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Man zwang die zusammengekauerten und hilflosen Frauen, zuzusehen, wie man ihren Männern mit Lederriemen die Handgelenke auf den Rücken fesselte. Dann wurden die Männer gezwungen, das Gesicht ihren Frauen zugekehrt, vor den frisch ausgehobenen Gruben niederzuknien. Soldaten schritten die Reihe ab, packten den Kopf eines jeden Mannes bei den Haaren und schnitten ihm die Kehle durch. Ich sehe die Henker noch vor mir, mit ihren kräftigen, vom Regen glänzenden Muskeln. Nachdem sie ihnen die Kehlen durchtrennt hatten, wuchteten sie ihre Opfer einen nach dem anderen in die Grube und gingen dann weiter zum nächsten in der Reihe.

Weinend, am ganzen Körper zitternd, riefen die ihrer Ermordung harrenden Männer die Namen ihrer Liebsten, schrien sie ihre unvergängliche Liebe heraus. Die Frauen taten es ihnen nach, während sie zusehen mussten, wie ihre Männer hingemetzelt wurden. Es war das Grauenhafteste, das Abartigste, was ich je gesehen habe.

Hat man euch jemals die ewige Frage gestellt, wie die Welt eurer Meinung nach wohl enden wird? Dort konnte man es sehen. Für Tausende und Abertausende von Menschen war dies das Ende der Welt - nur dass sie für einen nach dem anderen endete. Es war ein einziges, endlos in die Länge gezogenes Dahinscheiden von Menschenleben, das endgültige Ende der Welt für jedes einzelne dieser Individuen.«

Richard fasste sich fest an die Schläfen, weil er glaubte, sein Schädel sei kurz davor zu zerbersten. Dank einer gewaltigen Willensanstrengung gelang es ihm, seines Atems und seiner Stimme Herr zu werden. »Hat es denn niemand geschafft, zu entkommen?«, fragte er in die dröhnende Stille hinein. »Konnte denn niemand während all dieser Vergewaltigungen und Hinrichtungen fliehen?«

Jebra nickte. »Doch. Ich glaube, einige wenige haben es geschafft zu entkommen, aber natürlich konnte ich das nie mit absoluter Sicherheit wissen.«

»Es gab genug, die entkommen sind«, warf Nicci mit ruhiger Stimme ein.

»Genug?«, brüllte Richard und richtete seinen ganzen Zorn auf sie. Dann bekam er den kurzen Zornesausbruch, der ihm bei aller Selbstbeherrschung herausgerutscht war, wieder in den Griff, und er senkte seine Stimme. »Genug wofür?«

»Genug für ihre Zwecke«, antwortete Nicci, blickte ihm fest in die Augen und ließ das, was sie dort erblickte, in würdevollem Ernst über sich ergehen. »Die Imperiale Ordnung weiß, dass es immer wieder Leute gibt, die fliehen. Auf dem Höhepunkt der Brutalität, wenn die schlimmsten Gräuel begangen werden, lockern sie ganz bewusst die Sicherheitsvorkehrungen, damit sie gewiss sein können, dass zumindest ein paar wenige entkommen.«

Richards Verstand fühlte sich an, als triebe er steuerlos inmitten Tausender verzagter Gedankentrümmer. »Aber warum?«

Nicci blickte ihm lange in die Augen, ehe sie schließlich antwortete.

»Um eine so ungeheure Angst zu verbreiten, dass auch die nächste Stadt von diesem Schrecken ergriffen wird. Ein Schrecken, der bewirkt, dass die Menschen entlang der Route der vorrückenden Armee eher die Waffen strecken, als sich der gleichen brutalen Behandlung auszusetzen. Auf diese Weise fällt ihnen der Sieg in den Schoß, ohne dass sie ihn sich Zoll für Zoll erkämpfen müssten. Der Schrecken, den die Geflohenen mit ihren Augenzeugenberichten verbreiten, ist eine mächtige Waffe, die den Mut derer, denen der Angriff noch bevorsteht, in sich zusammenfallen lässt.«

Angesichts seines heftig pochenden Herzens konnte Richard mühelos verstehen, welches Grauen es bedeutete, auf den Angriff der Imperialen Ordnung zu warten. Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und widmete seine Aufmerksamkeit wieder Jebra.

»Wurden alle Gefangenen umgebracht?«

»Einige wenige Männer - die man aus dem einen oder anderen Grund für nicht gefährlich hielt - wurden zusammen mit anderen Stadtbewohnern in Arbeitskolonnen aufs Land geschickt, um die Farmen zu bewirtschaften. Was aus diesen Leuten wurde, habe ich nie herausgefunden, aber vermutlich sind sie noch immer dort und rackern sich als Sklaven ab, um Lebensmittel für die Imperiale Ordnung zu produzieren.«

Jebras Blick sank zum Boden, während sie sich das wirre Haar aus dem Gesicht strich. »Die meisten Frauen, die überlebt hatten, wurden Eigentum der Truppen. Einige der jüngeren und attraktiveren Frauen bekamen einen Kupferring durch die Unterlippen gestochen und waren den höheren Rängen vorbehalten. Nicht selten fuhren Karren auf der Suche nach Leichen durch das Feldlager, um die Frauen einzusammeln, die im Zuge ihrer ständigen Misshandlungen zu Tode gekommen waren. Keiner der Offiziere protestierte jemals wegen der brutalen Behandlung, die diesen Frauen in den Zelten der gewöhnlichen Soldaten zuteil wurde. Die Toten wurden zu den Gruben verbracht und achtlos hineingeschmissen. Niemand, nicht einmal die gefallenen Soldaten der Imperialen Ordnung, bekam einen Stein aufs Grab, der seinen Namen trug. Bei der Imperialen Ordnung glaubt man nicht an den Wert des Individuums, weshalb man dem Tod des Einzelnen auch keinerlei Bedeutung beimisst.«

»Was ist mit den Kindern?«, fragte Richard. »Ihr sagtet, die jüngeren Knaben wären verschont worden.«

Jebra holte tief Luft, ehe sie abermals ansetzte. »Nun, die Knaben hatte man gleich zu Beginn Zusammengetrieben und gezielt als - ich weiß kein besseres Wort dafür - jugendliche Rekruten in Altersgruppen zusammengefasst. Man betrachtete sie nicht als gefangene Galeaner, nicht als Eroberte, sondern als junge Ordensmitglieder der Imperialen Ordnung, die man aus einem Volk befreit hatte, das sie nur unterdrückt, das nur ihren Geist verdorben hatte. Die Schuld an der Sündhaftigkeit, welche die Eroberung ja überhaupt erst notwendig gemacht hatte, gab man der älteren Generation, nicht diesen jungen Leuten, die angeblich frei von den Sünden ihrer Eltern waren. Auf diese Weise wurden sie sowohl räumlich als auch geistig von den Erwachsenen getrennt, was gleichzeitig der Beginn ihrer Ausbildung markierte. Die Knaben wurden auf eine Weise gedrillt, die, so erbarmungslos sie vielen erschienen sein muss, doch auch etwas Spielerisches hatte. Man behandelte sie vergleichsweise gut und beschäftigte sie jeden Augenblick mit Wettbewerben, in denen es um Körperkraft und Geschicklichkeit ging. Jegliche Trauer um ihre Eltern war verpönt, so etwas galt als Zeichen der Schwäche. Der Orden wurde zu ihrer Familie, ob es ihnen gefiel oder nicht.

Nachts konnte ich, während mir die Schreie der Frauen in den Ohren klangen, gleichzeitig die Knaben unter der Anleitung spezieller Ausbildungsoffiziere beim gemeinsamen Gesang hören.« Mit einer Armbewegung setzte sie erklärend hinzu: »Ich musste den Offizieren ja das Essen und dergleichen bringen, daher hatte ich, während die Wochen und schließlich Monate ins Land gingen, reichlich Gelegenheit zu sehen, was mit diesen Knaben geschah. Obwohl ich nie wirklich Gelegenheit hatte, im Einzelnen herauszufinden, was man diesen Knaben beibrachte, ist mir doch eine Passage in Erinnerung geblieben, die sie unablässig lauthals in strammer Körperhaltung rezitierten: ›Alleine bin ich nichts. Mein Leben erlangt Bedeutung nur durch die Hingabe an andere. Gemeinsam sind wir eins, stets einer Meinung, für ein gemeinsames Ziel.‹«

Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, den Blick starr in die stillen Fluten des Brunnens gerichtet, stand Richard da, während Jebra fortfuhr, in endlosen Einzelheiten die Ereignisse zu schildern, die sich an den triumphalen Sieg der tapferen Soldaten der Imperialen Ordnung anschlössen. Die Sinnlosigkeit all dessen war fast zu monumental, um sie mit dem Verstand zu erfassen, geschweige denn zu ertragen.

Die Streifen hellen Sonnenlichts, die durch die Oberlichter fielen, krochen gemächlich über Marmorbank und Becken hinweg, über den weitläufigen Fußboden und schließlich die granitenen Stufen hinauf. Der blutrote Stein der Säulen erstrahlte leuchtend, als das Sonnenlicht unaufhaltsam und immer mehr zunehmend der Länge nach an ihnen in die Höhe kroch, während Jebra die Geschehnisse in ihrer Zeit als Gefangene der Imperialen Ordnung in allen Einzelheiten schilderte, soweit sie ihr bekannt waren. Fast die ganze Zeit über hatte Shota unbeweglich ausgeharrt, meist mit verschränkten Armen, das Gesicht erstarrt zu einem vagen Zug von Bitterkeit, während sie Jebra bei der Schilderung ihrer Erlebnisse oder Richard beim Zuhören beobachtete - so wollte sie sichergehen, dass seine Aufmerksamkeit nicht nachließ.