»Galea besaß Nahrungsmittelreserven in Hülle und Fülle für seine Bürger«, fuhr Jebra fort, »aber nicht einmal annähernd genug für die gewaltigen Horden von Eindringlingen, die jetzt die Stadt besetzt hielten und die selbst nicht eben reich mit Vorräten ausgestattet waren. Die Truppen beraubten jedes Magazin seiner Lebensmittelvorräte, sie leerten jede Speisekammer, jedes Lagerhaus. Jedes Tier in meilenweitem Umkreis, darunter auch die zahllosen Schafe, die man wegen ihrer Wolle hielt, sowie die Milchkühe, wurden um ihres Fleisches willen geschlachtet. Anstatt die Hühner eines steten Nachschubs mit Eiern wegen zu verschonen, wurden auch sie getötet und gefressen.
Als die Nahrungsmittel schließlich knapp wurden, schickten die Offiziere Boten mit immer dringlicher klingenden Forderungen nach frischen Vorräten los. Doch diese blieben monatelang aus zweifellos nicht zuletzt deswegen, weil der Winter angebrochen war und sie aufgehalten hatte.
Doch dann, Anfang letzten Frühjahrs, trafen endlich die ersten Vorratswagen ein. Sie führten gewaltige Mengen an Lebensmittel für die Soldaten mit, gleichwohl war mir sofort klar, dass sie, obwohl die mit Vorräten beladenen Wagenkolonnen scheinbar endlos waren, nicht lange reichen würden.
Außer den Vorräten kamen auch Verstärkungen, als Ersatz für die in der Schlacht zur Niederwerfung Galeas gefallenen Soldaten. Bereits jetzt war die ungeheure Übermacht der Truppen der Imperialen Ordnung so überwältigend, dass die zusätzlichen Truppen mein dumpfes Gefühl von Hoffnungslosigkeit noch zu steigern schienen. Zufällig hörte ich eben eingetroffene Soldaten berichten, es seien weitere Vorräte unterwegs, ebenso noch mehr Truppen. Noch während sie von Süden her herbeiströmten, wurden viele von ihnen mit Missionen zur Sicherung anderer Gebiete der Midlands beauftragt. Es mussten noch andere Städte erobert, andere Gebiete eingenommen, andere Widerstandsnester ausgehoben werden, es gab noch unzählige weitere Menschen, die als Sklaven verschleppt werden sollten.
Mit den Vorräten und frischen Truppen trafen auch Briefe der Menschen daheim in der Alten Welt ein. Natürlich waren es keine an irgendwelche individuellen Soldaten gerichteten Briefe; in der Imperialen Ordnung hätte man gar nicht gewusst, wie man angesichts der gewaltigen Menschenmassen einen bestimmten Soldaten hätte ausfindig machen sollen, noch hätte man überhaupt ein Interesse daran gehabt, da Individuen an sich in ihren Augen ja unbedeutend waren. Vielmehr waren es ganz allgemein an die ›tapferen Soldaten‹ adressierte Schreiben, die für die Menschen daheim und zum Wohle ihres Schöpfers kämpften, dafür kämpften, die Heiden aus dem Norden zu besiegen und diese rückständigen Menschen mit den Segnungen des Ordens zu beglücken. Die Briefe wurden über einen Zeitraum von mehreren Wochen jeweils abends verlesen, vor eigens dafür versammelten Gruppen von Soldaten, von denen die meisten des Lesens selbst nicht mächtig waren. Es waren Briefe jedweder Art, von Menschen, die von den großen Opfern berichteten, die sie gebracht hatten, um Lebensmittel und andere Güter an ihre kämpfende Truppe zu schicken, bis hin zu Briefen, in denen die großen Opfer gepriesen wurden, welche die Soldaten erbrachten, um die göttlichen Lehren zu verbreiten, bis hin zu Liebesbriefen junger Frauen, die versprachen, ihren Körper all den tapferen Kämpfern zur Verfügung zu stellen, sobald diese von der Eroberung des unzivilisierten und rückwärtsgewandten Feindes hoch im Norden zurückkamen. Wie ihr euch vorstellen könnt, erfreuten sich gerade letztere Briefe besonderer Beliebtheit, weshalb sie wieder und wieder unter großem Gejohle und stürmischem Jubel vorgelesen wurden.
Sogar Erinnerungsstücke schickten die Menschen aus der Alten Welt: Talismane, die den Sieg bringen sollten, Zeichnungen als Schmuck für die Zelte ihrer Kämpfer, Kekse und Kuchen, die längst verrottet waren; Socken, Handschuhe und Mützen, Kräuter für alle nur erdenklichen Zwecke von der Teezubereitung bis hin zur Füllung von Bandagen; parfümierte Taschentücher verzückter Frauen, die es kaum erwarten konnten, sich den Soldaten anzudienen; Waffengürtel und Ähnliches, hergestellt von Scharen junger Knaben, die sich wiederum mit anderen Knabengruppen der gleichen Altersgruppe auf den Tag vorbereiteten, da auch sie endlich gen Norden ziehen durften, um jenes Volk zu strafen, das sich der Weisheit des Schöpfers und der Gerechtigkeit der Imperialen Ordnung widersetzte.
Bevor die endlosen Kolonnen von Nachschubwagen wieder in die Alte Welt zurückkehrten, um noch mehr Vorräte herbeizuschaffen, die für den Unterhalt der gewaltigen Armee hoch oben in der Neuen Welt benötigt wurden, wurden sie mit Massen von Beutegütern beladen, die in die Städte der Alten Welt verbracht werden sollten, welche die von der Armee so dringend benötigten Lebensmittel und Nachschubgüter lieferten. Es war eine Art Tauschhandel - Beute gegen Nachschub, Nachschub gegen Beute. Ich vermute, der Anblick der endlosen Wagenkolonnen voller erbeuteter Reichtümer sollte den Menschen zuhause zudem als zusätzlicher Anreiz dienen, die mittlerweile zweifellos enormen Kosten dieser Kriegsanstrengungen auch weiterhin zu tragen.
Natürlich war die in die Stadt eingefallene Armee viel zu groß, um von dieser aufgenommen zu werden, und angesichts der mit jeder Wagenkolonne eintreffenden Verstärkungen breitete sich das schon jetzt schier endlose Zeltmeer noch weiter in die Landschaft aus, wo es nun sämtliche Hügel und Täler ringsumher bedeckte. Sämtliche Bäume in weitem Umkreis waren längst geschlagen worden und hatten während des jüngsten Winters als Feuerholz Verwendung gefunden, was im gesamten Landstrich rings um den Sitz der Krone den Eindruck einer leblosen und toten Ödnis hinterließ. Unter den wogenden Massen der Soldaten, der zahllosen Pferde und der Vielfalt von Wagen hatte frisches Gras keine Chance nachzuwachsen, sodass sich ganz Galea in ein Meer aus Morast verwandelt zu haben schien.
Unterdessen schuftete ich bis zur Erschöpfung, um all die Offiziere mit Essen zu versorgen, daher hielt ich mich häufig in der Nähe des Befehlsstabes auf und konnte nicht selten Eroberungspläne, Meldungen von gefallenen Städten, Gefangenenzahlen sowie Berichte über die Anzahl der in die Alte Welt entsandten Sklaven belauschen. Ab und zu schleppte man einige der attraktiveren Frauen für die Offiziersränge herbei, damit diese sich ihrer bedienen konnten. Die Augen dieser Frauen waren irre vor Angst, was mit ihnen geschehen würde. Ich wusste, schon bald würde der sehnsüchtige Wunsch nach Erlösung durch den Tod ihren Blick trüben. Das alles schien mir eine einzige nicht enden wollende Attacke, eine endlose Barbarei, die durch nichts erkennen ließ, ob sie je enden würde.
Mittlerweile war die Stadt nahezu vollständig von den Menschen geräumt worden, für die sie einst das Zuhause gewesen war. Fast jeder männliche Einwohner über fünfzehn war umgebracht worden, und die Handvoll, auf die das nicht zutraf, hatte man als Sklavenarbeiter fortgeschickt. Viele der Frauen - alle, die entweder zu alt oder zu jung waren, um für den Orden von Nutzen zu sein waren ebenfalls getötet worden, so als wären sie im Weg, viele aber hatte man einfach zurückgelassen, um zu verhungern. Wie die Ratten hausten sie in den dunklen Winkeln und Ecken der Stadt. Vergangenen Winter sah ich eine Gruppe alter Frauen und junger Mädchen, Gerippe mit einer dünnen Schicht aus Fleisch darüber, um einen Bissen zu essen betteln. Es brach mir schier das Herz, doch ihnen zu essen zu geben wäre nur darauf hinausgelaufen, dass man sie und mich hingerichtet hätte. Trotzdem steckte ich ihnen manchmal etwas zu, wenn ich ungestraft damit davonkommen konnte - so es denn etwas gab.
Am Ende schien es, als wäre die Bevölkerung des Sitzes der Krone Galeas, Hunderttausende von Menschen, weitgehend ausgelöscht. Das einstige Herz Galeas existierte nicht mehr; es war jetzt von Hunderttausenden von Soldaten besetzt. Die Schlachtengänger gingen dazu über, sich in den vor langer Zeit geplünderten Gebäuden häuslich einzurichten, indem sie einfach den Besitz anderer übernahmen. Nach und nach zog es immer mehr Leute aus der Alten Welt dorthin, um Häuser zu übernehmen und als ihr Eigentum zu beanspruchen.