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Und dann hörte Richard, wie jemand lauthals seinen Namen rief. Er erkannte die Stimme augenblicklich.

Kahlan!

Sein ganzes Leben kam mit einem Ruck zum Stillstand, als er den Kopf hob und zu ihr hinübersah, in ihre betörend grünen Augen. Jede Empfindung, die ihm je vergönnt gewesen war, durchflutete ihn in einem einzigen Augenblick und hinterließ eine Art matten, doch fürchterlichen Schmerz, der bis ins Mark zu spüren war. Er war so lange von ihr getrennt gewesen ...

Sie jetzt zu sehen, alle Feinheiten ihres Gesichts, den kaum merklichen Schwung ihrer Brauen, wenn sie diese kräuselte, den er fast vergessen hatte, die exakte Krümmung ihres Rückens, als sie sich leicht zur Seite drehte, zu sehen, wie ihr Haar sich unter dem Gewicht des Regens natürlich teilte, ihre Augen zu sehen, ihre wunderschönen grünen Augen, sagte ihm, dass er sich dies alles unmöglich einbilden konnte.

Kahlan reckte einen Arm in seine Richtung. »Richard!«

Der Klang ihrer Stimme lähmte ihn. Es war so lange her, dass er ihre einzigartige Stimme gehört hatte, eine Stimme, die ihn vom Augenblick ihrer ersten Begegnung an mit ihrer Klugheit, ihrer Klarheit, Eleganz und betörendem Charme für sich eingenommen hatte. Jetzt dagegen war in ihrer Stimme nichts von alledem zu hören. Sie war all dieser Eigenschaften beraubt, und übrig blieb nur noch eine unerträgliche Seelenqual.

Dem Leid in ihrer Stimme entsprechend, verzerrten sich Kahlans feine Züge vor Entsetzen, als sie ihn dort im Morast knien sah. Ihre Augen waren rot gerändert. Tränen, vermischt mit Regen, liefen ihr übers Gesicht.

Starr vor Entsetzen lag Richard auf den Knien, erstarrt, weil er sie hier sah, so nah und doch so unerreichbar. Erstarrt, weil er feststellen musste, sie inmitten Tausender Soldaten der feindlichen Armee zu sehen.

»Richard!«

Wieder streckte sie verzweifelt einen Arm in seine Richtung. Sie versuchte, zu ihm zu gelangen, doch sie konnte nicht. Ein stämmiger Kerl mit kahl geschorenem Schädel hielt sie zurück. Jetzt bemerkte Richard zum ersten Mal, dass an Kahlans Hemd die Knöpfe fehlten; sie waren abgerissen, sodass das Hemd offen hing und ihren Körper den lüsternen Blicken der Soldaten aussetzte. Aber das schien ihr egal. Sie wollte nichts weiter, als dass Richard sie bemerkte, so als wäre das alles, was im Leben zählte, als bedeutete ein einziger Blick auf ihn für sie das Leben. Als brauchte sie nichts sonst, um zu überleben.

Ein schmerzhafter Kloß drohte seine Kehle zu verschließen. Tränen traten ihm in die Augen. Leise rief er ihren Namen, zu schockiert von ihrem Anblick, um mehr über die Lippen zu bringen. Kahlan, außer sich, streckte erneut den Arm nach ihm aus, stemmte sich gegen den Widerstand der fleischigen Hand des Soldaten, der sie hielt. Sein fester Griff hinterließ im Fleisch ihres Arms blutleere Abdrücke seiner Finger.

»Richard! Richard, ich liebe dich! Bei den Gütigen Seelen, ich liebe dich!«

Als sie sich loszureißen und in seine Richtung zu stürzen versuchte, legte ihr der Soldat seinen kräftigen Arm unter ihrem Hemd um die Taille und hielt sie mit Gewalt zurück. Immer weiter tastete der Kerl sich vor, bis er, zwischen Daumen und Zeigefinger, eine von Kahlans Brustwarzen zu fassen bekam und sie verdrehte. Dabei sah er mit einem viel sagenden Grinsen hoch und vergewisserte sich, dass Richard genau mitbekam, was er da tat.

Aus Kahlans Kehle drang ein kleiner Schrei überraschten Schmerzes, ansonsten aber ignorierte sie den Soldaten völlig und rief stattdessen in äußerstem Entsetzen Richards Namen.

Rasend vor Zorn versuchte Richard auf die Beine zu kommen. Er musste zu ihr. Der Soldat lachte nur, als er ihn sich abmühen sah. Völlig undenkbar, dass sich jemals wieder eine solche Gelegenheit bieten würde. Dies war seine einzige und letzte Chance. Als er Anstalten machte, gewaltsam auf die Füße zu kommen, trat ihm ein Soldat mit dem Stiefel so wuchtig in den Magen, dass er sich vornüber krümmte. Sicherheitshalber trat ihm ein anderer zusätzlich noch seitlich gegen den Kopf und nahm ihm damit fast völlig das Bewusstsein. Die Welt verschwamm. Die Geräusche verschmolzen zu einem dumpfen Dröhnen. Richard kämpfte, um bei Bewusstsein zu bleiben. Auf keinen Fall wollte er Kahlan aus den Augen verlieren. Kein Anblick auf der ganzen Welt bedeutete ihm mehr als ihrer.

Er musste eine Möglichkeit finden, sie aus diesem Albtraum zu erlösen.

Während er sich noch bemühte, wieder zu Atem zu kommen, krallte sich die große Hand eines Soldaten in sein Haar und riss ihn mit einem Ruck nach oben. Richard keuchte, versuchte trotz der ihn seiner Sinne beraubenden schmerzhaften Schläge Luft zu holen. Warm spürte er das Blut seitlich über sein Gesicht rinnen und kalten Schlamm in seinen Nacken spülen.

Durch das Nachobenreißen seines Kopfes fiel sein Blick erneut auf Kahlan, auf ihr langes, jetzt ganz vom Regen ineinander verschlungenes und verfilztes Haar. Ihre grünen Augen waren so schön, dass er meinte, sein Herz müsse vor Schmerz über dieses Wiedersehen mit ihr, bei dem er sie nicht einmal in den Armen halten konnte, zerbersten.

Nichts wünschte er sich sehnlicher, als sie in seine Arme zu schließen und sie zu trösten, zu beschützen.

Stattdessen hatte ein anderer seine Arme um sie geschlungen, aus dessen Griff sie sich zu winden versuchte. Er legte ihr seine Hand auf die Brust und drückte zu, bis Richard deutlich sehen konnte, dass es ihr wehtat. Sie trommelte mit ihren Fäusten gegen ihn, aber er ließ nicht locker. Noch während er sich über ihre vergeblichen Bemühungen amüsierte, glitt sein Blick zu Richard hinüber. Vor lauter Panik fühlte sich Richard matt und kraftlos. Er wusste nicht, was er tun sollte.

Magie. Er sollte seine Gabe auf den Plan rufen. Aber wie sollte er das anstellen? Er wusste nicht, wie man Magie herbeirief. Und doch hatte er es in der Vergangenheit gekonnt.

Zorn.

In der Vergangenheit hatte seine Gabe stets über seinen Zorn funktioniert.

Den Soldaten Kahlan festhalten, ihr wehtun zu sehen, lieferte ihm mehr als genug davon. Ein weiteres dieser Ungeheuer sich ihr nähern, lüstern auf sie hinabblicken und sie auf intime Weise betatschen zu sehen, fachte die Wildlodernden Flammen seines Zorns immer weiter an.

Seine Welt färbte sich rot vor Zorn.

Mit jeder Faser seines Seins versuchte Richard seine Gabe mithilfe des Wesens dieser Raserei zu entflammen. Die Kiefer zusammengepresst, biss er in seiner ungeheuren Konzentration auf seinen Zorn die Zähne aufeinander. Zitternd vor Wut wartete er auf eine dieser Wut angemessene Explosion seiner Kraft. Dann erkannte er, was er tun musste. Sie schien zum Greifen nah. Er stellte sich vor, wie sie die Soldaten zu Boden schlug. Mit angehaltenem Atem harrte er des Sturms, der jeden Moment entfesselt würde.

Es war, als würde der Boden völlig unerwartet unter einem fortgezogen, als gäbe es nichts mehr, was seinen Sturz noch auffangen konnte.

Noch immer prasselte der Regen aus dem grauen Himmel herab, als wollte er seine Bemühungen ersäufen. Keine Magie schlug einen Bogen durch den leeren Raum zwischen ihm und dem Mann, der Kahlan hielt. Keine von Magie erzeugten Blitze zuckten hervor. Die Gerechtigkeit ließ auf sich warten.

Sein ganzes Leben lang war dies der Augenblick gewesen, in dem es sich gezeigt hätte - sofern dort tatsächlich etwas war -, so viel war ihm jenseits allen Zweifels klar. Ein dringenderes Verlangen, eine größere Sehnsucht nach der Frau, die er liebte, größerer Ingrimm war undenkbar. Doch da war keine Kraft, keine unmittelbar bevorstehende Erlösung.

Ebenso gut hätte er ohne Gabe geboren sein können.

Er besaß keine Gabe. Sie war nicht mehr vorhanden.

Richard war, als stürzte die Welt rings um ihn her in sich zusammen. Er wünschte sich, alles sollte langsamer gehen, damit er Zeit hätte, eine Erklärung zu finden, doch stattdessen wurde alles in einem entsetzlich rasenden Wirbel fortgerissen. Alles ging viel zu schnell. Es war ungerecht, sein Leben auf diese Weise beenden zu müssen. Er hatte noch gar keine Gelegenheit gehabt zu leben, sein Leben mit Kahlan zu teilen. Er liebte sie so sehr, und doch hatte er kaum Gelegenheit gehabt, mit ihr zusammen zu sein und ein Leben in friedlicher Zweisamkeit zu führen. Scherzen und lachen wollte er mit ihr, sie in den Armen halten, mit ihr durchs Leben gehen, in einer kalten verschneiten Nacht einfach nur mit ihr zusammen vor einem Feuer sitzen, sie behütend und wärmend an sich drücken und sich mit ihr über die Dinge unterhalten, die ihnen wichtig war ihre Zukunft. Sie sollten eine Zukunft haben.