»könntet Ihr doch, falls sich einige mit der Gabe Gesegnete dorthin begeben sollten, diese vielleicht ausschalten und die armen Überlebenden retten, die schon so viel durchgemacht haben. Noch ist es nicht zu spät, wenigstens ein paar von ihnen zu retten.«
Was sie nach Richards Ansicht tatsächlich fragen wollte, aber Angst hatte, offen auszusprechen, war, warum einige der hier Anwesenden nichts unternommen hatten, um das Blutbad zu verhindern, dessen Zeugin sie geworden war, wenn es sich doch nur um eine unbedeutende Streitmacht ohne mit der Gabe Gesegnete in ihren Reihen handelte. Damals, bevor er die Wälder Kernlands verlassen hatte, hätte er vielleicht ein ebenso vages Gefühl von Unmut und Verärgerung über jeden verspürt, der nichts zur Rettung dieser Menschen unternommen hatte, jetzt dagegen quälte es ihn zu wissen, wie viel mehr dahintersteckte.
Nicci tat den Gedanken mit einem Kopfschütteln ab. »Es ist nicht so leicht, wie es vielleicht den Anschein hat. Die mit der Gabe Gesegneten mögen imstande sein, dem Feind große Verluste beizubringen und vorübergehend Verheerungen anzurichten, aber selbst diese Expeditionsstreitmacht ist zahlenmäßig stark genug, einem Angriff der mit der Gabe Gesegneten standzuhalten. Zedd, zum Beispiel, könnte sein Zaubererfeuer einsetzen, um die Soldaten reihenweise niederzumähen, doch sobald er auch nur kurz innehält, um seinen Zauber zu erneuern, würde der Feind eine Angriffswelle nach der anderen gegen ihn schicken. Vielleicht würde er dabei eine Menge Soldaten verlieren, aber diese Ungeheuer lassen sich von Schwindel erregenden Verlusten nicht abschrecken; sie würden unbeirrt weiter angreifen und Angriffsreihe auf Angriffsreihe in die Feuerwalze schicken. Ungeachtet ihrer Verluste würden sie in Kürze selbst einen so fähigen Mann wie den Obersten Zauberer überwältigen. Und wo würden wir dann stehen?
Bereits etwas so Simples wie ein Trupp Bogenschützen wäre in der Lage, einen mit der Gabe Gesegneten auszuschalten.« Sie sah zu Richard. »Alles, was man dazu benötigte, wäre ein Pfeil, der sein Ziel trifft, und schon stirbt ein mit der Gabe Gesegneter genau wie jeder andere.«
Zedd breitete in einer verzweifelten Geste die Hände aus. »Ich fürchte, Nicci hat recht. Am Ende würde die Imperiale Ordnung genauso dastehen wie zuvor, wenn auch mit ein paar Soldaten weniger. Wir dagegen hätten die mit der Gabe Gesegneten verloren, die wir gegen sie aufgeboten haben. Sie haben nahezu unerschöpfliche Reserven zur Verfügung, um ihre Truppen wieder aufzufüllen, uns dagegen würden keine Legionen von mit der Gabe Gesegneten zu Hilfe eilen. So hartherzig es scheinen mag, unsere Chance liegt nicht darin, unser Leben in einer sinnlosen Feldschlacht aufzuopfern, von der wir wissen, dass sie keine Aussicht auf Erfolg hat, vielmehr müssen wir uns etwas einfallen lassen, was eine echte Chance auf Erfolg verspricht.«
Nur zu gerne hätte Richard geglaubt, dass es eine Lösung gab, irgendeinen Plan, der echte Erfolgsaussichten bot. Tatsächlich jedoch war er überzeugt, dass sie wenig mehr tun konnten, als das Ende hinauszuzögern.
Jebra, deren Hoffnungsschimmer erloschen war, nickte. Die tiefen Furchen, wie auch das feine Geflecht aus Fältchen in den Winkeln ihrer blauen Augen, verliehen ihrem Gesicht einen müden, abgespannten Ausdruck und ließen sie älter aussehen, als sie nach Richards Einschätzung war. Ihre Schultern waren leicht gebeugt und ihre Hände von der harten Arbeit rau und schwielig. Die Soldaten der Imperialen Ordnung hatten sie zwar nicht umgebracht, aber all ihres Lebenswillens beraubt und sie durch das, was sie hatte durchmachen und mit ansehen müssen, für alle Zeit gezeichnet. Wie viele andere mochte es geben, die wie sie zwar noch lebten, aber durch die brutalen Methoden der Besatzungstruppen für immer zugrunde gerichtet waren - leere Hüllen ihres früheren Selbst, nach außen hin scheinbar lebendig, innerlich jedoch längst tot. Ein Schwindelgefühl überkam Richard. Er konnte kaum glauben, dass die Hexe Jebra diesen weiten Weg hierher gemacht hatte, um ihn davon zu überzeugen, wie grauenhaft die Imperiale Ordnung tatsächlich war. Das wahre Ausmaß ihrer Brutalität, das Wesen ihrer Gefährlichkeit war ihm längst bekannt. Immerhin hatte er fast ein volles Jahr in der Alten Welt unter der Tyrannei der Imperialen Ordnung gelebt und war dabei gewesen, als der Aufstand in Altur’Rang seinen Anfang genommen hatte.
Daher konnte Jebras Augenzeugenbericht ihm, wenn überhaupt, nur die Bestätigung dessen liefern, was er längst wusste - dass sie keinerlei Chance gegen Jagang und die Streitkräfte der Imperialen Ordnung hatten. Das D’Haranische Reich als Ganzes wäre unter Umständen imstande gewesen, jene Unterabteilung aufzuhalten, die über Galea hereingebrochen war; die jedoch war ein Nichts verglichen mit deren Hauptstreitmacht.
Selbst wenn es ihm gelänge, den ihm so verhassten Jagang auszuschalten, würde dies der Bedrohung durch die Imperiale Ordnung kein Ende machen - deren Ziele waren wie aus einem Guss, ideologisch starr und nicht befeuert vom Ehrgeiz eines einzelnen Individuums. Genau das machte alles ja so hoffnungslos. Shotas Vision - was sie im Strom der Zeit als hoffnungslose Zukunft der Welt vorhergesehen hatte, wenn es ihnen nicht gelang, der Imperialen Ordnung Einhalt zu gebieten - schien in Richards Augen kein besonderes Talent oder einen besonderen Scharfblick zu erfordern. Er musste kein Prophet sein, um zu erkennen, welch grässliche Gefahr die Imperiale Ordnung darstellte. Wenn man ihr nicht Einhalt gebot, würde sie die Welt beherrschen. In dieser Hinsicht hatte Jebra ihm nichts Neues erzählt, nichts, was er nicht schon wusste.
Andererseits war Shota alles andere als dumm, folglich wusste sie das alles, und sie musste auch wissen, dass er es wusste. Warum also, fragte er sich, war sie in Wirklichkeit gekommen? Was immer er nach Shotas Ansicht auch tun sollte, sagte sich Richard dann im Stillen, er durfte niemals außer Acht lassen, dass es außer Kahlans Verschwinden im Sog des Feuerkettenbanns auch noch andere verhängnisvolle Gefahren gab - die Kästchen der Ordnung, zum Beispiel, die ins Spiel gebracht worden waren, oder auch die von den Chimären hinterlassenen Schäden. Er konnte nicht einfach alles andere ignorieren, nur weil die Hexe unverhofft daherspaziert kam und ihm erklärte, was er ihrer Meinung nach tun sollte. Ja, es war sogar denkbar, dass Shotas eigentliches Ziel irgendeine verschlungene Intrige war, irgendein verborgener Plan, in den auch diese andere Hexe, Sechs, verstrickt war.
Dessen ungeachtet empfand er, wie damals Kahlan, mittlerweile großen Respekt für sie, auch wenn er ihr noch immer nicht ganz über den Weg traute. Obwohl es oft so aussah, als stifte sie nichts als Ärger, wollte sie ihm offenkundig nicht unbedingt absichtlich Kummer bereiten; manchmal stand dahinter einfach der Wille, ihm zu helfen, dann wieder war sie einfach nur die Überbringerin der Wahrheit. Und obwohl sie mit den Dingen, die sie ihm enthüllte, stets richtig lag, erwiesen sie sich jedes Mal auf eine von Shota nicht vorhergesagte Weise als korrekt - oder doch zumindest auf eine Weise, die sie ihm nicht enthüllt hatte. Wie Zedd es auszudrücken beliebte: Eine Hexe erklärte einem nie, was man wissen wollte, ohne nicht gleichzeitig etwas hinzuzufügen, was man nicht wissen wollte. Und so lauerte in einem verborgenen Winkel seines Verstandes noch immer Shotas Weissagung, Kahlan werde, sollten sie jemals heiraten, ein Kind zur Welt bringen, das sich als Ungeheuer entpuppen würde. Er und Kahlan waren getraut worden; gewiss würde auch diese Weissagung sich nicht auf die von Shota geäußerte Weise bewahrheiten. Kahlan würde gewiss kein Ungeheuer zur Welt bringen.
Zedd war es schließlich, der das Wort ergriff und Richard damit aus seinen Gedanken riss.
»Was ist eigentlich aus Königin Cyrilla geworden?«
Einen Augenblick lang wurde es totenstill im Raum, bis Jebra schließlich antwortete. »Es geschah genau wie in meiner Vision. Sie wurde den gemeinsten der gemeinen Soldaten überlassen, die mit ihr machen durften, was immer sie wollten. Sie konnten es kaum erwarten, über ihre Belohnung herzufallen. Es lief überaus schlecht für sie; ihre schlimmsten Albträume wurden wahr.«