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Rings um ihn her ragten ungeschlachte Soldaten auf, einige in aus Leder, rostigen Metallplatten oder Kettenpanzern zusammengeflickten Rüstungen, während andere sich zu ihrem Schutz mit derben Fellwesten begnügten. Ihre Waffen hingen an breiten Gürteln oder nietenbesetzten Riemen. Keine dieser Waffen wies auch nur die geringste Verzierung auf; es waren die primitiven Werkzeuge ihres Handwerks: Messer mit selbst gebastelten Holzgriffen, die mit krumm geschlagenen Nägeln an dessen Ende befestigt waren; Schwerter, das Heft mit Lederriemen umwickelt, damit es am Heftzapfen hielt; Keulen aus grob gegossenem Eisen auf einem dicken Griff aus Walnussholz oder einer Eisenstange. Ihre primitive Machart nahm ihnen nichts von ihrer beabsichtigten Wirkung, im Gegenteiclass="underline" Das Fehlen jeglichen Schmucks unterstrich noch ihren einzigen Zweck und ließ sie dadurch nur noch unheimlicher erscheinen.

Wer sich den Schädel nicht kahl geschoren hatte, dessen fettiges Haar hatte sich im unablässigen Regen in eine verfilzte Masse verwandelt. Einige Soldaten trugen mehrere Ringe oder angespitzte Metalldorne in Ohren und Nase. Der Regen schien dem Schmutz, der ihre Gesichter bedeckte, nichts anhaben zu können. Nicht wenige Soldaten hatten einen Streifen aus düsteren Tätowierungen im Gesicht; einige ähnelten beinahe Masken, während andere sich in wild verschlungenen, dramatischen Mustern über Wangen und Nase zogen. Die auffälligen Tätowierungen ließen die Männer nur noch weniger menschlich, nur noch wilder erscheinen. Unruhig zuckten die Augen der Soldaten hin und her, kamen nur selten auf einem bestimmten Gegenstand zur Ruhe, was ihnen das Aussehen gehetzter Tiere verlieh.

Um etwas zu erkennen, musste Richard das Regenwasser aus den Augen blinzeln. Er warf den Kopf in den Nacken, um einige Strähnen seines völlig durchnässten Haars aus dem Gesicht zu schleudern. Erst jetzt gewahrte er, dass auch links von ihm Männer waren, von denen einige hilflos wimmerten, während die Soldaten all jene gepackt hielten, die sich weigerten oder nicht fähig waren, aufrecht im Morast zu knien. Das Gefühl panischer Angst war mit den Händen greifbar; die Flutwelle dieser Angst sprang auf Richard über, stieg in ihm hoch und drohte über ihm zusammenzuschlagen. Er wusste, das alles war nicht wirklich ... und doch war es das. Der Regen fühlte sich eiskalt an. Seine Kleider waren durchnässt. Gelegentlich schüttelte ihn ein kalter Schauder. Ein Gestank herrschte an diesem Ort, schlimmer als alles, an das er sich erinnern konnte, eine Mischung aus beißendem Rauch, abgestandenem Schweiß, Exkrementen und brandigem Fleisch. Die Schreie der anderen rings um ihn her klangen nur allzu real. Er glaubte nicht, dass er fähig gewesen wäre, sich dieses Stöhnen, so bar jeder Hoffnung und zugleich erfüllt von verzweifelter Angst, einzubilden. Viele der Männer zitterten unkontrolliert, und schuld daran war keineswegs der kalte Regen. Wie er sie so anstarrte, dämmerte Richard, dass er einer von ihnen war, dass er genau so war wie sie, einer von vielen, die mit auf den Rücken gefesselten Händen auf den Knien im Morast lagen.

Das Ganze war so unwahrscheinlich, dass es etwas Verstörendes hatte; irgendwie war er tatsächlich dort. Irgendwie hatte Shota ihn an diesen Ort versetzt. Ihm war unbegreiflich, wie so etwas möglich sein sollte. Er musste es sich einbilden. Dann begann er sich zu fragen, ob er sich in Wahrheit nicht alles andere eingebildet hatte, fragte sich, ob nicht alles ein Traum gewesen war, ein Ablenkungsmanöver, ob ihm sein Verstand nicht einen Streich gespielt hatte. Er begann sich zu fragen, ob es möglich sein konnte, dass der Feuerkettenbann das tatsächliche Geschehen aus seiner Erinnerung gelöscht hatte, oder ob die Realität schlicht so entsetzlich war, dass sein Verstand sie ausgesperrt und er sich in eine Phantasiewelt zurückgezogen hatte - und jetzt, völlig unvermittelt, unter dem Druck der Ereignisse wieder in die Wirklichkeit zurückgeschnellt war. In Wahrheit, das dämmerte ihm allmählich, obwohl er nicht genau wusste, was sich hier abspielte oder woher seine Verwirrung rührte, zählte nur, dass dies vollkommen real war und er sich dessen aus irgendeinem Grund erst jetzt bewusst wurde. Und tatsächlich, genauso fühlte es sich an: als sei er gerade aus einem Zustand orientierungs-loser Verwirrung erwacht und hätte sein Bewusstsein wiedererlangt.

War er zuvor verwirrt gewesen, so versuchte er sich jetzt verzweifelt zu erinnern, zu begreifen, wie er an diesen Ort gekommen war, wo er sich jetzt wieder fand, wie es dazu gekommen war, dass er inmitten von Soldaten der Imperialen Ordnung im Morast auf den Knien lag. Für Augenblicke meinte er sich erinnern zu können, wie er hierher gekommen war, und auch an alles andere, doch blieb die Erklärung stets unmittelbar außerhalb seiner Reichweite, wie ein Wort, das irgendwo in den dunklen Tiefen des Verstandes verloren gegangen war.

Richard blickte die Reihe zu seiner Linken entlang und sah einen Soldaten das Haar eines Mannes mit der Faust packen und seinen Kopf nach oben reißen. Der Mann schrie auf, ein kurzer, von Entsetzen erstickter Laut, hervorgepresst aus einer wogenden Brust. Es war unschwer zu erkennen, dass der Mann trotz heftigster Bemühungen keine Chance hatte zu entkommen. Die Laute seines tränenreichen Flehens erzeugten eine Gänsehaut auf Richards Armen. Der Soldat, der hinter dem Knieenden stand, legte ihm ein langes, schmales Messer an die Vorderseite seiner entblößten Kehle. Wieder versuchte sich Richard einzureden, dass er zuvor recht gehabt hatte, dass dies nicht wirklich war, dass er sich dies alles nur einbildete. Und doch konnte er die Scharte in dem stümperhaft gewetzten Messer deutlich sehen, konnte er den Mann wieder und wieder vor Panik keuchend schlucken sehen, sah er das unbarmherzige Feixen im selbstgefälligen Gesicht des Soldaten. Als das Messer in die Kehle des Mannes schnitt, ließ ihn der Anblick schockiert zusammenzucken, im selben Moment, da der Schock des plötzlichen Schmerzes den Mann zusammenfahren ließ. Der Mann schlug wild um sich, doch der Soldat, der seine Haare mit festem Griff gepackt hielt, hatte keine Mühe, sein Opfer in Schach zu halten. Die regennassen Muskeln seines kräftigen Armes traten hervor, als er unter Aufbietung noch größerer Kraft ein zweites Mal in die Kehle des Mannes schnitt, tiefer, viel tiefer und fast von einem Ohr zum anderen. Ein Schwall von Blut, im grauen Licht von schockierend roter Farbe, schoss mit jedem Pumpen des noch immer schlagenden Herzens hervor. Richard zuckte innerlich zusammen, als sich seine Nasenflügel unter dem frischen Geruch weiteten. Er versuchte sich einzureden, dies sei nicht wirklich, und doch, als er den Mann sich kraftlos winden sah, als er zusah, wie der Fleck aus Blut auf der Vorderseite seines Hemdes nach unten wuchs und den Schoß seiner Hosen durchtränkte, war alles nur zu wirklich. In einem letzten Kraftakt, sein Hals bereits eine einzige klaffende Wunde, trat der Mann mit seinem Bein zur Seite aus. Der Soldat, der den Mann noch immer bei den Haaren gepackt hielt, wuchtete ihn nach hinten in die Grube. Richard hörte, wie er mit seinem ganzen Gewicht schwer auf dem Boden aufschlug.

Richards Herz hämmerte so hart gegen seinen Brustkorb, dass er zu platzen meinte. Ihm war so speiübel, dass er glaubte, sich übergeben zu müssen. In einer verzweifelten Kraftanstrengung versuchte er zum wiederholten Mal, seine Hände freizubekommen, doch das Leder grub sich nur noch tiefer in sein Fleisch. Der Regen spülte Schweiß in seine Augen. Die Lederriemen hatten schon so lange an ihrem Platz gesessen, dass schon der kleinste Widerstand gegen sie ein schmerzhaftes Brennen in den aufgescheuerten Wunden verursachte, das ihm augenblicklich erneut die Tränen in die Augen trieb. Aber er ließ sich nicht davon beirren. Vor Anstrengung ächzend, legte er seine ganze Muskelkraft in den Versuch, seine Fesseln zu zerreißen. Er konnte das Leder über die freiliegenden Sehnen seiner Handgelenke scheuern fühlen.