»Wenn sich die Imperiale Ordnung wie ein dunkler Schatten über die Menschheit legt, dürfte das alles wohl kaum noch eine Rolle spielen, oder? Sie werden jedweder Magie - und ebenso aller Hoffnung - ein Ende bereiten.«
Richard enthielt sich einer Antwort. Stattdessen wandte er sich den stillen Wassern zu und hing seinen düsteren Gedanken nach. Den Kopf leicht zur Seite geneigt, wies Shota mit einer Handbewegung Richtung Treppe und sagte leise zu Jebra: »Geht hinauf und unterhaltet Euch mit Zedd. Ich muss mit Richard sprechen.«
17
Als Richard kurz aufschaute und Jebra die Stufen hinaufsteigen sah, bemerkte er, dass auch Ann und Nathan von der anderen Seite des Raumes herübergekommen waren, um in seiner Nähe zu sein. Kaum war Jebra bei ihm angelangt, legte Zedd einen tröstlichen Arm um ihre Schultern und murmelte ein paar beschwichtigende Worte, allerdings ohne Richard aus den Augen zu lassen. Richard wusste es zu schätzen, dass sein Großvater auf ihn Acht gab und gleichzeitig ein Auge auf die Hexe hielt, für den Fall, dass sie auf die Idee kam, einen ihrer üblen Streiche zu spielen. Zedd wusste vermutlich besser als jeder andere von ihnen, wozu Shota fähig war - er hegte ein tiefes Misstrauen gegenüber dieser Frau und teilte ganz und gar nicht Richards Ansicht, Shota lasse sich im Grunde von den gleichen Überzeugungen leiten wie sie.
Sosehr er ihr Hauptanliegen schätzte, war er sich doch nur allzu bewusst, dass Shota dieses Ziel bisweilen mittels Methoden verfolgte, die ihm schon ohne Ende Kummer bereitet hatten. Was sie als Hilfe betrachtete, bedeutete für ihn letztendlich manchmal nichts als Ärger.
Zudem war er sich nur zu bewusst, dass Shota mitunter ihre ganz eigenen Ziele verfolgte - so zum Beispiel, als sie Samuel das Schwert überlassen hatte. Deshalb vermutete er auch jetzt, dass sie etwas im Schilde führte, er wusste nur nicht was noch was dahintersteckte. Er fragte sich, ob es etwas mit dem Ausschalten dieser anderen Hexe zu tun haben könnte.
»Richard«, begann Shota in sanftem einfühlsamem Ton, »du hast gehört, welcher Art das Grauen ist, das im Begriff ist, über uns zu kommen. Du bist der Einzige, der ihm Einhalt gebieten kann. Warum das so ist, weiß ich nicht, wohl aber weiß ich, dass es sich so verhält.«
Mit ihrem sanften Tonfall oder der Sorge wegen ihres gemeinsamen Feindes konnte er nichts anfangen. »Ihr erdreistet Euch, Euren großen Schmerz über das von der Imperialen Ordnung hervorgebrachte Leiden zum Ausdruck zu bringen sowie Eure Überzeugung, dass nur ich die Gefahr noch abwenden kann, und trotzdem schmiedet Ihr Komplotte und haltet Hinweise zurück, um mir das Schwert der Wahrheit wegzunehmen?«
Sie ging auf die Vorwürfe gar nicht ein. »Ein solches Komplott, wie du behauptest, hat es nie gegeben. Es war ein fairer Tausch - ein Wert gegen einen anderen.« Ihre Stimme blieb heiter und gelassen.
»Abgesehen davon würde dir das Schwert hierbei gar nichts nützen, Richard.«
»Eine ziemlich lahme Entschuldigung dafür, dass Ihr es diesem blutrünstigen Samuel überlassen habt.«
Shota sah ihn erstaunt an. »Hätte ich es nicht getan, wären, wie sich jetzt herausstellt, die Schwestern der Finsternis, die die Kästchen der Ordnung gestohlen haben, wahrscheinlich längst wieder vereint. Dann befänden sich alle drei Kästchen in ihrem Besitz, und sie hätten eines womöglich bereits geöffnet, die Macht der Ordnung entfesselt und uns alle dem Hüter der Toten ausgeliefert. Was sollte dir das Schwert noch nützen, wenn die Welt des Lebens nicht mehr existiert? Wie es scheint, hat Samuel, aus welchem Grund auch immer, eine Katastrophe verhindert.«
»Er hat das Schwert dazu benutzt, Rachel zu entführen, und dabei beinahe Chase getötet - was offenbar auch seine Absicht war.«
»Benutze deinen Verstand, Richard. Das Schwert hat uns gute Dienste geleistet, indem es uns Zeit verschafft hat, wenn auch um einen Preis, der keinem von uns gefällt. Was wirst du jetzt mit der Zeit anfangen, die dir unverhofft in den Schoß gefallen ist und die du sonst gar nicht gehabt hättest? Oder treffender noch: Was würde dir das Schwert jetzt gegen die Gefahr der Imperialen Ordnung nützen? Im Übrigen kann mit dem Schwert jeder ein Sucher sein - oder zumindest so tun als ob. Ein wahrer Sucher dagegen braucht das Schwert der Wahrheit nicht, um diese Rolle auszufüllen.«
Sie hatte recht, und das wusste er. Was hätte er mit dem Schwert schon anfangen können? Die ganze Imperiale Ordnung eigenhändig niedermetzeln? Nicci hatte es Jebra eben noch erklärt - die mit der Gabe Gesegneten konnten sich schon allein deswegen nicht gegen eine große Übermacht behaupten, weil sie mit Magie umzugehen wussten, und das Gleiche galt auch für das Schwert. Trotzdem hatte Shota es Samuel überlassen, und nun handelte dieser Samuel offenbar auf Geheiß einer anderen Hexe, einer Hexe, die ausschließlich ihre eigenen Interessen verfolgte.
Schlimmer noch, was hatte es für einen Sinn, sich über den Verlust einer einzelnen Waffe aufzuregen, während so viele durch diesen Orden ums Leben kamen und diese Waffe weder ihr Leben schützen noch ihre Freiheit bewahren konnte? Das Schwert war nicht die eigentliche Waffe; was wirklich zählte, war der Geist, der es führte. Der wahre Sucher war er; er war die tatsächliche Waffe. Das konnte ihm Samuel nicht nehmen.
Und doch hatte er keine Ahnung, wie er der Bedrohung Einhalt gebieten, wie er auch nur eine der Gefahren abwehren sollte, die von allen Seiten über sie hereinbrachen.
Nicci war nicht weit entfernt stehen geblieben - weit genug, um Shota Gelegenheit zu geben, sich mit ihm zu unterhalten, und doch nahe genug, um augenblicklich eingreifen zu können, falls die Unterhaltung in gegenseitige Drohungen oder etwas anderes ausarten sollte, was ihr nicht gefiel.
Einen Moment lang starrte er in Niccis blaue Augen, dann wandte er sich wieder um und begegnete Shotas Blick. »Was genau erwartet Ihr von mir?«
Er hatte gar nicht mitbekommen, dass sie näher getreten war, doch plötzlich stand sie so nah, dass er ihren Atem auf seiner Wange spüren konnte. Dieser enthielt ein schwaches Aroma von Lavendel. Der Duft schien jegliche Anspannung von ihm zu nehmen.
»Was ich erwarte«, antwortete sie in vertraulichem Flüsterton, während sie ihren Arm um seine Hüfte gleiten ließ, »ist, dass du begreifst. Wirklich begreifst.«
Leicht alarmiert von der Vorstellung, dass sie womöglich einen Hintergedanken hatte, kam Richard der Gedanke, dass es wahrscheinlich klüger wäre, sich aus ihrer klammernden Umarmung zu befreien. Aber noch ehe er auch nur einen Muskel rühren konnte, bog sie sein Kinn mit einem Finger nach oben.
Und schon im nächsten Moment kniete er im Morast.
Ringsum war das Rauschen eines anhaltenden Wolkenbruchs zu hören, das Trommeln auf den Dächern und Markisen, das Prasseln in den Pfützen, das Geräusch von Schlamm, der gegen die Wände irgendwelcher Gebäude spritzt, gegen liegen gebliebene Wagen und die Beine des überall umherhastenden Mobs. In der Ferne blafften Soldaten Befehle. Knochendürre, erbärmlich aussehende Pferde standen, die Beine Schlamm verkrustet, mit hängenden Köpfen teilnahmslos im Regen. Etwas abseits brach eine Gruppe von Soldaten in Gelächter aus, während man nicht weit davon entfernt in einer anderen gelangweilt über Belanglosigkeiten plauderte. Ganz in der Nähe war das Rumpeln und Poltern von Wagen zu hören, die träge eine Straße entlangholperten, während in der Ferne ein paar Hunde aus purer Gewohnheit ihr unablässiges Gebell anstimmten. Im trüben Licht des bleischwer verhangenen Himmels hatte alles eine düstere, grau-braune Farbe angenommen. Blickte er nach rechts hinüber, sah er, dass dort, neben ihm im Morast, noch weitere Männer in einer Reihe auf den Knien lagen. Ihre schäbigen durchweichten Kleider hingen ihnen schlaff von den eingefallenen Schultern. Ihre Gesichter waren aschfahl, die Augen wirr von Angst. Hinter ihnen klaffte der Schlund einer tiefen Grube, die an nichts so sehr erinnerte wie an das finstere Tor zur Unterwelt. Aus einem Gefühl wachsender Bedrängnis heraus versuchte Richard, sich zu bewegen, sein Gewicht so zu verlagern, dass er auf die Beine kommen und sich verteidigen konnte. Erst jetzt gewahrte er, dass man ihm die Hände auf den Rücken gefesselt hatte - allem Anschein nach mit Lederriemen. Als er sich aus den fest verzurrten Fesseln zu winden versuchte, schnitt ihm das Leder tief ins Fleisch. Er bemühte sich nach Kräften, den brennenden Schmerz zu ignorieren, konnte sich aber dennoch nicht befreien. Eine altbekannte Furcht stieg in ihm hoch, die Furcht vor der Hilflosigkeit angesichts gefesselter Hände.