie glaubten, in Kürze bevorstehenden Freilassung. Doch nicht lange, und auch sie verstummten, als das Rufen und Schreien in der Ferne über uns immer mehr anschwoll. Stille senkte sich über die finsteren Verliese des Palasts.

Bald darauf konnte man das klirrende Aufeinanderprallen von Waffen hören, die kollektiven Schreie von Soldaten im Kampf auf Leben und Tod, die stetig näher kamen. Unter diese Schreie mischte sich das grauenhafte Kreischen der Verwundeten. Das Gebrüll der Soldaten schwoll immer mehr an, je weiter die Verteidiger zurückgedrängt wurden. Und dann stand der Feind im Palast. Ich hatte ja eine Zeit lang im Palast gelebt und viele der dort lebenden Menschen kennen gelernt, denen jetzt etwas bevorstand, das ...«

Jebra wischte sich die Tränen von der Wange. »Tut mir leid«, murmelte sie, während sie ein Taschentuch aus ihrem Ärmel zupfte und sich damit die Nase abtupfte. Dann räusperte sie sich und nahm ihren Bericht wieder auf.

»Ich weiß nicht, wie lange die Schlacht tobte, aber irgendwann kam der Moment, da hörte ich das Geräusch eines Rammbocks, der mit großer Wucht gegen die Eisentüren oben gestoßen wurde. Jeder Stoß hallte in den steinernen Mauern wider. Sobald eine Tür nachgegeben hatte, kam das Geräusch näher, wenn die nächste Tür in Angriff genommen wurde, bis schließlich auch diese aufgebrochen war. Und dann ergoss sich plötzlich eine Flut von Soldaten, alle mit Schlachtrufen auf den Lippen, die Treppen herab. Sie trugen Fackeln bei sich, die den winzigen Vorraum draußen vor meiner Zelle in hartes Licht tauchten. Wahrscheinlich waren sie auf der Suche nach der Schatzkammer, nach Beutegut. Stattdessen fanden sie ein verdrecktes Loch freudloser Abgeschiedenheit vor, sodass sie alle wieder die Treppen hinaufhasteten und uns in völliger Dunkelheit und in einem Zustand Herzrasender Angst zurückließen. Ich dachte schon, ich würde sie nie mehr wieder sehen, doch es dauerte gar nicht lange, und die Soldaten kehrten noch einmal zurück. Diesmal schleppten sie verzweifelt kreischende Frauen mit herbei - einige der Bediensteten aus dem Palast. Offenbar wollten die Soldaten mit ihren jüngsten Eroberungen alleine sein, fernab all der anderen Kerle, die sie ihnen einfach entreißen oder sich gar mit ihnen um solch kostbares lebendes Beutegut prügeln könnten. Was dann an meine Ohren drang, bewog mich, mich in den entlegensten Winkel meiner Zelle zu kauern, doch wirklich entziehen konnte ich mich dadurch nicht, denn ich musste das grauenhafte Geschehen noch immer in allen Einzelheiten hören. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, was das für Männer sein mussten, die sich von solch schauderhaften Verbrechen, wie sie sie begingen, zu lautem Gelächter und Gejohle anregen ließen. Diese beklagenswerten Frauen hatten niemanden - absolut niemanden -, der ihnen half, keinerlei Hoffnung auf Rettung.

Dann riss sich offenbar eine der jüngeren Frauen von dem Kerl, der sie festhielt, los und stürzte in wilder Panik Richtung Treppe. Ich hörte Stimmen rufen, jemand solle sie festhalten. Sie war flink und kräftig, trotzdem bekamen die Männer sie mühelos zu fassen und warfen sie zu Boden. Als ich sie um ihr Leben betteln, mit Tränenerstickter Stimme »Nicht, bitte nicht« wimmern hörte, erkannte ich schließlich ihre Stimme wieder. Während einer der Kerle sie am Boden festhielt, trat ihr ein anderer mit dem Stiefel auf das Knie und bog ihren Fuß nach oben, bis ich ihr Knie mit einem Knacken nachgeben hörte. Unter ihren von Schmerz und Entsetzen erfüllten Schreien wiederholte er die Prozedur bei ihrem anderen Bein. Die Männer johlten nur und meinten, jetzt, da sie wohl kaum noch einmal fortlaufen werde, könne sie sich doch etwas ernsthafter mit ihren neuen Pflichten befassen. Und dann fielen sie über sie her. Noch nie, in meinem ganzen Leben nicht, habe ich so entsetzliche Schreie gehört.

Ich weiß nicht, wie viele Soldaten in den Kerker hinunterkamen, aber es wurden in ständigem Wechsel mehr und mehr. Stunde um Stunde ging das so. Einige der Frauen weinten und wimmerten die ganze Zeit, während sie vergewaltigt wurden, ein Verhalten, das die Männer nur zu stürmischen Lachsalven aufstachelte. Aber das waren gar keine Männer, das waren Ungeheuer ohne Gewissen oder Selbstbeherrschung.