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Ich musste auf meinen Wegen von und zu diesen Außenposten quer durch dieses grauenhafte Schlachtfeld. Die Hügel, in denen dieses letzte Gefecht stattgefunden hatte, waren von Hunderten von Personen übersät, die sich gemächlich einen Weg durch diese Toten bahnten und dabei ganz systematisch deren Habseligkeiten durchwühlten. Später erfuhr ich, dass dies eine kleine Armee von Leuten war, die hinter den Truppen der Imperialen Ordnung herzog - die Schlachtengänger - und sich von den Abfällen und Resten ernährte, die die Imperiale Ordnung auf ihrem Weg zurückließ. Diese Geier in Menschengestalt durchwühlten Taschen und Kleider der Toten und bestritten demzufolge mit Tod und Zerstörung ihren Lebensunterhalt. Ich erinnere mich, wie eine ältere Frau in einem schäbigen weißen Schal auf einen noch lebenden Galeanischen Soldaten stieß. Neben anderen Verletzungen war sein Bein bis auf den Knochen aufgeschlitzt, und seine Hände zitterten von der endlosen einsamen Anstrengung, die riesige Wunde zusammenzupressen. Es grenzte an ein Wunder, dass er überhaupt noch lebte.

Als die Alte in dem schäbigen Schal auf der Suche nach irgendetwas Verwertbarem an seinen Kleidern zerrte, bat er sie um einen Schluck Wasser. Ohne ihn zu beachten, riss sie sein Hemd auf, um zu sehen, ob er, wie manche Soldaten, eine Halskette mit einem Geldbeutel daran trug. Mit matter, heiserer Stimme bettelte er erneut um einen Schluck Wasser. Stattdessen zog sie eine lange Stricknadel aus ihrem Gürtel hervor und stieß sie dem hilflos daliegenden Soldaten ins Ohr. Das Herumfuhrwerken mit der langen Metallnadel in seinem Gehirn war offenbar so anstrengend, dass ihre Zunge aus dem Mundwinkel hervorlugte. Seine Arme zuckten noch einmal, dann rührten sie sich nicht mehr. Eine gemurmelte Klage auf den Lippen, das werde ihm wohl das Maul stopfen, zog sie ihre Stricknadel der Länge nach wieder heraus und wischte sie an seinem Hosenbein ab, schob sie zurück in ihren Gürtel und widmete sich wieder dem Filzen seiner Taschen. Mir fiel auf, mit welch offenkundiger Geübtheit sie bei dieser schauerlichen Tat zu Werke ging.

Andere Schlachtengänger sah ich den Schädel eines jeden Soldaten, den sie lebend antrafen, mit einem Stein einschlagen, nur um sicherzugehen, er werde sie auf ihrer Beutesuche nicht damit überraschen, dass er unerwartet nach ihnen schlug. Einige dieser Aasgeier machten sich dagegen gar nicht erst die Mühe, den Verwundeten etwas anzutun, es sei denn, sie konnten ihre Hände noch gebrauchen und versuchten, sich ihrer zu erwehren. Wenn sie noch lebten, aber keinen Widerstand mehr leisten konnten, bedienten sie sich einfach bei allem, was sie finden konnten, und zogen weiter. Es gab aber auch welche, die triumphierend die Faust gen Himmel reckten, sobald sie einen noch lebenden Soldaten entdeckten, einen, den sie ins Jenseits befördern konnten, so als machte diese Tat sie zu Helden. Gelegentlich traf man auch auf Bösewichte, die auf einen hilflos Verwundeten stießen und sich einen Spaß daraus machten, ihn auf abscheulichste Weise zu quälen, wobei es ihnen besondere Freude bereitete, wenn der Betreffende weder weglaufen noch sich gegen sie wehren konnte. Es war jedoch nur eine Frage von wenigen Tagen, dann waren alle verwundeten Überlebenden ebenfalls tot, sei es, weil sie ihren Verletzungen erlegen waren oder die Schlachtengänger sie ins Jenseits befördert hatten.«

Jebra hielt kurz inne und brach dann in Tränen aus. Es dauerte eine Weile, bis sie weitererzählen konnte. »Keine junge Frau sollte jemals ertragen müssen, was man diesen beklagenswerten Geschöpfen antat. Die gefangen genommenen Galeanischen Soldaten, wie auch die Männer und Jugendlichen aus der Stadt, waren sich nur zu bewusst, was ihren Müttern, Ehefrauen, Schwestern und Töchtern widerfuhr - dafür hatten die Truppen der Imperialen Ordnung gesorgt. Nicht lange, und man schickte die Gefangenen in großen Arbeitskolonnen los, um scheinbar endlose Gruben für die Toten auszuheben. Kaum waren sie mit dem Ausheben der Gruben fertig, zwang man sie, alle verwesenden Leichen zu bergen und für ein Massenbegräbnis herbeizuschaffen. Wer Widerstand leistete, endete ebenfalls in der Grube.

Nachdem alle Toten zusammengetragen und in die Gruben geworfen waren, mussten die Männer lange Gräben ausheben. Anschließend begannen die Hinrichtungen. Nahezu jeder Mann über fünfzehn wurde umgebracht. Zehntausende von Menschen waren der Imperialen Ordnung ins Netz gegangen; daher war mir klar, dass es Wochen dauern würde, sie alle hinzumetzeln.

Frauen und Kinder wurden unter Androhung von Waffengewalt gezwungen zuzusehen, wie ihre Mannsleute ermordet und anschließend in die großen offenen Gruben geschmissen wurden. Während sie zuschauten, setzte man sie darüber in Kenntnis, dies sei ein Beispiel dafür, was all jenen drohte, die sich den gerechten und sittlichen Gesetzen der Imperialen Ordnung widersetzten. Während der gesamten, schier endlosen Hinrichtungen hielt man ihnen einen Vortrag, es sei eine Blasphemie gegen den Schöpfer, ein Leben wie sie zu führen, ausschließlich ihren selbstsüchtigen Zielen verpflichtet. Man erklärte ihnen, die Menschheit müsse von dieser Verderbnis geläutert werden, und dass es so nur zu ihrem Besten sei. Einige der Männer wurden enthauptet, andere zwang man, vor den Gräben niederzuknien, woraufhin Muskelbepackte Kerle mit Knüppeln, deren dickes Ende mit Eisenkappen beschlagen war, die Reihen abschritten und mit kraftvollem Schwung nacheinander jedem Mann den Schädel einschlugen, während einige mit Ketten gefesselte Gefangene ihnen folgten und jeden der soeben Getöteten in den Graben beförderten. Wieder andere Gefangene wurden zum Scheibenschießen mit Pfeilen oder Speeren missbraucht. Gelang es einem betrunkenen Scharfrichter aufgrund seines nachlässigen Zielens einmal nicht, einen Mann sauber zu töten, verfielen seine Kumpane in höhnisches Gelächter. Es war ein Spiel für sie. Trotzdem glaube ich, dass das schiere Ausmaß dieses schauerlichen Tuns nicht wenige Soldaten der Imperialen Ordnung in eine bedrückte Stimmung versetzte, sodass sie sich dem Trunk ergaben, um ihren Ekel hinunterzuspülen, aber auch, um sich, wie es von ihnen erwartet wurde, daran beteiligen zu können. Schließlich ist es eine Sache, in der Hitze des Gefechts zu töten, eine ganz andere aber, es kaltblütig zu tun. Aber genau das taten sie. Kaum waren die Opfer in die Gräben gefallen, wurden sie von denen, die ihnen schon bald nachfolgen würden, mit Erde bedeckt.

Ein regnerischer Tag ist mir besonders im Gedächtnis geblieben; ich musste einigen Offizieren Essen bringen, die im Schutz der ehemaligen, jetzt mit Lanzen abgestützten Segeltuchmarkise eines Ladengeschäfts standen. Sie hatten sich dort eingefunden, um einer Hinrichtung beizuwohnen, die man als ausgefeiltes Spektakel aufgezogen hatte. Die völlig verängstigten Frauen, die die Vollstreckung der Todesstrafe bezeugen sollten, wurden von ihren Häschern dorthin geschleift. Viele der gerade vergewaltigten Frauen waren gar nicht oder bestenfalls halb bekleidet.

Angesichts der zahlreichen Rufe des Wiedererkennens und der lauthals gerufenen Namen wurde mir schon bald klar, dass man bei den Verhören die Ehegatten der Frauen ermittelt und anschließend ausgesondert hatte. Die Paare wurden zu einer makabren Wieder-Vereinigung zusammengeführt, getrennt zwar, aber deutlich füreinander sichtbar.