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Schließlich hatten sich Shotas Prophezeiungen noch nie so erfüllt wie von ihr offenbart. Und was er gerade gesehen und erlebt hatte, war aller Wahrscheinlichkeit nach Shotas Werk.

In stummer Dankbarkeit drückte er Niccis Hand, eine Geste, die sie mit ihrer anderen, auf seiner Schulter liegenden Hand erwiderte. In der Wärme ihres verhaltenen, erleichterten Lächelns, als sie ihn allmählich seine Sinne wiedererlangen sah, schmolz ihre Besorgnis ein wenig dahin.

Er erhob sich und pflanzte sich in einer Weise vor Shota auf, die diese eigentlich hätte einen Schritt zurückweichen lassen müssen, doch sie blieb standhaft.

»Wie könnt Ihr es wagen, mir das anzutun? Wie könnt Ihr Euch erdreisten, mich an diesen Ort zu schicken?«

»Ich habe dich nirgendwohin geschickt, Richard. Vielmehr hat dich dein eigener Verstand dorthin geführt, wo er dich hinführen wollte. Ich habe nichts weiter getan, als deine unterdrückten Gedanken zu befreien und dir auf diese Weise Dinge zu ersparen, die sonst zu Albträumen geworden wären.«

»Ich erinnere mich nicht an meine Träume.«

Shota nickte, ohne den Blick von seinen Augen zu lassen. »An diesen hättest du dich erinnert, und er wäre weit schlimmer gewesen als das, was du soeben durchgemacht hast. Es ist besser, sich diesen Visionen zu stellen, in der Lage zu sein, ihnen so gegenüberzutreten, wie sie wirklich sind, und die Wahrheit zu begreifen, die sie enthalten.«

Richard spürte, wie ihm das Blut heiß ins Gesicht schoss. »War es das, was Ihr damals gemeint habt, als Ihr sagtet, Kahlan würde im Falle einer Ehe mit mir ein Ungeheuer zur Welt bringen? Ist das die wahre Bedeutung, die sich hinter Eurer rätselhaften Prophezeiung verbirgt?«

Shota ließ sich keinerlei Regung anmerken. »Sie bedeutet, was immer sie bedeutet.«

Die Worte des Soldaten der Imperialen Ordnung, der ihm haarklein beschrieben hatte, was er mit Kahlan zu tun gedachte, der ihm geschildert hatte, welche Behandlung sie erwartete, dass sie Kinder zur Welt bringen würde, die aufwachsen würden, um auf die Gräber derer zu spucken, die selbst über ihr Leben bestimmen wollten, und an all das glaubten, was ihm lieb und teuer war, klangen ihm noch immer in den Ohren.

Unvermittelt stürzte er sich auf Shota und hatte sie im nächsten Augenblick bei der Kehle gepackt. Der Zusammenprall und seine wilde Entschlossenheit, sie zu Boden zu reißen, ließ sie beide über die niedrige Mauer und in den Brunnen stürzen. Richard obenauf, die Arme fest um sie geschlungen, drückte ihr Schwung sie beide unter Wasser.

Richard packte sie an der Kehle und hievte sie wieder empor. »War es das, was Ihr gemeint habt?«

Ströme von Wasser liefen ihr übers Gesicht, sie hustete und spuckte. Er schüttelte sie. »War es das, was Ihr gemeint habt?«

Richard blinzelte verdutzt. Er stand aufrecht da, seine Kleider waren trocken. Vor ihm stand Shota, ebenfalls vollkommen trocken. Seine Hände ruhten noch immer an den Seiten.

»Reiß dich zusammen, Richard.« Sie sah ihn herausfordernd an. »Du bist noch immer ein wenig in deinen Träumen gefangen.«

Richard blickte um sich. Es stimmte; er war ebenso wenig durchnässt wie Shota. Nicht eine Locke ihres kastanienbraunen Haares war nicht an ihrem Platz. Als er zu Nicci hinübersah, glitt ein fragender Ausdruck über ihre Stirn. Shota hatte offenbar recht, es war tatsächlich nur ein Traum gewesen, genau wie seine Hinrichtung, genau wie der Anblick Kahlans. Er hatte sich nur eingebildet, Shota an die Gurgel gegangen zu sein.

Trotzdem verspürte er noch immer den Wunsch.

»War es das, was Ihr gemeint habt, als Ihr sagtet, Kahlan werde ein Ungeheuer zur Welt bringen?«, wiederholte Richard seine Frage, ein wenig gefasster jetzt, aber nicht minder bedrohlich.

»Ich weiß doch nicht einmal, wer diese Kahlan überhaupt ist.«

Richards Kiefermuskeln spannten sich, als er die Zähne aufeinanderbiss und sich vorstellte, er hätte sie tatsächlich bei der Kehle gepackt. »Beantwortet meine Frage! War es das?«

Shota hob warnend einen Finger. »Glaub mir, Richard, du möchtest wirklich nicht, dass eine Hexe deinetwegen verstimmt ist.«

»Und Ihr wollt Euch nicht meinen Zorn zuziehen, also antwortet endlich. War es das, was Ihr gemeint habt?«

Sie strich die Ärmel ihres Kleides glatt und wählte ihre Worte mit Bedacht. »Zunächst einmal habe ich dir anhand der ganz unterschiedlichen Dinge, von denen ich dir berichtet habe, bereits mehrfach aufgezeigt, was ich vom Strom der Ereignisse in der Zeit sehe. Aber ich erinnere mich weder an diese Frau namens Kahlan noch daran, jemals mit ihr zu tun gehabt zu haben. Daher weiß ich auch nicht, von welcher Weissagung oder von welchem Vorfall du sprichst, denn daran erinnere ich mich ebenso wenig.«

Shotas Züge nahmen jenen Ausdruck düsterer Bedrohlichkeit an, der ihn daran gemahnte, dass er mit einer Hexe sprach, deren bloßer Name die meisten Menschen in den Midlands bereits angstvoll erzittern ließ. »Du aber wagst dich in besagtem Strom der Ereignisse in Richtung Zukunft vor, zu wichtigen und höchst gefährlichen Dingen.« Verdrießlich runzelte sie die Stirn. »Was genau meinst du mit einem ... Ungeheuer von einem Kind?«

Richard wandte sich um und starrte in die stillen Wasser des Brunnens, während er sich noch einmal die entsetzlichen Dinge in Erinnerung rief, die er gesehen hatte. Er brachte es nicht über sich, es laut auszusprechen, brachte es nicht über sich, vor den anderen zu gestehen oder auch nur anzudeuten, dass Shota einst eine Weissagung abgegeben hatte, die bedeuten konnte, dass Kahlan ein von den Ungeheuern der Imperialen Ordnung gezeugtes Kind zur Welt bringen würde. Es war, als könnte es durch sein offenes Eingeständnis bereits zur Tatsache werden, und diese Vorstellung war so quälend, dass er den Gedanken einfach von sich wies und stattdessen eine andere Frage stellte.

Er wandte sich wieder zu ihr um. »Was hatte es zu bedeuten, dass ich meine Gabe nicht über den Zorn auf den Plan rufen konnte?«

Shota seufzte schwer. »Eins musst du begreifen, Richard. Ich habe dir keine Vision eingegeben. Ich habe nichts weiter getan, als deine eigenen verschütteten Gedanken zu befreien. Zu dem, was du gesehen hast, kann ich mich schon deshalb nicht äußern, weil ich gar nicht weiß, was du gesehen hast.«

»Warum solltet Ihr dann ...«

»Ich weiß nur eins: Du bist derjenige, dem es obliegt, der Imperialen Ordnung Einhalt zu gebieten. Ich habe nur geholfen, deine unterdrückten Gedanken an die Oberfläche kommen zu lassen, um dir das Verständnis zu erleichtern.«

»Das Verständnis von was?«

»Von dem, was du verstehen musst. Was das sein könnte, ist mir ebenso wenig bekannt wie das, was du vor deinem inneren Auge gesehen hast und was dich so verstört hat. Man könnte sagen, ich bin nichts weiter als die Überbringerin. Die Nachricht selbst habe ich nicht gelesen.«

»Aber Ihr habt mich Dinge sehen lassen, die ...«

»Nein, habe ich nicht. Ich habe den Vorhang für dich aufgezogen, aber der Regen, den du durch das Fenster gesehen hast, ist nicht mein Werk. Du versuchst, mir die Schuld für den Regen in die Schuhe zu schieben, statt einfach die Tatsache zu akzeptieren, dass ich bloß den Vorhang geöffnet habe, damit du ihn mit eigenen Augen sehen kannst.«

Richard sah zu Nicci, doch die hüllte sich in Schweigen. Er blickte die Stufen hoch zu seinem Großvater, der, die Hände locker verschränkt, dastand und das Geschehen stumm verfolgte. Zedd hatte ihm beigebracht, sich stets mit dem Zustand der Welt zu befassen, wie sie wirklich war, statt sich über die unsichtbare Hand des Schicksals aufzuregen, die nach Meinung mancher die Geschehnisse beherrschte und heraufbeschwor. Machte er denselben Fehler jetzt bei Shota? Versuchte er, ihr die Schuld zu geben, weil sie ihm Dinge offenbart hatte, die er übersehen, ja die zu sehen er sich geweigert hatte?