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»Weißt du, was aus ihm wurde, aus besagtem Baraccus?«

Beruhigt atmete er tief durch. »Ja, das weiß ich in der Tat. Es gab Ärger mit dem Tempel der Winde, nachdem er mitsamt seinem unschätzbar wertvollen Inhalt zur sicheren Verwahrung in eine andere Welt geschickt worden war.«

»In die Unterwelt«, stellte sie richtig.

»Richtig. Dorthin ging Baraccus, um den Ärger aus der Welt zu schaffen.«

Lächelnd fuhr sie ihm erneut mit den Fingern durchs Haar. »Genau wie du.«

»Ja, mag sein.«

Schließlich hatte sie lange genug an seinem Haar herumgenestelt und richtete ihre wunderschönen Augen wieder auf seine. »Er ist deinetwegen dorthin gegangen.«

»Meinetwegen?« Richard bedachte sie mit einem schrägen Blick.

»Wie meint Ihr das?«

»Die subtraktive Magie war im Tempel, in der Unterwelt, weggeschlossen worden; demzufolge war sie der Welt des Lebens entzogen, sodass kein Zauberer jemals wieder mit ihr geboren werden konnte.«

Richard wusste nicht, ob sie einfach nur wiedergab, was er damals in Erfahrung gebracht hatte, oder ob sie ihm mitteilte, was ihrer Ansicht nach die Tatsachen waren. »Zu dieser Vermutung bin ich durch das Studium der Berichte aus jener Zeit gelangt. Die Folge davon war, dass die Menschen nicht mehr mit der subtraktiven Seite der Gabe geboren wurden.«

Sie musterte ihn mit einer Art ruhigem Ernst, den er als überaus verstörend empfand. »Du dagegen sehr wohl«, sagte sie schließlich, auf eine Art, deren Schlichtheit die ungeheuerliche Tragweite ihrer Bemerkung kaum erkennen ließ.

Richard blinzelte verständnislos. »Wollt Ihr etwa behaupten, er hat bei seinem Besuch im Tempel der Winde irgendetwas getan, damit wieder jemand mit subtraktiver Magie geboren werden konnte?«

»Ich nehme an, mit diesem ›jemand‹ meinst du ... dich selbst?« Sie hob eine Braue, wie um die Ernsthaftigkeit der Frage noch zu betonen.

»Was wollt Ihr damit andeuten?«

»Seit damals, seit der Entfernung des Tempels der Winde aus dieser Welt, ist niemand mehr mit subtraktiver Magie, ja überhaupt niemand mehr als Kriegszauberer geboren worden.«

»Hört zu, ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich zutrifft, aber selbst wenn, bedeutet das nicht...«

»Weißt du, was Kriegszauberer Baraccus tat, nachdem er vom Tempel der Winde zurückgekehrt war?«

Die Frage machte ihn ein wenig stutzig, zumal er sich fragte, wieso sie von Bedeutung sein sollte. »Nun, ja. Nach seiner Rückkehr vom Tempel der Winde beging er ... Selbstmord.« Mit einer matten Handbewegung erfasste er den gewaltigen Gebäudekomplex, der sich über ihnen erhob. »Er stürzte sich von der Burg der Zauberer in die Tiefe, von jener Außenmauer, die das Tal und die Stadt Aydindril unten überblickt.«

Seine vermeintliche Mutter nickte bedrückt. »Und auch die Stelle, an der später der Palast der Konfessoren errichtet wurde.«

»Ja, vermutlich.«

»Aber bevor er sich von dieser Mauer stürzte, hat er dir noch etwas hinterlassen.«

Richard, der sich nicht vollkommen sicher war, ob er richtig gehört hatte, starrte sie an. »Hinterlassen, mir? Seid Ihr sicher?«

Seine Mutter nickte. »Der Bericht, den du gelesen hast, war nicht ganz vollständig. Schau, als er vom Tempel der Winde zurückkehrte und ehe er sich von der Außenmauer der Burg der Zauberer stürzte, gab er seiner Frau ein Buch, mit dem er sie in seine Bibliothek schickte.«

»Seine Bibliothek?«

»Ja. Baraccus besaß eine eigene Geheimbibliothek.«

Richard fühlte sich, als ob er sich auf Zehenspitzen über eine eben erst gebildete Eisfläche tastete. »Ich wusste nicht einmal, dass er eine Frau hatte.«

»Aber Richard, du kennst sie sogar.« Seine Mutter lächelte auf eine Weise, dass sich die ohnehin schon aufgestellten Haare in seinem Nacken noch mehr sträubten.

Er wagte kaum zu atmen. »Ich kenne sie? Wie sollte das möglich sein?«

»Nun«, sagte seine Mutter mit einem einseitigen Achselzucken,

»sagen wir besser, du hast von ihr gehört. Ist dir der Zauberer ein Begriff, der die erste Konfessorin schuf?«

»Ja«, antwortete Richard verwirrt über ihren Themenwechsel. »Sein Name war Merritt. Die erste Konfessorin war eine Frau mit Namen Magda Searus. Unten im Palast der Konfessoren existiert ein Deckengemälde von den beiden.«

Seine Mutter nickte - auf eine Art, die ihm den Magen zusammenschnürte. »Das ist besagte Frau.«

»Welche Frau?«

»Die Frau von Baraccus.«

»Nein ...« Richard legte die Finger an die Stirn und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. »Nein, sie "war Merritts Frau, jenes Zauberers, der sie zur Konfessorin machte, nicht Baraccus’.«

»Das war später«, widersprach seine Mutter mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Ihr erster Ehemann war Baraccus.«

»Seid Ihr da ganz sicher?«

Sie nickte entschieden. »Als Baraccus vom Tempel der Winde zurückkehrte, wartete Magda Searus auf ihn, dort wo er sie gebeten hatte zu warten, in der Enklave des Obersten Zauberers. Sie hatte dort bereits mehrere Tage ausgeharrt, ständig in Angst, er werde niemals zu ihr zurückkehren. Zu ihrer großen Erleichterung kam er dann aber doch. Er gab ihr einen Kuss und schwor ihr seine unsterbliche Liebe, dann schickte er sie, nachdem er ihr ein Gelübde ewigen Schweigens abgenommen hatte, insgeheim mit einem Buch in seine verborgene private Geheimbibliothek.

Nachdem sie gegangen war, ließ er seinen Anzug - denselben, den jetzt du trägst, mitsamt den ledergepolsterten Armbändern aus Silber, dem Umhang, der aussieht, als sei er aus Gold gesponnen, und dem Amulett - in der Enklave des Obersten Zauberers zurück, für ebenjenen Zauberer, dessen Geburt in der Welt des Lebens er soeben sichergestellt hatte, mit anderen Worten: für dich, Richard.«

»Für mich? Seid Ihr sicher, dass er ausdrücklich für mich gedacht war?«

»Warum, glaubst du wohl, existieren so viele Prophezeiungen, in denen von dir die Rede ist, die deiner harren und in denen du als ›der rechtmäßig Geborenes ›(ier Kiesel im Teich‹ oder auch als ›Caharin‹ bezeichnet wirst? Was meinst du, warum diese um deine Person kreisenden Prophezeiungen wohl in Erfüllung gegangen sind? Oder du imstande warst, einige von ihnen zu verstehen, obwohl sie seit mehreren Jahrhunderten, ja Jahrtausenden niemand mehr entschlüsseln konnte? Oder warum du wieder andere erfüllt hast?«

»Aber das bedeutet doch nicht, dass er ausdrücklich für meine Person bestimmt war.«

Mit einer unbestimmten Geste lehnte seine Mutter es ab, seine Behauptung zu bestätigen oder zu widerlegen. »Wer vermag schon zu sagen, was zuerst da war, die subtraktive Seite, die endlich ein Kind fand, in dem sie wiedergeboren wurde, oder der Umstand, dass sie endlich jenes ganz besondere Kind fand, in dem sie wiedergeboren werden sollte? Prophezeiungen bedürfen eines Saatkorns, das ihre Entfaltung in Gang setzt; es muss bereits irgendetwas vorhanden sein, aus dem das, was einst sein wird, hervorgehen kann, selbst wenn es nur um die Weitervererbung deiner Augenfarbe ginge. Irgendetwas muss bewirken, dass sie in Erfüllung gehen. Die Frage ist, ob es in diesem Fall Zufall oder Absicht war.«

»Ich würde sagen, eine zufällige Abfolge von Ereignissen.«

»Ganz wie du willst. Aber spielt es in diesem Stadium wirklich eine Rolle? Du bist derjenige, der mit dem Talent geboren wurde, das Baraccus aus seinem Gefängnis in einer anderen Welt befreit hat. Du bist derjenige, dessen Geburt er im Sinn hatte, ob nun zufällig oder aufgrund eines speziellen Plans. Am Ende aber zählt nur, was ist: Du bist derjenige, der mit diesem Talent geboren wurde.«

Vermutlich hatte sie recht, überlegte Richard; wie es genau zustande gekommen war, änderte nichts daran, was war.

Mit einem Seufzen fuhr seine Mutter mit ihrer Geschichte fort. »Wie auch immer. Erst dann, nachdem er seine Vorbereitungen für ein Ereignis getroffen hatte, dessen Zustandekommen er sichergestellt hatte, verließ Baraccus seine Enklave und stürzte sich in den Tod. Die Leute, die damals die Berichte niederschrieben, wussten nicht, dass er bereits lange genug zurück war, um seine Frau auf eine wichtige geheime Mission zu schicken. Und bei ihrer Rückkehr war er bereits tot.«