Die einzige Gruppe Galeanischer Frauen, die man am Leben ließ, bestand größtenteils aus Sklavinnen, die von den Soldaten als Huren missbraucht wurden. Viele von ihnen wurden über kurz oder lang schwanger und brachten von den Soldaten der Imperialen Ordnung gezeugte Kinder zur Welt. Diese Sprösslinge wurden zu künftigen Eiferern im Sinne der Imperialen Ordnung herangezogen. Tatsächlich ließ man von allen Galeanischen Kindern nach dem ersten Jahr der Besatzung ausnahmslos die Knaben noch am Leben. Ohne Unterlass nach den Prinzipien des Ordens unterrichtet, wurden diese Knaben das, was den Orden ausmachte. Längst hatten sie die Gewohnheiten ihrer Eltern oder ihrer Heimat, ja sogar des allgemeinen Anstands vergessen. Jetzt waren sie Rekruten der Imperialen Ordnung - frisch geprägte Ungeheuer.
Nach endlosen Monaten der Ausbildung schickte man aus diesen Knaben gebildete Gruppen als erste Angriffswelle gegen andere Städte. Sie sollten das Fleisch sein, an denen sich die Schwerter der Heiden stumpf schlugen. Sie gingen voller Ungeduld. Früher dachte ich, die Rohlinge, aus dem der Orden der Imperialen Ordnung sich zusammensetzte, wären ein eindeutig anderer, barbarischer Menschenschlag, ganz anders als die Menschen in der Neuen Welt. Doch nachdem ich gesehen hatte, wie diese Knaben sich veränderten und was aus ihnen geworden war, wurde mir klar, dass die Menschen, aus denen sich der Orden rekrutierte, sich in Wahrheit nicht von uns anderen unterscheiden, außer eben in ihren Glaubensüberzeugungen und Ideen, die ihnen als Antrieb dienen. Ein verrückter Gedanke, ja, und doch scheint es, dass aufgrund eines rätselhaften Mechanismus jeder anfällig dafür ist, der Verlockung zu erliegen und auf die Methoden der Imperialen Ordnung hereinzufallen.«
Verzweifelt schüttelte Jebra den Kopf. »Ich habe nie wirklich verstanden, wie es dazu kommen konnte, wie die Offiziere es schafften, den Knaben solch dröge Lehren einzutrichtern, wie sie ihnen beibringen konnten, stets selbstlos zu handeln und ein Leben voller Opfer zum Wohle anderer zu führen - und dann plötzlich marschieren diese jungen Burschen, wie durch Magie, mit einem fröhlichen Liedchen auf den Lippen los und sehnen sich geradezu danach, im Kampf zu fallen.«
»Die Erklärung ist im Grunde ganz einfach«, sagte Nicci beiläufig .
»Einfach?« Jebra runzelte ungläubig die Stirn. »Das kann unmöglich Euer Ernst sein.«
15
»O doch, einfach.« Mit bedächtigen, gemessenen Schritten stieg Nicci die Stufen herab, während sie sprach. »Jungen und Mädchen in der Alten Welt werden durch die Glaubensgemeinschaft der Ordnung nicht nur in denselben Dingen unterwiesen, sondern auch auf dieselbe fundamentale Weise.«
Unweit von Richard blieb sie stehen, verschränkte die Arme locker vor der Brust und seufzte - nicht etwa aus Erschöpfung, vielmehr aus erschöpftem Zynismus. »Nur dass in ihrem Fall nicht allzu lange nach der Geburt damit begonnen wird. Es beginnt natürlich mit einfachen Lektionen, allerdings werden die darin vermittelten Lehren im Laufe ihres Lebens immer mehr ausgeweitet und gefestigt. Es ist nichts Ungewöhnliches, fromme Alte in den von den Ordensbrüdern der Glaubensgemeinschaft gehaltenen Predigten ausharren zu sehen. Auf die allermeisten Menschen üben geordnete gesellschaftliche Strukturen eine große Anziehungskraft aus, sie verspüren ein starkes Verlangen danach zu wissen, wo ihr Platz im großen Plan des Universums ist. Die Glaubensgemeinschaft der Ordnung gibt ihnen ein allumfassendes Gefühl von Geordnetheit - anders ausgedrückt:
Sie erklärt ihnen, was sie zu denken, wie sie ihr Leben richtig zu führen haben. Am wirkungsvollsten funktioniert das, wenn man damit schon bei den Allerkleinsten beginnt. Ist ein junger Verstand einmal entsprechend den Dogmen der Imperialen Ordnung geformt, ist er in der Regel allen anderen Einflüssen verschlossen und wird es zeit seines Lebens bleiben. Das hat zur Folge, dass jede andere Denkweise - Voraussetzung jeglicher Vernunft - für gewöhnlich bereits in jungen Jahren verkümmert und schließlich für immer verloren geht. Ist ein solcher Mensch dann eines Tages gealtert, wird er noch immer in denselben Predigten herumsitzen, immer noch an jedem der dort gesprochenen Worte hängen.«
»Aber sagtet Ihr nicht, die Erklärung sei ganz einfach?«, warf Jebra ein.
Nicci nickte. »Der Orden lehrt, dass diese Welt, die Welt des Lebens, endlich ist. Das Leben ist vergänglich. Wir werden geboren, leben eine Zeit lang und sterben. Das Leben nach dem Tode hingegen währt ewig. Schließlich wissen wir alle, dass die Menschen sterben, jedoch niemand von den Toten wiederkehrt; der Tod hat für immer Gültigkeit. Folglich ist es das Leben nach dem Tod, das zählt. Ausgehend von dieser Kernlehre, paukt die Glaubensgemeinschaft der Ordnung den Menschen die Glaubensüberzeugung ein, jeder müsse sich die Ewigkeit im Glanz des Lichts des Schöpfers verdienen. Und das Mittel, sich diese Ewigkeit zu verdienen, ist das irdische Leben - eine Art Test, könnte man es nennen.«
Jebra blinzelte ungläubig mit den Augen. »Aber trotzdem, das Leben ist doch - ich weiß nicht, halt das Leben. Wie kann irgendetwas wichtiger sein als das eigene Leben?« Sie milderte ihren Einwand mit einem Lächeln ab. »Das wird die Menschen doch gewiss nicht von den brutalen Methoden des Ordens überzeugen, sie überzeugen, sich vom Leben abzuwenden.«
»Das Leben?« Niccis Funkeln bekam plötzlich etwas Bedrohliches, als sie sich ein wenig zu Jebra hinunterbeugte. »Sorgt Ihr Euch etwa nicht um Eure Seele? Glaubt Ihr nicht, was Eurer eigenen Seele für alle Ewigkeit widerfahren wird, sollte Anlass zu aufrichtiger und ernsthafter Sorge sein?«
»Nun ja, natürlich, nur ich ... ich ...« Jebra verstummte. Nicci richtete sich auf und zuckte in einer spöttischen, verächtlichen Geste die Achseln. »Dieses Leben ist endlich, eine Art Übergang, wie bedeutend kann im großen Plan der Dinge also das flüchtige Dasein in dieser erbärmlichen Welt sein im Unterschied zum ewigen Leben nach dem Tod? Welchen echten Sinn könnte diese ach so kurze Existenz haben, wenn nicht den einer Prüfung für die Seele?«
Jebra wirkte auf unbehagliche Weise unschlüssig, schien Nicci aber, solange sie es so ausdrückte, nur ungern widersprechen zu wollen.
»Aus diesem Grund«, fuhr Nicci fort, »ist der Verzicht angesichts eines jeden Leids, Mangels und Bedürfnisses der eigenen Mitmenschen Ausdruck der demütigen Erkenntnis, dass das Leben an sich bedeutungslos ist, ein Beweis dafür, dass man die Ewigkeit an der Seite des Schöpfers im Leben nach dem Tode folglich als eigentliches Ziel anerkennt. Verzicht ist somit der Preis, der bescheidene Preis, ja eine Liebesgabe: das, was man für die ewige Herrlichkeit der eigenen Seele entrichtet; der Beweis für Euren Schöpfer, dass Ihr dieser Ewigkeit an Seiner Seite würdig seid.«
Staunend beobachtete Richard, wie mühelos eine solche in sich schlüssige Argumentation - von Nicci selbstbewusst, gewandt und mit Nachdruck vorgetragen - Jebra bis hin zu völliger Sprachlosigkeit einzuschüchtern vermochte. Während sie der sich bedrohlich vor ihr aufpflanzenden Nicci lauschte, hatte Jebra gelegentlich zu den anderen, zu Zedd, Cara und Shota, ja sogar zu Ann und Nathan hinübergelinst, als sie dann aber sah, dass keiner von ihnen Anstalten machte, irgendwelche Einwände oder Gegenargumente vorzubringen, war ihr Kopf immer tiefer zwischen ihre Schultern gesunken, so als hätte sie den dringenden Wunsch, in einem Riss des Marmorbodens zu versinken.
»Beschränkt Ihr Euer Ziel auf das Glücklichsein in diesem Leben« mit ausholender Geste erfasste Nicci beiläufig die Welt rings um sie her, während sie in großartiger Manier vor ihnen auf und ab stolzierte -, »erdreistet Ihr Euch, in den geistlosen Banalitäten dieser jämmerlichen Welt, dieses flüchtigen Daseins zu schwelgen, kommt dies einer Verschmähung Eures allein bedeutsamen ewigen Lebens nach dem Tode gleich, und damit einer Verschmähung des vollkommenen Plans, den Euer Schöpfer für Eure Seele vorgesehen hat.