Zedd, der offenbar der Ansicht war, dass mehr hinter der Geschichte stecken müsse, neigte fragend den Kopf zur Seite. »Da habt Ihr sie also zum letzten Mal gesehen?«
Jebra verschränkte die Hände. »Nicht ganz. Eines Tages, ich war gerade unterwegs, um eine Platte mit frisch geschmortem Rindfleisch auszuliefern, begegnete ich einer Gruppe heiser grölender Männer, die ein Spiel spielten, dem die Truppen der Imperialen Ordnung mit großem Vergnügen beiwohnten. Zwei Mannschaften wurden unter großem Gejohle von der versammelten Truppe angefeuert, alles setzte darauf, wer von den beiden Mannschaften gewinnen würde. Wie das Spiel hieß, weiß ich nicht...«
»Ja’La«, sagte Nicci. Als Jebra sich umwandte, um sie anzusehen, wiederholte Nicci: »Das Spiel wird Ja’La genannt. Theoretisch handelt es sich um ein Strategiespiel, das großes athletisches Können und Geschick erfordert; tatsächlich aber ist Ja’La mit den Regeln, wie es im Orden gespielt wird, all das und noch dazu überaus brutal. Ja’La ist Jagangs Lieblingssport; er besitzt selbst eine eigene Mannschaft. Ich erinnere mich, dass die gesamte Mannschaft, nachdem sie ein Spiel verloren hatte, hingerichtet wurde. Nur wenig später besaß der Kaiser eine neue Mannschaft aus den Geschicktesten, härtesten und körperlich auffälligsten Spielern, die man hatte auftreiben können. Sie verloren nie wieder. Mit vollem Namen heißt das Spiel Ja’La dh Jin, was in Kaiser Jagangs Muttersprache so viel wie ›Spiel des Lebens‹ bedeutet.«
Jebra runzelte die Stirn, als ihre Erinnerung wiederkehrte. »Ja, schätze, ich erinnere mich, dass es Ja’La genannt wurde. Es wird mit einem schweren Ball gespielt, einem Ball, so schwer, dass sich die Spieler manchmal sogar die Beine daran brachen.«
»Der Ball wird Broc genannt«, sagte Richard, ohne sich herumzudrehen.
Nicci sah kurz in seine Richtung. »Richtig.«
»An diesem speziellen Tag nun«, nahm Jebra ihre Geschichte wieder auf, »als ich den Kommandeuren die Platte mit Fleischspeisen brachte, musste ich zu dem Platz, auf dem das Spiel ausgetragen wurde. Tausende von Soldaten hatten sich bereits dort versammelt, um zuzuschauen. Ich wurde zu einer kleinen Tribüne für die Befehlshaber geschickt und musste mir einen Weg durch die johlenden Männerhorden bahnen. Es war Furcht einflößend. Die Männer sahen den eisernen Ring der Sklaven in meiner Lippe, daher traute sich niemand, mich zu seinem Zelt fortzuschleifen, was sie aber nicht daran hinderte, mich unablässig zu betatschen.« Jebras Blick suchte den Boden. »Das hab ich oft genug über mich ergehen lassen müssen.«
Schließlich sah sie wieder auf. »Als ich bei den Befehlshabern ganz unten am Spielfeldrand eintraf, sah ich, dass die Spieler, die gerade ein neues Spiel begannen, nicht den Ball benutzten, der üblicherweise verwendet wurde.« Sie räusperte sich. »Als Ball benutzten sie den Kopf von Königin Cyrilla.«
Jebra bemühte sich, die beklemmende Stille auszufüllen. »Wie auch immer, das Leben in Galea hatte sich für immer verändert. Einst ein blühendes Handelszentrum, ist es jetzt wenig mehr als ein riesiges Armeefeldlager, aus dem fortwährend Feldzüge gegen die noch unbesetzten Gebiete der Neuen Welt entsandt werden. Die Farmen draußen auf dem Land, bewirtschaftet durch Zwangsarbeit, erzielen nicht mehr die gewohnten Erträge. Ernten bleiben aus oder sind überaus kümmerlich. Die gewaltigen Massen der bewaffneten in Galea stationierten Streitkräfte haben einen enormen Bedarf. Es herrscht eine immerwährende Knappheit an Lebensmitteln, gleichwohl ermöglichen es die regelmäßig aus der Alten Welt eintreffenden Vorräte, die Soldaten zumindest so weit zu ernähren, dass sie weitermachen können.
Ich schuftete Tag und Nacht, um den Bedürfnissen der Befehlshaber der Imperialen Ordnung gerecht zu werden. Nach der einen, die Königin Cyrilla betraf, hatte ich nie wieder eine Vision. Es war seltsam für mich, ohne meine Visionen zu leben, denn mein ganzes Leben lang hatte ich sie gehabt. Auch meine Gabe als Seherin schien erloschen. Mein seherischer Blick war blind geworden.«
Ein kurzer Seitenblick von Nicci verriet Richard, dass sie seine Gedanken ahnte.
»Eines Tages«, fuhr Jebra fort, »wurde ich mitten aus diesen Soldaten herausgeholt. Shota war es, die es irgendwie schaffte, mich von dort fortzubringen. Ich bin nicht ganz sicher, wie es dazu kam, ich erinnere mich nur, dass sie plötzlich neben mir stand. Ich wollte gerade zu einer Bemerkung ansetzen, als sie sagte, ich solle meinen Mund halten und einfach losgehen. Einmal, erinnere ich mich, habe ich mich umgesehen, aber da lag die gewaltige Armee, die sich durch das gesamte Tal bis in die Hügel erstreckte, bereits weit hinter uns. Ich weiß wirklich nicht, wie es dazu kam, dass wir plötzlich so weit weg waren.« Die Stirn gerunzelt, schien ihr Blick auf ihre verschwommenen Erinnerungen gerichtet. »Wir gingen einfach weiter, und jetzt bin ich hier. Da sich mein seherischer Blick verdunkelt hat, werde ich euch, fürchte ich, allerdings keine Hilfe mehr sein können.«
Richard fand, dass sie ein Recht darauf hatte, die Wahrheit zu erfahren, also sagte er sie ihr. »Euer seherischer Blick ist wahrscheinlich deswegen erblindet, weil die Chimären vor ein paar Jahren eine Zeit lang in dieser Welt weilten. Sie wurden wieder in die Unterwelt verbannt, aber da war der Schaden bereits entstanden. Meiner Meinung nach hat die Auflösung der Magie mit der Anwesenheit der Chimären in der Welt des Lebens eingesetzt; wodurch auch Eure Fähigkeit zerstört worden sein muss. Vermutlich ist Eure seherische Gabe verloren, oder aber sie wird, sollte sie vorübergehend oder teilweise noch einmal zurückkehren, nach und nach ganz erlöschen.«
Die Nachricht schien eine lähmende Wirkung auf Jebra zu haben.
»Mein ganzes Leben habe ich mir gewünscht, ich wäre nie mit dem Blick einer Seherin geboren worden. In mancher Hinsicht hat er mich zur Ausgestoßenen gemacht. Oft weinte ich nachts und wünschte mir, ich würde von meinen Visionen erlöst und sie würden mich endlich in Ruhe lassen.
Aber jetzt, da Ihr mir sagt, mein Wunsch sei in Erfüllung gegangen, glaube ich, es war mir nie wirklich ernst damit.«
»So ist das nun mal mit Wünschen«, meinte Zedd mit einem Seufzen. »Mitunter neigen sie dazu...«
»Die Chimären?«, fiel ihm Shota ins Wort. Sowohl ihr Tonfall als auch ihr Stirnrunzeln verrieten Richard, dass sie wenig Interesse daran hatte, sich irgendetwas über Wünsche anzuhören. »Wenn das stimmt, wieso gab es dann nie einen anderen Beweis dafür?«
»Gab es ja«, sagte Richard achselzuckend. »Während der letzten paar Jahre sind keine Geschöpfe der Magie, wie zum Beispiel Drachen, mehr gesichtet worden.«
»Drachen?« Shota wickelte eine lange, verdrehte Locke um ihren Finger, während sie ihn einen Augenblick lang wortlos musterte. »Es kommt vor, dass Menschen ihr ganzes Leben lang keinen einzigen Drachen zu Gesicht bekommen, Richard.«
»Und was ist mit dem Erblinden von Jebras seherischer Gabe? Ihre Visionen haben unmittelbar nach dem Aufenthalt der Chimären in der Welt ausgesetzt. Wie andere magische Dinge auch, ist ihr einzigartiges Talent im Begriff zu erlöschen, und in den meisten anderen Fällen, da bin ich mir sicher, sind wir uns dessen nicht einmal bewusst.«
»Ich mir schon.«
»Nicht unbedingt.« Richard strich sich das Haar aus der Stirn. »Das Problem ist, dass die Feuerkette - von der ich zum ersten Mal von Euch hörte - ein Bann ist, der von den vier Schwestern der Finsternis ausgelöst worden ist, um Kahlan aus dem Gedächtnis aller zu löschen. Dieser Bann wurde von den Chimären verunreinigt, sodass die Menschen außer Kahlan auch noch andere Dinge vergessen, wie zum Beispiel die Tatsache, dass es Drachen gibt.«
Shota schien alles andere als überzeugt. »Ich wäre mir dieser Dinge aufgrund ihrer Vorwärtsbewegung im Strom der Zeit trotzdem bewusst.«
»Und was ist mit dieser anderen Hexe, Sechs? Ich dachte, Ihr hättet gesagt, sie sei im Begriff, Eure Fähigkeit, die Dinge im Strom der Zeit zu erkennen, zu verhüllen.«
Seine Frage ignorierend, zog Shota ihren Finger aus der Strähne ihres kastanienbraunen Haars. Dann verschränkte sie die Arme, ohne ihre mandelförmigen Augen von ihm zu nehmen.