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Wer seid Ihr, dass Ihr es wagt, den Schöpfer des gesamten Universums in Frage zu stellen? Wie könnt Ihr es wagen, Eure nichtigen Wünsche, die Ihr für Euer unbedeutendes, armseliges Dasein hegt, über Sein großes Ziel zu stellen, Euch auf die Ewigkeit vorzubereiten?«

Nicci unterbrach sich und verschränkte die Arme auf die für sie typische, wohlüberlegte Weise, die einer Kampfansage gleichkam. Ihr von ständigen Belehrungen geprägtes Leben hatte ihr die Fähigkeit verliehen, die sorgsam ausgearbeiteten Glaubenssätze der Imperialen Ordnung mit vernichtender Präzision zu formulieren. Ihr Äußeres, dort in ihrem rosa Nachthemd, schien ihren Spott über die Trivialität des Lebens irgendwie noch weiter zu unterstreichen. Richard erinnerte sich nur zu gut, wie Nicci ihm dieselbe Botschaft verkündet hatte, nur dass es ihr damals todernst gewesen war. Jebra wich Niccis bohrendem Blick aus und starrte stattdessen auf ihre im Schoß liegenden Hände.

»Um die Gedanken des Ordens auch anderen Völkern, Galea zum Beispiel, näherzubringen«, nahm Nicci ihren von Auf- und Abgehen begleiteten Vortrag wieder auf, »haben viele Soldaten der Imperialen Ordnung sterben müssen.« Sie zuckte die Achseln. »Aber das ist das höchste Opfer - das eigene Leben herzugeben in dem Bestreben, all denen Erleuchtung zu bringen, die noch unschlüssig zögern, wie sie den einzig richtigen und wahren Pfad zur Herrlichkeit im nächsten Leben beschreiten sollen. Wer sein Leben im Kampf zum Nutzen der Imperialen Ordnung opfert, um zurückgebliebenen, unwissenden und nichtsnutzigen Individuen das Heil zu bringen, der hat sich damit das ewige Leben an Seiner Seite im Jenseits verdient.«

Nicci hob ihren vom glänzenden rosafarbenen Stoff des Nachthemdes umhüllten Arm, als wollte sie auf etwas ebenso Großartiges wie Unsichtbares hinweisen, das dort unmittelbar vor ihnen stand. »Der Tod ist nur die Pforte zu dieser ruhmreichen Ewigkeit.«

Sie ließ den Arm wieder sinken. »Da das Leben des Einzelnen im großen Plan der wirklich wichtigen Dinge unbedeutend ist, folgt daraus zwingend, dass das Foltern und Töten all jener Einzelwesen, die sich dem widersetzen, lediglich ein Beitrag dazu ist, die Massen der Unerleuchteten auf den Weg der Erleuchtung zu führen - indem man diesen Massen das Heil bringt, dient man einem moralischen Zweck und führt des Schöpfers Kinder heim in dessen Königreich.«

Niccis Gesichtsausdruck bekam einen harten und unerbittlichen Zug.

»Wie Ihr seht«, erklärte sie schließlich zusammenfassend, »ist der Schlüssel der Glaube selbst - jener magische Zauberstab, den sie über dem brodelnden selbst Zusammengemischten Gebräu kreisen lassen, um ihm das Etikett ›selbstverständlich‹ zu verleihen.«

Obwohl sie für eine Schwester des Lichts, die zur Verräterin an der Sache geworden war, nichts als glühende Verachtung empfand, enthielt sich Ann jeden Widerspruchs, was Richard für eine seltene und außergewöhnlich kluge - Entscheidung ihrerseits hielt.

»Und genau da«, sagte Nicci und hob, noch immer barfuss auf und ab wandernd, einen Finger, »da zeigt sich der Riss in dem so bemerkenswerten Gebäude der Lehren der Imperialen Ordnung. Da liegt der entscheidende Denkfehler im Zentrum aller aus der Einbildungskraft des Menschen hervorgegangenen Glaubensüberzeugungen. Denn letztendlich haben diese Überzeugungen, so ernst sie gemeint sein mögen, nicht mehr Bestand als die Ausgeburten von schrulliger Phantasie und Selbstbetrug. Ohne das solide Fundament der Wirklichkeit wäre letztendlich jeder Irre, der Stimmen in seinem Kopf vernimmt, ebenso aufrichtig und glaubwürdig.

Deswegen propagiert die Imperiale Ordnung voller Stolz die Heiligkeit des Glaubens und lehrt, man müsse dem sündhaften Drang entsagen, seinen Verstand zu gebrauchen und sich stattdessen ganz seinen Gefühlen hingeben. Hat man sein Leben erst für den blinden Glauben an die Vorstellung eines Seins nach dem Tod aufgegeben, dann, und nur dann, wird sich, so behaupten sie, auf magische Weise das Tor zur Ewigkeit öffnen, und man wird allumfassendes Wissen erlangen.

Anders ausgedrückt, Wissen ist nur durch die Ablehnung all dessen zu erlangen, was Wissen tatsächlich ausmacht.

Aus diesem Grund setzt die Imperiale Ordnung Glauben mit Heiligkeit gleich, und deshalb betrachtet man sein Fehlen als Sünde. Deswegen ist schon das Infragestellen des Glaubens ketzerisch. Denn ohne Glauben fällt alles, was sie lehren, in sich zusammen. Und da der Glaube der unverzichtbare Klebstoff ist, der das unsicher wankende Gebäude ihrer Lehren zusammenhält, bringt der Glaube am Ende nichts anderes hervor als nackte Brutalität. Ohne diese Brutalität, mit der man ihn gewaltsam durchsetzt, bliebe von diesem Glauben am Ende nichts weiter als ein unwirklicher Tagtraum oder auch der nichtige Glaube einer Königin, niemand werde ihr den Thron streitig machen, kein Feind werde die Grenzen übertreten, keine Streitmacht sei imstande, ihre Beschützer zu vernichten, solange sie dies nur von sich weist.«

Nicci starrte in die Ferne. »Ich bin von Geburt an mit den Lehren der Imperialen Ordnung aufgewachsen und trotzdem zur Vernunft gekommen«, flüsterte sie schließlich. »Aber ihr alle könnt euch nicht vorstellen, wie unglaublich schwer es mir gefallen ist, dieses Reich der düsteren Glaubensüberzeugungen zu verlassen. Ich bezweifle, dass jemand, der sich nie in diese erdrückende Welt der Lehren des Ordens verirrt hat, auch nur ansatzweise begreifen kann, was es heißt zu glauben, das eigene Leben sei nichtswürdig und ohne jeden Wert, oder sich vorstellen kann, welch grauenhafter Schatten sich jedes Mal über einen legt, wenn man versucht, sich von dem abzukehren, was einem als einzig mögliche Rettung eingetrichtert worden ist.«

Ihr jetzt tränenfeuchter Blick wanderte zögerlich zu Richard. Er wusste Bescheid, er war dort gewesen. Er kannte das Gefühl.

»Letztendlich bin ich erlöst worden«, setzte sie mit leiser, brechender Stimme hinzu, »aber es war alles andere als einfach.«

Jebra schien aus etwas neuen Mut zu schöpfen, das, wie Richard wusste, keinerlei Anlass dazu bot. »Aber wenn es bei Euch funktioniert hat«, sagte sie, »funktioniert es vielleicht auch bei anderen.«

»Sie ist anders als die meisten, die unter dem Bann der Imperialen Ordnung stehen«, erklärte Richard mit einem Blick in Niccis blaue Augen - Augen, die auf ganz unverhohlen emotionale Weise verrieten, wie viel er ihr bedeutete. »Sie war von dem Drang getrieben zu begreifen, zu wissen, ob das, was man sie zu glauben gelehrt hatte, wahr war oder ob das Leben mehr zu bieten hat. Ob es vielleicht etwas gab, für das es sich zu leben lohnte. Die meisten, die den Lehren der Imperialen Ordnung ausgesetzt sind, hegen solche Zweifel nicht. Sie sperren solche Fragen aus und klammern sich stattdessen zäh an ihre Glaubensüberzeugungen.«

»Aber was sagt Euch, dass sie sich niemals ändern werden?« Jebra war offenbar nicht bereit, diesen Strohhalm der Hoffnung aufzugeben. »Wenn Nicci sich geändert hat, warum dann nicht auch andere?«

Den Blick noch immer auf Niccis Augen gerichtet, sagte Richard:

»Ich glaube, sie sind deshalb in der Lage, jeden Zweifel an ihrem Glauben auszusperren, weil sie ihre Lehren längst so verinnerlicht haben, dass sie sie nicht mehr als besonderes Gedankengut betrachten, das man ihnen eingetrichtert hat. Sie fangen an, das ihnen beigebrachte Gedankengut als eigene Gefühle zu erleben, aus denen schließlich eine starke emotionale Überzeugung erwächst. In ihrem Innersten sind sie überzeugt, eigene, unabhängige Gedanken zu erfahren, und nicht die heimlichen Einflüsterungen aus ihrer Jugendzeit.«

Mit einem Räuspern löste Nicci ihren Blick von ihm und richtete ihr Augenmerk wieder auf Jebra.

»Ich glaube, Richard hat recht. Ich war mir dieses Umstandes in meinem Denken bewusst, dieser inneren Überzeugung, die in Wahrheit aus einer sorgfältig gewählten Methode der Bevormundung hervorgegangen ist.